• Kultursenator Klaus Lederer: „Mir fehlt die Zeit, um auf die Suche nach Dealern zu gehen“

Kultursenator Klaus Lederer : „Mir fehlt die Zeit, um auf die Suche nach Dealern zu gehen“

Linken-Kultursenator Klaus Lederer ist einer der beliebtesten Berliner Politiker. Ein Interview über Clubs, Kiffen und sein Coming-out.

Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke)
Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke)Foto: Jörg Carstensen/dpa

Herr Lederer, herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit. Sie hatten doch Terminnot im Pankower Standesamt. Haben Sie Ihre Beziehungen spielen lassen?

Nein, mein lieber Mann hat sich selbst ins Amt gesetzt und gewartet, sodass wir Anfang August heiraten konnten.  

 Haben Sie in einem Club gefeiert?

Jein. Die Verpartnerung haben wir einem Club gefeiert, dieses Mal war es etwas privater.

 In welchem Club waren Sie zuletzt feiern?

Im About Blank, am Ostkreuz. Das habe ich auf dem Schirm, weil ich da bei der 200. Geburtstagsfete von Karl Marx war. Wobei feiern überzogen ist – im Augenblick ist das schwierig. Schließlich geht man in der Nacht feiern, wenn man den Tag danach frei hat. Das ist heute nur noch selten der Fall.

 Wie lang bleiben Sie denn so?

Seit ich im Amt bin, war es mir noch nie möglich, wirklich länger zu bleiben. Ich gehe um Mitternacht, aber da geht es im Club erst richtig los. Früher war ich schon bis 5 oder 6 Uhr unterwegs.

 Vermissen Sie das ein bisschen?

Ja, einerseits schon. Allerdings bin ich früher mit einem Kreis von Freunden losgezogen, der sich aus unterschiedlichen Gründen zerstreut hat. Allein los zu ziehen, finde ich eher unspannend.

 Einige Clubs mussten in den vergangenen Jahren in Berlin schließen.

Stimmt, während in der Stadt einmal Freiräume in anderen Größenordnungen vorhanden waren, gibt es heute nicht mehr so viele. Die Clubs sind in den vergangenen Jahren von verschiedenen Seiten unter Druck geraten, das hat natürlich Einfluss auf Standorte und Szene.

 Immer wieder liest man in den Berliner Zeitungen vom Ende der Partyhauptstadt...

Die Clubszene hat sich immer wieder neu erfunden. Es ist ja nicht so, dass man in den älteren Clubs nur Menschen über 50 findet. Es gibt heute die international bekannten Orte wie das Berghain, aber auch Kleinodien, die nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. In Bezug auf das Publikum ist die Szene ausdifferenzierter. Es gibt Orte, die sich explizit als queere Begegnungs- und Schutzräume verstehen. Andere, die ein spezielles Angebote für Frauen haben.

13 Millionen Besucher kamen 2017 nach Berlin. Viele davon für ein Partywochenende. Zu viele?

Die Tendenz zum Jet-Set-Tourismus ist ökologisch nicht unproblematisch und verändert die Kieze. Es gibt Ortsteile voller Hostels, die explizit auf Partytouristen ausgelegt sind. Diese lassen es hier heftig krachen ohne Rücksicht auf Verluste. Das verändert die Nachbarschaft, die Kieze und verringert die Akzeptanz von Tourismus.

 Viele kommen, um zu bleiben. Die Mieten explodieren. Wird die Stadt zu voll?

Sie sprechen nicht mit Herrn Söder oder Herrn Seehofer. Mein Ziel ist es nicht, Grenzkontrollen in Brandenburg einzuführen. Ich will keine Einreisebeschränkung für Zugezogene. Das wollen andere und das ist schlimm genug.

 Jeder vierte Berliner ist Akademiker. Das ist Rekord in Deutschland. Droht eine soziale Schieflage?

Nun sagt Akademiker noch nichts über Gehalt oder Beschäftigung… Aber unabhängig davon, müssen wir leider zur Kenntnis nehmen, dass manche Stadtteile für viele Menschen einfach nicht mehr bezahlbar sind. Das ist eine furchtbare Entwicklung – und ich möchte nicht, dass Berlin zu einer typischen Metropole mit allen negativen Konsequenzen wird. Da müssen wir aufpassen.

 Streng genommen sind Sie ein Zugezogener. Vor 30 Jahren kamen Sie mit Ihren Eltern nach Hohenschönhausen. Wie haben Sie als 14-Jähriger Ostberlin wahrgenommen?

Zunächst wollte ich gar nicht nach Berlin. Ich war 14 und hatte meinen Freundeskreis in Frankfurt an der Oder, da wollte ich nicht alles abbrechen. Es dauerte aber nicht lang und ich war froh, dass meine Durchsetzungskraft gegenüber den Umzugsplänen meiner Eltern überschaubar war. Aus heutiger Perspektive sage ich: Ein Glück!

 Sie haben die Vorwendezeit genossen?

Auf jeden Fall! Meine Kindheit war eine schöne Zeit. Ich bin in Friedrichshain auf die Schule gegangen und war deshalb viel in der Stadt unterwegs, zum Beispiel im Zeiss-Planetarium oder auch im Naturkundemuseum. Es gibt Menschen, die in ihrem Kiez bleiben. Ich aber habe die Stadt schnell für mich entdeckt, erstmal nur die halbe Stadt..

 Fühlten Sie sich eingesperrt?

Eingesperrt ist nicht das richtige Wort, wenn die Möglichkeiten für einen jungen Menschen im Osten Berlins neu, großartig, vielfältig waren. Klar, es gab die Mauer, es gab noch die andere Häfte der Stadt – aber die Tage eines 14, 15-Jährigen waren voll mit eigenen Entdeckungen, so dass das Bewusstsein für das Furchtbare der Mauer nicht im Vordergrund stand.

 Dann kam die Wende.

Für mich war das die Zeit, in der ich mir die ersten selbstständigen Gedanken gemacht habe. Natürlich brach die Wende nicht völlig aus dem Nichts über uns herein. Plötzlich kamen Künstler mit Liedern durch die Zensur, wo man sich wunderte. Ich erinnere mich an ein Lied von Gerhard Gundermann, in dem er die Umweltzerstörung zu einem Thema gemacht hat. Das war in der DDR bis dahin ein Tabu. Plötzlich wurden gesellschaftlich relevante Fragen öffentlich verhandelt.

 Ihre persönliche Perestroika?

Das war nicht nur eine persönliche, sondern in der Stadt spürbare Perestroika. Mitte der 80er trug man Anstecker von Depeche Mode, The Cure oder Modern Talking. Kurz vor der Wende sah man auf einmal Gorbi an den Revers. In der Familie haben wir über gesellschaftliche Fragen gesprochen, richtig diskutiert. Es war eine sehr intensive Zeit, in der sehr viel sehr schnell passierte

 Wie war ihr erster persönlicher Kontakt zum Westen?

Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich „rüberging“. Ich gebe zu, dass mich das zunächst wenig interessiert hat. Mein persönlicher Kontakt mit dem Westen war bis dahin über Verwandtschaft mütterlicherseits, die zu uns in die DDR kam. Meine Mutter ist in den 50er Jahren in den Osten gegangen, weil mein Opa rüber musste. Er war im Westen wegen Protesten gegen die Remilitarisierung und wegen seiner Betätigung als KPD-Mitglied der Strafverfolgung ausgesetzt. Das spielte zuhause genauso eine Rolle wie die Defizite und die Lethargie im Osten.

 Welchen Einfluss hatten diese Veränderungen auf Sie?

Zwischen meinem 15. und 22. Lebensjahr hatte die gesellschaftliche Entwicklung eine unglaubliche Dynamik. Für mich selbst war es eine Zeit der permanenten Selbstveränderung. Für junge Menschen ist es natürlich leichter, mit solch einem Umbruch klarzukommen. Es war aber auch eine Zeit, in der sicher geglaubte Gewissheiten ins Wanken gerieten und umgestürzt sind.

 Fiel Ihr Coming-out auch in diese Zeit?

Ja. Der Film „Coming out“ von Heiner Carow mit Dagmar Manzel und Matthias Freihof kam im Herbst 1989 in die Kinos. Er spielte eine große Rolle für mich.

  Hat Sie diese Zeit politisiert?

Mir war klar, dass die deutsch-deutsche Vereinigung mit all dem Taumel und dem „Ende der Geschichte“ eben nicht das Ende sein würde. Es entstanden Freiräume. Ich wusste, wenn ich mich nicht bewege und diese neuen Möglichkeiten nutze, darf ich mich nicht darüber beschweren, wenn ich bloßes Objekt der gesellschaftlichen Veränderungen bin. Mich hat die Frage beschäftigt, was eigentlich “links” ist und ich begann in linkslibertären bis linksautonomen Kreisen Freunde zu finden.

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