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Auf Facebook gelöscht, beim Aufmarsch aktiv : Wie „Compact“-Chef Jürgen Elsässer die „Querdenken“-Bewegung hofiert

Das extrem rechte Magazin „Compact“ feiert die Coronaskeptiker - und setzt auf Angstmache.  Facebook und Instagram greifen nun durch.

Jürgen Elsässer vor der Stand seines Magazins auf der Leipziger Buchmesse.
Jürgen Elsässer vor der Stand seines Magazins auf der Leipziger Buchmesse.Foto: dpa

Den Coronaprotesten widmet das Magazin „Compact“ in seiner neuen Ausgabe fast 20 Seiten. Chefredakteur Jürgen Elsässer lobt, bei der „Querdenken“-Bewegung gebe es keinerlei „Abgrenzung nach rechts“. Sein Chef vom Dienst erklärt, bei Querdenken hätten sich „99 Prozent der Teilnehmer geistig aus dem System Bundesrepublik verabschiedet“. Er meint das als Kompliment. Da sei „ein Volk auf der Straße, das mit diesem System nichts mehr zu tun haben will“. Die „Endphase des Regimes“ sei eingeläutet.

Seit März wird „Compact“ vom Verfassungsschutz als „Verdachtsfall“ eingestuft. Das extrem rechte Magazin agiere als politischer Akteur, der den Sturz des „Systems“ anstrebe – und dafür den Diskurs in seinem Sinn umprägen wolle, um anschließend die erhoffte politische Wende einzuleiten. Dabei bediene sich „Compact“ „revisionistischer, verschwörungstheoretischer wie auch fremdenfeindlicher Motive“. Der Verfassungsschutz erwähnt das Magazin zudem mehrfach in seinem im Juli veröffentlichten „Lagebericht Antisemitismus“.

Am Freitag folgte eine weitere schlechte Nachricht für „Compact“: Am Abend  löschten sowohl Facebook als auch Instagram ohne Vorwarnung die Accounts des Magazins. Eine Sprecherin beider Plattformen erklärte, „Compact“ habe wiederholt gegen das Regelwerk verstoßen.

Jürgen Elsässer ist nicht nur Chefredakteur und Vordenker von „Compact“. Er tritt als Redner bei Pegida auf, provoziert mit Forderungen wie „Freiheit für Beate Zschäpe!“ Ideologisch steht er dem völkischen, offiziell aufgelösten „Flügel“ in der AfD sowie der ebenfalls vom Verfassungsschutz beobachteten Identitären Bewegung nahe. Der „Spiegel“ nennt Elsässer den „deutschen Stephen Bannon“.

Srebrenica? War eine „militärisch glänzende Operation“

Das Magazin, dessen Ausrichtung Elsässer seit zehn Jahren vorgibt, fällt immer wieder durch das Verbreiten von Verschwörungsmythen auf. Mal wird behauptet, Invasoren hätten in Deutschland einen Bürgerkrieg begonnen. Mal heißt es, Hollywood sei von Satanisten unterwandert. Ein roter Faden sind heftige Entgleisungen gegenüber Muslimen – dazu wird bisweilen die Geschichte umgedeutet. So habe etwa 1995 in Srebrenica kein Völkermord stattgefunden, sondern eine „militärisch glänzende Operation zur Stürmung einer schwer bewaffneten Islamistenfestung – der letzte militärische Sieg des christlichen Europa gegen den erneut vordringenden Islam“. Folgerichtig feiert Elsässer den Kriegsverbrecher Ratko Mladic als „Kämpfer gegen die Islamisierung Europas“.

Früher verstand sich Jürgen Elsässer als Linker. Er schrieb für mehrere linke Zeitungen, eckte dort aber an. Bei der Zeitschrift „Konkret“ wurde er rausgeschmissen, das „Neue Deutschland“ kündigte ihm. Überzeugungen von damals seien ihm heute peinlich, sagt Elsässer: „Leute werden klüger im Laufe ihres Lebens.“ Sein Wechsel ins rechte Lager sei allerdings nicht plötzlich erfolgt, sondern Ergebnis eines „langfristigen Umbruchs“, eines Prozesses von 15 Jahren, der bis ins Jahr 2010 dauerte.

Glaubt man Elsässer, haben die Coronaproteste dem extrem rechten Magazin viele neue Leser beschert. Überprüfen lässt sich das nicht, „Compact“ nimmt nicht an den objektiven Zählmethoden der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) teil. Angeblich hat „Compact“ rund 20 Mitarbeiter. Gerade ist einer hinzugekommen. Er ist Aktivist der rechtsextremen Identitären Bewegung.

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„Compact“ ist erfahren und sehr geschickt darin, Ängste zu schüren. Als Elsässer 2014 bei den sogenannten „Montagsmahnwachen“ in Berlin auftrat, sprach er angesichts der Ukrainekrise vor einem drohenden „Dritten Weltkrieg“ und behauptete: „Die Welt steht am Abgrund.“

Ab 2015 warnte „Compact“ dann vor „Merkels Invasoren“, „orientalischen Gangband-Rudeln“, der „Landnahme ausländischer Mächte“ und einem „Umvolkungsprogramm“. Eine Autorin glaubte an die „systematische Flutung und genetische Vermischung Deutschlands mit fremden Kulturen zwecks Herabsetzung des allgemeinen Intelligenzquotienten“. Das habe einen simplen Zweck, schrieb die Autorin: „Zu dumm zu verstehen, klug genug zu arbeiten – der perfekte Sklave.“

Auch jetzt in der Coronakrise setzt „Compact“ auf Ängste. Elsässer behauptet, es werde „eine weltweite Hygiene-Diktatur vorbereitet“, geplant sei dabei „die Deindustrialisierung der gesamten Menschheit“. Den düsteren Prophezeiungen ist gemein, dass sie niemals eintreten. Aber sie halten die Leser zahlungsbereit.

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Häufig warnt „Compact“ auch vor Zionisten, proisraelischen Interessensverbänden und jüdischen Bankiersfamilien wie den Rothschilds, sagt der Berliner Sozialwissenschaftler und democ.-Mitarbeiter Jonas Fedders. Er hat antijüdische Denkmuster und Codes bei „Compact“ untersucht und diese im Buch „Im Feindbild vereint: Zur Relevanz des Antisemitismus in der Querfront-Zeitschrift Compact“ dokumentiert. Mal sei im Magazin von israelischen „Tentakeln“ die Rede, die bis ins Pentagon hineinreichten. Mal heiße es: „Wer vom Zionismus nicht reden darf, muss auch vom Faschismus schweigen.“ Der Antisemitismus, der in „Compact“ vermittelt werde, sei nicht plump, sagt Jonas Fedders. „Er springt einen in seiner codierten Form jedoch förmlich an.“

Der Verfassungsschutz erklärt diese Vorgehensweise anschaulich in seinem „Lagebericht Antisemitismus“. Dort heißt es, im „Compact“-Magazin fungiere der jüdische Unternehmer George Soros als „Feindbild und personifiziertes Beispiel der ,globalistischen Eliten‘“. Soros werde als vermeintlicher Hintermann und Mitverantwortlicher des „Großen Austausches“ der Bevölkerung durch Migranten dargestellt. Dass Soros einer jüdischen Familie entstammt, hebe „Compact“ zwar nicht explizit hervor, jedoch spreche das Magazin „hierbei auch den ,kundigen‘ Leser an, der sich über diese Tatsache bereits im Klaren ist oder aber mit entsprechender Umwegkommunikation auf diesen Umstand hingewiesen wird.“

Im Frühjahr bat „Compact“ seine Anhänger um Spenden. Manche Leser hätten ihnen daraufhin vierstellige Summen zukommen lassen, sagt Jürgen Elsässer. Der Betrieb sei gesichert. Weitere Leser sollen nun hinzukommen. Diesen Sonnabend, wenn Querdenker im Tiergarten für die sofortige Absetzung der Bundesregierung und das Ende aller Sicherheitsmaßnahmen demonstrieren will, hat Jürgen Elsässer kurzerhand zum „wichtigsten Tag seit 1945“ erklärt. Ein wichtiger Tag für „Compact“ wird es in jedem Fall.

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