Kopfschuss-Mord in Berlin-Moabit : Eine Spurensuche in sieben Kapiteln

Ein Georgier wurde in Moabit ermordet. Nun verdichten sich Hinweise auf eine Verstrickung Russlands und des Tschetschenien-Diktators Kadyrow.

Der Tatort selbst wurde zunächst mit einem Zelt abgeschirmt
Der Tatort selbst wurde zunächst mit einem Zelt abgeschirmtFoto: REUTERS

Der Vorsitzende der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft, Ekkehard Maaß, hat den deutschen Behörden vorgeworfen, den am Freitag in Moabit hingerichteten Georgier Zelimkhan K. nicht ausreichend geschützt zu haben. Darüber hinaus sagte Maaß dem Tagesspiegel, er vermute, dass die hiesigen Behörden bei der Einstufung des 40-Jährigen als Islamist offenbar auf möglicherweise fragwürdige Quellen aus Russland vertraut hätten.

Maaß sieht den Mord vom Freitag in Berlin in einer langen Reihe von Morden an Feinden und Kritikern des Regimes des russischen Präsidenten Wladimir Putin; angefangen mit den Gift-Mord an Alexander Litwinenko in London im Jahr 2006. Zuvor hatte die Duma damals die russischen Geheimdienste ermächtigt, Russlands Gegner im Ausland zu töten.

Ekkehard Maaß ist nicht der einzige Experte der hinter der Hinrichtung am Freitagmittag im Kleinen Tiergarten in Moabit ein klares politisches Motiv erkennt.

Die Behörden wollen sich noch nicht festlegen, halten einen gezielten Mord im Auftrag Moskaus oder des tschetschenischen Diktators von Putins Gnaden, Ramsam Kadyrow, aber für nicht unwahrscheinlich. Doch genau diese Feststellung wäre politisch höchst brisant für die Bundesrepublik.

Bild einer Überwachungskamera von den Verdächtigen für das Attentat auf den Agenten Skripal und seine Tochter
Bild einer Überwachungskamera von den Verdächtigen für das Attentat auf den Agenten Skripal und seine TochterFoto: dpa/AP/Metropolitan Police

Sicherheitskreise vergleichen den Fall mit dem Gift-Anschlag auf den russischen Ex-Geheimdienstoberst Sergej Skripal im März 2018 in England.

Mutmaßlich drei Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdiensts GRU hatten Skripal und seine Tochter mit einem Nervengift angegriffen. Beide überlebten. Der Fall führte zu einer schweren diplomatischen Krise zwischen Großbritannien und Russland.

Das Videostandbild vom russischen Staatssender RT zeigt Ruslan Boschirow (l.) und Alexander Petrow.
Das Videostandbild vom russischen Staatssender RT zeigt Ruslan Boschirow (l.) und Alexander Petrow.Foto: RT/dpa

Ein vergleichbarer Konflikt zwischen der Bundesrepublik und Russland wäre zu erwarten, sollte ein russischer Geheimdienst den Mord an K. in Auftrag gegeben haben. Sicherheitskreise erinnern an die Verwerfungen in den Beziehungen zu Vietnam. Der Geheimdienst des Landes hatte 2017 einen Landsmann aus Berlin entführt und nach Hanoi gebracht.

Die vietnamesische Botschaft war daran beteiligt. Die Bundesregierung protestierte heftig. Zu einem ähnlichen Politikum könnte sich der Fall Zelimkan K. auswachsen, heißt es.

Im zweiten Tschetschenien-Krieg kämpfte der Georgier Zelimkhan K. gegen die Russen.
Im zweiten Tschetschenien-Krieg kämpfte der Georgier Zelimkhan K. gegen die Russen.Foto/Screenshot: Palitra News / Tsp

Vorerst belässt die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen im Fall des Zelimkhan K. wegen Mordes aus Heimtücke bei der Berliner Staatsanwaltschaft. Ein Blick auf die Tat, das Vorgehen des Täters und die Geschichte des Opfers.

I. Die Tat – eine Hinrichtung

Zelimkhan K. ist am Mittag im Kleinen Tiergarten unterwegs, er will zum Freitagsgebet. Von hinten kommt der Täter auf dem Fahrrad angefahren und schießt dem Georgier zwei Mal in den Kopf. Augenzeugen berichten später, es habe wie eine Hinrichtung gewirkt, ein routinierter Mord.

Der Täter flüchtet auf seinem Fahrrad wenige hundert Meter in Richtung Süden zum Holsteinufer an der Spree. In einem Plastikbeutel wirft er die Tatwaffe und andere Utensilien ins Wasser, ebenso das Fahrrad.

Zwei 17-Jährige beobachten das alles, in der Nähe befindet sich eine Einsatzgruppe der Polizei. Die Beamten finden den Verdächtigen in einem Gebüsch, frisch umgezogen, daneben ein Motorroller für die weitere Flucht. Zunächst ist auch von einer Perücke die Rede, die gefunden worden sei. Anderen Berichten zufolge hatte er ein Haarschneidegerät dabei. 

Aus Ermittlerkreisen heißt es, er sei gut gekleidet gewesen. Auch fanden die Ermittler bei ihm eine größere Summe Bargeld – und Paprikapulver. Ein bewährtes Mittel, um Spürhunde von der Fährte abzubringen. Aus Sicht der Ermittler war er also gut vorbereitet. Auch Sicherheitskreise urteilen: Er ging wie ein Profi vor.

Auch zu Wasser waren Beamte nahe des Tatorts in Berlin-Moabit vor Ort.
Auch zu Wasser waren Beamte nahe des Tatorts in Berlin-Moabit vor Ort.Foto: Helena Piontek

Auch die Pistole war eine Waffe für Profis: Eine Glock 26, Kaliber 9 Millimeter – mit Schalldämpfer. Das Modell wurde eigens entwickelt, um sie verdeckt tragen zu können, besonders beliebt bei Geheimdiensten und Sicherheitskräften, auch als Zweitwaffe. Klein, robust, treffsicher, einfach zu handhaben. 

II. Der Täter – ein Russe?

Der Mann, den die Polizeibeamten im Gebüsch an der Spree gefunden und festgenommen haben, soll Russe sein. Zumindest stand das so in seinem Ausweis. Demnach heißt er Wadim S. Er trägt einen typischen russischen Namen, nichts auffälliges – wie in Deutschland Müller, Schmidt, Meyer. Die "Bild"-Zeitung berichtet, er habe bei seiner Vernehmung einen Vertreter der russischen Botschaft verlangt.

Wadim S., 49 Jahre alt, sitzt in Untersuchungshaft, hat die Tat zunächst bestritten und schweigt in den Vernehmungen. Sein Verhalten vor der Tat halten die Ermittler für verdächtig. Demnach ist Wadim S. erst wenige Tage vor der Tat in Deutschland eingereist und hat das spätere Opfer wohl ausgespäht.

Er soll auch schon ein Rückflugticket gehabt haben, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Demnach soll er Ende Juli in Moskau ein Visum für den Schengenraum beantragt haben. Er soll dann nach Paris geflogen, dort in den Zug gestiegen und wenige Tage vor der Tat in Berlin angekommen sein. Offen ist, ob Wadim S. direkt von Frankreich nach Deutschland kam oder sich noch einem weiteren Staat aufhielt.

III. Das Opfer – ein Islamist?

An den Verdacht, Zelimkhan K. sei ein Islamist gewesen, glaubt Ekkehard Maaß, der Vorsitzende der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft, nicht. Maaß kennt die Familie schon lange, er hat K. über Jahre begleitet. Seit mehr als einer Dekade leistet Maaß Flüchtlingshilfe und betreut Tschetschenen, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen sind.

Zelimkhan K. könnte einem Auftragsmord zum Opfer gefallen sein.
Zelimkhan K. könnte einem Auftragsmord zum Opfer gefallen sein.Foto/Screenshot: Palitra News / Tsp

Sicherlich sei K. ein gläubiger Muslim und fromm gewesen. „Aber er war kein Islamist“, sagt Maaß. „Er hat mich fast jeden Monat besucht, er ist ein liebevoller Mensch und schon gar kein Gefährder.“ Auch in Georgien wird der Islamisten-Verdacht energisch zurückgewiesen.

Ein früherer ranghoher Vertreter der Sicherheitsbehörden in Georgien erklärte gegenüber der Journalistin und Kaukasus-Expertin Silvia Stöber, K. sei kein Islamist, sondern wohl eher ein Kreml-feindlicher Separatist im Geiste des Ersten Tschetschenienkrieges von 1994 bis 1996, als Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tschetschenen gewaltsam vorging.

Wobei der Konflikt zwischen den Tschetschenen und dem Kreml bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht, zuletzt aber auch eine religiöse Radikalisierung bei Teilen der Separatisten zu beobachten war.

Zelimkhan K. wird nach seiner Ankunft in der Bundesrepublik von den deutschen Sicherheitsbehörden 2017 zunächst als Gefährder eingestuft. Gefährder sind Personen, denen jederzeit ein Anschlag zugetraut wird. 2018 wurde die Einstufung als Gefährder aufgehoben, er wird jedoch weiter als "Relevante Person" im Bereich des Islamismus geführt. Er soll in Moscheen verkehrt haben, in denen Islamisten aus dem Kaukasus aktiv sind.

Laut "Süddeutscher Zeitung" könnte die Einstufung auch auf den Angaben des russischen Geheimdienstes FSB beruhen, K. halte weiter Kontakt zu Terroristen im Kaukasus. Deutsche Sicherheitskreise betonen jedoch, eine Warnung des FSB würde nicht reichen, um eine Person als islamistischen Gefährder einzustufen. Da müssten eigene Erkenntnisse hinzukommen. Die deutschen Behörden sahen Kontakte zu Salafisten.

Auch in Deutschland sei K. bedroht worden, sagt Maaß. Er habe Droh-Nachrichten über verschiedene Messenger bekommen. „Ich hoffe, die Polizei untersucht sein Handy, er hat mir die Nachrichten gezeigt“, sagt Maaß.

IV. Leben in Gefahr – die Behörden waren gewarnt

Ende 2016 kommt Zelimkhan K. in Berlin an – er musste flüchten, überlebte mehrere Attentate. Anfang 2017 wendet sich Ekkehard Maaß an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Maaß bittet in einem Schreiben an die Behörde um Schutz für den Georgier, er werde von Russland verfolgt. Die Behörde dürfe K. nicht dorthin schicken, „wo er für den langen Arm Putins erreichbar ist“. Doch diesen Schutz gibt es in Deutschland für Zelimkhan K. nicht.

Dass Zelimkhan K. auf einer Todesliste stehen könnte, hat Gründe. Im Zweiten Tschetschenienkrieg kämpfte er auf Seiten der Rebellen und kommandierte eine Einheit. Im August 1979 wird K. im georgischen Pankisi-Tal geboren, dort lebt die Volksgruppe der Kisten, eine tschetschenische und auch religiöse Minderheit.

Die Familie zieht 1991 nach Tschetschenien, kehrte während des Ersten Tschetschenienkrieges bis 1996 zurück nach Georgien und siedelt dann wieder zurück. Seinen ersten Pass, so berichtet er es später, erhielt K. in Tschetschenien.

1999 bricht der Zweite Tschetschenienkrieg aus, auch Zelimkhan K. kämpfte auf Seiten der Separatisten. 2002 wird ihm eine Einheit von 60 Soldaten unterstellt. Angeblich kämpft er an der Seite des Rebellen-Präsidenten Maschadow, ein früherer Militär der Sowjetarmee, der zu den Kräften zählte, die nicht religiös-fundamentalistisch waren, eher einen weltlichen, eigenen Staat wollten.

Es gibt ein Foto, dass Zelimkhan K. und Maschadow in Kampfuniform beim Angeln zeigt. Auf einem anderen Foto ist er mit anderen Feldkommandanten der Rebellentruppen zu sehen, K. hakt sich bei Maschadow ein.

K. im Kreise der Feldkommandeure der Rebellen im Zweiten Tschetschenienkrieg. K. ist ganz links zu sehen. Er hakt sich bei Rebellenführer Aslan Maschadow unter.
K. im Kreise der Feldkommandeure der Rebellen im Zweiten Tschetschenienkrieg. K. ist ganz links zu sehen. Er hakt sich bei...Foto: Privates Archiv

2005, etwa zu jener Zeit, als Maschadow von russischen Spezialeinheiten getötet wird, flüchtet K. mit seiner Familie ins Pankisi-Tal nach Georgien. Dort ließ er sich einen neuen Pass ausstellen – auf den Namen Tornike K., den Familiennamen seiner Mutter. Später zieht es die Familie in die Hauptstadt Tiflis, seine Ehefrau arbeitet als Ärztin in einem Krankenhaus. 

2009 wird K. von den georgischen Behörden gewarnt, dass auf ihn ein Killerkommando angesetzt ist. Nach offiziellen Angaben erfolgt in diesem Jahr auch ein Giftanschlag, der scheitert. Die Russen rechnen K. dem „Kaukasischen Emirat“ zu, das für Anschläge in Russland verantwortlich gemacht wird.

Der FSB lässt 2008 über Nachrichtenagenturen verlautbaren, dass Zelimkhan K. ein Terrorist sei. Da waren die ranghohen, oft zerstrittenen Führer der Separatisten in Tschetschenien längst liquidiert. Den Russen reicht das nicht. K. wird auch als Statthalter des islamistischen Kämpfers Doku Umarow - des selbsternannten Chefs des Kaukasus-Emirats - in Georgien bezeichnet, der 2013 getötet wird.

V. Der Vermittler oder der Terroranführer?

Dass die russischen Geheimdienste Zelimkhan K. ins Visier nahmen, könnte weitere Gründe haben. Im Sommer 2008, während des russischen-georgischen Krieges, als Russland weit nach Georgien einrückt, sammelt K. eine Einheit von 200 freiwilligen Kämpfern aus dem Pankisital. Sie kommen nie zum Einsatz.

2012 wird Zelimkhan K. vom georgischen Innenministerium mit einem Auftrag bei einer Spezialoperation betraut. Aus dem Pankisi-Tal rückt ein Trupp von islamistischen Kämpfern in Richtung Dagestan vor, sie überwältigen Grenzposten der georgischen Truppen, nehmen in der Lopota-Schlucht unter den Einheimischen Geiseln. Mehrere Soldaten, aber auch Islamisten werden bei den Gefechten getötet.

Es gibt verschiedene Versionen zu dem Fall: Zum einen sollte K. als Unterhändler im Auftrag des Ministeriums Schlimmeres verhindern - wegen seiner guten Kontakte, weil er die Region gut kennt und weil seine Familie im Pankisi-Tal einen geachteten Ruf hat.

Die Russen vermuten jedoch K. selbst hinter den Plänen des Terroristentrupps. Nach dieser Version soll K. – möglicherweise im Auftrag des Ministeriums – dem Trupp über die Grenze in Richtung Tschetschenien helfen. Als die Russen davon Wind bekommen, wird ein Teil der Gruppe getötet – damit Georgien dem Vorwurf der Terrorhilfe entgeht. Die genauen Umstände des Vorfalls sind bis heute unklar.

In diesem Zusammenhang taucht auch Ahmed Tschatajew auf. Einige Berichte schreiben ihn der Terror-Gruppe zu, Tschatajew selbst behauptet nach seiner Verhaftung, K. habe dazu beigetragen, ihn als Verhandler zu gewinnen.

Tschatajew wird freigesprochen, taucht  2015 bei der Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien auf und gilt als Drahtzieher des Terrorangriffs auf den Istanbuler Flughafen 2016 mit Dutzenden Toten. 2017 wird er in Tiflis erschossen.

VI. Auf der Flucht – die Gefahr wächst

Es ist der 28. Mai 2015, Zelimkhan K. verlässt sein Haus in der Innenstadt von Tiflis. Acht Kugeln werden auf ihn abgefeuert, vier treffen ihn. Er wird schwer am Arm verletzt, den hat er sich vor den Kopf gehalten. Der Anschlag spielt in den georgischen Medien eine große Rolle, doch die Ermittlungen verlaufen im Sande. Schutzmaßnahmen bekommt K. nicht.

Als es ihm wieder besser geht, darf Zelimkhan K. mit seiner Familie zumindest ausreisen. Über die Türkei geht es in die Ukraine, fast ein Jahr lang findet die Familie dort Unterschlupf. Doch auch dort wird er aufgespürt und massiv bedroht. Er entschließt sich zur Flucht nach Deutschland, strandet aber in Polen.

K. nach dem Anschlag 2015 in Tiflis.
K. nach dem Anschlag 2015 in Tiflis.Foto: Privates Archiv

Seine Frau und die vier Kinder müssen in Polen einen Asylantrag stellen, sie werden dort in einer Unterkunft, die eher an ein Lager erinnert, untergebracht. Zelimkhan K. schafft es schließlich, illegal nach Deutschland einzureisen. Ekkehard Maaß bittet die zentrale Aufnahmestelle im brandenburgischen Eisenhüttenstadt, dass Frau und Kinder zu K. kommen dürfen.

Maaß weist die Behörde darauf hin, dass K. seit 2002 auf Russlands Fahndungsliste steht. Zum Schutz der Familie sei sein Name nicht in den Geburtsurkunden von drei Kindern eingetragen, nur in einer steht er. Wegen der Gefahr gebe es auch keine Heiratsurkunde.

Die Behörden lehnen den Asylantrag von Zelimkhan K. ab, er legt Widerspruch ein, dann Klage – wegen der Lebensgefahr für ihn, falls er abgeschoben werden sollte. Eine Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht steht laut Maaß noch aus, die Richter haben noch nicht entschieden. Doch jetzt ist Zelimkhan K. tot.

VII. Ein weiterer Fall auf der Todesliste?

Auch die von der EU und Deutschland finanzierte Nichtregierungsorganisation „Human Rights Education and Monitoring Center“ in der georgischen Hauptstadt Tiflis vermutet hinter den früheren Attentaten auf Zelimkhan K. sowie hinter der Hinrichtung am Freitag in Berlin russische Geheimdienste.

Nach Angaben von Maaß, der Kontakt zu der Familie hält, ist die Leiche bereits freigegeben und wird in seine Heimat überführt. Er soll im Pankisi-Tal bestattet werden.

Seit mehreren Jahren kursiert in Berlin das Gerücht, dass es eine Todesliste mit den Namen von Exil-Tschetschenen gibt. In Deutschland leben sowohl Gegner des Republikchefs Kadyrow als auch vermeintliche Flüchtlinge, die glühende Anhänger Kadyrows sind. Von den so genannten „Kadyrowzy“ fühlen sich viele andere Flüchtlinge bedroht. Auch die deutschen Sicherheitsbehörden sollen über die mögliche Existenz einer Todesliste informiert worden sein.   

Der russische Präsident Wladimir Putin (links) und der tschetschenische Republikchef Ramsan Kadyrow im Kreml.
Der russische Präsident Wladimir Putin (links) und der tschetschenische Republikchef Ramsan Kadyrow im Kreml.Foto: Reuters

Die Tat in Moabit erinnert an einen Mord in Wien im Januar 2009: Der Tschetschene Umar Israilow, der im Ersten Tschetschenienkrieg gegen die Russen gekämpft hatte, kam um die Mittagszeit gerade vom Einkaufen, als er von zwei Männern angegriffen wurde. Er schleuderte einem von ihnen seine Einkäufe ins Gesicht und flüchtete. D

ie beiden Männer verfolgten ihn, es fielen Schüsse. Einer der Verfolger gab aus kurzer Entfernung drei Schüsse auf den Flüchtenden ab. Israilow starb wenig später im Krankenhaus. Israilow war 2003 von Getreuen des Statthalters Kadyrows verschleppt worden, 2004 gelang ihm die Flucht – bis nach Wien. Dort beantragte er Asyl und betätigte sich als Menschenrechtsaktivist, um die Gräueltaten Kadyrows offenzulegen.

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Stadt der Toten in Tschetscheniens Bergen
Stadt der Toten in Tschetscheniens Bergen

Drei Tschetschenen wurden 2011 wegen Mordes zu langen Haftstrafen verurteilt. Es hieß, ursprünglich hätten sie Israilow nach Tschetschenien entführen sollen. Österreichs Verfassungsschützer bezeichneten damals den tschetschenischen Republikchef Ramsan Kadyrow als Auftraggeber des Mordes. 

„Es ist davon auszugehen, dass die Ermordung Israilows  tatsächlich von Ramsan Kadyrow gesteuert worden ist und daher einen politisch motivierten Hintergrund hat“, hieß es in einem Bericht des österreichischen Landesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung.

Zudem gab es damals Kritik an den österreichischen Behörden, weil Israilow trotz massiven Bedrohungen nicht geschützt wurde. Mehrfach hatte er die Behörden auf seine Lage aufmerksam gemacht. Es geschah nichts. 2015 befand ein Verwaltungsgericht, dass die Republik Österreich Mitschuld am Mord an Israilow hat. 

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