Vorbereitung auf Coronavirus : Feuerwehr und Polizei rüsten sich für den Ernstfall

Polizei, Feuerwehr, Kliniken und Schulen bereiten sich auf das Corona vor. Es fehlt an Personal, Material, Rettungswagen. Panik sollte aber nicht ausbrechen.

Eine Polizeiabsperrung. (Symbolbild)
Eine Polizeiabsperrung. (Symbolbild)Foto: Paul Zinken/dpa

Polizei, Feuerwehr und Kliniken rüsten mit Blick auf das Coronavirus nach – in einem internen Schreiben der Landespolizeidirektion an alle Dienststellen wird die „Vorbereitung zur Übernahme einer stadtweiten Führungsverantwortung der polizeilichen Maßnahmen“ bei einer Ausbreitung der Infektion in Berlin angekündigt.

Die Bundeshauptstadt als Ballungsraum mit internationaler Bevölkerung und hoher Fluktuation von Touristen aus aller Welt unterliege per se einer erhöhten Gefährdung durch das Virus. Bei einer Ausbreitung könnten „umfangreiche polizeiliche Maßnahmen im Rahmen der Amts- und Vollzugshilfe“ und der – originär polizeilichen – Gefahrenabwehr und Strafverfolgung nötig werden.

Amtsärzte dürfen zur Gefahrenabwehr auch Zwangsmaßnahmen anordnen

Wie berichtet, sind zunächst die Amtsärzte der Bezirke zuständig: Wenn der Verdacht besteht, dass jemand infiziert ist, wird der Betroffene in einer Klinik isoliert. Nach zwei Wochen Quarantäne steht fest, ob ein Corona-Fall vorliegt. Die Ärzte in den Gesundheitsämtern ermitteln währenddessen, wer alles mit den Betroffenen Kontakt hatte – und die Amtsärzte dürfen zur Gefahrenabwehr auch Zwangsmaßnahmen anordnen: Sie können Erkrankte oder potenziell Infizierte befragen lassen, auch wenn diese das ablehnen. Betroffene sind zur Auskunft verpflichtet und müssen Abstriche, Urin- und Blutentnahmen dulden. Amtsärzte entscheiden auch, ob Schulen, Museen und Heime abgeriegelt oder evakuiert werden. Im Notfall kann die Polizei zur Unterstützung hinzugerufen werden.

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Ab Donnerstag, 18 Uhr, sollen an allen Direktionen und Abschnitten eigene Rufbereitschaften eingerichtet werden. So will die Polizei intern den Überblick behalten und die Reaktionszeiten verkürzen. Größte Sorge ist intern das Ausbrechen von Panik. Dann müssten Einsatzkräfte womöglich öffentliche Krankeneinsätze oder Versorgungspunkte sichern. Die Feuerwehr bereitet sich seit Wochen auf einen Corona-Ausbruch vor.

Schutzutensilien sind schwer zu beschaffen

Infolge des Stromausfalls in Köpenick 2019 seien Schwachstellen bei Großlagen und Katastrophen erkannt worden. Dennoch wurden intern auch Probleme besprochen: So stehe für Einsatzkräfte von Feuerwehr und Katastrophenschutz im Pandemiefall kaum ausreichend Schutzkleidung bereit. Weltweit sind Schutzmasken, Schutzkittel und Schutzanzüge am Markt nicht mehr zu haben. Die Berliner Krankenhausgesellschaft, die auch für die 38 Berliner Rettungsstellen spricht, teilte auf Anfrage mit, „ein ressourcenschonender“ Einsatz von Schutzutensilien in den Kliniken sei nötig, da die Beschaffung auf dem Weltmarkt derzeit schwierig sei.

Polizeiintern heißt es ebenfalls, es gebe ein „behördenweites Problem der Beschaffung“ von Schutzutensilien. Unter Feuerwehrleuten wird auch vor Personalnot gewarnt. Bei einer Pandemie müssten viele der Mitarbeiter mindestens acht Wochen lang eingesetzt werden – so lange können solche „Lagen“ dauern.

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Im Pandemiefall (wie auch nach verheerenden Anschlägen) kann der Katastrophenschutz mobilisiert werden. Für den stellen alle Behörden eigene Ressourcen auf – er fungiert wie eine Ad-hoc-Behörde. In Berlin verfügt dieser Stab unter Führung von Innensenator Andreas Geisel (SPD) über 40 Krankentransportwagen, davon sind zehn von Berlin finanziert, die übrigen 30 vom Bund bereitgestellten Wagen sind jedoch überaltert, zwölf sollten nach Tagesspiegel-Informationen in diesem Jahr ausgemustert werden.

Und für die ehrenamtlich im Katastrophenschutz tätigen Helfer aus den Sozialverbänden fehlt offenbar eine einheitliche Alarmtechnik. Es sollen Funkmelder beschafft werden, die Planung dazu läuft. Auch aus der Feuerwehr heißt es: Panikmache – insbesondere in den sozialen Medien – sei derzeit die größte Gefahr. Schon jetzt riefen Berliner vermehrt beim Notruf 112 an. Typische Fragen: „Könnte ich infiziert sein? Soll ich Vorräte kaufen? Hilft ein Mundschutz?“

Die 112 wirklich nur im Notfall wählen

Am Donnerstag bat die Feuerwehr, das nicht zu tun. „Bitte nutzen Sie ausschließlich die Nummer der Senatsgesundheitsverwaltung: 030 9028 2828.“ Ein Sprecher sagte, die 112 sei nur für tatsächliche Notlagen da – „wir können keine Beratungsgespräche anbieten.“ Sollte es allerdings tatsächlich Notfälle geben, schwer Erkrankte oder Kleinkinder, die Infektionszeichen aufweisen, kümmere man sich.

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) erklärte: zuerst die Senats-Hotline anrufen. Dann das Gesundheitsamt. Wenn das nicht klappt, vor einem Besuch in der Rettungsstelle in der Klinik anrufen. Niemand solle sich im Corona-Verdachtsfall unangekündigt in eine Rettungsstelle begeben – sondern zuvor anrufen (lassen), damit dort Schutzmaßnahmen getroffen werden können.

Bezirke sollen Desinfektionsmittel an die Schulen liefern

Während die Bildungsverwaltung am Donnerstag die Bezirke bat, den Schulen Desinfektionsmittel und zusätzliche Seife zu liefern, packten rund 30 Schüler der Tempelherren- und Mascha-Kaleko-Grundschule ihre Koffer, um nach Italien aufzubrechen: Am frühen Abend sollte es auf Skireise nach Südtirol gehen.

„Es ging stundenlang hin und her, dann wurde entschieden zu fahren“, berichtete ein Elternteil aus der Tempelherren-Schule dem Tagesspiegel. Während die einen Familien überlegten, ob es sich wegen einer einwöchigen Ski-Reise lohne, Risiken auf sich zu nehmen, haderten jene, die ihre Kinder nicht zur Reise angemeldet hatten, mit der gesteigerten Ansteckungsgefahr für die Lehrer und die knapp 600 Schüler beider Schulen, die in Berlin bleiben und anschließend mit den Rückkehrern aus Italien im Klassenraum sitzen würden.

Auf Schülerreise nach Norditalien?

Von der Mascha-Kaleko-Schule war noch mittags ein Drittel der 18 angemeldeten Schüler abgesprungen, ließ Schulleiter Keith Zimmermann am Nachmittag auf Nachfrage ausrichten. Die Lage ist nicht eindeutig, weil es für Italien keine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gibt: Die Eltern müssten also selbst für Stornogebühren aufkommen. Zudem ist Südtirol – anders als etwa Mailand – nicht als „Risikogebiet“ eingestuft.

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„Wir bitten unsere Kollegen, sich vorzubereiten, falls die Schulen schließen, um von zu Hause aus digital für die Kinder da zu sein, insbesondere für jene, die bald Prüfungen haben“, sagte der Geschäftsführer der Freien Kantschulen, Andreas Wegener. Klassenfahrten stünden bei den Kantschulen gerade nicht an, aber ein Fußballturnier im April nach Italien sei abgesagt worden.

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