Stadt in Bewegung : Berlins Rolltreppen: Im Dauerlauf

Auf der Rolltreppe bietet der Mensch das Drama seiner Existenz als Schauspiel dar. Den Kampf zwischen Fortschritt und Abstieg. Eine Stadtreise auf bewegten Wegen.

Auf und ab. Die Stadt rollt, wie hier am Bahnhof Gesundbrunnen.
Auf und ab. Die Stadt rollt, wie hier am Bahnhof Gesundbrunnen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ich stieg am Hauptbahnhof aus. Wenn Hauptbahnhöfe die Visitenkarte einer Stadt sind, dann war ich in einem gigantischen Kühlfach gelandet. Überall Glas, Stahl und Beton, zeit- und ausdruckslos, ein durchsichtiges Labyrinth von Rolltreppen, die wie Transportbänder einer Fabrik für Schaufensterpuppen wirken.“ So lässt der Schriftsteller Henning Boëtius seinen holländischen Kommissar Piet Hieronymus in dem Roman „Berliner Lust“ am Hauptbahnhof ankommen.

Tatsächlich kann man hier, wo 54 Rolltreppen ihren 24/7-Dienst tun, wo der Blick durch alle Geschosse streifen kann, ein unheimliches Schauspiel erleben: Auf der Rolltreppe wird der Mensch zum Unmenschen, weil sie ihn zum Ding macht, das nach oben oder unten fährt, reglos, aller Bewegungsimpulse, die ihn sonst auszeichnen, beraubt. Da steht er, die Hände auf dem Rücken gefaltet oder vor der Brust verschränkt, wie ein verschnürtes Paket, das zugestellt wird oder sich selbst zustellt. Der Mensch ist Paket und Bote, Ware und Lieferant zugleich.

Diese Doppelnatur macht den Unmenschen wieder zum Menschen, denn kein anderes Tier macht sich willentlich zum reglosen Ding. Die Rolltreppe ist also: Wille zum Ding und Unding. Doch diese widerstreitenden Haltungen führen gerade hier zum Rolltreppenkampf zwischen den Eiligen und den Entspannten, zwischen den Hastenden und den Innehaltenden, zum Kampf zwischen den Fortschrittsgläubigen und den Fortschrittsskeptikern. Auf der Rolltreppe tauschen die Ellenbogen Argumente, auf der Rolltreppe gibt der Mensch das Drama seiner Existenz als Schauspiel zum Besten.

Eine routinemäßige Wartung

Heute Nacht bin ich im Hauptbahnhof mit einem Wartungstrupp der DB Services verabredet. 22 Uhr, zwei Monteure sperren die Fahrtreppe 17.1. mit gelben Barrikaden ab. Es ist eine routinemäßige Wartung. Staub wird gesaugt, Lampen ausgetauscht, Teile geölt, Schrauben nachgezogen. Der größere der beiden Männer steht mir Rede und Antwort. Er ist Mitte zwanzig, wirkt aber älter, so als hätte ihn der Rolltreppendienst desillusioniert. Nicht weil die nächtliche Arbeit so anstrengend ist, sondern weil die Rolltreppe die Natur des Menschen offenbart. Der Mensch, sagt er, sei der schlimmste Feind der Rolltreppe, der Mensch ist das Problem. Der Mensch rennt, wo er stehen sollte, der Mensch macht Dreck, wo er sauber sein sollte, der Mensch verhält sich kindisch, wo er erwachsen sein sollte. Man kann Rolltreppen reparieren, den Menschen kann man nicht reparieren.

Treppengesang. Nachts hört man die Sinfonie der Rolltreppen am Hauptbahnhof deutlicher.
Treppengesang. Nachts hört man die Sinfonie der Rolltreppen am Hauptbahnhof deutlicher.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die meistfrequentierten Rolltreppen des Hauptbahnhofes sind sicherlich FT 25.1 und FT 25.2. , sie führen zu den S-Bahn-Gleisen 15 und 16. Ich verabschiede mich von den Monteuren, es ist nach Mitternacht. Man sieht kaum noch Reisende, dafür viele junge Männer mit zerschlagenen Gesichtern, mit Rucksäcken und Bierflaschen. Manche Rolltreppen schleichen im Energiesparmodus, andere stehen still, einige laufen unverdrossen. Ich fahre rauf und runter. Die maschinelle Unermüdlichkeit produziert Unheimlichkeit. Wir brauchen euch nicht, singen die Rolltreppen. Tatsächlich stoßen sie spitze Schreie aus oder klingen, als ob jemand einen schneidenden Ton auf der Querflöte bläst. Frühmorgens und nachts hört man die Sinfonie der Rolltreppen deutlicher, wenn die lärmenden Züge und die hallenden Lautsprecherdurchsagen fehlen.

Ich erinnerte mich daran, dass ich eines Morgens, es war kurz nach sechs, die Abfahrt meines Zuges nach Köln verpasste, weil ich von diesem polyphonen Treppengesang so fasziniert war, dass ich die Durchsage überhörte, mein Zug fahre auf einem anderen Gleis ab. Es war eine Mischung aus industriellen und urbanen Tönen, ein höheres Quengeln und Winseln, so als ob Beton und Stahl ihre erzenen Geister anriefen und sich gegen die weichfleischliche Menschheit verschworen hätten. Während ich wieder nach oben fuhr, weit und breit kein Mensch, sah ich plötzlich, wie mich die Rillen der Stufen lüstern ansahen, Zähne, mahlende Kiefer, gleich würde sich oben, an der Kammplatte ein Maul auftun und mich verschlingen. Ich rannte, wo ich nicht rennen sollte.

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