Feminismus im Netz : „Druck“ machen

Serien, Talk, Tipps, Mädelsabende: Wie sich das Portal „Funk“ von ARD und ZDF für junge Frauen und Feminismus einsetzt.

Nah an der Zielgruppe. Mit den Protagonistinnen der Serie „Druck“, Sam (Jobel Mokonzi, v.l.n.r.) Hanna (Lilly Dreesen), Mia (Milena Tscharntke), Kiki (Lea Zoe Voss) und Amira (Touka El-Fawwal), sollen sich die Zuschauerinnen identifizieren können.
Nah an der Zielgruppe. Mit den Protagonistinnen der Serie „Druck“, Sam (Jobel Mokonzi, v.l.n.r.) Hanna (Lilly Dreesen), Mia...Foto: Funk

Mia sitzt in einem schummrigen Berliner Café und schaut dem Mann in die Augen, der sie sexuell belästigt hat. „Ich habe keine Angst vor dir“, sagt sie, als er beginnt, sie zu bedrohen. Mia ist gekommen, um ihm zu sagen, dass sie ihn angezeigt hat. Nach der Konfrontation trifft sie sich mit ihren Freundinnen, mit denen sie gerade zusammen Abitur macht, und lässt sich von ihnen Mut zusprechen.

Mia, gespielt von Milena Tscharntke, ist eine der Protagonistinnen der Jugendserie „Druck“. Zu ihrer Clique gehören auch Kiki, die sich mit extremen Diäten quält und im Laufe der Serie zu innerer Stärke findet und Amira, die trotz ständiger dummer Sprüche über ihr Kopftuch als selbstbewusste junge Muslima durch die Welt geht, mit ihren Freundinnen Party macht – und dabei eben Mate statt Bier trinkt.

„Wir versuchen, Protagonistinnen in Serien zu präsentieren, mit denen sich junge Frauen identifizieren und die sie auch als Vorbild sehen können“, sagt Nicola Staender. Die 27-Jährige ist Redakteurin und Formatentwicklerin bei Funk. So heißt das 2016 gestartete Content-Netzwerk von ARD und ZDF. Mit inzwischen über 70 verschiedenen Formaten wollen die Öffentlich-Rechtlichen junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren ansprechen. Der Zielgruppe entsprechend laufen die Programme nicht im Fernsehen oder im Radio, sondern auf Social-Media-Kanälen wie Facebook, YouTube, Instagram und Snapchat.

Auch „Druck“, eine Adaption der norwegischen Serie „Skam“, funktioniert nicht wie eine lineare Fernsehserie. In Echtzeit werden kurze Szenen auf YouTube und der Funk-Seite veröffentlicht. Unterhalten sich Mia und Amira morgens um neun Uhr in der Schule, wird der Clip zu dieser Uhrzeit hochgeladen. Im „Druck“-Whatsapp-Kanal tauschen sich die Charaktere der Serie aus und auch auf Instagram kann man ihnen folgen, um die neusten Entwicklungen mitzubekommen. Für Fans der klassischen Serienerfahrung werden alle Clips am Ende der Woche zu einer Folge zusammengesetzt.

Formate für die weibliche Zielgruppe

„Druck“ ist eines von vielen Funk-Formaten mit einer hauptsächlich weiblichen Zielgruppe. „Feminismus im Sinne von Gleichberechtigung betrachte ich als Teil unseres öffentlich-rechtlichen Auftrags“, sagt Nicola Staender. Und das Konzept geht auf: Mit etwa 355 000 Abonnentinnen und und Abonnenten und insgesamt rund 56 Millionen Views auf YouTube gehört „Druck“ zu den beliebtesten Formaten von Funk und war dieses Jahr für einen Grimme-Preis nominiert.

Auch die YouTube-Talk-Sendung „Auf Klo“, in der die Moderatorinnen auf Toilettenschüsseln sitzend mit verschiedenen Gästen über Themen wie Abtreibung, Mobbing oder das Leben mit Behinderung sprechen, hat viele Fans. Gerade war dort die Astronautin Suzanna Randall zu Gast und erklärte den jungen Zuschauerinnen unter anderem was passiert, wenn man seine Periode im Weltall bekommt (Spoiler Alert: nichts anderes, als auf der Erde auch).

Ein weiteres Erfolgsformat mit über 100 000 Abonnentinnen und Abonnenten ist der Instagram-Kanal „Mädelsabende“, dessen Protagonistinnen über alles von Fridays for Future bis zum besten Mittel gegen schlechte Haut sprechen. „Mädelsabende“ ist das persönliche Lieblingsformat von Nicole Staender. Die Redakteurin sieht den feministischen Anspruch von Funk auch darin, die junge weibliche Zielgruppe nicht bloß auf typische Beauty-Themen zu reduzieren. So erklärt in dem YouTube-Format „Mai.Lab“ die Chemikerin Mai naturwissenschaftliche Zusammenhänge, in „Pocket Money“ gibt die Steuerfachangestellte Hazel jungen Frauen Tipps, wie sie gut mit Geld umgehen. „Wir wollen die Sichtbarkeit von Frauen abseits von Schminke und pinken Klamotten stärken“, sagt Staender.

"Softie" für die Vielfalt

Ein neueres Funk-Format, das sich besonders für Vielfalt einsetzt, ist „Softie“. Das im November 2018 gestartete Videoprojekt ist eine Zusammenarbeit des feministischen "Missy Magazine", Funk und der Kooperative Berlin, die auch „Auf Klo“ konzipiert hat. Die auf Facebook und Instagram gesendeten etwa dreiminütigen Videos beschäftigen sich mit Themen wie Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit oder Rassismus, sind dabei quietschbunt, mit Grafiken aufgepeppt und unterlegt mit aktuellen Hits.

Mit den Videos will die „Softie“-Redaktion auch Menschen ansprechen, die vorher nicht viel mit derartigen Themen am Hut hatten. „Die merken dann vielleicht, dass Feminismus gar nichts ist, wovor man Angst haben muss“,sagt eine der „Softie“-Redakteurinnen, die ihren Namen aus Schutz vor Hasskommentaren lieber nicht in der Zeitung lesen möchte.

„Softie“ will diskriminierte Personen selbst zu Wort kommen lassen und ihre Bedürfnisse sichtbar machen. Der Queerfeminismus gehe darüber hinaus, allein für Frauenrechte zu kämpfen. „Wir wollen einen Raum für marginalisierte Stimmen schaffen, die sonst in den Mainstreammedien unterrepräsentiert sind“, sagt die Redakteurin. In einem der neuesten Videos beantworten zwei Sexarbeiterinnen Fragen über ihren Arbeitsalltag. Sie reden darüber, ob sie bei der Arbeit auch Lust empfinden, ob sie den Job freiwillig angefangen haben und dass sie sich auch mal ekeln, wenn Kunden sich nicht richtig gewaschen haben. Beide fordern in dem Video die komplette Legalisierung ihrer Arbeit. Emy, die unter anderem als Domina arbeitet, bringt das Konzept von „Softie“ in dem Video auf den Punkt. „Wir sind diejenigen, um die es geht, das heißt, dass wir auch diejenigen sind, deren Stimme wichtig ist“, sagt sie.

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