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„Aus meinem ABC“: Tagesspiegel-Gründer Walther Karsch definiert Schlüsselwörter für Kultur und Kritik
Aktualität, Polemik, Zitat und mehr: Der Zeitungsgründer erklärte am 5. Januar 1946 im Tagesspiegel einige Begriffe, die er als wichtig ansah für seine journalistische Arbeit.
Stand:
A wie Aktualität. Man sollte die innere von der äußeren unterscheiden. Shakespeares „Macbeth“ ist so ein Beispiel. Die Beziehung zu unserer Zeit ist so offenkundig, daß jeder Versuch, durch Regiekunststücke, durch Zutaten oder Auslassungen, durch Szenenumstellungen diese Aktualität noch zu betonen, nur zu Substanzverminderungen führt. Es stimmt doch nie ganz, weil der Anlaß ein bestimmter, sich nicht wiederholender, fest umrissener historischer Tatbestand ist. Das Charakteristische, das Ueberhistorische ist es, was sich wiederholt. Dies aber braucht keine äußere Betonung, es spricht aus sich und für sich selbst. Hamlet im Frack, „modernisierte“ Räuberinszenierungen — das ist billige Effekthascherei, die Einfallslosigkeit überdecken soll. Letzte Steigerung im Mannheimer Nationaltheater: dort ließen sie im „Fidelio“ den Pizarro und seine Wachen in SS-Uniformen auftreten. Unverständlich, warum dann der Minister nicht als amerikanischer General mit Eisenhower-Maske erschien.
F wie Fremdwörter. Sind Glückssache. Eine der Berliner Zeltungen beschuldigte uns kürzlich „magistraler“ Neigungen. Wir sind doch kein Magistrat. Doch auch er sollte im Namen der Sprache gegen diese Adjektivierung seines Titels protestieren. Im Lexikon steht unter „Magistrat“ zu lesen: „gerösteter kupferhaltiger Pyrit, wird beim Patioverfahren — Amalgamieren im Patio (Hof) in Mexiko — statt des reinen Kupfervitriols benutzt.“ Solche Neigungen haben wir bestimmt nicht. Wie wäre es also mit „magisterhaften“ Neigungen? Wie gesagt: Glückssache. Doch kann man Fremdwörter, soll man sie vermeiden? Wenn man es kann, soll man es. Wenn das deutsche Wort sich mit dem der Fremdsprache entlehnten voll deckt, wäre es Bildungsprotzerei, diesem den Vorzug zu geben. Doch in vielen Fällen decken sie sich nicht. Es sind da manchmal ganz kleine Nuancen. Wenn es auf sie ankommt, verwende man getrost das Fremdwort. In die Hölle aber mit denen, die aus der Dame Literatur den Zwitter Schrifttum, aus dem ehrsamen Beruf eines Redakteurs einen Schriftleiter und gar aus dem Chefredakteur einen Hauptschriftleiter gemacht h’aben. Schriftleiter — was ist das eigentlich? Ist das ein Mann, der neben der Setzmaschine steht und aufpaßt, daß die Colonel-, Kursiv-, Borgis-, Petit- und sonstigen Schriften auch richtig durch das komplizierte Fallsystem geleitet werden? Das tut die Maschine von ganz allein. Und der Hauptschriftleiter? Ist das nun der Hauptleiter der Schrift oder der Leiter der Hauptschrift? Man stelle sich vor, es komme jemand in das Zimmer des Hauptschriftleiters, der gerade dabei ist, eine Handschrift zu schriftleiten, die ihm sein persönlicher Geheimer auf den Schreibtisch gelegt hat. Was mich betrifft, ich glaube, die deutsche Sprache befindet sich wohler, wenn der Chefredakteur ein Manuskript redigiert, das ihm sein Privatsekretär auf den Schreibtisch gelegt hat. Ist, wer so spricht und schreibt, nun folgerichtig oder konsequent? Konsequent, denn man kann zwar folgerichtig handeln, aber nur konsequent sein.
I wie llusion. Könnte auch blauer Dunst heißen. Was sich einer vormacht, weil er unfähig ist, Realitäten zu erkennen und Realitäten zu schaffen. Ist gefährlicher als Methylalkohol, weil es die innere Sehkraft blendet, weil es die Sinne trunken macht. In Zeiten wie den unseren sollten Illusionäre mit Isolierung bestraft werden, meinetwegen lebenslänglich. Manchmal genügt allerdings auch eine geistige Kaltwasserkur.
K wie Kulturbund. Doch nicht der nach dem Krieg ins Leben gerufene, sondern jener „Jüdische Kulturbund“, dem die Nationalsozialisten bis 1941 großmütig gestatteten, Theater-, Konzert- und Filmvorführungen zu veranstalten. In Berlin war es Fritz Wisten, der dem Kulturbund-Theater ein eigenes, reizvolles Gepräge gab. Hier wurde in bester Tradition gespielt, sauber, hingebungsvoll. Kein Tanz auf dem Vulkan, ein letzter ergreifender Versuch, durch die Kunst — die ernste und die heitere — das immer drückender werdende Helotendasein aufzuhellen, zu erleichtern und zu erhöhen. Daß sie dabei dem Propagandaministerium manchen Streich spielten, Stücke emigrierter Autoren auf spanisches Barock umfrisierten, beleuchtet so nebenbei, was für ein viertelgebildeter Kulturflegel jener Herr Hinkel war, bei dem sich die Kulturbundleitung alle Augenblicke zum Befehlsempfang einzufinden hatte. Wisten stand den Kampf bis zuletzt durch, bis mit der Einführung des Judensterns der Kulturbund aufgelöst wurde. Die Sänger, Schauspieler und Musiker traten den Weg nach Theresienstadt, nach Auschwitz an — zurück kamen nur die Musiker, die ihr Leben dadurch retteten, daß man sie zwang, bei den Vergasungsaktionen Musik zu machen, die das Schreien der Sterbenden, ihr Röcheln übertönen sollte. Die Höllenphantasie eines Breughel ist eine Oase der Milde gegen die KZ-Phantasie eines Heinrich Himmler. Wisten konnte sich in die neue Zeit retten, weil seine Frau Nichtjüdin war. Er, der selbst gefährdet war, verbarg jahrelang Alfred Balthoff bei sich, und auch Steffi Hinzelmann gelang es, mit ihrem Kinde der Gestapo zu entgehen. Inzwischen hat Wisten bei Wangenheim in seiner Nathan-Inszenierung Einfühlsamkeit und Einfallsreichtum bewiesen; am Hebbel-Theater wird er demnächst Friedrich Wolffs „Professor Mamlock“ inszenieren. Balthoff zeigte im „Nathan“ eine beachtliche, springlebendige Leistung als Derwisch, und wir wollen hoffen, daß sein Vertrag, mit dem Deutschen Theater ihm Gelegenheit geben wird, sich an größeren Aufgaben zu erproben. Von Steffi Hinzelmann hörte man, daß sie in der „Dreigroschenoper“ gelegentlich die Seeräuberjenny gespielt hat. Da soviel von Wiedergutmachung gesprochen wird — an den Toten kann mans nicht mehr. Man sollte es an den Lebenden tun. Ob diese Drei hier eine Bereicherung unseres künstlerischen Lebens sein werden, steht auf einem anderen Blatt. Auf diesem hier steht: gebt ihnen die richtigen Chancen, durchbeißen müssen sie sich dann allein!
P wie Polemik. Manche Leute betreiben so etwas mit dem Besenstiel, statt mit Stil — Schlächter, aber keine Fechter. Sie vergießen Schweißtropfen, dreschen wie wild auf den Gegner los und merken gar nicht, daß sie daneben hauen. Inzwischen prüft der Gegner die Schärfe seiner Klinge, die Biegsamkeit ihres Stahls, legt aus, macht ein paar Scheinhiebe, und schon zieht das Florett dünne Streifen in des Gegners Haut, ritzt ihm die Epidermis und sticht ihn schließlich ab. Aus Gnade und Barmherzigkeit läßt man ihn allerdings manchmal leben, weil sowieso schon kein literarischer Hund mehr einen Knochen von ihm nimmt. Und dann: so böse ist es gar nicht gemeint; ernst schon, aber nicht böse.
R wie Rätsel. Kreuzworträtsel zwar nicht, die Rätsel des Lebens sind es, um deren Bedrängnis das Leben sich lohnt. Sie gehen nie auf, weshalb man immer wieder von vorn anfängt, sie aufzulösen. Kommt man heute zu diesem Resultat, wird es morgen um jenes willen verworfen. Das ist keine vergnügliche Kreuzfahrt auf dem Ozean der Widersprüche, es ist ein manchmal recht schmerzlicher Ringkampf mit sich selbst. Relativismus? Weltanschauung der Schaukel? Nein, aber das Gegenteil von Sturheit. Immer wach sein, immer zupacken, sich nicht einschläfern lassen vom Eiapopeia des Sinnen- und Sinnbetruges. Die hakenkreuzgeschmückten Betrüger des „Dritten Reiches“ hatten natürlich alle Rätsel gelöst. Deshalb war es bei ihnen auch so langweilig, allerdings tödlich langweilig.
Z wie Zitat. Verlangt, daß man es richtig zitiert. Trottel zitieren grundsätzlich falsch. Wächst sich die Trottelei aber zur Bösartigkeit aus, sollte man so bösartigen Trotteln auf die tintenbeschmierten Finger schlagen. Es ist unanständig, (jawohl: unanständig), durch Auslassung, kleine „harmlose“ Aenderungen den Sinn eines Zitates zu verfälschen. Wer es weiterhin tut, fühle sich nicht nur moralisch geohrfeigt. Wer es bisher tat, gehe in sich und sei zufrieden, daß er hier nicht namentlich aufgespießt wird.

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- Erik Reger
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