Ein Jahr Anschlag am Breitscheidplatz : Die Zerreißprobe

Das erste Jahr gilt als Trauerjahr. Aber im Kern sind die zwölf Monate nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz eine Prüfung. Für die Hinterbliebenen, die Verletzten. Für die Behörden und das Land.

Der Anschlag. Viele Angehörige sprechen nur von "dem Montag", wenn sie über den 19. Dezember 2016 reden.
Der Anschlag. Viele Angehörige sprechen nur von "dem Montag", wenn sie über den 19. Dezember 2016 reden.Foto: imago/Olaf Wagner

Nach großen Erschütterungen sind es oft die kleinen Entscheidungen, die sich der Sache gewachsen zeigen. Vor die Frage gestellt: Was ist zu tun?, hat die City AG Anfang Januar ganz praktisch erst einmal einen Gärtner beauftragt – Jörg Nöthe, Frühaufsteher, zwei Töchter, 52 Jahre alt –, damit er sich fortan um die wilden Kerzeninseln kümmere. Nöthe ist angewiesen, alles Verwehte wieder zurechtzurücken und die Blumen zu entfernen, wenn sie schäbig und verblüht aussehen. Man will ja keinen Kompost züchten auf dem Breitscheidplatz. Nöthe, Gärtner der Erinnerungslandschaft, kommt anfangs täglich, das ist der Auftrag.

Man wird die inoffizielle Gedenkstelle nicht irgendwann abräumen, ein ganzes Jahr lang nicht. Man stellt stattdessen einen Gärtner ein, um sie zu pflegen.

Jörg Nöthe, selbst eine aufgeräumte Natur, sammelt also die Zigarettenstummel ein, die der Wind zwischen die Kerzen weht. Er trennt den organischen Müll von LED-Kerzen und Wachs. Das eine fährt er auf den Kompost, das andere zur BSR in die Gradestraße. Damit ist im Januar 2017, nur vier Wochen nach dem Anschlag, der Gärtner Jörg Nöthe einer der wenigen, die wissen, wo sie ihre Last abladen können.

Der Moment verhält sich zum Leben wie der Punkt zur Linie. Kann ein einzelner Punkt die ganze Linie verändern? Am 19. Dezember 2016 fährt um 20.02 Uhr ein islamistischer Attentäter, dessen Name schon zu oft genannt wurde, mit einem gestohlenen Lkw am Breitscheidplatz auf den Weihnachtsmarkt. Zwölf Menschen sterben, mehr als 60 werden verletzt.

Ein Jahr lang haben seitdem verschiedene Menschen versucht, mit der Sache ins Reine zu kommen. Sie haben versucht, mit der Trauer umzugehen, Verletzte versorgt, Anträge geschrieben und geholfen, Anträge zu schreiben. Sie haben Wut ausgedrückt, sie haben gespendet, gepredigt, geplant, ermittelt und aufgeräumt. Das Jahr hat ihr Leben verändert. Je nachdem versuchen sie Abstand zu gewinnen oder besonders genau hinzusehen. Das erste Jahr gilt als Trauerjahr. Aber im Kern ist dieses Jahr eine Prüfung. Für die Hinterbliebenen, die Verletzten. Für die Behörden und die Stadt Berlin. Es ist eine Probe auf Charakter, Zusammenhalt und Menschlichkeit.

Sie reden vom Montag, Dienstag, Mittwoch, als hätte es danach keine mehr gegeben

Es sind trotz allem, sagt Frederike Herrlich, auch viele gute Dinge passiert. Trotz allem, was auf himmelschreiende Weise schiefgelaufen ist, ist sie bereit, die zu sehen. Nein, sie ist wild entschlossen. Schon um nicht zu verzweifeln. Frederike Herrlich hat 40 Jahre in einer ganzheitlichen Apotheke gearbeitet.

Sie hat sich mit der wohltuenden Wirkung von Farben beschäftigt, sie hat über zehn Jahre mit Jugendlichen gearbeitet und Friedensarbeit gemacht. Es müssen doch Schlüsse zu ziehen sein!

Frederike Herrlich zog im Februar 2016 auch deshalb aus Bremen nach Ueckermünde an der Ostsee, um ihrem Sohn Christoph näher zu sein, der in Berlin lebte. Mit dem Zug drei Stunden von Tür zu Tür. Christoph half beim Umzug. Aber der Sohn lebt nun nicht mehr in Berlin. Er lebt überhaupt nicht mehr. Er ist einer der zwölf Menschen, die am Breitscheidplatz gestorben sind.

Wenn Frederike Herrlich in Ueckermünde aus dem Zug steigt, füllen sich ihre Lungen mit frischer Luft. Wenige Minuten Fußmarsch vom Bahnhof liegt im Schatten des Kirchturms ihre Wohnung. Sie hat, mit dem Abstand von fast einem Jahr zu dem Geschehen, in ihrer Küche einen Ingwer-Orangentee gemacht. Und alles ist präsent wie gestern.

„Am Montag …“, beginnt Frederike Herrlich.

So sprechen sie alle, die in irgendeiner Form betroffen waren. Sie reden vom Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, als hätte es danach keine mehr gegeben.

Am Montag, am Abend also, schaut sie fern und sieht die Bilder, die nun jeder kennt und keiner mehr sehen kann. Dienstagnachmittag ruft ihr zweiter Sohn aus New York an: keine guten Nachrichten. Christoph war mit Sicherheit auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Ihr zuverlässiger Christoph, der sich jetzt nicht mehr meldet! Da packt sie ihre Koffer und fährt nach Berlin. Ein Freund weiß, wer Ersatzschlüssel für seine Wohnung hat, und dahin trägt sie dann ihre Hoffnung, dass er sich unter Schock zurückgezogen haben möge. Aber nein.

An diesem Abend sitzt die Politik für den Fernsehgottesdienst in der Kirche am Breitscheidplatz zusammen, Angela Merkel in der ersten Reihe, „da ist Christoph noch vermisst“, sie selbst in Angst. Es ist ihr nicht möglich, quasi rückwirkend zu empfinden, dass dieser Gottesdienst auch ihr gegolten haben soll. Es ist noch immer dieser Dienstag, nach 21 Uhr, als sie, Nähe Südstern, auf die nächste Polizeiwache geht.

Und das, sagt sie, könne sie nur jedem raten. Statt in Telefonschleifen vertröstet zu werden: Menschen ansprechen. Direkt. Dort habe man sich wirklich um sie gekümmert.

Am Mittwoch bittet das LKA um Zugang zur Wohnung, nimmt eine Einlegesohle und eine Zahnbürste mit.

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