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Dieses Foto vom Tatort entstand, kurz bevor die Feuerwehr das Feuer löschte.

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Update

Tatortfotos zeigen brennende Kabel: Linksextreme Vulkangruppe bekennt sich zu Anschlag auf Stromversorgung in Berlin

In einem Bekennerschreiben bezeichnen Linksextreme den Brandanschlag auf Kabel des Kraftwerks Lichterfelde als „Akt der Notwehr“ und „gemeinwohlorientierte Aktion“. Senatschef Wegner spricht von Terrorismus.

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In einem Bekennerschreiben hat die linksextreme Vulkangruppe den Brandanschlag auf Kabel des Kraftwerks Lichterfelde für sich reklamiert. Zehntausende Haushalte im Berliner Südwesten sind deshalb seit Samstagmorgen ohne Strom und Heizung. Dem Tagesspiegel liegen nun Fotos von den brennenden Kabeln und vom Tatort vor.

Die Gruppe bezeichnete den Anschlag als „gemeinwohlorientierte Aktion“. Der Staatsschutz des Landeskriminalamts hält das Schreiben nach Tagesspiegel-Informationen für echt und hat die Ermittlungen übernommen. Dort wurde eigens die Ermittlungsgruppe „Spannung“ gegründet.

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) sagte am Sonntag, dass der Brandanschlag auf das Stromnetz offenkundig von Linksextremisten verübt worden sei. „Das ist nicht nur eine Brandstiftung oder Sabotage. Das ist schon Terrorismus“, sagte der CDU-Politiker in der „Abendschau“ des RBB-Fernsehens. Die Behörden ermittelten mit Hochdruck. „Wir erhöhen den Verfolgungsdruck“, sagte Wegner. Das sei auch schon nach dem Anschlag auf das Stromnetz in Treptow im September geschehen.

Dieses Foto vom Tatort entstand, kurz bevor die Feuerwehr das Feuer löschte.

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Die Kabel wurden durch das Feuer zerstört, es gab einen Kurzschluss.

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„Wir werden hier eine hohe Priorisierung auf den Verfolgungsdruck legen. Wir wollen diese Täter ergreifen“, sagte Wegner. „Es war eine linksextremistische Gruppe, die einmal mehr unsere Infrastruktur angegriffen hat und damit auch das Leben von Menschen bedroht hat, von älteren Menschen, die vielleicht Beatmungsgeräte brauchen, von Familien mit kleinen Kindern“, sagte er. „Und wir müssen diese Täter jetzt schnappen.“ Denn das sei „hier kein Spaß, sondern hier ist ein terroristischer Anschlag passiert“.

BKA und Verfassungsschutz mit Untersuchung betraut

Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sagte, dass das Landeskriminalamt und der für politische Straftaten zuständige Staatsschutz Spuren gefunden hätten – auch dank des Schnees. Auch das Bundeskriminalamt (BKA) sei an den Ermittlungen beteiligt. Der Berliner Verfassungsschutz sei nach dem Anschlag sofort in den Dienst versetzt worden. „Wir machen in unseren Strukturen alles, um diese Täter ausfindig zu machen“, sagte Spranger. 

„Wir haben heute Nacht das Gaskraftwerk in Berlin-Lichterfelde erfolgreich sabotiert“, heißt es in dem Bekennerschreiben, das der Polizei seit Samstag vorliegt und am Sonntag auf einer einschlägigen Website veröffentlicht wurde. „Der Angriff auf das Gaskraftwerk ist ein Akt der Notwehr und der internationalen Solidarität mit allen, die die Erde und das Leben schützen.“

In ihrem Schreiben geben die Verfasser auch Täterwissen preis, indem sie Details des Anschlags schildern: Die Kabelbrücke vom Kraftwerk Lichterfelde über den Teltowkanal „haben wir zur Seite der Grünanlagen hin in Brand gesetzt“, heißt es. „Wir haben die angeschmorten Kabelstränge mit herumliegenden Stahlstangen zusätzlich kurzgeschlossen.“

In einer weiteren Erklärung vom Nachmittag hieß es: „Unter der Kabelbrücke befanden sich um die 64 Rohre, die zu einem großen Teil mit Starkstromkabeln belegt waren. Mit vier Baustellenspießen haben wir diese miteinander verbunden, um einen Kurzschluss zu gewährleisten.“

In diesem Häuschen an einer Kabelbrücke vor dem Kraftwerk Lichterfelde wurde das Feuer gelegt.

© picture alliance/dpa/Michael Kappeler

Nüchtern teilt die Gruppe mit: „Es kam zu Stromausfällen in den wohlhabenderen Stadtteilen Wannsee, Zehlendorf und Nikolassee.“ Diese stellt sie jedoch wie einen Kollateralschaden dar: „Stromausfälle waren nicht Ziel der Aktion, sondern die fossile Energiewirtschaft. Bei den weniger wohlhabenden Menschen in dem Südwesten Berlins entschuldigen wir uns. Bei den vielen Besitzern von Villen in diesen Stadtteilen hält sich unser Mitleid in Grenzen.“

Ein längerer Stromausfall bei privaten Haushalten sei „weder beabsichtigt noch kalkuliert“ gewesen, schreibt die Gruppe. „Das mehrfach gesicherte Energienetz wird über andere Wege der Energieleitungen die Haushalte in kürzester Zeit wieder über das weit verzweigte Stromnetz anschließen.“ Tatsächlich rechnet der Betreiber Stromnetz Berlin damit, dass die Versorgung in den Ortsteilen Nikolassee, Zehlendorf und Wannsee noch bis Donnerstag unterbrochen sein wird.

Die Vulkangruppe spricht hingegen von „Kettenreaktionen, die nicht in unserem Verantwortungsbereich liegen“ und gibt den Betroffenen gleich noch ein paar Ratschläge: „Klingeln Sie bei Ihren Nachbar:innen an. Bedenken Sie, ältere oder hilfsbedürftige Menschen bei einem Ausfall des Stroms mitzuversorgen. Versorgen Sie sich und andere Menschen, indem Sie solidarische Unterstützung geben. Informieren Sie sich untereinander.“

Heizkraftwerk Lichterfelde: Den Anschlag auf Kabel bezeichnen die Linksrextremen als „Akt der Notwehr“.

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Zudem behaupten die Verfasser des Bekennerschreibens: „Wir haben zu jedem Zeitpunkt die Gefährdung von Menschenleben ausgeschlossen.“ Doch die Gruppe sieht sich wegen der Ermittlungen und wegen des Zeugenaufrufs der Polizei offenbar unter Druck. In einem weiteren Schreiben von Sonntagnachmittag heißt es: „Wir bitten die Anwohner:innen (...) um Verschwiegenheit.“

Wer ist die Vulkangruppe?

Gegründet haben soll sich der linksextreme Zusammenschluss bereits 2011, seitdem werden immer wieder Brandanschläge in Berlin und Brandenburg im Namen der „Vulkangruppe“ verübt. Schon zweimal soll sie in den Jahren 2021 und 2024 die Stromversorgung des Tesla-Werks in Grünheide angegriffen haben.

Ob sie auch hinter dem Anschlag steckt, der im September 2025 zu einem großen Stromausfall in Adlershof führte, ist bisher nicht endgültig geklärt. Ermittler vermuten aber einen Zusammenhang – und das neue Bekennerschreiben erwähnt den Anschlag auf den Technologiepark auch. Bei früheren Angriffen wurden als Ziel zumeist Kabelschächte an Bahntrassen gewählt. In einigen Fällen beschädigte die Gruppe Funkmasten oder Datenleitungen, teilweise auch Firmenfahrzeuge.

Allerdings wird im aktuellen Bekennerschreiben Bezug auf frühere Taten genommen. Dort heißt es: „Die konkreten Angriffe auf den Technologiepark Adlershof, auf Teslas Gigafactory, auf die Infrastruktur des Vattenfall-Steinkohlekraftwerks Reuter und auf den Knotenpunkt von Vodafone in Adlershof sind Referenzpunkte unserer Aktion, sowie die vielen militanten Aktionen, die Akzente gegen die Zerstörung unserer Erde setzen.“ Klar ist: Die Stromleitungen, Masten und Knotenpunkte sind alle frei im Internet abrufbar. Wer einen Anschlug verüben will, bekommt leicht Informationen zu den Standorten des Stromnetzes – und wen es trifft.

Der Berliner Verfassungsschutz ordnet die Gruppierung dem anarchistischen Spektrum zu. Völlig unklar ist unterdessen, wie sich die Linksextremen zusammensetzen, wie viele sie sind und wie sie sich organisieren. Vom Nachrichtendienst ist lediglich zu hören, dass in mindestens acht Fällen die Texte der Bekennerschreiben der vergangenen Jahre in Aufbau, Stil und inhaltlichen Aussagen sich so ähneln, dass die Behörde von einem „(teil-)identischen Autorenkreis“ ausgeht.

Protest gegen den Ausbau von KI

In ihrem aktuellen Schreiben geißelt die Gruppe eine „Gier nach Energie“, die durch Erderwärmung die natürlichen Lebensgrundlagen zerstöre. „Ganze Regionen werden unter der Hitze unbewohnbar gemacht“, heißt es. „Das Ausmaß dieser Verwüstung wird einfach ausgeblendet, abstrahiert und in globalen Klimakonferenzen diskutiert, bis das Ausmaß der Zerstörung in Tabellen und Absichtserklärungen verschwunden ist.“

Insbesondere kritisieren die Linksextremen den Ausbau der Künstlichen Intelligenz (KI) – wegen des großen Energiebedarfs und gesellschaftlicher Gefahren. „Wir bedienen unsere eigene Überwachung und die ist total“, schreiben sie. „Die Tech-Konzerne sind in den Händen von Männern der Macht, die wir ihnen geben.“ Und: „Eines Tages werden wir einfach vor den leuchtenden Bildschirmen oder den toten Geräten sitzend verdursten und verhungern.“

Das Kraftwerk Lichterfelde und den Ausbau des Stromnetzes, beides nach einem Volksentscheid im Jahr 2013 inzwischen rekommunalisiert, betrachtet die Vulkangruppe als Symbol eines ungebremsten Energiehungers. „Ziel der Aktion ist es, der Gaswirtschaft und der Gier nach Energie einen hohen Schaden zuzufügen“, heißt es im Bekennerschreiben. Die Rede ist von einem „Wachstumswahn“ und der Stadt als „Schlachtfeld“ in der Konkurrenz der Metropolen.

Die Ansiedlung von Start-ups, Rüstungsbetrieben und anderen Tech-Unternehmen erhöhe nur den Energieverbrauch, bei der Elektromobilität gehe es mehr um Individualverkehr als um öffentlichen Nahverkehr, die Rede von einer Energiewende sei „Augenwischerei“. Persönlich kritisieren die Linksextremisten auch Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) für diese Entwicklung. Ihr Anschlag richtete sich gegen ein Landesunternehmen, das sie zentralen Akteur betrachten. „Mit Stromnetz Berlin hat es einen Baustein dieser katastrophalen Vision von einer smarten City getroffen.“

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