„Anne Will“ zu Landtagswahlen : Ein Talk über den Osten ganz ohne die Linke

Bei „Anne Will“ war vor allem interessant, welche Rollen die Politiker einnahmen: Reiner Haseloff zeigte sich eher trocken, Manuela Schwesig bürgernah.

Manuela Schwesig schwärmte voller Energie von Bürgernähe und Bürgerdialog.
Manuela Schwesig schwärmte voller Energie von Bürgernähe und Bürgerdialog.Foto: imago images / Jürgen Heinrich

Es war ein langer Abend voller Politiker-Statements, kleiner und großer Runden mit Spitzenkandidaten und Generalsekretären, Analysen und Floskeln, bei denen diesmal das „blaue Auge“ sogar häufiger vorkam als „abgehängt“.

Mit einem solchen  davongekommen waren die amtierenden Ministerpräsidenten Michael Kretschmer in Sachsen und Dietmar Woidke in Brandenburg, die CDU und die SPD und irgendwie auch die Deutschen und die Demokratie. Die AfD holte zwar in beiden Bundesländern starke Ergebnisse, aber ein Knockout war ihr nicht gelungen. Daher das „blaue Auge“.

In beiden Bundesländern wollten viele Wähler offenbar verhindern, dass die AfD stärkste Partei wird, wovon die Amtsträger profitierten. Daher das Aufatmen. Um etwas tiefer gehende spätabendlichen Analysen bemühten sich bei Anne Will speziell die zu diesem Zweck geladenen Gäste Melanie Amann und Martin Machowecz, führende Journalisten von Spiegel und Zeit.

Wie so oft in Talkshows war das eigentlich Interessante aber weniger die Konsistenz der Argumente oder die Stringenz der Analysen, sondern die Art und Weise, wie die Politiker agierten. Einmal mehr bei Anne Will also: „Menschen hautnah“.

Da waren zunächst die Ministerpräsidenten aus jenen neuen Ländern, die nicht gewählt hatten: Manuela Schwesig (SPD) aus Mecklenburg-Vorpommern und Reiner Haseloff (CDU) aus Sachsen-Anhalt. Weil da bald ebenfalls gewählt wird, durfte Bodo Ramelow aus Thüringen nicht mittun, obwohl der einzige Regierungschef der Linken der Debatte bestimmt gut getan hätte. Auch das ist neu: Ein Talk über den Osten ganz ohne die Linke – tempi passati.

Gauland erreicht, was er wollte

Aber um den Osten gehe es auch gar nicht, beeilte sich Reiner Haseloff zu erklären. Mit einem „gesamtdeutschen Thema“ habe man es hier zu tun, legte er dar, während Manuela Schwesig vor allem einforderte, jetzt gelte es noch energischer ostdeutsche Interessen zu vertreten.

Dabei gab es phänotypisch eine ganz interessante Überkreuz-Bewegung: Haseloff wirkte vom Typ eher trocken wie Dietmar Woidke, während Manuela Schwesig voller Energie von Bürgernähe und Bürgerdialog schwärmte, wie ihn Michael Kretschmer in Sachsen so tapfer praktiziert hatte. Durchsetzungsstärke nimmt man ihr ab, auch wenn sie ihre Argumente etwas zu häufig an Allgemeinplätze baut und sich redlich bemühte, möglichst häufig das Wort Grundrente unterzubringen.

Kämpferisch trat sie auf und Alexander Gauland entgegen, der zufrieden behauptete, nun sei die AfD eine „bürgerliche Volkspartei“. Gerne will er diesen Eindruck erzeugen, so richtig strafft er sich aber kaum noch. Er hat nun erreicht, was er wollte. Die Zukunft der AfD liegt in anderen Händen. Nicht in denen dieses älteren Herren, der eher wirkt wie ein müder Melancholiker, nicht wie ein Systemsprenger.

Habeck lobt alle

Und Robert Habeck? Er versteht und lobt irgendwie alle. Die vielen Menschen im Osten, mit denen er es im Wahlkampf zu tun hatte und die neue Formen der Diskussionen und der Gegenwehr praktiziert hätten  ebenso wie Michael Kretschmer, der sich nun mühen müsse, eine stabile Regierung zu bilden und dabei wohl die Hilfe der Grünen brauche. Wegen der zunehmenden Individualisierung sei alles in Bewegung, besonders das bisherige Parteiengefüge.

Woraus Habeck schlussfolgert, dass die Grünen nun im Zweifel mit allen können müssen, was aber verantwortungsbewusst und keineswegs beliebig sei. Immer noch wirkt Habeck einen Tick zu seifig, um ihn in Zukunft als tatkräftigen Kanzler imaginieren zu können.

Aber so weit ist es ja noch lange nicht. Noch bleibt es dabei, dass CDU und SPD ihre Landesregierungen anführen. Vor allem aber – so resümierte der in Leipzig lebende Zeit-Journalist Martin Machowecz die Lage – sei das Klima noch vor einem Jahr etwa in Chemnitz bedeutend rauer gewesen. Da sei das Wahlergebnis „ein kleines Wunder“ – erneut also: ein Grund zum Aufatmen. Das tat Anne Will dann am Ende auch.

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