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Menschen warten in der Anlaufstelle für Flüchtlinge aus der Ukraine auf dem Hauptbahnhof.
© Hannibal Hanschke/dpa

Bezirke fordern mehr Personal und weniger Bürokratie: Berlins Sozialämter ächzen unter großem Andrang ukrainischer Flüchtlinge

Geflüchtete Menschen aus der Ukraine werden hier ähnlich wie Asylbewerber versorgt. Anlaufpunkt sind die Sozialämter. Für die ist das eine gigantische Aufgabe.

Mit viel Improvisation versuchen die Berliner Bezirke, den starken Andrang ukrainischer Kriegsflüchtlinge bei der Beantragung staatlicher Leistungen zu stemmen. Im Fokus stehen dabei vor allem die Sozialämter, in denen die Geflüchteten Anträge für finanzielle Soforthilfe, für reguläre Zahlungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz oder eine Gesundheitskarte für die medizinische Versorgung ausfüllen müssen. Bereits jetzt bilden sich in ersten Ämtern lange Schlangen, doch das dürfte erst der Anfang sein.

Die von Personalmangel geplagten und wegen der Corona-Krise ohnehin stark belasteten Bezirke reagieren mit Personalumschichtungen, längeren Öffnungszeiten, der eiligen Herrichtung zusätzlicher Räume, dem Einsatz von Ehrenamtlichen und Sprachmittlern, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. Zum Teil geht das auf Kosten anderer Anträge und Verwaltungsvorgänge, die zunächst liegenbleiben. Vom Senat fordern die Bezirke Unterstützung beim Personal, ausreichend Geld, ein unbürokratisches Miteinander und klare Verfahrensregeln.

Die Reinickendorfer Sozialstadträtin Emine Demirbüken-Wegner antwortete auf die Frage, ob ihr Amt die anstehenden Aufgaben stemmen könne, mit einem „Nein“: „Selbst mit Unterstützung des ganzen Bezirksamtes ist es eine außerordentlich schwierige Aufgabe“, so die CDU-Politikerin.

Pankow will Beschäftigte aus anderen Bereichen abziehen

„Es geht nicht darum, ob wir es können. Wir müssen“, sagte Pankows stellvertretende Bezirksbürgermeisterin und Stadträtin für Soziales, Cordelia Koch (Grüne). „Ich werde alles daransetzen, dass wir die Menschen adäquat willkommen heißen.“

Sie setzt zunächst darauf, das Sozialamt mit Beschäftigten aus anderen Bereichen der Bezirksverwaltung zu verstärken. Diese könnten dadurch ihre eigentlichen Aufgaben nur mit Überstunden erledigen. Die Hilfsbereitschaft in der gesamten Bezirksverwaltung sei groß. „Einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sogar darauf verzichtet, den schon geplanten Urlaub anzutreten.“ Solche Umschichtungen könnten aber keine Dauerlösung sein, hieß es aus Tempelhof-Schöneberg. „Wir brauchen schnell mehr Personal“, sagte der dortige Sozialstadtrat Matthias Steuckardt (CDU).

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„Wir haben das Problem, dass wir komplett unter Wasser sind“, schildert sein Spandauer Kollege Gregor Kempert (SPD) die Lage in seinem Bezirk. „Wir haben nicht das Personal, um die Menschen alle sofort zu bedienen. Daher haben wir mit der Vergabe von Terminen begonnen.“ Ein Riesenproblem sei auch, dass bereits das Bargeld für Auszahlungen knapp werde. „Hier müssen Bund und Land schnell für Abhilfe sorgen.“ Wie in Pankow setzt man auch in Spandau auf Freiwillige, die Geflüchtete in der Warteschlange etwa mit Getränken versorgen, ältere Menschen unterstützen oder beim Ausfüllen von Anträgen helfen.

Krisenstab einrichten und Pensionäre zurückholen

In Neukölln habe Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) frühzeitig einen Krisenstab eingerichtet, schilderte ein Sprecher. „Räumlich wurde kurzfristig eine eigenständige Bearbeitungsstrecke im Sozialamt Neukölln mit separatem Eingang eingerichtet. Gemeinsam mit dem Technischen Hilfswerk wurden Zelte für die Wartebereiche aufgebaut.“ Einen kleinen Zirkus zur Kinderbetreuung gebe es auch.

Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf plant ein zentrales Service-Center, um alle Fragestellungen der Geflüchteten an einem Ort mit kurzen Wegen beantworten zu können, wie Sozialstadtrat Tim Richter (CDU) sagte. Denn es gehe nicht nur um Sozialleistungen, sondern auch um Fragen zur Kinderbetreuung, zu Schulen, Gesundheit und Arbeit. „Um das alles zu stemmen, haben wir bereits kurzfristig Hilfskräfte und Übersetzerinnen und Übersetzer eingestellt und sind gerade dabei, neue Mitarbeitende für die Sachbearbeitung zu akquirieren.“ Er habe auch Pensionäre um Hilfe gebeten, so Richter.

[Ukraine-Hilfe in Berliner Kiezen: Informationen über die Flüchtlingsaufnahme und Initiativen finden Sie in unseren zwölf Bezirksnewslettern.]

In Treptow-Köpenick eröffnete das Sozialamt eine Außenstelle in einer Sporthalle, wie eine Sprecherin mitteilte. „Das entspannt die anstrengende Situation für die Geflüchteten, aber auch für das Personal des Sozialamts.“ Gleichwohl werde dringend zusätzliches Personal benötigt. „Eine unverzügliche Personalentsendung aus den Senatsverwaltungen in die Bezirke würden helfen, die Aufgaben der Bezirke besser zu bewältigen.“ Allerdings hat der Senat wiederum auch bei den Beschäftigten der Bezirksverwaltungen um Unterstützung für das neue Ankunftszentrum gebeten, was in den Bezirken nicht gut ankam: Eine „Frechheit“ nannte das ein Sozialstadtrat.

Die Senatsfinanzverwaltung wies darauf hin, dass die Bezirke zusätzliche Stellen ohne Wenn und Aber schaffen könnten und finanziert bekämen. Auch zusätzliche Sachkosten übernehme das Land.

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Nach Einschätzung des sozialpolitischen Sprechers der FDP-Fraktion im  Abgeordnetenhaus, Tobias Bauschke, stehen die Sozialämter „vor dem Kollaps“. „Rot-Grün-Rot muss unverzüglich die Sozialämter mit dem Nötigsten ausstatten. Die Priorität muss hier die kurzfristige Aufstockung des Personals durch den Mitarbeiterpool des Landes sein.“

Ein Problem bei der Bewältigung der erwarteten mehreren Hundert Anträge von ukrainischen Geflüchteten pro Tag und Sozialamt ist auch die schlechte digitale Ausstattung. „Die Anträge müssen auf Papier ausgefüllt werden und werden dann von unseren Beschäftigten in den Computer getippt“, schildert Bezirksstadtrat Steuckardt in Tempelhof-Schöneberg. „Die Möglichkeit einer digitalen Antragstellung würde die Dinge vereinfachen und beschleunigen.“ (dpa)

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