• Frühgeschichte Berlins: Die Prinzessin ist ein Prinz - was ein Skelett über die Stadt verrät

Die Prinzessin ist ein Prinz

Seite 3 von 3
Frühgeschichte Berlins : Die Prinzessin ist ein Prinz - was ein Skelett über die Stadt verrät
Jahrhundertfund. Am 28. März 1951 stießen Bauarbeiter bei der Gestaltung des neuen Parks am Buschkrug im Neuköllner Ortsteil Britz auf etwas Hartes. Als sie vorsichtig weitergruben, entdeckten sie Knochen.
Jahrhundertfund. Am 28. März 1951 stießen Bauarbeiter bei der Gestaltung des neuen Parks am Buschkrug im Neuköllner Ortsteil Britz...Foto: Bürgerverein Britz e.V./E. Moebus

Als Melisch und Bertram die Ergebnisse von Jessica Rothes DNA-Analyse in den Händen halten, bleiben ihre Blicke beim Wandern über die langen Formelreihen am Begriff „y-chromosomales Profil“ hängen. Y-chromosomal? Nur Männer haben Y-Chromosomen! Tatsächlich, Natasha Powers lag richtig mit ihrer Ischiaskerben-Wette: Das Britzer Skelett gehörte einem Jungen. Die Prinzessin ist ein Prinz.

Im selben Teil der DNA-Auswertung wartet eine zweite Überraschung: Die y-chromosomalen Profile der beiden nebeneinander gefundenen Britzer Skelette stimmen nach allen vergleichbaren Merkmalen miteinander überein. Die beiden Menschen, die hier bestattet wurden, gehörten also zur selben männlichen Fortpflanzungslinie – sie waren direkte Verwandte. Welcher Art ihr Verwandtschaftsverhältnis war, lässt sich an ihrer DNA nicht eindeutig ablesen, aber mit einiger Wahrscheinlichkeit gehörte das zweite Skelett nicht dem Vater des Jungen, sondern einem anderen direkten Verwandten, etwa einem Onkel.

Die Isotopen liefern die Überraschung

Zur Frage nach der regionalen Herkunft des Britzer Jungen liefert die DNA-Analyse dagegen keine wirklichen Erkenntnisse. Das genetische Profil des Skeletts, sein sogenannter Haplotyp, ist weitverbreitet – er findet sich vor allem bei Nordeuropäern, kommt aber auch in anderen Weltgegenden nicht selten vor.

Die vielleicht größte Überraschung liefert die Isotopenanalyse. Isotopen sind, verkürzt gesagt, im Skelett eingelagerte chemische Elemente, die Aufschluss darüber geben können, welcher Ernährung und welchen sonstigen Umwelteinflüssen ein Mensch zu Lebzeiten ausgesetzt war. Für die beiden Britzer Skelette liefert die Isotopenuntersuchung seltsamerweise stark voneinander abweichende Ergebnisse. Die beiden scheinen sich, obwohl sie direkte Verwandte sind, sehr unterschiedlich ernährt zu haben. Mehr noch: Während das ältere der beiden Skelette Ernährungsspuren aufweist, die für den Berliner Raum der Merowingerzeit nicht ungewöhnlich wirken, scheint der Junge den größten Teil seines kurzen Lebens anderswo verbracht zu haben.

Die Genetikerin. Jessica Rothe analysiert die DNA des Skeletts.
Die Genetikerin. Jessica Rothe analysiert die DNA des Skeletts.Foto: Thilo Rückeis

An dieser Stelle erweist es sich als Segen, dass die Wissenschaftlerinnen in ihre Analyse auch das Skelett des Neuköllner Reiters einbezogen haben, das laut Radiokarbondatierung wie die beiden anderen Toten etwa in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts beigesetzt wurde. Denn unerwartet liefert die Isotopenuntersuchung für den Reiter ein ähnliches Ernährungsbild wie für den Britzer Jungen. Besonders bei der Analyse von Bleirückständen, die über bleihaltige Kochgeschirre, Keramikglasuren oder Wasserrohre in den Körper gelangen können, ergeben sich verblüffende Übereinstimmungen. Die wenigen Bleiquellen der Spätantike lassen sich relativ genau lokalisieren, und bei beiden Skeletten weisen die Isotopenspuren in dieselbe Richtung: den südosteuropäisch-kleinasiatischen Raum.

Zwischen drei Skeletten haben sich im Zuge der Untersuchung Verbindungen ergeben, die anders ausgefallen sind, als die Wissenschaftlerinnen es erwartet haben. Zwei sind miteinander verwandt, scheinen aber den Großteil ihres Lebens an unterschiedlichen Orten verbracht zu haben. Zwei andere, der Junge und der Reiter, sind durch kein Verwandtschaftsverhältnis verbunden, scheinen aber lange in derselben Region gelebt zu haben, die weit entfernt von ihrer späteren Grabstätte liegt.

Zog der Vater des Jungen in die Fremde?

Was das für die Lebenswege der drei Menschen bedeuten könnte, darüber lässt sich nur spekulieren. Zog der Vater des Jungen aus dem Berliner Raum in die Fremde und zeugte dort ein Kind? Ein Kind, das erst sehr viel später, offenbar kurz vor seinem verfrühten Tod, in die Heimat des Vaters einwanderte und dabei möglicherweise von einem berittenen Krieger begleitet wurde, der seine Heimat nie wiedersehen sollte?

Noch immer ist wenig bekannt über den Berliner Raum der Merowingerzeit. Außer Gräbern gibt es keine archäologischen Spuren, man hat kein klares Bild davon, wie die Menschen hier lebten, wie sie hausten, wie sie wirtschafteten, woran genau sie glaubten. Etwas mehr aber weiß man nun doch. Abweichend von den bisherigen Annahmen scheinen damals hier Menschen gelebt zu haben, die Verbindungen in weit entfernte Teile der Welt unterhielten, die weitaus mobiler, vielleicht auch ethnisch weniger homogen waren als gedacht.

Die Berliner, scheint es, waren schon zur Merowingerzeit ein ziemlich bunter Haufen.

Der Berliner Raum war verwaist, dann kamen die Slawen

Menschliches Leben ist im Berliner Raum seit etwa 60.000 Jahren nachweisbar. Die ersten Siedlungen entstanden sehr viel später, im 9. Jahrtausend vor Christus, nach dem Ende der letzten Eiszeit. Erst im 4. Jahrtausend setzten Ackerbau und Viehzucht ein, doch durchgehend bewohnt war die Region noch lange nicht, die Völker und Siedlungen kamen und gingen. Erste germanische Stämme ließen sich ab dem 6. vorchristlichen Jahrhundert an der Spree nieder, ihre Nachkommen kehrten der Region in der Spätantike den Rücken. Es folgte die siedlungsarme Merowingerzeit, an deren Ende Slawen den verwaisten Berliner Raum bevölkerten.

Noch einmal ein halbes Jahrtausend sollte es dauern, bis um die Mitte des 12. Jahrhunderts an der Spree zwei Siedlungen entstanden, die nicht wieder verschwanden: Berlin und Cölln. Beide verwuchsen miteinander, dehnten sich aus, überwucherten ihr Umland, verleibten sich Dörfer ein, wurden zur Stadt, in der wir leben.

Ein cremefarbener Skoda Yeti parkt vor einer flachen Halle am Berliner Petriplatz. Im Halleninneren sitzt an einem weißen Schreibtisch Claudia Melisch, umgeben von großflächig durchwühltem Sandboden. Die Knochen von knapp 4000 mittelalterlichen Skeletten haben die Archäologin und ihr Team bis heute aus diesem Boden geborgen, und nach inzwischen mehr als zehn Jahren ist ihre Grabung noch immer nicht abgeschlossen.

Grabbeigabe. Dem Leichnam presste man eine Goldmünze zwischen die Lippen, als Gabe für den Fährmann, der die Toten ins Jenseits rudert.
Grabbeigabe. Dem Leichnam presste man eine Goldmünze zwischen die Lippen, als Gabe für den Fährmann, der die Toten ins Jenseits...Foto: Museum für Vor- und Frühgeschichte

Wenn Berlin als Stadt so etwas wie einen historischen Nullpunkt hat, dann ist es der alte Kirchhof am Petriplatz. Fast ein halbes Jahrhundert wurden hier in übereinandergelagerten Schichten Menschen beigesetzt, und die ältesten Skelettfunde datieren ins mittlere 12. Jahrhundert, die Zeit also, als beiderseitig der Spree die mittelalterlichen Siedlungen Berlin und Cölln entstanden. Berlin lag am Nordufer, Cölln südlich des Hauptarms auf der Spreeinsel, rund um die Petrikirche, deren Pfarrer Symeon im Jahr 1238 in der ältesten überlieferten Urkunde zur Stadtgeschichte erwähnt wird. Er ist Berlins erster namentlich bekannter Bewohner.

Ein knappes Jahrhundert älter sind die namenlosen Skelette, die als erste auf dem Kirchhof beigesetzt wurden. Wenig war über sie bekannt, als Melisch und ihr Forschungsteam sie ab dem Jahr 2007 ausgruben. Inzwischen weiß man etwas mehr. Melisch kann sagen, dass in den Berliner Pionierjahren kaum Kinder und nur wenige Alte auf dem Petriplatz beigesetzt wurden, sondern überwiegend Menschen mittleren Alters, was dafür spricht, dass die neue Doppelsiedlung vor allem Alleinstehende anzog: Menschen, die im besten arbeitsfähigen Alter ohne Familien hier ankamen, vielleicht, weil sie sich in der wachsenden Stadt Karrierechancen erhofften, weil sie einen Neuanfang suchten, weil sie ein anderes Leben hinter sich lassen wollten. Ganz so, wie es in Berlin bis heute ist.

Der Prinz ruht im Museumsmagazin

Auch zur Herkunft der Berliner Neuankömmlinge hat Melisch erste Erkenntnisse gewonnen, seitdem sie gemeinsam mit ihrem Forschungsteam die ausgegrabenen Knochen untersucht. Die allermeisten, rund 80 Prozent, zogen laut Isotopenanalyse aus der norddeutschen Tiefebene an die Spree, andere kamen aus dem thüringischen Raum und dem Rheinland.

Vieles mehr wird sich ermitteln lassen, wenn alle Petri-Skelette einmal so detailliert untersucht werden können wie der Britzer Prinz. Knapp 4000 Berliner Lebensgeschichten warten darauf, erzählt zu werden.

Die Prinzessin, die zum Prinz wurde, ruht inzwischen wieder im Magazin des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Man könnte das Britzer Skelett erneut ausstellen, aber diese Praxis ist unter Archäologen in den vergangenen Jahrzehnten etwas aus der Mode gekommen. „Das war ja schließlich mal ein Mensch“, sagt Claudia Melisch.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

11 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben