Nach den Corona-Drehstopps : So geht es bei „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ weiter

Langsam beginnen wieder die Dreharbeiten zu „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Ob alle Krimis rechtzeitig fertig werden, ist jedoch nicht sicher.

Wer hat den 13-jährigen Emil ermordet? Im „Tatort: Lass den Mond am Himmel stehen“ (ARD, 20 Uhr 15) mit den Kommissaren Batic (Miroslav Nemec, links) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) macht sich jeder verdächtig.
Wer hat den 13-jährigen Emil ermordet? Im „Tatort: Lass den Mond am Himmel stehen“ (ARD, 20 Uhr 15) mit den Kommissaren Batic...Foto: Hendrik Heiden/BR

Am 20. März berichtete der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) in eigener Sache. Zwei Tage nach der Corona-Fernsehansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel kam es in Berlin zu 100 Verstößen gegen die neuen Regeln. Darunter von einem Fernsehteam, das in Charlottenburg eine neue Folge des RBB-„Tatort“ drehen wollte – mit insgesamt 35 Leuten am Set. Danach hieß es auch für den Sonntagskrimi, den Woche für Woche bis zu zehn und mehr Millionen Menschen einschalten: Nichts geht mehr.

Außer dass die Dreharbeiten für den RBB-„Tatort“ „Ein paar Worte nach Mitternacht“ sofort beendet wurden, blieb das Vergehen ohne Folgen: „Bei dem Filmteam gab es keinen strafrechtlichen Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz und daher auch keine Anzeige“, sagte eine RBB-Sprecherin. Inzwischen konnte der Dreh „unter strengen Auflagen“ abgeschlossen werden, sodass der Ausstrahlung im Herbst nichts mehr im Wege steht. Immerhin spielt die Folge mit den Hauptdarstellern Meret Becker und Mark Waschke vor dem Hintergrund des 30-jährigen Wiedervereinigungsjubiläums.

Maria Simon muss sich ranhalten

Beim nächsten RBB-„Polizeiruf“ – der letzte mit Maria Simon als Olga Lenski – müssen sich Schauspieler und Stab dagegen ranhalten. Die Dreharbeiten wurden in den September verlegt, bis zur Ausstrahlung Ende des Jahres darf es keine weiteren Komplikationen geben. Überhaupt steht wohl so manches Fragezeichen hinter den „Tatort“- und „Polizeiruf“-Sendeterminen in der zweiten Jahreshälfte.

Zunächst aber gehen die TV-Reihen am 21. Juni in die Sommerpause, die bis zum 30. August dauert und in diesem Jahr mit dem „Tatort“-Wunschfilm-Event gefüllt wird. Erst am 6. September gibt es wieder eine Erstausstrahlung. „Die ,Coronakrise‘ hatte nur insofern Einfluss auf die Planung der Sommerkrimiplätze am Sonntag, als Das Erste mit dem coronabedingten Wegfall der Fußball-EM programmlich umdisponieren musste“, heißt es aus der ARD-Programmdirektion. Aber: „Es ist leider zum jetzigen Zeitpunkt nicht völlig absehbar, ob alle Sonntagskrimis rechtzeitig fertiggestellt werden können“, schränkt ARD-Programmchef Volker Herres ein. Aber er sei zuversichtlich. „Sobald wir sehen, ob sich Lücken auftun, machen wir uns über Alternativen Gedanken. Im Augenblick ist es dazu noch zu früh.“

Immerhin rechnen die Programmverantwortlichen damit, den Jubiläumstermin zu 50 Jahren „Tatort“ halten zu können. „Nach jetzigem Planungsstand sieht es so aus, dass die WDR-BR-Doppelfolge rechtzeitig zur Ausstrahlung im vierten Quartal bereit stehen wird“, sagte Herres.

Konkret sieht es so aus: „Der Dreh des zweiten Teils von ,In der Familie‘ pausiert seit März. Auch wenige Szenen für den ersten Teil müssen noch gedreht werden“, heißt es beim BR. „Wir gehen davon aus, die Dreharbeiten so rechtzeitig fortsetzen zu können, dass die Sendetermine beider Filme gehalten werden können“, ergänzt der WDR und betont, dass in den Drehbüchern keine coronabedingten Änderungen vorgenommen wurden.

 [Behalten Sie den Überblick über die Corona-Entwicklung in Ihrem Berliner Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihre Nachbarschaft. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de. ]

Dies gilt nicht für die regulären WDR-„Tatorte“ aus Dortmund, Köln und dem Quotenkönig Münster. Die Drehs werden mit deutlichen Einschränkungen wieder aufgenommen: „Szenen werden weniger dicht geschrieben, beispielsweise sitzen zwei Kommissare bei der Observation nicht nebeneinander im Pkw, sondern in einem größeren Wagen vorne und hinten. Innenaufnahmen werden ins Freie verlegt, Aufnahmen auf großen öffentlichen Plätzen werden gemieden und mit Orten ohne viel Publikumsverkehr getauscht“, erläutert eine Sendersprecherin. Zum „ganz überwiegenden Teil“ seien dies jedoch „technische Anpassungen ohne inhaltliche Relevanz“. Ähnliches gilt für den RBB-„Tatort“, bei dem sich nur noch ein Ermittler im Verhörraum befindet und der andere hinter einem venezianischen Spiegel bleibt.

Gute Nachrichten für den Münster-"Tatort"

Für die Freunde des „Tatort“ mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl gibt es jedenfalls gute Nachrichten: Die Folge „Limbus“ ist bereits abgedreht, es fehlt nur noch ein konkreter Sendetermin. Vom NDR laufen im ersten Halbjahr fünf „Tatorte“ und zwei „Polizeirufe“ – weitere Sonntagabendkrimis seien vor diesem Hintergrund im Ersten nicht eingeplant. Das gibt dem NDR Spielraum, die Drehstopps, die es unter anderem beim Kieler „Tatort“ gegeben hat, wieder aufzuholen.

Die Dreharbeiten zu den nächsten „Tatorten“ des SWR waren bereits im März beendet. Die nächste Folge aus dem Schwarzwald und aus Stuttgart sind für Oktober terminiert, im November soll ein Lena-Odenthal-„Tatort“ folgen. Aber es gab auch Verschiebungen: der Dreh einer weiteren Schwarzwald-Episode findet wahrscheinlich erst 2021 statt. „Bisher hoffen wir, dass sich die Verschiebungen auffangen lassen, das hängt aber natürlich von den weiteren Entwicklungen in Sachen Corona ab“, teilte der SWR mit.

Um nicht in Verzug zu geraten, versuchen die Sender, flexibel auf die Drehstopps zu reagieren. So wie beim MDR. Die Fertigstellung der Dresdner Episode „Rettung so nah“ verzögert sich. Viele Szenen, die körperliche Nähe erfordern, seien zwar bereits abgedreht, aber dennoch wurden die ursprünglichen Planung durcheinandergebracht. So wird nun ein anderer „Tatort“ vorgezogen. Die Dreharbeiten zum „Polizeiruf: Hexen brennen“ mussten komplett verschoben werden, einen neuen Termin gibt es noch nicht.

Beim Hessischen Rundfunk laufen die nächsten beiden „Tatort“-Produktionen wie geplant am 13. September und am 27. September – zunächst ermittelt das Team Frankfurt den Fall „Funkstille“, danach wird Ulrich Tukur in „Die Ferien des Monsieur Murot“ zu sehen sein. Eine andere „Tatort“-Produktion musste von Mai/Juni auf 2021 verschoben werden.

Beim Saarländischen Rundfunk laufen die Dreharbeiten für die nächste Episode mit den Neulingen Daniel Sträßer und Vladimir Burlakov nach zehnwöchiger Verzögerung nun am 24. Juni an. Am Ausstrahlungstermin Ostern 2021 ändert sich jedoch nichts. Ein neues Ermittlerteam gibt es auch bei Radio Bremen. Für die erste Folge mit Jasna Fritzi Bauer, Dar Salim und Luise Wolfram laufen noch die Planungen, sodass keine Dreharbeiten umdisponiert werden mussten. Und was ist mit dem „Tatort“ aus Wien mit Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser? Die Folgen „Pumpen“ und „Krank“ wurden 2019 gedreht und kommen in diesem Jahr zur Ausstrahlung. Die Dreharbeiten zu „Unten“ werden gerade wieder aufgenommen.

Die Pandemie ist übrigens nicht der einzige Grund für Änderungen bei Dreharbeiten. Für einen Berlin-„Tatort“ wird in einer Kleingartenkolonie gedreht, es sollen dabei Aufnahmen aus der Vogelperspektive gemacht werden. Doch das geht nur mit einer „Drohnenflugeinverständniserklärung“ der Grundstückseigentümer. Auch so etwas kann Planungen durcheinanderwirbeln.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!