Wahl in Brandenburg : Das fremde Land

Beim Wort Aufarbeitung denken die meisten Ostdeutschen nur an die Treuhand. Vergessen wird die Zeit, als man dafür auf die Fresse bekam, dass man falsch aussah.

Christian Bangel
Felder liegen vor den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde im Teichland
Felder liegen vor den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde im TeichlandFoto: Monika Skolimowska/zb/dpa

Es gibt einfach immer noch Leute, die Brandenburg nicht kennen. Die demzufolge auch gar nicht wissen, dass die besten Witze über Brandenburg schon längst gemacht wurden. Nämlich in diesem Lied von Rainald Grebe, das mit den Klängen von Spiel mir das Lied vom Tod beginnt und dann zu einer der lustigsten Beschreibungen anhebt, die je über ein deutsches Bundesland angefertigt wurden. "Da stehn drei Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum Verprügeln", sang Grebe erstmals 2005, und: "Ich fühl mich heut so ausgebrandenburgt." Nie davor und danach hat jemand mit solch maliziöser Präzision Nachwendebrandenburg niedergemacht.

Umso merkwürdiger ist es, dass ich von keinem Brandenburger weiß, der Brandenburg nicht mag. Die meisten fangen an zu grinsen, wenn man sie darauf anspricht, viele haben eine Zeile parat. Grebe trug das Lied sogar mehrmals in einem dieser Autohäuser in Schwedt vor, die er in dem Lied so verspottet. Man kann sagen, der beste Brandenburg-Diss aller Zeiten hat in Brandenburg den Status einer inoffiziellen Hymne. Und das mitten im Osten, dem ja kollektives Beleidigtsein nicht ganz fremd ist.

Aber so ist Brandenburg, die Gegend, aus der ich komme: unberechenbar in ihrer Zuneigung. Brandenburg, wo man im McDonald's von der Kassiererin im Rentenalter richtig hart angeschnauzt wird, wenn man nicht sofort zwischen Ketchup und Mayo entscheidet. Und wenn man sich aber dann über den Ton beschwert, dann sagt sie erstaunt: "War nich böse jemeint. Ick bin so." Und spendiert einen Kaffee. Frei nach Roberto Benigni: "Very strange country, my country".

"Schalten Sie ruhig das Handy aus"

Brandenburg umgibt Berlin wie das Meer eine Insel. Es ist größtes ostdeutsches Bundesland, hat aber nur 2,5 Millionen Einwohner. Es hat eine fast 300 Kilometer lange Grenze zu Polen. Seine Natur ist schön, wunderschön – wenn nicht gerade der Wald brennt, die Bäume vertrocknen oder der Borkenkäfer wütet. Jede Milchkanne hat nach der Wende ihr eigenes Naturschutzgebiet bekommen, weswegen das Land in vielen Gegenden aussieht wie aus einer Krombacher-Werbung abgefilmt. Endlose Landstraßen, Wälder und Seen, um die manchmal noch nicht mal ein Trampelpfad führt. Man kann in Brandenburg sehr gut der Menschheit abhandenkommen. "Deutschlands Schweden" – das wäre jetzt nicht ganz falsch, so als Imagekampagne. Oder, wenn man das traurige Thema Mobilnetz zu einem Pluspunkt machen will: "Schalten Sie ruhig das Handy aus."

Für die, die hier leben, ist die Leere in manchen Regionen natürlich nur so halb witzig. Hunderttausende sind von hier abgehauen, vor allem in den Neunzigern und Zweitausendern. Über uns Exilanten weiß man wenig, nur dass wir oft jung und gut ausgebildet und dass unter uns viele Frauen sind. Und dass, wären wir dageblieben, Brandenburg heute ein Drittel mehr Einwohner hätte. Vielleicht wäre heute Brandenburg noch einmal ganz anders, wären wir geblieben. Aber wer weiß das schon. Wir sind abgehauen, also sind wir raus, werden viele Brandenburger sagen. Das stimmt. Aber auch wenn ich am Sonntag nicht mit wähle: Ich fühle mit. 

Wendekind

Ich bin Wendekind. Aufgewachsen als Jungpionier in Frankfurt (Oder), mit zehn die Revolution erlebt. Das Leben funkelte 1989, aber nicht sehr lange. Als Teenager mit Kurt-Cobain-Frisur wurde ich von Glatzen durch die Straßen gejagt, mit zwanzig flüchtete ich schließlich auch deswegen nach Hamburg. Anderen ging es genauso. Man kann 89/90 von Peter Richter lesen, um zu verstehen, wie gewalttätig die Straßen im anarchischen Osten der Neunziger waren. Das Schlimmste waren nicht die Tritte der Nazis. Das Schlimmste war das Gefühl, dass sich in den Wirren der Nachwendezeit fast niemand dafür sonderlich interessierte. Niemand würde uns helfen, auch nicht, wenn es Tote geben würde. Ich jedenfalls schaute, einmal weg, nicht mehr allzu oft zurück. Ich baute mir ein neues Zuhause auf. Aber ich glaube, jeder, der seine Heimat verlässt, erfährt irgendwann, dass es eine Illusion ist, sie wirklich komplett hinter sich lassen zu können. 

Als in den vergangenen Jahren Sachsen zum Zentrum einer rechten Revolte wurde und als es daraufhin immer wieder um "den Osten" ging, da wuchs auch mein Interesse an Brandenburg wieder. Erst fürchtete ich, bald auch in Brandenburg Pegida-Märsche zu erleben, vielleicht sogar Bekannte oder Verwandte in die Kamera winken zu sehen.

Aber dann waren die Nachrichten ganz andere. Es kam auch in Brandenburg zu flüchtlingsfeindlichen Übergriffen, doch gab es immerhin keine Figuren der Sorte Lutz Bachmann und auch keine rechtsgewandten Intellektuellen wie Uwe Tellkamp. Der Versuch, Pegida auch in brandenburgischen Städten laufen zu lassen, scheiterte jämmerlich. Stattdessen erhielt in Frankfurt (Oder) ein Ex-Antifa fast eine Zweidrittelmehrheit bei der Oberbürgermeisterwahl. Menschen, von denen ich es nicht erwartet hatte, engagierten sich in der Flüchtlingshilfe.

Irgendwie häuften sich die Anzeichen, Brandenburg sei inzwischen mehr als nur ein Teil des Ostens. Als sei es inzwischen mehr Berlin als Sachsen geworden. Ich schöpfte Hoffnung, dass wir uns vielleicht nicht so weit auseinanderentwickelt hatten, wie ich dachte. Ich fuhr hinaus, wann immer ich konnte.

Stilleben in einem Hausprojekt in Gerswalde.
Stilleben in einem Hausprojekt in Gerswalde.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Von Berlin aus betrachtet ist Brandenburg ein glitzerndes grünes Versprechen. Man muss nur ein paar Kilometer strampeln, vom Hermannplatz in Neukölln, vorbei am Schönefelder Flughafen, dann beginnt ja schon das Land der Kiefernnadeln und der langen, einsamen Landstraßen.

Berlins 13. Bezirk

Wobei, einsam stimmt so auch nicht mehr. Der Speckgürtel von Berlin wächst seit Jahrzehnten, mittlerweile erwarten sie die ersten Ausläufer schon im 90 Kilometer entfernten Frankfurt (Oder). Es kommen Regierungsbeamte mit SUV, aber auch Freelance, die nur einen Internetzugang brauchen, um zu arbeiten. Es kommen Familien, denen Neukölln zu laut wurde, und Künstler, die Gedanken suchen. Es gibt inzwischen wahre Hipsterdörfer, Orte, die "Berlins 13. Bezirk" genannt werden, wie Gerswalde in der Uckermark. Manche Siedlungen werden geradezu gentrifiziert. Der Brandenburger Provinzroman wird zum Genre.

Das geht seit zwei Jahrzehnten so, und es hat Brandenburg Stück für Stück verändert. Fast eine Million Menschen, mehr als jeder dritte Brandenburger, leben mittlerweile im Speckgürtel. Und es werden immer mehr. Wer Ministerpräsident werden will, der muss auf die Berliner Umlandbezirke besonders achten. So erklärt sich vielleicht, warum der brandenburgische CDU-Kandidat Ingo Senftleben im Gegensatz zu seinem sächsischen Kollegen Michael Kretschmer eine der liberalsten Figuren der Partei ist. Während Kretschmer ausgerechnet der Bundesregierung zu viel Klimaschutz vorwirft, forderte Senftleben erst kürzlich eine stärkere Fokussierung der gesamten CDU eben auf den Klimaschutz.

Der Brandenburger Senftleben hat auch den Umgang mit der vertrackten Umfragesituation – fünf Parteien, die alle bei etwa 15 bis 20 Prozent liegen – auf eine elegantere Art gelöst als Kretschmer. Während Kretschmer die Zusammenarbeit mit Linken und AfD kategorisch ausschloss und damit nun keine Optionen außer einer Kenia-Koalition mit SPD und Grünen oder einer Minderheitsregierung mehr hat, kündigte Senftleben vor Monaten Gespräche mit allen Parteien inklusive AfD an, schloss aber eine Koalition mit der AfD gleichzeitig aus. Nun liegt zwei Tage vor der Wahl die Möglichkeit auf dem Tisch, dass in Brandenburg CDU, Linke und Grüne die SPD ablösen. Es wäre ein bundesdeutsches Novum, gemacht in Brandenburg. Und nicht das erste. Brandenburg ist ziemlich progressiv. Es führte schon 2011 – als zweites Bundesland nach Bremen – das Wahlrecht ab 16 ein. Und kürzlich erst wurde beschlossen, dass die Parteien ab 2020 genauso viele Frauen wie Männer auf ihre Wahllisten stellen müssen. Das gab es noch nie in Deutschland. Die Neue Zürcher Zeitung schimpfte, die AfD fluchte, aber erinnern Sie sich an eine Demo gegen das Gesetz in Brandenburg? Kaum vorzustellen, was in Sachsen los gewesen wäre. Nicht dass die meisten Brandenburger sich das Gesetz jahrelang ersehnt hätten, aber richtig aufgeregt hat es offenbar die wenigsten. War das politisches Phlegma? Oder schweigende Zustimmung? Man weiß das in Brandenburg nie so genau.

Zwei Brandenburgs

So sehr ich von draußen bei solchen Nachrichten die Hoffnung spüre, dass Brandenburg ein mir zugängliches Land geworden ist, so schnell geht sie mir manchmal verloren. Dann, wenn ich dort bin, wo die meisten Stimmen für die AfD herkommen. Es gibt mindestens zwei Brandenburgs. 

Dort, meist außerhalb des Speckgürtels, ist manchmal eine Wut, die nicht allein mit materiellen Nöten erklärbar ist. Es ist etwas anderes. Etwas, das so tief sitzt, dass man kaum zu Wort kommt. Wenn dieses Etwas bei Familienfesten wirkt, dann zählt auch Verwandtschaft bisweilen nichts mehr.

Die Wurzel dieser Wut liegt in der Vergangenheit. Die Frage ist nur, in welcher. Die DDR, oh ja, über die kann man viel reden in Brandenburg. Ständiges Thema, vor allem auf dem Land. Da hinten, an dem alten Bahnhof: früher stündlich (!) ein Zug (!!) nach Berlin!!! Und da, die Rindermastanlage, Tausende Jobs zu Ostzeiten! Und heute? Verfall und Funkloch.

Es stimmt: Brandenburg erwischte die Nachwendezeit wie ein Taifun. Fast jede Region kann ein Lied ihres Niedergangs nach der Revolution singen. Das Halbleiterwerk Frankfurt (Oder) machte zu, 8.000 Jobs verschwanden. Das Stahlwerk im benachbarten Eisenhüttenstadt blieb, aber nur weil 12.000 Arbeitsplätze verschwanden. Familien wurden auseinandergerissen und Legenden entstanden, denen niemand widersprach, auch weil niemand da war, der diesen Legenden hätte widersprechen können: Die weitgehende Deindustrialisierung des Ostens nach der Einheit sei genau so gewollt gewesen. Die großen Westkonzerne hätten ohne den Osten nie überlebt, ohne den Absatzmarkt und die perfekt ausgebildeten Arbeitskräfte, die in den Westen strömten.

Über viele, die solche Legenden pflegen, hat sich eine dreißig Jahre dicke Schicht aus Sarkasmus, Erwartungslosigkeit und Abschätzigkeit gelegt. Hört man ihnen eine Weile zu, kann man sich fragen, ob ihnen die AfD endlich die richtigen Sätze und Argumente für ihre Verachtung geschenkt hat. Oder ob es umgekehrt ist, ob hier die Quelle der AfD und ihrer Sprache liegt. In diesem Fall wäre etwas Unheimliches geschehen: Sie wären auf eine Art wieder tonangebend geworden, wie sie es schon einmal waren. Wie damals, zu Ostzeiten, als sie zwar nur zum Schein wählen durften, aber die DDR-Propaganda sich mühte, ihren Arbeiterslang nachzuahmen und ihre Arbeitersitten zu glorifizieren, wo auch immer es ging. Als sie Helden der Arbeit waren. Wer würde sich nicht danach zurücksehnen, ein Held zu sein?

Tropical Islands im brandenburgischen Brand, Landkreis Dahme Spreewald 2011
Tropical Islands im brandenburgischen Brand, Landkreis Dahme Spreewald 2011Foto: Oliver Killig/dpa

Vielleicht war es gar nicht so abwegig, dass Brandenburg nach der Wende Nordrhein-Westfalen als Partnerland bekam. Mit niedergehender Industrie und prekärem Arbeiterstolz kannten die sich ja aus. Doch die Versuche, der Brandenburger Peripherie etwas von ihrer Struktur und ihrem Stolz wiederzugeben, liefen irgendwie, na ja, nordrhein-westfälisch. Getrieben von Leuchtturmprojekten, der subventionsgestützten Behauptung von Größe. Während der Ostprimus Sachsen ein Siemens- und VW-Werk nach dem anderen hochzog, entstand in Brandenburg eine gigantische Werfthalle für Zeppeline. Ja, richtig: Luftschiffe. Aus irgendeinem Grund glaubte man nämlich in den Neunzigern, dass der Transportluftschifffahrt eine große Zukunft bevorstehe. Brandenburg investierte also Millionen in die Cargolifter AG. Es wurde so was wie Brandenburgs erster BER. Kostenexplosion, schließlich Insolvenz.

Aber statt dass die mehr als hundert Meter hohe Halle friedlich vor sich hin gammelte, wie so vieles in Brandenburg, kaufte sie ein malaysischer Investor und baute ein tropisches Inselparadies für die ganze Familie hinein. "Tropical Islands" nannte er es, man kann dort heute unter Palmen und Wasserfällen in Holzhütten übernachten. Es floriert und es ist komisch, wie ein Rainald-Grebe-Lied. Wenn eines Tages Europa wirklich nur noch ein Disneyland für die Chinesen sein sollte, ist Brandenburg jedenfalls vorbereitet.

Es heißt, fünf Prozent der ostdeutschen Wohnbevölkerung seien inzwischen Wessis. Das ist natürlich schwer zu messen. Wohin sortiert man den Münsteraner, der 1991 hierhergekommen ist und auch nach dem fünften Bier noch behauptet, er sei längst ein Ostdeutscher geworden? Die Wessis gehören dazu, da braucht man nicht drum herumzureden. Und ja, es gab grandiose Versager unter ihnen, wie den Beamten mit dem Schnauzbart aus dem Ruhrgebiet, der vor Jahren Zehntausende D-Mark versenkte, weil er für Frankfurt (Oder) die falsche Software kaufte. Aber es gab auch den legendären, kürzlich verstorbenen Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg, der in den Neunzigern und Nullern die Neonazis unter starken Verfolgungsdruck setzte und dazu beitrug, dass die Szene bis heute deutlich weniger stabil ist als in Sachsen.

Die Glatze von damals wählen heute AfD

Rautenberg wusste vielleicht auch damals schon: Wer die Neonazis von den Straßen vertreibt, hat den Kampf gegen den Rechtsradikalismus noch nicht gewonnen. Das zeigt sich jetzt, wo die AfD in Umfragen bei 21 Prozent steht. Natürlich sind nicht alle AfD-Wähler Neonazis. Aber vermutlich hatte Rautenberg recht, als er in einem seiner letzten Interviews sagte, dass die Neonazis von damals heute AfD wählen. Brandenburgs jüngere Vergangenheit muss aufgearbeitet werden, da werden die meisten Brandenburgerinnen und Brandenburger zustimmen, die alten Arbeiterhelden von damals genauso wie die Jüngeren, und natürlich viele von uns Fortgezogenen. Allerdings meinen wir nicht ganz dasselbe. Die Treuhand wollen hier viele besprechen, der Untersuchungsausschuss soll endlich kommen, alles Unrecht von damals soll aufgeklärt werden. Dagegen ist nicht viel zu sagen. Aber zur Aufarbeitung der Nachwendezeit gehören auch die gesetzlosen Zustände, die in Brandenburg eine Zeit lang herrschten.

Wer erinnert sich noch an den 16-jährigen Marinus Schöberl aus Potzlow? Seine rechtsextremen Mörder ahmten im Jahr 2002 an ihm die Bordsteinbeißer-Szene aus dem Film American History X nach. Anschließend versenkten sie ihn in einer Jauchegrube. Obwohl die Mörder sich mit der Tat brüsteten, zeigte sie monatelang niemand an. Längst sind sie wieder frei, auf Facebook kann man Fotos von ihnen finden, sie tragen Landser-T-Shirts. Einer griff kürzlich mutmaßlich einen syrischen Flüchtling an.

Oder der Baumaschinist Gunnar S., der 2005, ebenfalls in Frankfurt (Oder), stundenlang von mehreren Neonazis mit Brotmesser, Klobürste und Staubsaugerrohr gefoltert und vergewaltigt wurde? Er überlebte nur durch eine Notoperation. Als seine Peiniger zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, zeigten sie sich "schockiert und empört" über das Strafmaß. Der Richter sagte: "Offensichtlich haben wir es mit einem gesellschaftlichen Phänomen zu tun. Mit Menschen, für die massive und rohe Gewalt normal ist."

Kürzlich gewann der taz-Redakteur Daniel Schulz für den Essay Wir waren wie Brüder über seine Nachwendejugend in Brandenburg den renommierten Theodor-Wolff-Preis. Auch Manja Präkels Buch Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß, in dem es ebenfalls um das Neonazibrandenburg der Neunziger geht, wurde viel gelobt und besprochen. Die Debatten, die das in Brandenburg ausgelöst hat: überschaubar. Viele schweigen, und wieder einmal weiß man nicht, ob aus Zustimmung oder aus Desinteresse. 

Voll in Action: Rainald Grebe 2015 bei einem Konzert in Berlin mit dem Wuhlorchester.
Voll in Action: Rainald Grebe 2015 bei einem Konzert in Berlin mit dem Wuhlorchester.Foto: picture alliance / dpa

Brandenburg überlässt es anderen, sich das Maul über sie zu zerreißen. Zum Beispiel über die Frage, ob die Gewalttaten der Nachwendejahre und auch das Wegschauen mit der DDR zu begründen sind. Mit den Kriegskindern und -enkeln des Ostens, die, wie die Ostdeutsche Ines Geipel es beschreibt, den "inneren Hitler" konserviert hätten. Oder ob es eher mit den Krisen nach der Wende zusammenhängt. Damit, dass so eine Revolution Bombenkrater hinterlässt. Und auch Menschen, die zu Wölfen werden. 

Hinschauen

Beide Thesen haben ihre Berechtigung, und würden mehr Ostdeutsche und Brandenburger mitreden, wäre das Zwischenergebnis vielleicht eine Synthese: Ja, der Osten hat mehr autoritäre, gewaltfähige Charaktere hervorgebracht als die freie, friedliche und vor allem wohlhabende BRD, aber das bewusste Abreißen fast aller ökonomischen und sozialen Strukturen bei massivem westdeutschen Desinteresse hat auch viele derer verbittert, die jetzt eigentlich diese Demokratie verteidigen müssten. Oder eben: hinschauen müssten, wenn sich Gewalt ereignet. Auch im Nachhinein.

Brandenburg hätte das so nötig. Nicht nur als Selbstzweck, sondern auch, um das Land aus seiner relativen Isolation zu befreien. Denn das wird beim Abwägen ostdeutscher Befindlichkeiten ja gern mal vergessen: Es gibt in Berlin – und nicht nur dort – Menschen anderer Hautfarbe, vom Spätibesitzer bis zur Karrierejournalistin, die nicht wagen, über den Speckgürtel hinaus nach Brandenburg zu fahren.

Auf seltsame Weise weiß

"Ich lass mich doch nicht abstechen", sagte mir vor nicht langer Zeit Murat, ein muskelbepackter Deutschtürke aus Neukölln, der einen Spätshop und ein Motorrad besitzt, aber nie nach Brandenburg fährt. Die Bilder von den Neonazis sind anderswo nicht verschwunden und sie werden nicht durch Beschweigen verschwinden. Manche AfD-Leute werden sogar ganz froh sein, wenn sie bleiben. Und solange das so ist, wird Brandenburg auf besonders seltsame Weise weiß bleiben, ein verbotenes Land für zu viele, die anderswo längst dazugehören.

Dabei gibt es in Brandenburg mittlerweile viele Gemeinden, die sich aus ihrer Vergangenheit befreit haben. In Frankfurt(Oder), Potsdam, Cottbus und an vielen anderen Orten gibt es lebendige Studenten- und Kulturszenen, sichere Räume für Migranten, Bürger, die sich gerade machen. Und auch im letzten Dorf gibt es nicht nur die AfD-Wähler. Da sind auch viele andere, die durch ähnliche Scheiße gingen und trotzdem ganz zufrieden sind damit, wie sie leben. Die keiner Fliege etwas zuleide tun wollen, auch nicht, wenn sie aus Homs oder Sirte kommt. Die AfD mag auf dem Vormarsch sein, doch sie und ihre Wähler sind prekär. 

Verkneift euch eure Arroganz

Aber wenn am Sonntag die Wahlergebnisse eintrudeln und die AfD dann vielleicht stärkste der fünf starken Kräfte geworden ist, dann werden all die Fragen und Sprüche wiederkommen. Was ist los mit euch? Seid ihr DDR-verseucht? Baut die Mauer wieder auf! Und dann werden Leute wie ich wütend zurückrufen: Verkneift euch eure elende Arroganz!

Und in Brandenburg werden sie am nächsten Tag wieder zur Arbeit fahren und die Debatten nicht weiterverfolgen. Und deswegen wird wahrscheinlich untergehen, dass etwa 80 Prozent der Menschen nicht AfD gewählt haben werden. Dass es nicht nur im Speckgürtel, auch draußen auf dem Land mächtige Mehrheiten gibt, die sich explizit nicht zu den Rechten bekennen. Und dass es wahrscheinlich in zehn Jahren noch viel größere Mehrheiten sein werden, wenn weiterhin immer mehr Menschen nach Brandenburg kommen.

Wenn. Denn auch das gehört zur Logik des Rechtspopulismus: Er hat auch ohne Mehrheit die Kraft, ein Land zu verändern. Murat, der jeder Brandenburger freiwilligen Feuerwehr gut zu Gesicht stünde, wird sich nach dieser Wahl vielleicht ein weiteres Mal bestätigt fühlen.

Vielleicht ist das ein ganz wesentlicher Unterschied zu einem Land wie NRW: Spätestens seit dem Aufkommen der AfD reicht es nicht mehr, wenn sich die Dinge in Brandenburg entwickeln wie bisher. Wie die meckernde McDonald's-Kassiererin weiß Brandenburg vielleicht gar nicht, wie unfreundlich es manchmal von außen wirken kann. Es muss beginnen, sich selbst sich und anderen zu erklären. Die dreißig Jahre seit der Wende gehören zu diesem Land. Mit der Treuhand, mit den Nazis. Vielleicht traut man Rainald Grebe zu viel zu, wenn man das alles allein ihm überlässt.

Christian Bangel (40) ist politischer Autor bei Zeit Online und in Frankfurt (Oder) geboren und aufgewachsen.

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