• Was wird aus umsonst bezahlten Ticket-Abos?: Hoffnung auf Kulanz im Berliner Nahverkehr
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Was wird aus umsonst bezahlten Ticket-Abos? : Hoffnung auf Kulanz im Berliner Nahverkehr

Viele BVG- und S-Bahn-Fahrgäste zahlen derzeit vergeblich; und die Verkehrsunternehmen brauchen dringend Geld. Beteiligte beraten über Umgang mit Abos.

Keine zahlenden Gäste. So sieht es zurzeit in vielen U-Bahnen aus.
Keine zahlenden Gäste. So sieht es zurzeit in vielen U-Bahnen aus.Foto: imago images/Frank Sorge

Seit der weitgehenden Stilllegung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens sind die Fahrgastzahlen der Busse und Bahnen um rund drei Viertel gesunken. Das bedeutet, dass Hunderttausende Stammkunden ihre Dauerkarten weiter bezahlen, ohne sie zu nutzen – und schlimmstenfalls in Geldnot geraten, weil sie ihr Einkommen verloren haben oder nur Kurzarbeitergeld beziehen, während ihre Umweltkarten weiterlaufen, die je nach Geltungsbereich und Zahlart gut 60 bis 190 Euro im Monat kosten.

Zugleich entgehen den Verkehrsunternehmen enorme Einnahmen, weil fast keine neuen Tickets mehr verkauft werden. „Wir verlieren gerade 90 Prozent unserer Einnahmen“, heißt es bei der BVG bezogen auf die vergangenen Tage. „Pi mal Daumen sind wir bei minus 50 Millionen Euro seit Beginn der Krise.“

Zugleich seien die Ausgaben insgesamt nicht gesunken, weil die Verkehrsleistung nur um 13 Prozent reduziert worden sei und Zusatzkosten etwa für Reinigungen und die Nachrüstung von Busfahrerplätzen mit Schutzfolien anfielen.

Brandenburg schießt 75 Millionen Euro vor

Was die landeseigene BVG mit politischer Hilfe verkraften kann, wird für kleine Verkehrsunternehmen in Brandenburg schnell existenzbedrohend. Das Potsdamer Verkehrsministerium hat deshalb bereits mitgeteilt, die normalerweise quartalsweise fälligen Zuschüsse an Städte und Landkreise für den Nahverkehr schon jetzt fürs gesamte Jahr bereitzustellen. Das entspreche einem Vorschuss von etwa 75 Millionen Euro für die drei noch ausstehenden Quartale.

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So soll auch sichergestellt werden, dass möglichst wenig an der Verkehrsleistung gespart wird, damit sich Fahrgäste nicht in kleineren Bussen oder verkürzten Zügen drängen.

Am Montagabend haben dem Vernehmen nach Berliner und Brandenburger Regierungsleute diskutiert, wie den Stammkunden entgegengekommen werden kann. Allerdings war für diese Information am Dienstag keine Bestätigung zu bekommen.

Nach Tagesspiegel-Informationen wurde die Entscheidung vertagt. Zunächst soll abgewartet werden, ob die bundesweit geltenden Beschränkungen nach dem 19. April gelockert werden. Erst wenn das Ende der Krise absehbar sei, könne man entscheiden, war zu hören.

Die Berliner Verkehrsverwaltung teilte vorab auf Anfrage nur mit: „Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Lage der Unternehmen im ÖPNV werden gesamthaft zu bewerten sein“. Laut der vom VBB online gestellten Information gilt behördlich angeordnete Quarantäne als Krankheitsfall, in dem Zeitkarten gegen Rückgabe oder Rücksendung anteilig erstattet würden. Ansonsten wird gebeten, „derzeit von Anfragen zu Erstattungsmöglichkeiten abzusehen“.

Berlin-Ticket S und Semesterticket gelten vorerst weiter

Vorläufige Lösungen wurden bereits für die Kundenkarten des ermäßigten Berlin-Ticket S gefunden: Ihre Gültigkeit – in Verbindung mit aktueller Wertmarke – wurde um zwei Monate bis Ende April verlängert. Semestertickets, die am 31. März abgelaufen sind, werden mit einer Immatrikulationsbescheinigung fürs Sommersemester ebenfalls zunächst bis Ende April anerkannt.

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Vorab hieß es am Montag, es sei „nicht einfach, 38 Verkehrsunternehmen unter einen Hut zu bringen“. Keines der Unternehmen habe die Chance, die Ausfälle komplett durch Kostensenkungen auszugleichen. Im gesamten VBB summieren sich die Fahrgeldeinnahmen auf deutlich über eine Milliarde Euro pro Jahr.

Ein Blick in den BVG-Geschäftsbericht von 2018 zeigt die Kostenstruktur des größten Mitglieds: 735 Millionen Euro kamen direkt aus Fahrgeldern, dazu 130 Millionen Zuschuss für reduzierte Tickets, etwa für Schüler, Schwerbehinderte und das Sozialticket. 307 Millionen Euro erhielt die BVG vom Land als Besteller der Verkehrsleistung.

Auch die S-Bahn erhält jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag vom Land. Sie hat nach Auskunft der Bahn rund 240.000 Abonnenten inklusive Inhabern von Jahreskarten, hinzu kommen 25.000 Stammkunden von DB Regio. Bei der BVG sind es weit über 500.000 Abonnenten.

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