Debatte um Drogentote : Wie Berliner Clubs mit Drogen umgehen könnten

Cannabis, Amphetamine, Kokain: Drogen sind im Nachtleben weitverbreitet. Betreiber, Politiker und Feiernde fordern nun Qualitätskontrollen. Die Polizei sagt: interessanter Ansatz.

Kostet pro handelsüblichem Gramm übrigens mehr als 10 Euro: Kokain
Kostet pro handelsüblichem Gramm übrigens mehr als 10 Euro: Kokainimago/blickwinkel

Also gut, auch im Berliner Nachtleben werden Drogen genommen – und all die Rauschmittel sind in Clubs, aber auch in Kneipen und Wohnzimmern üblicher, als viele Berliner annehmen. Vor einigen Tagen nun hatte der „Spiegel“ mit einer Geschichte über einen fatalen Abend im Juni 2017 im Berghain stadtweit für Aufsehen gesorgt. Darin geht es um eine US-Amerikanerin, die nach einer MDMA-Überdosis gestorben ist – sie hatte zwei Ecstasy-Pillen geschluckt.

Kultursenator Klaus Lederer (Linke) wird damit zitiert, dass die Politik sich besser nicht in das Innenleben der Clubs einmischen sollte: „Es hilft auch nicht, da mit einer Hundertschaft Polizei einzumarschieren.“ Die Läden sorgten selbst dafür, dass sie keine Drogenumschlagplätze werden, sie seien „Orte von Solidarität“.

Sowohl Lederer persönlich als auch viele Politiker der rot-rot-grünen Koalition haben immer wieder darauf hingewiesen, dass die Prohibition gerade in Berlin an ihre Grenzen gerät, sprich: sinnlos zu werden drohe. Schwerpunktrazzien und Anti-Drogen-Kampagnen konnten nicht verhindern, dass in Berlin – nach allen bekannten Fakten – regelmäßig viel konsumiert wird: meist Cannabis, Kokain, allerlei Amphetamine wie MDMA.

Weil das Bedürfnis nach Drogen da sei, plädieren Linke und Grüne für eine Legalisierung, mindestens aber erlaubtes Drug-Checking. Die Idee, in der Schweiz läuft das schon, ist banal: An einschlägigen Orten können Konsumenten ohne drohende Festnahme ihre Rauschmittel auf möglicherweise giftige Substanzen testen lassen. Im günstigsten Fall gibt es dazu noch Präventionsberatung, also Labor und Streetwork in einem.

Warschauer Brücke in Berlin - beliebte Zone im Nachtleben der Stadt. Das Berghain ist nicht weit.
Warschauer Brücke in Berlin - beliebte Zone im Nachtleben der Stadt. Das Berghain ist nicht weit.Gaertner/dpa

Die Verwaltung von Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) favorisiert das. Welche Drogen in Clubs konsumiert werden, hatte Kolat in einer Studie zu beleuchten versucht. Die von der Charité durchgeführte Untersuchung ist nicht repräsentativ, bietet Laien aber Einblicke: 887 Personen hatten Fragen beantwortet, mehr als 60 Prozent gaben an, in den vergangenen 30 Tagen Cannabis genommen zu haben, 50 Prozent Amphetamine und 36 Prozent Kokain. Ein Drug-Checking, das auch etliche der Befragten gefordert hatten, wird es absehbar jedoch kaum geben. Die rechtlichen Hürden sind enorm, das Betäubungsmittelgesetz verbietet es, Drogen untersuchen zu lassen, um sie danach Konsumenten auszuhändigen. Zwar sei Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) mit der Staatsanwaltschaft im Gespräch, sagte ein Sprecher, besser aber wäre es, dass Betäubungsmittelgesetz zu ändern. Das ist Bundesangelegenheit. Einige, noch sind es wenige in der rot-rot-grünen Koalition, erwägen deshalb, eine Bundesratsinitiative zu starten. Im Bund wäre die Lage allerdings auch schwierig, weil die CDU nahezu geschlossen gegen Drug-Checking ist.

Razzien im Berghain nicht zu rechtfertigen

Dabei gebe es für die Hardliner, nun ja, Anlass zum Überdenken ihrer Position. Auch unter Polizisten gibt es nicht nur Gegner einer vorsichtigen Liberalisierung. Drug-Checking? Das sei eine politische Entscheidung, sagt Olaf Schremm, der Leiter des Rauschgiftdezernats des Landeskriminalamts, dem Tagesspiegel abwägend. „Aber es ist ein interessanter Ansatz.“ Schremm ist immerhin oberster Drogenfahnder der Stadt – und wurde in dem „Spiegel“-Text ein bisschen zu sehr als Schreibtischbeamter dargestellt. Dabei ist es gerade mit Blick auf das Berghain offenbar schwierig, dauernd Polizeibesuche anzuordnen. Pro Monat gibt es nicht mal eine Anzeige wegen mutmaßlichen Drogenhandels den Club in Friedrichshain betreffend. Die Anzeigen sind der Polizei zufolge zudem so unkonkret, dass sich damit Razzien nicht rechtfertigen ließen.

Berliner Clubs: Einer Studie zufolge sind Drogen dort, wie weithin erwartet, verbreitet.
Berliner Clubs: Einer Studie zufolge sind Drogen dort, wie weithin erwartet, verbreitet.picture alliance / dpa

Die Arbeiter des Nachtlebens übrigens plädieren fast unisono für eine andere Drogenpolitik – mindestens aber für legales Drug-Checking. Betreiber, Türsteher, Barkeeper halten das mehrheitlich bei Pillen für sinnvoll. „Die sind oft krass gepanscht“, sagt Rosa Neuman (Name geändert). Die 31 Jahre alte Berlinerin steht seit 14 Jahren hinter den Tresen diverser Clubs. Und obwohl wie selbstverständlich Drogen genommen würden, reagiere das Personal mitnichten übertrieben tolerant. „Ein Freund von mir flog mal aus der Bar25, weil er sich eine Line gelegt hatte.“ Gemeint ist: Kokain. Praktisch, ergänzt ein ebenfalls 31-jähriger Clubmitarbeiter, heiße diese vermeintliche Null-Toleranz-Politik allerdings: „Lass Dich nicht erwischen!“ Jedem Betreiber sei klar, dass auch in seinem Laden Drogen genommen würden. „Es wird einfach erwartet, dass Du damit umgehen kannst, wenn Du es machst“, sagt Neuman. Der Konsum habe in den vergangenen zehn, zwölf Jahren zugenommen – vollzogen meist auf den Toiletten der Läden. Aber auch dort, sagt der 31-jährige Mann, gelte theoretisch: „Wenn ich zum Türsteher gehe und sage: ,Ich glaube, die ziehen da was im Klo‘, und die werden erwischt – dann fliegen die raus.“

Tabu-Drogen auch in Clubs

Im Notfall rufen Clubbetreiber zügig den Rettungswagen, da ist man sich in der Branche weitgehend einig. Meist ist das nicht nötig. „Wenn jemand einen Absturz hat, braucht er meistens zwei Stunden Tätscheln, eine Cola, Freunde, die ihn nach Hause bringen – und Schlaf.“ Er erlebe gar eine rege Kümmermentalität unter Feiernden. „Wenn jemand in einem Club wegen Drogen stirbt, muss schon echt viel schiefgelaufen sein.“ Seiner Erfahrung nach könne man bei fast jedem Gast sicher sein, dass er Drogen dabei habe. „Um sicher zu gehen, dass keine Drogen in die Clubs kommen, müsste man jeden bis auf die Unterhose filzen.“ Dies könne keine Sicherheitscrew vor Ort leisten. Die Clubs selbst sähe er nicht in der Pflicht, denn der Konsum liege letztlich in der Verantwortung jedes einzelnen Erwachsenen. Die meisten Probleme, sagt Neuman, bereiteten nicht das Übermaß an einer Droge, sondern deren schlechte Qualität.

Allerdings gibt es in vielen Clubs – trotz anderslautender Prognosen – immer noch Drogen, die als Tabu gelten. GHB beispielsweise. GHB ist die Abkürzung für Gammahydroxybuttersäure und wird auch als Liquid Ecstasy bezeichnet, obwohl Zusammensetzung und Wirkung nicht mit der von MDMA, also Ecstasy, zu vergleichen ist. GHB macht gefügig, willenlos, oft kommt es zu Übergriffen, weshalb das Mittel auch als „Vergewaltigungsdroge“ bekannt ist. Auch das durch allerlei Horror-Dokumentationen bekannte Crystal ist in Berlin nur in bestimmten Subkulturen verbreitet.

Massive Probleme im Cluballtag ergeben sich ohnehin eher, weil Gäste zu viel Alkohol trinken. „Die unangenehmsten Erfahrungen habe ich mit Leuten gemacht, die zu viel getrunken haben“, sagt Rosa Neuman. Und auch Drogenfahnder-Chef Schremm möchte zur Frage nach etwaigem Drug-Checking noch loswerden, dass kontrollierter Konsum von Drogen vielen schwerfallen dürfte. „Das klappt schon beim Alkohol oft nicht.“

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