• Interview mit Michael Müller: „Andere Städte hätten auch gerne eine solche Klinik-Reserve“
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Interview mit Michael Müller : „Andere Städte hätten auch gerne eine solche Klinik-Reserve“

Ist Berlins Corona-Notklinik überflüssig? Nein, meint Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, die Gefahr einer zweiten Welle sei nicht gebannt. Ein Interview.

Michael Müller (SPD) mit Schutzmaske. Berlins Senatschef hat allein im Büro fünf Exemplare.
Michael Müller (SPD) mit Schutzmaske. Berlins Senatschef hat allein im Büro fünf Exemplare.Britta Pedersen/dpa

Herr Müller, wie viele Schutzmasken haben Sie eigentlich?
Eine habe ich immer dabei, zwei sind im Schreibtisch. Mindestens fünf Masken habe ich zu Hause. Ich kriege immer wieder welche geschenkt, die letzte vom Finanzsenator.

Vielleicht brauchen wir Schutzmasken noch lange. Stoppt Covid-19 Berlins Ambitionen, zur internationalen Medizinmetropole aufzusteigen?
Nein, jetzt erst recht. Ich werbe im Parlament und im Senat dafür, dass wir noch mehr in Infrastruktur, Digitalisierung und in unsere Forschungseinrichtungen investieren. Wir sehen doch gerade, was wir daran haben. Wo stünden wir ohne die Wissenschaft, ohne Charité und die anderen Kliniken, und ohne die Expertise von Forschern.

Ich habe die Bürgermeister des Metropolis-Städtenetzwerks kürzlich zu einer Videoschalte eingeladen, um uns über Erfahrungen in der Corona-Pandemie auszutauschen. Da haben 14 meiner Amtskollegen teilgenommen, beispielsweise Ekrem Imamoglu aus Istanbul und Sadiq Khan aus London. 

Das nächste Treffen ist für diese Woche geplant. Auch Christian Drosten von der Charité wird dabei sein. Er ist als Virologe weltweit anerkannt, das kann uns stolz machen. Wir werden dann zusammen meinen Amtskollegen die Berliner Teststrategie erläutern.

Wie viel muss investiert werden, um nicht allein Grundlagenforschung, sondern deren wirtschaftlichen Erfolg zu fördern? In Boston, rund um die Harvard-Universität, wird mehr Geld angelegt.
Es ist gut, sich an den Besten zu orientieren. Andererseits sind unsere Systeme in vielerlei Hinsicht sehr unterschiedlich. In den USA herrscht eine andere Investitionskultur, eine andere Spendermentalität. Allein das Stiftungskapital der Harvard-Universität beträgt 40 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig investieren die USA nicht so viel in die Regelversorgung, also in die regulären Kliniken, wie es in Deutschland üblich ist.

Unser Anspruch für Berlin muss beides sein, Spitzenforschung und beste Gesundheitsversorgung. In diesen Bereichen waren wir noch nie so gut aufgestellt wie heute.

Bürgermeister Michael Müller mit Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci - beide aus der SPD.
Bürgermeister Michael Müller mit Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci - beide aus der SPD.Jörg Carstensen/dpa

Allein in moderne Infrastruktur für die Lebens- und Naturwissenschaften an unseren Universitäten, der Charité und den Forschungsinstituten investieren wir gerade über zwei Milliarden Euro. In Buch und Dahlem entstehen für 100 Millionen Biotech-Gründungszentren. 

Mit dem Berlin Institute of Health und dem Herzzentrum setzt auch der Bund stark auf unseren Medizinstandort. Aber klar, der Ausbau unseres Wissenschaftsstandorts wird in der nächsten Dekade allein in diesen Bereichen hohe dreistellige Millionenbeträge kosten, wenn nicht mehr.

In Deutschland ist Risikokapital die Ausnahme – wie holen Sie Investoren?
Die Pandemie ändert da etwas. International wird wahrgenommen, wie Deutschland und insbesondere Berlin in der Coronakrise bestehen. Das Gesundheitssystem ist stabil und unsere Forschungsexpertise weltweit anerkannt. Berlin wird als Innovationsstandort immer interessanter, wir können selbstbewusster auftreten. Medizin und Biotechnologie sind Zukunftsfelder, in die es sich hier zu investieren lohnt.

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Es gibt auch in anderen deutschen Städten tolle Universitäten und erfolgreiche Biotech-Unternehmen. Aber wir haben neben dem Wissenschaftsumfeld auch die ganz großen Pharmafirmen – Sanofi, Pfizer, Bayer, Berlin-Chemie, dazu viele kleine Start-ups. Allerdings könnten deutsche Pharmafirmen risikofreudiger werden, also öfter in Start-ups und Projekte mit Hochschulen investieren.

Was kann Wissenschaft tun, um Wertschöpfung zu steigern?
Die Wissenschaft nur aus der Perspektive der Wertschöpfung zu betrachten, halte ich für falsch. Aber ja, wenn man will, dass weiter stark in die Forschung investiert wird, dass Parlamente ihre Haushalte darauf ausrichten, dann müssen auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Arbeit noch besser kommunizieren und für ihre Ziele werben. Wir müssen deutlich machen, warum exzellente Wissenschaft und Top-Labore in Berlin wichtig sind: wie jetzt zum Beispiel, um Menschenleben zu retten.

Nicht nur im Zentrum passiert einiges, vor den Toren Berlins lässt Tesla-Chef Elon Musk trotz Coronakrise weiterbauen. Haben Sie Musks Handynummer?
Wir haben zwei Mal miteinander telefoniert, aber nicht übers Handy. Wie bei Investitionen von Siemens, SAP und anderen wird auch Tesla weitere Unternehmen in die Region locken. Läuft das Werk erst mal, wird es einen Schub geben.

Den erwarten Sie auch von Herzzentrum und Charité, die Europas modernste Kardiologie aufbauen sollen. Die nächste Idee?
Wir sollten den zweiten Schritt nicht vor dem ersten machen. Die Integration des Herzzentrums in die Charité ist beschlossen, aber noch nicht umgesetzt. Für den Bau gibt Berlin 300 Millionen, der Bund noch mal 100 Millionen dazu, auch das muss erst mal umgesetzt werden. 

Gleichzeitig implementieren wir die Strategie Gesundheitsstadt 2030, die eine enge Kooperation von Charité und Vivantes vorsieht, es geht um Fragen der Digitalisierung, gemeinsame Ausbildung von Fachkräften, Synergien in der Spezialisierung. Auch die Weiterentwicklung des Berliner Forschungsprofils in der Biomedizin ist Teil dieser Strategie.

Regierender Bürgermeister von Berlin: Michael Müller (SPD) ist zudem Wissenschaftssenator seiner Stadt.
Regierender Bürgermeister von Berlin: Michael Müller (SPD) ist zudem Wissenschaftssenator seiner Stadt.Hannes Heine

Die von Ihnen eingesetzte Zukunftskommission „Gesundheitsstadt Berlin 2030“ empfahl, die landeseigenen Konzerne Vivantes und Charité sollen eine Akademie aufbauen, um Pflegekräfte, Laboranten und Verwaltungsprofis auszubilden. In Spandau gibt es ein geeignetes Areal. Und nun?
Der erste wichtige Schritt dafür ist bereits erfolgt, Anfang des Jahres haben Charité und Vivantes ihren gemeinsamen Bildungscampus für die Gesundheitsberufe gestartet. Die Ausbildung erfolgt aktuell noch an drei verschiedenen Standorten, die Kapazitäten sollen aber weiter ausgebaut werden.

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Vorgesehen dafür ist der Standort Spandau. Die Finanzverwaltung hat auch in Abstimmung mit dem Bund, dem das Grundstück gehört, Gespräche darüber geführt, wie unser Konzept dort am besten umgesetzt werden kann. Wir sind jetzt wieder einen Schritt weiter.

Sollten Vivantes und Charité nicht gleich fusionieren?
Da gibt es sehr plausible Gegenargumente. Zusammen mit dem Deutschen Herzzentrum wird die Charité-Universitätsklinik mehr als 20.000 Beschäftigte haben. Das ist schon groß genug. Eine volle Fusion mit den Vivantes-Kliniken, die ja selbst 17.000 Beschäftigte haben, bedeutet heftige Reibungsverluste. Ein solcher Supra-Krankenhauskonzern hätte zudem fast 30 Standorte, so was ist schwer zu steuern. Ich möchte nicht, dass wir uns jahrelang mit uns selbst beschäftigen.

Anders als in Boston dauern Berufungsverfahren in Berlin noch Monate, wenn nicht ein Jahr. Verliert die Stadt gute Professoren an Konkurrenzhochschulen?
Ich glaube nicht, dass die Berufungsverfahren ein Problem sind. Wir stehen im internationalen Vergleich gut da. Bei Gehältern für Spitzenprofessuren liegen wir inzwischen deutschlandweit mit Bayern an der Spitze, auch die Bedingungen für Juniorprofessuren haben wir deutlich verbessert. Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass auch mal jemand im Berufungsverfahren abspringt, weil ein anderes Angebot schneller ist.

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Aber ich höre oft, dass Berlin für internationale Forscherinnen und Forscher immer attraktiver wird, nicht zuletzt weil unser Wissenschaftssystem stabiler ist und seine Finanzierung verlässlicher.

Zurück zur Pandemie. Noch sind in Berlin circa 8000 von 20.000 Klinikbetten frei. Wollen Sie das Angebot erneuern, Patienten aus anderen Staaten zu versorgen?
Zusammen mit der Charité hatten wir Italien ein Angebot gemacht, das letztlich nicht angenommen werden musste. Stattdessen nahm unsere Uniklinik Patienten aus Frankreich auf, wofür sich Präsident Emmanuel Macron vor einigen Tagen per Brief bei uns bedankte. Wir wollen gern weiter helfen, wenn unsere Kliniken dafür Möglichkeiten sehen. Auch unserer Partnerstadt Moskau habe ich ein Angebot übermittelt. Bislang gab es keine Reaktion, ich bin dafür nach wie vor offen.

Beschäftigte aus Kliniken demonstrieren in Berlin für ein andere Krankenhausfinanzierung.
Beschäftigte aus Kliniken demonstrieren in Berlin für ein andere Krankenhausfinanzierung.REUTERS/Fabrizio Bensch

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci steht in der Kritik – von den Amtsärzten der Bezirke, auch aus Vivantes. Es heißt, die Covid-19-Notklinik an der Messe sei kopflos geplant und überflüssig. Gibt es Pläne für eine Nachnutzung?
Wir sollten alle miteinander froh sein, dass uns dieser Kraftakt in nur vier Wochen gelungen ist und wir die Extrabetten dort haben. Andere Städte hätten auch gerne eine solche Reserve. Bis nächstes Jahr wird die Notklinik auch vorgehalten. Eine zweite, heftigere Infektionswelle kann niemand ausschließen. Bis auf die Böden und Trennwände kann das gesamte medizinische Equipment danach in Berliner Kliniken zum Einsatz kommen.

Die Amtsärzte kritisieren die Senatorin, weil sich Kalayci über Rat hinwegsetze.
Wir alle haben das gleiche Ziel und werden diese Krise nur in einem konstruktiven Miteinander bewältigen. Die Gesundheitssenatorin hat von Anfang viele Entwicklungen sehr positiv vorangetrieben und vor den Gefahren durch das neuartige Coronavirus gewarnt – als andere noch von einer Art Grippewelle redeten.

Sollten wir der Wissenschaft klarer folgen?
Man muss nicht selbst studiert haben, um die Bedeutung der Wissenschaft gerade in einer Krise wertzuschätzen. Wissenschaftlicher Rat, von Virologen genauso wie von anderen Fachrichtungen, ist mir wichtig. Aber genauso muss ich die Perspektive von Lehrervertretern, Elternverbänden, Sozialeinrichtungen, Unternehmern, Behörden, Amtsärzten im Blick haben. Für die politische Entscheidungsfindung spielen alle diese Aspekte eine Rolle.

Die Amtsärzte haben Grund zur Wut. Immer noch sind in den Gesundheitsämtern mindestens 200 Stellen unbesetzt.
Senatorin Kalayci will ein zentrales Einstellungsmanagement organisieren, damit die Bezirke die Stellen schneller besetzen können. Das Geld dafür ist auch da. Gemeinsam müssen wir jetzt um die geeigneten Leute auf dem Arbeitsmarkt werben.

Amtsärzte, Bezirke, Senatoren, Ministerpräsidenten-Konferenzen, Bundesregierung – ist unser fragmentiertes System in der Notlage ausreichend handlungsfähig?

Unser Föderalismus funktioniert, die Ansteckungsraten sind niedrig, die Gesundheitsversorgung läuft. Aber eine Lehre der Pandemie ist, dass Kommunen, Länder und Bund besser zusammenarbeiten müssen. Für Berlin heißt das, die Bezirke und der Senat mit seinen Krisenstäben müssen sich in Notzeiten von Anfang an noch enger abstimmen und, wie jetzt auch erfolgt, zentral koordiniert werden. Im Bund könnte zudem das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe gestärkt werden. Kompetenzen zu bündeln, wird mit Blick auf Notfallpläne und zu beschaffene Reserven helfen.

In der Stadt fehlten über Wochen geeignete Masken, Kittel, Handschuhe. Was ist die unmittelbare Lehre daraus?
Wir werden als Land eine Reserve anschaffen, genauso wie die Krankenhäuser und Praxen diese vorhalten werden. Mindestens für die erste Zeit einer Pandemie müssen Vorräte an Schutzmaterial und Arzneien reichen.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, ist weltweit als Experte anerkannt.
Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, ist weltweit als Experte anerkannt.Christophe Gateau/dpa

Ärzte, Pflegende, Klinikleiter lehnen die Fallpauschalen ab. Damit sind die knappen Gelder gemeint, die von den Krankenkassen pro Diagnose gezahlt werden. So lässt sich keine Vorsorge betreiben, aber massenhaft Hüft-OPs durchführen.
Ich bin mir sicher, dass die Corona-Pandemie die Diskussion um die Krankenhausfinanzierung und die Fallpauschalen verändern wird. Es ist nötig, auch Betten und Geräte zu finanzieren und vorzuhalten, die im Normalfall nicht gebraucht werden. Mir sagen Experten, dass es künftig durchaus ähnliche Infektionswellen geben wird. Die Fallpauschalen schaffen falsche Anreize. Es gibt dazu bereits Debatten im Bund. Ich kann mir auch eine Berliner Bundesratsinitiative vorstellen, um das System der Fallpauschalen abzuschaffen.

Noch mal zu Berlins Top-Virologen Christian Drosten. Er ist nicht nur durch seinen NDR-Podcast sehr präsent – hat er zu viel Einfluss für einen Professor?
Nein. Wissenschaftler genießen zu Recht eine hohe Akzeptanz und gerade Christian Drosten trägt viel dazu bei, dass die Öffentlichkeit die Corona-Pandemie besser versteht. Einer solchen Präsenz können leider auch heftige Reaktionen folgen, das ist ein großer Druck.

Sie sprechen von den Beleidigungen und Drohungen, die Drosten über sich ergehen lassen muss. Gepöbelt wird nicht nur im Internet, auf den Straßen demonstrieren sogenannte Corona-Skeptiker.
Ich beobachte das mit Sorge, weise aber darauf hin, dass es sich in Berlin um wenige Tausend handelt. In einer Stadt mit bald vier Millionen Einwohnern. Alle Umfragen zeigen: Die übergroße Mehrheit unterstützt die Maßnahmen von Bund und Ländern. Das freut mich, denn die Einhaltung der Hygiene- und Abstandsmaßnahmen bleibt nach wie vor wichtig. Wir dürfen jetzt nicht das gemeinsam Erreichte leichtfertig verspielen.

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