Juden und Muslime in Berlin : Eine Stadt, zwei Welten

Am Pariser Platz feiert die jüdische Gemeinde das Lichterfest, in der Nähe protestieren Palästinenser. Flaggen brennen diesmal nicht.

Licht im Dunkeln. Rabbiner Yehuda Teichtal (r) und Michael Müller zünden die erste Kerze am Chanukka-Leuchter vor dem Brandenburger Tor an.
Licht im Dunkeln. Rabbiner Yehuda Teichtal (r) und Michael Müller zünden die erste Kerze am Chanukka-Leuchter vor dem...Foto: Paul Zinken/dpa

Michael Müller könnte nicht klarer sein. Er verurteilt die „feigen Straftaten der vergangenen Tage“, das „schändliche Treiben“, die „besonders widerwärtigen Provokationen“. Und er verspricht: „Wir werden dem nicht tatenlos zusehen.“ Dass der Regierende seine Rede zum jüdischen Lichterfest Chanukka nutzen wird, um über die jüngsten antisemitischen Vorfälle in Berlin zu sprechen, war absehbar. Doch Müller geht Dienstagabend auf der kleinen Bühne am Brandenburger Tor viel weiter.

Vor mehreren hundert Zuhörern, die meisten mit aufgespannten Regenschirmen oder unter Kapuzen, die anderen klitschnass, kündigt er ein konsequentes Durchgreifen an. Nicht bloß gegen so offensichtliche Formen des Judenhasses wie das Verbrennen von Davidsternen, sondern auch gegen antisemitische Hetze, die sich als Kritik an der Politik Israels tarnt. Ein weiteres Mal verurteilt er dabei die Aktionen der Gruppe BDS, die am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, in Berlin zum Boykott Israels aufrief.

Viel Prominenz am Pariser Platz

Neben Müller ist zahlreiche weitere Politprominenz erschienen: Bundesjustizminister Heiko Maas, Vize-Bundestagspräsidentin Petra Pau, Grünen-Chef Cem Özdemir. Besonders herzlich begrüßt Rabbi Yehuda Teichtal die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli, die sich unermüdlich für die Verständigung zwischen den Religionen einsetze.
Von den befürchteten antisemitischen Störern ist an diesem Abend nichts zu sehen oder zu hören. Die Polizei hat den Pariser Platz seit dem Nachmittag weiträumig abgesperrt. 15 Einsatzwagen blockieren die Zufahrt, Beamte patrouillieren in Uniform und Zivil.
Nur ein paar hundert Meter weiter am Washingtonplatz vor dem Hauptbahnhof versammeln sich die, vor denen man sich am Brandenburger Tor fürchtet.

"Jerusalem ist auch die Hauptstadt der Palästinenser“

Darunter auch Mamoun Abualkhair, der zum dritten Mal in fünf Tagen gegen die Entscheidung Donald Trumps, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, demonstriert. „Wir sind hier, um zu sagen, dass Jerusalem auch die Hauptstadt der Palästinenser ist“, sagt Abualkhair, der seit 20 Jahren in Berlin lebt. Geboren ist er im Gaza-Streifen, Teile seiner Familie leben noch dort. Vor drei Jahren hat er sie zuletzt besucht. Eine „andere Welt“ sei das. Abualkhair verurteilt die aus seiner Sicht unmenschliche Blockade der Israelis. Fahnen mit dem Davidstern zu verbrennen, toleriere er aber nicht. Bei den vergangenen Demonstrationen habe er keine brennenden Fahnen gesehen. „Wir müssen uns an deutsche Gesetze halten“, sagt Abualkhair und kündigt vor der Kundgebung an, er werde einschreiten, sollten wieder Flaggen brennen.

Friedlicher Protest. Rund 500 Menschen demonstrierten am Washingtonplatz.
Friedlicher Protest. Rund 500 Menschen demonstrierten am Washingtonplatz.Foto: imago/Christian Mang

Soweit kommt es am Dienstagabend jedoch nicht. Die 500 Teilnehmer demonstrieren weitgehend friedlich. Nach Angaben des Berliner Polizeisprechers Thomas Neuendorf werden zwei Männer wegen des Zeigens des sogenannten „IS-Fingers“ vorläufig festgenommen. Gegen sie werde wegen des Verwenden von Zeichen verfassungswidriger Organisationen ermittelt, so Neuendorf. Gegen einen weiteren Mann sei Anzeige wegen eines Verstoß gegen das Vermummungsverbot erstattet worden.
Ansonsten bleibt es bei „Free Palestine“ und „Allahu Akbar“-Rufen. Der Anmelder der Kundgebung ist Ahmad Muhaisen. Immer wieder kritisiert er die Politik des US-Präsidenten: „Trump und Netanjahu nehmen uns mit ihrer Politik unsere Identität. Palästina ist keine Immobilie“, ruft Muhaisen in sein Megafon.

"Intifada bis zum Sieg"

Applaus bekommt er dafür von auffällig vielen Jugendlichen, die trotz des nasskalten Wetters zum Hauptbahnhof gekommen sind. Parallel zu den Reden stimmen sie immer wieder eigene Rufe an. „Israel bombardiert, USA finanziert. Intifada bis zum Sieg“, skandiert eine Gruppe junger Frauen wiederholt. Dass bei vergangenen Demonstrationen Israel-Flaggen angezündet wurden, finden sie gut. „Die Israelis nehmen ja auch keine Rücksicht auf die Palästinenser“, sagt eine 17-Jährige, die ihren Namen nicht nennen möchte.


Immer wieder erschallt auch arabische Musik, Demonstranten tanzen. Eine Touristin aus Hamburg, die mit ihrer Freundin den Bundestag besucht hat und auf dem Weg zu ihrem Zug ist, beachtet die Kundgebung fast nicht. „Schlimmer als in Hamburg ist es hier auch nicht.“ Als um 18 Uhr die Kundgebung beendet wird, eine Stunde früher als geplant, ist Veranstalter Muhaisen zufrieden. „Wir wollten ein Zeichen setzen und zeigen, dass wir keine Antisemiten sind.“

Auch in der US-Botschaft wird Chanukka gefeiert

Eine gänzlich andere Stimmung herrscht derweil in der hermetisch geschützten US-Botschaft am Pariser Platz. Die Hälfte der etwa 50 Gäste des traditionellen Chanukka-Empfangs schafft es nur durch den Hintereingang ins Gebäude. Da es immer noch keinen neuen Botschafter gibt, begrüßt Geschäftsträger Kent Logsdon Gäste wie Co-Gastgeber Rabbi Yehuda Teichtal von der Gemeinde Chabad Lubavitch, Staatssekretär Gunther Adler, Botschafter Felix Klein, der im Auswärtigen Amt für die Beziehungen zu jüdischen Organisationen zuständig ist und den israelischen Botschafter Jeremy Issacharoff.
Die Menorah werde öffentlich aufgestellt, damit die ganze Welt ihr Licht sehen kann, sagt Logsdon. Insofern gebe es dafür kaum einen symbolischeren Ort als den Pariser Platz. Es sei verstörend, dass Antisemitismus und andere Formen religiöser Intoleranz immer noch existierten in Europa, den USA und auf der ganzen Welt.

Jeden Abend wird ein Licht entzündet

Das Chanukka-Fest geht noch bis Mittwoch kommender Woche weiter. Jeden Abend wird ein weiteres Licht vor dem Brandenburger Tor entzündet. Neben seinen deutlichen Worten findet Michael Müller am Dienstagabend auch ein paar besinnliche. Die Botschaft von Chanukka sei die des Friedens und der Toleranz. Er freue sich, dass Berlin wieder über eine starke, wachsende jüdische Gemeinschaft verfüge. Und er sei stolz, dass das Brandenburger Tor nun für einige Tage vom Licht des Chanukka-Leuchters angestrahlt werde.
Getrübt wird die Stimmung allenfalls durch die Tatsache, dass die umstrittene Preisverleihung an den Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen am Donnerstag im Kino Babylon nun doch stattfinden soll. Jebsen erregte mehrfach Aufsehen durch antiisraelische Ausfälle. Für die Initiative „Wertegemeinschaft“, ein Zusammenschluss jüdischer Deutscher, ein „falsches Signal zur falschen Zeit“. Gründer Elio Adler, Zahnarzt aus Wilmersdorf, sagt: „Es kann nicht sein, dass Freiheitsrechte denen Raum geben, die Zwietracht in unserer Gesellschaft säen.“

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