Deutsche Einheit : Was Berliner mit ihrem Begrüßungsgeld gemacht haben

Die Einheitsausstellung „100DM“ fragt Ostdeutsche, wofür sie nach dem Mauerfall ihr Begrüßungsgeld ausgaben. Zehn Ost-Berliner berichten.

Anstehen für das Westgeld vor den Banken in Berlin im Jahr 1989.
Anstehen für das Westgeld vor den Banken in Berlin im Jahr 1989.Foto: Sparkasse Berlin

Die erste Westjeans, die erste Grönemeyer-Platte, die erste Plaste-Glitzer-Puppe oder die erste Italien-Reise: Die 100 Mark Begrüßungsgeld, auf die jeder DDR-Bürger bei Aufenthalt im Westen Anspruch hatte, ermöglichten vielen nicht nur das Erfüllen lang gehegter Wünsche, sie war auch Eintrittskarte in das kapitalistische System – das manche euphorisierte, andere abstieß.

Eine Ausstellung anlässlich des Tages der Deutschen Einheit ermöglicht nun einen Blick auf diesen Teil der Wendegeschichte. „Der Mauerfall ist 30 Jahre her und niemand hat sich mal wirklich intensiv mit dem Thema beschäftigt, das ist doch eigentlich unglaublich“, findet Projektinitiatorin Daniela Augenstein. Ein Freund erzählte ihr, was er damals gekauft hatte: „Ein Skateboard, einen Rucksack und Fruchtjogurt. Ich fand das spannend, gerade auch aus meiner, in gewisser Weise naiven West-Perspektive heraus, ich war damals 9 Jahre alt.“

Deshalb initiierte die frühere Sprecherin von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller gemeinsam mit einem Freund aus Schulzeiten, dem Projektmanager Florian Römmele, das Ausstellungsprojekt „100DM“, das ab Montag auf dem Bürgerfest zur Einheit auf der Straße des 17. Juni zu sehen sein wird. „Die Einkäufe mit dem Begrüßungsgeld sind ja nicht nur sehr persönliche Geschichten und Erinnerungen, sondern erzählen uns auch etwas über die Zeit damals“, sagt Mitinitiator Römmele. „Das Begrüßungsgeld ist wie ein Brennglas, da werden die positiven Seiten genauso sichtbar wie die negativen. Und mir ist es wichtig, dass jeder das Recht auf seine eigene Geschichte hat und auch den Raum bekommt, sie zu erzählen.“

Konsum oder Angebot zur politischen Teilhabe?

So fragten die beiden mit einem Team aus Autoren und Fotografen Ostdeutsche zwischen Vogtland und Mecklenburg-Vorpommern – und aus Berlin: Was haben Sie damals mit Ihrem Begrüßungsgeld gemacht? Herausgekommen sind Porträts von Menschen, die so unterschiedlich sind wie die Konsumgüter, die sie sich damals gekauft haben, die Reisen, auf die sie gegangen sind, die Sorgen, die sie angesichts der politischen Umwälzungen beschäftigten.

Denn mit dem Mauerfall trafen zwei Gesellschaftsbilder aufeinander und viele empfanden das Begrüßungsgeld nicht als Angebot zur politischen Teilhabe, sondern lediglich zum Konsum.

In der Ausstellung werden die Geschichten neben den dazugehörigen, in schrillen Farben visualisierten Produkten gezeigt – oder neben einem leeren Einkaufswagen, als Symbol für diejenigen, die das Geld nicht abholten. Das private, leise Erleben wird den Walkmans, Glitzerbleistiften und Farbfernsehern gegenübergestellt.

Aus fast jeder Altersklasse sind Protagonisten dabei – auf die 100 Westmark hatten schließlich alle DDR-Bürger Anspruch, vom Baby bis zum Rentner. Und das bereits seit 1970, nicht erst nach dem Mauerfall. Ursprünglich sollten damit ostdeutsche Reisende, in der Anfangszeit vorwiegend Rentner, unterstützt werden. Der Obolus in Höhe von 30 DM konnte zweimal pro Jahr in Anspruch genommen werden. Im Jahr 1988 wurde der Satz auf 100 DM erhöht, man konnte jedoch nur noch einmal jährlich davon Gebrauch machen.

Für Daniela Augenstein hat die Ausstellung „100DM“ auch Archivcharakter. „Ich finde, diese Geschichten – oft die ersten Westerfahrungen – sollten nicht verloren gehen.“ So lasse sich Wendegeschichte lebendig erzählen, also genau das richtige Projekt für den 30. Jahrestag des Mauerfalls in 2019. „Wir hoffen, dass wir im nächsten Jahr weitermachen können, mehr Geschichten sammeln und zeigen, eine Art kollektives Gedächtnis schaffen können.“

Mitarbeit: Mandy Schielke. Das Projekt „100DM“ wird durch die Lottostiftung Berlin gefördert. Die Autorin dieses Textes ist an der Arbeit zur Ausstellung beteiligt.

Mehr zum Thema

Von 1. bis 3. Oktober, also von Montag bis Mittwoch, feiert Berlin das Bürgerfest „Nur mit Euch“ zum Tag der Deutschen Einheit rund um Reichstag, Brandenburger Tor und auf der Straße des 17. Juni. Zu dem dreitägigen Bürgerfest werden mehr als eine Million Besucher erwartet. Die Open-Air-Ausstellung „100DM“ mit 28 Porträts ist im Bereich „Geschichte & Erinnern“ zu finden, direkt vor dem Sowjetischen Ehrenmal. Aber auch über die Ausstellung hinaus werden Geschichten zum Begrüßungsgeld gesammelt. Teilen Sie diese gern auf der Webseite www.100dm.de oder in den sozialen Kanälen unter dem Hashtag #100dm.

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