Drama im Park : Um das Monbijou-Theater tobt erbitterter Streit

Die Zukunft von Berlins erfolgreichster freier Bühne steht in Frage. Das Monbijou-Theater soll sich wandeln, um zu bleiben. Doch wer bestimmt das?

Eine Bühne zum Mitmachen. Das Monbijou-Theater zeigte nie eine Scheu vor einfachen Späßen. Etwa Karaoke-Abende für alle.
Eine Bühne zum Mitmachen. Das Monbijou-Theater zeigte nie eine Scheu vor einfachen Späßen. Etwa Karaoke-Abende für alle.Foto: Bernd Schönberger/Promo

Dies ist die Geschichte einer Stadt, zweier Männer und eines Theaters. Obwohl es das Theater an seinem Ort im Herzen Berlins gar nicht geben dürfte, ist es mit mehr als 100.000 Zuschauern im Jahr erfolgreicher als jede andere freie Bühne Berlins. Nach zwei Jahrzehnten steht seine Existenz nun plötzlich auf dem Spiel. Der Grund dafür ist ein Streit zwischen den beiden Männern. Denn die Stadt wächst, und die Ansprüche der beiden Männer tun es auch.

Es geht in dieser Geschichte um Eitelkeiten, Macht und Geld und darum, ob die Stadt ein anarchisches Kulturprojekt politisch kontrollieren sollte.

So weit der Prolog.

Es treten auf:
– Christian Schulz, 49, geboren in München, Schauspieler und Geschäftsführer der Monbijou Theater GmbH, seit 1989 in Berlin;

– David Regehr, 52, geboren in München, Bühnenbildner und Teil der künstlerischen Leitung des Monbijou-Theaters, seit 1997 in Berlin;

– die Liegenschaftsverwaltung der Humboldt-Universität (HU), auf deren Fläche das Amphitheater jeden Sommer errichtet wird;

– das Bezirksamt Mitte, das die jährliche Sondergenehmigung erteilt, ohne die es das Theater an diesem Ort gar nicht gäbe.

– die Bezirksverordnetenversammlung von Mitte (BVV), in der die Mehrheit der Politiker den Monbijoupark als Naherholungsraum schützen will, sich gegen dessen Kommerzialisierung wehrt, aber für das Theater sind;

– Sven Diedrich, 52, geboren in Potsdam und seit 1970 in Ost-Berlin, Mitglied der Linken, sitzt in der BVV Mitte seit 1995;

– sowie weitere Stadträte, Lokalpolitiker, Justiziare, Schauspieler und Theaterleute, ein Kulturstaatssekretär und ein Kultursenator, der aber von alldem nichts wissen will.

Ort der Handlung:

Das Betondach eines früheren Tierversuchsbunkers der Charité, angrenzend der Monbijou-Park, die Spree. Derzeit zu sehen sind nur ein paar polnische Holzhütten, in denen winters Märchen vorgetragen werden. Das Monbijou-Theater ist noch eingelagert – ein provisorisches, aus Brettern und Balken, alten Türen und Fenstern zusammengenageltes Amphitheater, das etwas Wildes und Unfertiges ausstrahlt. Sein Aufbau sollte längst begonnen haben. Dass dies noch nicht geschehen und derzeit offen ist, ob es überhaupt rechtzeitig zur Sommersaison geschieht, hat mit dem Streit zu tun – und der vertrackten Ausgangslage.

Die dunkle Macht. Vor zwei Jahren führte das Monbijou-Theater Shakespeares "Macbeth" auf.
Die dunkle Macht. Vor zwei Jahren führte das Monbijou-Theater Shakespeares "Macbeth" auf.Foto: promo

Als Christian Schulz im Frühjahr 1989 für ein Psychologiestudium nach West-Berlin zieht, ist es, als würde er an einen Ort zurückkehren, an dem für ihn alles begonnen hat. Seine Eltern waren 1969 von Ost-Berlin aus nach Bayern geflohen, die Mutter schwamm schwanger durch die Donau. In Berlin will er sich ausleben. Mitte der Neunzigerjahre wird er Schauspieler.

Es ist die Zeit, da noch überall im Zentrum verwilderte Brachflächen existieren, wo in Kellergewölben und aufgelassenen Schuppen illegale Bars aufmachen, benannt nach den Wochentagen, an denen sie geöffnet haben. Leerräume werden „bespielt“, indem ein Podest zusammengezimmert und Flaschenbier herbeigeschafft wird, Kühltruhen und Kassen gibt es bald auch. Diesem anarchischen Unternehmertum verdankt Berlin einen Teil seiner internationalen Ausstrahlung. Weltberühmte Clubs wie etwa Ostgut, Berghain, Bar 25, Cookies und das Tempodrom sind aus Provisorien hervorgegangen, weil ihre Betreiber einfach machten, statt um Erlaubnis zu fragen und ihre Investitionen durch Besitzrechte abzusichern. Deshalb sind sie ständig auf der Suche.

Der erste Gedanke: Ein Kackort

Christian Schulz sucht 1998 eine neue Spielstätte für sein Hinterhof-Theater. Als er auf dem Sockel des früheren Bunkers steht, denkt er: „Das ist ein Kackort, der sieht scheiße aus.“ Doch seine Fantasie geht über die Wirklichkeit hinaus. Hier, vor dem Panorama aus Museumsinsel, Monbijoupark und Spree, würden er und seine Theaterfreunde unter freiem Himmel etwas etablieren, das sich Shakespeare nicht besser hätte ausdenken können. Auf einer Fläche, die niemand braucht, niemanden interessiert, die es einfach gibt und, wie Schulz heute sagt, „ansonsten zum Kotzen ist“.

Ähnliches passiert zur selben Zeit im Mauerpark, auf dem RAW-Gelände, entlang brachliegender Uferstreifen der Spree. Leute wie Schulz fühlen sich angezogen von Plätzen und Nischen mit brüchiger Aura, die in der Gegenwart noch nicht angekommen sind. Irgendwann werden sie das sein, aber noch nicht, und wenn es so weit ist, dann wird nicht unbedeutend sein, wer sie besetzt hat. Wir sind die Richtigen, denken Leute wie Schulz, weil wir den kaputten Charme Berlins erhalten. Weil wir für das leben, was wir tun.

Von Dauer ist fast keines der Projekte. Sie verschwinden wieder. Doch Schulz baut sich mit der Zeit ein kleines Imperium auf aus Clärchens Ballhaus, das er gleichberechtigt mit David Regehr betreibt, aus Strandbar Mitte, einer Kneipe in der Gipsstraße und einer weiteren Bar in einem Stadtbahnbogen. Nicht schlecht für einen, der von sich sagt, dass er Theatermacher sei.

Sogar ein Herrenhaus in Brandenburg gehört dazu, das ihm aber mehr als alles andere Probleme bereiten wird. Mit dem Erwerb von Schloss Schwante, das er aufwendig renoviert, um es in einen Kulturort zu verwandeln, verliert er seinen Rückhalt. Niemand versteht, was er vorhat. Sein Ensemble wendet sich gegen ihn, die Politik distanziert sich von ihm, sein Vertrauter David Regehr löst sich aus dem „Traumteam“, das sie beide waren. Wie konnte es so weit kommen?

„Zu erfolgreich geworden“

Ein Treffen in seinem Café Altes Europa wenige Tage vor der Entscheidung, wie es weitergehen soll. Die meisten Stühle sind noch hochgestellt, die Espressomaschine läuft gerade an. Schulz ist leger gekleidet, trägt einen schwarzen Cowboy-Hut und sagt mit ausladender Geste, dass er das Café und all die anderen Gastronomien nur nebenbei führe, „um ein stabiles System zur Finanzierung des Theaterbetriebs zu haben“. Man hat noch nicht Platz genommen, da hat er das schon klargestellt.

Christian Schulz hat das Monbijou-Theater geleitet. Jetzt, so sieht er es, wird er aus seinem „Lebenswerk“ hinausgedrängt.
Christian Schulz hat das Monbijou-Theater geleitet. Jetzt, so sieht er es, wird er aus seinem „Lebenswerk“ hinausgedrängt.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Allerdings, so räumt er mit Blick auf den Monbijoupark ein, habe sich „das Ganze in seinen Dimensionen ein bisschen verschoben, weil es zu erfolgreich geworden ist“.

Die Sache, scheint es, ist auch für ihn immer unübersichtlicher geworden, seine Nerven liegen blank. Noch im Oktober habe er David Regehr damit beauftragt, die Öffentlichkeitsarbeit für „mein Theater“ zu machen. „So ein Vertrauen hatte ich in den Kerl.“ Schulz sieht sich von einem Komplott entmachtet. Man wolle ihn aus etwas herausdrängen, das er als sein „Lebenswerk“ betrachtet.

Ursprünglich wurde das Monbijou-Theater von ihm und Roger Jahnke gegründet, dessen namensgebende Hexenkessel-Hoftheater-Truppe auf Goldoni- und Shakespeare-Komödien sowie darauf spezialisiert ist, dass sie das Publikum in ihr Spiel mit einbezieht. „Abbruch“, ruft da zum Beispiel ein frustrierter Romeo, „bringt doch nichts, das ist doch nur Kulisse hier, alles Theater!“

Schulz sagt, er habe Regehr 2002 dazugeholt, „weil ich gesehen habe, dass er, ein Landschaftsmaler und Bühnenbildner, der weit herumgekommen war“, das Niveau der Bühne anheben konnte. Regehr habe einen anderen Horizont besessen als die Leute des Hexenkessel-Hoftheaters. Doch stellt es Schulz auch so dar, dass er allen stets erklären musste, was sein neuer Kompagnon vorhat. Irgendwann sei ihm das nicht mehr möglich gewesen, sagt er. Es kommt zum Krach.

Die Hexenkessel-Mannschaft steigt 2015 aus, Regehr und Schulz stehen vor dem Nichts. Vor einem Neuanfang. Sie setzen nun auf moralische Themen, drängen das Derbe, Überschminkte, Märchenhafte zurück, um Schillers „Räuber“ oder „Die Mitschuldigen“ von Goethe aufzuführen. Die Einnahmen steigen.

Noch drei Wochen bevor im Januar die Betriebsgenehmigung für 2019 zurückgewiesen wird, hört Schulz vom Bezirksamt nur, dass er sich keine Sorgen zu machen brauche. Er kennt das Procedere und weiß: Es gibt Regelungen, und es gibt die Stadt. Er meint: wo kein Kläger, da kein Richter. „Das ist das Format an diesem Ort seit 20 Jahren. Duldung bedeutet, dass die Stadt etwas von diesem Projekt hat, ohne dass man sich an den Anwohnern vergeht.“ Diesen Teil der Abmachung hat er im Griff. Denkt er.

"Traumpaar". Christian Schulz (links) und David Regehr während des Aufbaus des Amphitheaters im April 2014.
"Traumpaar". Christian Schulz (links) und David Regehr während des Aufbaus des Amphitheaters im April 2014.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

I. Akt: Der Deal

„Wir sind alle Kinder der Neunziger“, sagt der linke Bezirkspolitiker Sven Diedrich. Er hat den rauen, direkten Tonfall des Brandenburgers. Die ergrauten Haare raspelkurz, grauer Dreitagebart. Zum Lesen schiebt er sich eine Brille mit zerbrochenem Bügel ins Gesicht. Er hat schwere Zeiten hinter sich. Der Pioniergeist der Neunziger hat ihn nicht nur geprägt, sondern auch in den Bankrott getrieben. Rosa Luxemburg hieß Diedrichs Kneipe, mit der er 2012 im Dreieck von Volksbühne, Babylon-Kino und Karl-Liebknecht-Haus einen Szenetreff für Linke, Bohémiens, Punks und Künstler schaffen wollte. Kein Touri-Magnet.

Heute denkt Diedrich, dass er sich selbst überschätzt habe. Was wusste er schon von Gastronomie? Er machte Fehler über Fehler, ließ Schwarzarbeit zu, wurde wegen Steuerschulden und nicht gezahlter Sozialabgaben vorbestraft. Als er 2015 Insolvenz anmelden musste, ging die Bürgschaft, die ihm David Regehr zuvor gewährt hatte, auf Clärchens Ballhaus über.

Die Genehmigung kam immer hinterher

Verstrickt in den Theaterkrach ist er aber nicht wegen dieser alten Schuld, an die er sich kaum noch erinnern kann. Verstrickt ist er sowieso. Vergangenen August war er bei Schulz’ Hochzeit eingeladen. Seine Tochter war Praktikantin bei Schulz. Als Schulz mal eine Wohnung suchte, half Diedrich aus. „Wir mochten uns, waren uns sympathisch“, sagt er. Schulz, der agil und mitreißend auftreten kann, habe sich „über alles hinweggesetzt“, erinnert sich Diedrich. „Wenn er keine Genehmigung für sein Theater hatte, dann hat er’s trotzdem aufgebaut. Das fand ich ganz sympathisch, so ein bisschen Anarchie. Die Genehmigung kam dann immer hinterher, wenn das Theater längst spielte.“

Diedrich hat als BVV-Mitglied viel dafür getan, das umstrittene Theaterprojekt an seinem Ort zu halten. Für eine dauerhafte Einigung müssen aus seiner Sicht jedoch Fragen geklärt werden: „Wem geben wir diese öffentliche Fläche? Warum? Und unter welchen Bedingungen?“

Als Diedrich im Sommer von Überlegungen im Bezirksamt erfährt, das Theater schließen zu wollen, sieht er sich gefordert. Er schreibt: „Christian, du musst da was verändern. Sonst kriegst du ein Problem.“

Aus Sicht des Bezirks lautet der Deal mit Schulz: Er darf die Strandbar so weit ausdehnen, wie er es zur Querfinanzierung des Theaters benötigt. Der Konflikt darum schwelt seit Langem, flammt immer wieder auf. BVV-Mitglied Frank Bertermann von den Grünen spricht von einer „de facto privatisierten Fläche“. Seine Partei, die von Anfang an gegen einen Event-Ort an der Stelle war, sieht sich längst in ihren Befürchtungen bestätigt.

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