Jedes Land hat seinen Christian Drosten : So werden die Corona-Experten weltweit verehrt und gehasst

Weltweit prägen Ärzte und Wissenschaftler die politische Debatte in der Coronakrise. Dafür werden sie zu Helden ausgerufen - und zu Hassobjekten.

Fotos: AFP (2x), imago (2x)

In ihren Heimatländern werden sie von einem Teil der Menschen verehrt wie Popstars.

Manche, wie Christian Drosten und Anthony Fauci bringen es gar zu internationaler Bekanntheit: Virologen, Epidemiologen, Immunologen. Plötzlich kennt die Welt ihre Namen, horcht die Politik auf, wenn sie warnen.

Doch der Schritt in die Öffentlichkeit zwingt zu Vereinfachung – und schürt Hass. Ein Überblick

Schweden - Anders Tegnell

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Es gibt einen Mann in Schweden, der hat sich das Gesicht von Anders Tegnell auf den Oberam tätowieren lassen. Das Foto davon ging um die Welt. Tegnell ist Schwedens Chef-Epidemiologe und viele im Land teilen die Begeisterung des Tätowierten. Denn der 64-Jährige zeichnet maßgeblich verantwortlich für den Schwedischen Sonderweg, der auf freiwilligen Abstand setzt und auf Hygieneregeln, statt Restaurants und Schulen zu schließen.

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In der Bevölkerung kam gut an, dass ein Lockdown vermieden wurde. Allerdings hat Schweden eine der höchsten Pro-Kopf-Todesraten der Welt. Am Sonntag sagt Tegnell selbst: „Es ist eine schreckliche Situation, in der wir gelandet sind.“ Aber: „Ich bezweifele, dass wir sehr viel mehr hätten tun können. Wie hätten wir das Pflegesystem in wenigen Wochen ändern können?“

Gerade in Alten- und Pflegeheimen hatte es die meisten Toten gegeben.

USA - Anthony Fauci

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Socken, Tassen, Masken, T-Shirts – um Anthony Fauci hat sich ein regelrechter Merchandise-Kult entwickelt. Der 79-Jährige leitet das National Institute of Allergy and Infectious Diseases und gilt als Stimme der Vernunft in der Trump-Administration und als eiserner Verfechter der Social-Distancing-Maßnahmen.

Doch genau das hat ihn zum Hassobjekt von Rechtsradikalen in den USA gemacht, die unter anderem die Theorie verbreiten, er wolle nur Trumps Wiederwahl verhindern. Wegen der vielen Drohungen erhält Fauci nun Personenschutz.

Italien - Massimo Galli

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Es gibt wenige TV-Shows in Italien, die Massimo Galli nicht besucht hat seit Beginn der Krise, die sein Land so hart getroffen hat wie kein anderes in Europa. Er ist Chefarzt für Infektionskrankheiten in Mailands Krankenhaus „Luigi Sacco“ und bereitete die Italiener früh auf den Kampf gegen das Coronavirus vor. Er wird geschätzt für seine klaren Analysen, in denen er auch nicht verschwieg, dass er die Mehr-Generationen-Haushalte in Italien für eine der Hauptgefahrenquellen für Ansteckungen im Land hält.

Den harten Lockdown bezeichnete er als „Mutter aller Kämpfe“. Zusätzlich verschaffte ihm Respekt, dass er zwischen seinen zahlreichen öffentlichen Auftritten auch weiter selbst im Labor forschte, um dem Virus Herr zu werden. Seine Popularität nutzte er aber auch politisch – und gab die Schuld an der Katastrophe Deutschland. Wochenlang vertrat er die These, erst von dort sei das Virus überhaupt nach Italien gekommen.

Griechenland - Sotirios Tsiodras

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Er wusste wohl, dass das griechische Gesundheitssystem so schwach ist, dass jedes Risiko unweigerlich zur Katastrophe führen müsste. Also war er von Anfang an vorsichtig. Der Pathologe Sotirios Tsiodras ist Chef des Corona-Krisenstabs in Griechenland. Vor den meisten europäischen Ländern stellte Griechenland auf Notbetrieb um. Bis heute sind die Infiziertenzahlen überschaubar.

Tsiodras tritt stets ruhig auf, empathisch, inszeniert sich als Mann aus dem Volke. Seine Expertise ist derweil unbestritten, er wurde an der Havard Medical School ausgebildet. Umfragen zufolge ist er derzeit der beliebsteste Mensch Griechenlands.

Spanien - Fernando Simón

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Am Ende erwischte es ihn selbst. Im März wurde Fernando Simón positiv auf das Coronavirus getestet. Noch im Februar hatte der Direktor des Koordinationszentrums für medizinische Notfälle beim Gesundheitsministerium in Madrid verkündet, die Gefahr in Spanien sei gering, man müsse sich nicht allzu sehr Sorgen.

Die folgenden Wochen verbrachte er damit, täglich neue schlechte Nachrichten im spanischen Fernsehen zu verbreiten, was ihm zur Hassfigur machte und ihn den Ruf eines katastrophalen Krisenmanagers einbrachte. Tatsächlich ist Spanien nach Italien in Europa am schlimmsten in Europa betroffen. Als sich jedoch die Nachricht seiner eigenen Erkrankung verbreitete, schlug ihm in der Bevölkerung eine Welle der Sympathie entgegen. Die Krankheit überstand er mit milden Symptomen.