Kurztrip nach Brandenburg : Guten Morgen, Eberswalde

Reggae und Brombeeren satt, erschwingliche Mieten, eine nachhaltige Hochschule. Im Barnim lässt sich der Aufschwung besichtigen.

Für die Studentin Linda Loreen Loose ist Eberswalde Ort eines persönlichen Wandels: "Weil ich hier Anregungen bekomme, Sachen ganz anders zu machen." Aufbruchsgeist ist an jeder Ecke zu spüren - und hier auch zu lesen.
Für die Studentin Linda Loreen Loose ist Eberswalde Ort eines persönlichen Wandels: "Weil ich hier Anregungen bekomme, Sachen ganz...Fotos: Felix Strosetzki

Wer mit dem Zug aus Berlin ankommt, schlappe 35 Minuten von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof, und auf den öden Vorplatz von Eberswalde tritt, dann an Dönerladen und Billigshops vorbei ins Zentrum fährt, der fragt sich, ob er womöglich das Beste schon hinter, vor oder neben sich hat: all die Wälder, das Biosphärenreservat, den Werbellinsee und den Schwärzesee, das Kloster Chorin. Wobei, ein wenig stutzig könnte man schon werden. Beim Anblick all der Fahrradständer am Hauptbahnhof, bei der Fahrt im hybriden Oberleitungsbus – und da, was ist das, dieser über und über mit Fotos bedruckte Kubus? (So viel sei schon verraten: die Hochschulbibliothek der Stararchitekten Herzog & de Meuron, die Drucke außen stammen vom Fotokünstler Thomas Ruff).

Zora Pepita Pitz und Sebastian Weiß ist es dennoch passiert: Sie haben sich bei der ersten Begegnung in Eberswalde verliebt. Eigentlich wollten sie nur eine Freundin zum offenen Tag der Hochschule begleiten. Aber die Köchin und der Krankenpfleger waren gleich hin und weg. Strahlend stehen Pitz und Weiß in ihrem Café KoBaMugasmus – Pitz in der offenen Küche, Weiß am Tresen. Es gibt internationale Tapasteller, jeden Mittag aus einer anderen Region, würzigen Flammkuchen mit Bergkäse, vegane Mohntorte, alles mit Biozutaten aus der Region. Das Glas Wasser und das Lächeln dazu gibt’s gratis.

Ein Café eröffnen? Joh joh, hieß es auf dem Amt

Den Traum vom eigenen vegetarischen Café, schon lange gehegt, hätten sie sich in Berlin nicht erfüllen können. Abgesehen von den Mieten, allein die Ablösesumme für die Lokaleinrichtung hätte Zehntausende gekostet. In Eberswalde hat Pitz klein angefangen, erst Törtchen für die „Krumme Gurke“, den Bioladen in derselben Straße, gebacken, dann Catering, Weihnachtsmarkt, schließlich Crowdfunding. Die heutigen Räume, ein paar Minuten von der Hochschule entfernt, standen drei Jahre lang leer, zuletzt war eine Shisha-Bar drin. Pitz und Weiß haben alles selbst renoviert, die Wände gelb und rot gestrichen. Viele der Omma-Wohnzimmermöbel bekamen sie geschenkt, genau wie die Blümchenteller; das Sofa hat das Altenheim von gegenüber gespendet.

In Eberswalde gibt es inzwischen einen Burgerladen, eine exzellente Eismanufaktur und eine hippe Pizzeria. Das im Oktober 2018 eröffnete vegetarische Café von Zora Pepita Pitz und Sebastian Weiß, sagen die Gäste, hatte der Stadt noch gefehlt.
In Eberswalde gibt es inzwischen einen Burgerladen, eine exzellente Eismanufaktur und eine hippe Pizzeria. Das im Oktober 2018...Fotos: Felix Strosetzki

Das im Oktober eröffnete Café, sagen Gäste, hatte Eberswalde noch gefehlt. Die kulinarische Entwicklung hat bisher nicht ganz mit dem generellen Aufschwung der Stadt mitgehalten. Immerhin gibt es jetzt einen Burgerladen, den „Brandenburger“, eine exzellente Eismanufaktur, „Uckerland“, und eine hippe Pizzeria, „Tradizionale me Gusta“. Und seit 25 Jahren einen Biosupermarkt, „Globus“.

Pitz, 24, und Weiß, 36, schwärmen davon, wie freundlich die Menschen seien, wie willkommen sie sich fühlten und wie unbürokratisch alles über die Bühne ging. Ein Café? Joh joh, hieß es in der Behörde. Und bei der Anmeldung im Einwohnermeldeamt gab’s zur Begrüßung einen Jutebeutel mit der Aufschrift „Allet Jute in Eberswalde“.

Eberswalde ist bekannt. Für seine Spritzkuchen, die den Reisenden einst als Souvenirs bis zum Bahnhof gebracht wurden. Für seine Würstchen, die zu DDR-Zeiten massenhaft produziert wurden. Für sein Schiffshebewerk, ein imposantes Denkmal des Industriezeitalters, das die Stadt zum Boomen brachte. Für den kleinen Zoo. Und für Amadeo Antonio.

Der Angolaner wurde 1990 von Neonazis zu Tode geprügelt – der erste rassistisch motivierte Totschlag nach der Wende. Seine jungen Mörder kamen mit ein paar Jahren Haft davon. Damit hatte Eberswalde seinen dumpfen Ruf weg.

Die 90er Jahre waren eine schlimme Zeit, voller Angst vor den Rechten, erzählt Udo Muszynski beim Kaffee auf dem Marktplatz. Der 58-Jährige sieht aus, als würde er hier Urlaub machen. Gestreiftes T-Shirt wie am Meer, ein Strohhut auf dem strubbeligen Haar. Von wegen: Muszynski ist rund um die Uhr im Einsatz für die Eberswalder Kultur. Der Ost-Berliner, gelernter Außenhandelskaufmann, war schon in den 80er Jahren in die Region gezogen, „für ein selbstbestimmteres Leben“, wohnte in einer Kommune auf dem Land, wurde Mitglied der Bürgerrechtsbewegung und schließlich Impresario.

Heute ziehen aus Berlin junge Familien hier

Vor einem Vierteljahrhundert, damals noch in einer Garage, gründete er das internationale Jazzfestival, das jährlich im Frühjahr stattfindet, später kamen Gartenkonzerte hinzu, winters ein kultursatter Weihnachtsmarkt, sommers das Open-Air-Kino im Forstbotanischen Garten, einem Schmuckstück der Stadt, das zugleich als Forschungslabor der Hochschule dient. 180 Leute kamen vor zwei Tagen zu „Gundermann“ ins Freiluftkino, an einem Werktag abends um halb zehn. Zum Reggae-Konzert dort am nächsten Abend werden 350 Zuhörer erscheinen. Stolze Zahlen bei nur 31 400 Einwohnern, Tendenz steigend.

Vielfalt einer Stadt: Der Marktplatz wurde 2007 aufwändig saniert.
Vielfalt einer Stadt: Der Marktplatz wurde 2007 aufwändig saniert.Foto: Felix Strosetzki

Nach der Wende, mit dem Niedergang der Industrie, liefen die Menschen zu Zehntausenden aus dem „Wuppertal Brandenburgs“ weg. Jetzt ziehen junge Familien hier her, wo sie beides haben, Natur und Kultur, erschwingliche Mieten, kurze Wege, selbst nach Berlin, falls sie dort arbeiten wollen. Studenten bleiben, auch wenn sie mit dem Studium fertig sind.

Den Beginn des Aufschwungs, auch eines anderen Selbstbewusstseins kann man ziemlich genau datieren. 2007 bekam Eberswalde ein neues Zentrum. Das alte war im Krieg schwer zerstört worden, in den letzten Wochen noch hatten die Deutschen selbst Brandbomben abgeworfen, um den Ort nicht heil den Russen zu überlassen. 2007 wurde der Bau der neuen Kreisverwaltung eröffnet, nach Paul Wunderlich benannt, dem in Eberswalde geborenen Künstler.

Der Wunderlich-Komplex besticht weniger durch seine Architektur als durch sein Konzept: eins der energieeffizientesten Verwaltungsgebäude Deutschlands. Und eins der lebendigsten. Neben Arbeiten von Paul Wunderlich (Geschmackssache!) werden auch weitere Ausstellungen gezeigt. Zurzeit finden Kreissitzungen unter den Augen von Beuys statt. Wenn das nichts mit der Politik macht.

Am 1. Juli 2007 wurde das Wunderlich-Haus eingeweiht, am 14. Juli 2007 hieß es zum ersten Mal „Guten Morgen Eberswalde“, eine einzigartige Veranstaltungsreihe, organisiert von Udo Muszynski, der inzwischen schon in andere Städte eingeladen wird, um davon zu erzählen. Jeden Samstagmorgen um halb elf, 52 Mal im Jahr, Theater, Musik, Literatur für alle, Eintritt frei, Spenden willkommen. Je nach Wetterlage auf dem ebenfalls sanierten Marktplatz, im Wunderlich-Haus, in dem im September auch das Filmfestival „Provinziale“ stattfindet oder, wie an diesem Samstag, im Hof.