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Für immer vermisst. Mit Zetteln suchte Susanne Fontaines Ehemann nach seiner Frau.
© privat

Mord an Susanne Fontaine im Tiergarten: Sie hatte ihr Leben fest in der Hand – bis es ihr jemand nahm

Susanne Fontaine sah ein Schloss und sagte: Da will ich rein! Sie liebte die Kunst. Seit fast einem Jahr ist sie nun tot, ermordet im Berliner Tiergarten. Ein Nachruf.

Von Maris Hubschmid

Wenn sich irgendwo ein Abgrund auftat, ging sie voran. Sie wusste, dass ihr Mann die heiklen Stellen besser bewältigte, wenn er dicht hinter ihr bleiben, sich auf ihre Schritte konzentrieren konnte. So führte sie ihn, der ein bisschen Höhenangst hatte, um die nächste Biegung, die nächste Etappe hinauf, zum nächsten berauschenden Blick.

Aujourd’hui la vie est belle – dieser Ausspruch passte gut zu Susanne Fontaine. Heute ist das Leben schön. Er steht auf einem kleinen Tellerchen, das sie ihrer Freundin aus Frankreich mitbrachte.

Heute ist das Leben schmerzlich. Zehn Monate sind vergangen seit ihrem Tod, und da war keine Stunde, in der diejenigen, die zurückgeblieben sind, nicht gespürt hätten: Sie fehlt. Zehn Monate voller quälender erster Male. Sein Geburtstag, ihr Geburtstag, Weihnachten, Silvester. Jetzt, um diese Zeit, hätte sie mit ihren Freunden traditionell das Mittsommerfest gefeiert. Die hellen Nächte, das Licht.

Am heutigen Montag wird es in der Reihe von ersten Malen ein letztes Mal geben. Einmal noch werden ihre Angehörigen durch die schwere Eichentür im Moabiter Kriminalgericht gehen, ihre Freunde in den Besucherreihen Platz nehmen, ihr Mann Klaus Rasch auf der Klägerbank. Drei Monate lang wurde verhandelt – an elf Prozesstagen. Dem Angeklagten, eigenen Angaben zufolge zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alt, wird vorgeworfen, Susanne Fontaine am Abend des 5. September 2017 im Berliner Tiergarten heimtückisch aus Habgier ermordet zu haben. Die damals 60-Jährige war auf dem Heimweg von einem Besuch im Biergarten. Die Beweiskette ist schlüssig, eindeutig ist sie nicht. Ein Geständnis liegt nicht vor.

Allzeit fröhlich. Und unternehmungslustig.
Allzeit fröhlich. Und unternehmungslustig.
© oh

Seitdem ihr Ehemann an jenem Morgen realisiert hatte, dass sie nicht nach Hause gekommen war, ihre Freunde in der Abendschau ein Foto von ihr auf dem Fernsehbildschirm sahen, liegt über ihnen allen eine große Fassungslosigkeit wie dichter Nebel. Bis heute fällt es ihnen schwer, ihre allzeit so fröhliche „Susa“ zusammenzubringen mit den Schlagzeilen über die „Tote aus dem Tiergarten“. Mit dem Mordopfer, von dem der Richter spricht. Sie hatte ihr Leben so fest in der Hand. Bis jemand es ihr genommen hat.

Ein Leben, das immer für sich stand, ehe es zum Symbol für Behördenversagen wurde, auch missbraucht, um Politik zu betreiben. Der mutmaßliche Täter ist ein abgelehnter Asylbewerber. Alle reden über die Umstände ihres Todes. „Lasst uns über ihr Leben reden“, bitten ihre Freunde.

Momente des Glücks

An ihre erste Begegnung kann Klaus Rasch sich gar nicht erinnern, so lange muss das her sein. Sie kannten einander schon ewig, wenn auch nur flüchtig, stammten beide aus dem gleichen Kurort im Harz. Er, sieben Jahre älter, studierte bereits in Berlin, war bloß für die Semesterferien in der Heimat, als er eines Abends in eine Kneipe einkehrte, wo Susanne mit einem Freund am Tresen stand. Der Freund ging bald, Susanne blieb. Und blieb. Bei Klaus. Vierzig Jahre.

Sie steckte noch im Abitur, die Eltern ließen durchblicken: Für eine Familie wäre es zu früh, kein Einkommen, kein Job, Fernbeziehung! Aber sie wollten ein Kind, beide, eines abends sagte Susa bei einem Glas Wein: Heute verhüten wir nicht. Um niemanden vor den Kopf zu stoßen, stellten sie es den Familien gegenüber als Unfall dar. Und wann wollt Ihr heiraten?, fragte die Mutter. Erst mal gar nicht, sagten Susa und Klaus. Als Klaus vorfuhr, Susa und ihre paar Sachen abholte, flüsterte die Mutter: „Das war’s dann wohl.“ Sie stand am Fenster und weinte und winkte dem Renault 4 und ihrem einzigen Kind hinterher.

So war Susa – hatte ihren eigenen Kopf und wusste ihn durchzusetzen, ohne damit durch Wände zu rennen. Sie verprellte die Menschen nicht. Auch das Band zu ihren Eltern blieb ein enges, die Mutter starb früh, der Vater 2016 an Herz-Kreislauf-Versagen. Wie gut, sagen Klaus und die Freunde heute. Er hätte, was danach geschah, nicht überlebt.

Für Schlösser hatte sie sich früh begeistert, es hatte nichts mit dem üblichen Kleinmädchen-Traum vom Prinzessinsein zu tun. Es waren die Allgegenwärtigkeit des Vergangenen und der Vergänglichkeit, der für jedes noch so kleine Detail betriebene Aufwand, die sie faszinierten. Wenn die Freunde eine Radtour machten und sie kamen an einem Schloss vorbei, hielt Susanne an. Da können wir nicht dran vorbeifahren, das sehen wir uns an!

Ihr Vater hatte sie beim Finanzamt unterbringen wollen, mit dem Amtsvorsteher schon alles ausgehandelt, sie überließ den Job ihrer Schulfreundin. Begann ein Studium der Kunstgeschichte, für ihre Kommilitoninnen an der TU organisierte sie Exkursionen, was oft schwierig war, weil die Mauer noch stand. Einmal wollten sie nach Russland, hatten eigens einen Kurs in kyrillischer Schrift gemacht, dann kam Tschernobyl und sie schwenkten auf London um. Susanne konnte sich nicht sattsehen an den Gartenanlagen, den alten Gewächshäusern. In einem typisch englischen Café ließ sie sich die herrlichsten Törtchen in elegante Schachteln packen und holte sie für ein Picknick in den königlichen Kew Gardens wieder hervor. Susanne erkannte diese Momente vor allen anderen, denen erst im Nachhinein bewusst wurde, dass dies das Glück war.

Der schönste Arbeitsplatz

Nach dem Examen führte sie Besucher durchs Schloss Charlottenburg, dann – was für ein Karriereschritt – wurde sie Kastellanin für Schloss Glienicke und das Jagdschloss auf der Pfaueninsel!

Ich habe den schönsten Arbeitsplatz, den ich mir vorstellen kann, sagte sie ihrer Freundin einmal. Und war das Wetter noch so schlecht, wenn Susanne den weiten Weg mit der S-Bahn und das letzte Stück mit dem Fahrrad zurückgelegt hatte, um die Kurve bog und da lag ihr Schloss, war sie versöhnt.

Irgendwann bot man ihr das Schloss Charlottenburg an. Nee, sagte sie, so eine Partybude will ich nicht. Auch das Jagdschloss Grunewald und Babelsberg sollte sie übernehmen, zusätzlich. „Ich möchte mich nicht achteln müssen", sagte sie. Karriere war Susanne nicht egal, aber wichtiger war es ihr, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. In der Saison war sie sieben Tage die Woche vor Ort. Am Wochenende gab es Konzerte, die sie mit einer Freundin und deren Mann organisierte. War dieses Schloss nicht erst komplett, wenn Musik darin erklang?

Erst wohnten sie im Wedding, und als der errechnete Geburtstermin verstrichen war, gingen sie das Treppenhaus von Karstadt am Leopoldplatz auf und ab, damit die Wehen einsetzten. Sie bekamen eine Tochter. Alles war gut.

Ein Jahr lang renovierten sie die Charlottenburger Altbauwohnung, in die sie anschließend zogen, wuschen den Stuck frei, schliffen die Flügeltüren und das Parkett. Hievten Omas Wohnzimmerschrank die Treppen hoch, suchten das Biedermeiersofa aus, auf dem nun Reporter sitzen und über ein Verbrechen sprechen wollen.

Klaus Rasch bittet sie herein. Aus dem Gefühl heraus, es seiner Susa schuldig zu sein. Weil es seine Art ist, mit der unerträglichen Sinnlosigkeit dieses Verlustes umzugehen. Hätte Susa das befürwortet? Wer wollte das beurteilen. Hätte sie selber so gehandelt? Nein, sagen ihre Freunde. Aber sie hätte es verstanden. Auf keinen Fall hätte sie ihm Vorwürfe gemacht.

Der Tochter, inzwischen bald 40, ist das zu viel Öffentlichkeit. Lass doch, Papa, es bringt sie nicht zurück. War sie nicht meistens mit ihrer Mutter einer Meinung? Sie war noch ein Kind, als Klaus Rasch, Journalist, entschied, für fünf Jahre nach Bonn zu gehen. Wenn er dann am Wochenende nach Hause kam, hatte er häufig das Gefühl, dass sich Frau und Tochter gegen ihn verbündet hatten. Aber sie waren einander bloß so ähnlich!

Sie reisten gerne viel und lang

Für immer vermisst. Mit Zetteln suchte Susanne Fontaines Ehemann nach seiner Frau.
Für immer vermisst. Mit Zetteln suchte Susanne Fontaines Ehemann nach seiner Frau.
© privat

Susanne war, was die Tochter anging, gelassener als ihr Mann. In der Überzeugung, dass die ihren Weg schon gehen würde, auch ohne Kontrolle, gelassener im Gewähren von Freiheiten. Blickte nicht unruhig zur Tür, wenn es später wurde, kam nicht selten nach ihrer Tochter nach Hause. Aus dem Kant-Kino oder einer Ausstellung. Sie hatte ein tiefes Vertrauen, dass die Dinge gut gehen würden. Sie war eine angstlose Frau.

Mit der Enkelin – und Susanne war eine vernarrte Großmutter – backte sie Plätzchen. Das Ergebnis: zum Zähneausbeißen. Egal, sie hatten es des Backens wegen getan. Noch lieber ging sie in die Kinderoper, ins Märchen, zu Verabredungen nahm sie die Kleine mit. Ein Kind muss um acht im Bett sein? Sie fand, elf Uhr und ein Sofa täten es auch.

An ihren Geburtstagen hatte Susanne die Regel: Wer anrief, den lud sie ein. Es riefen viele an. Jedes Jahr mehr.

Mit fünf Freundinnen aus dem Studium traf sie sich immer zur Weihnachtsfeier. Susanne hatte ein Händchen dafür, originelle Geschenke auszusuchen, die zugleich abseitig und nützlich waren und die man in dauerhaftem Gebrauch behielt. Filzhütchen zum Eierwärmen. Ein Tongefäß, in dem Ohrwürmer im Garten überwintern können. Einmal bekamen alle von ihr eine Gelbrille, die man in den Kühlschrank und dann auf die Augen legt, in Sternenform. Da saßen sie zu sechst um den Küchentisch, mit Sternen im Gesicht.

Ihr selber konnte man mit Theaterkarten die größte Freude machen. Besonders gern sah sie Katharina Thalbach und Klaus Maria Brandauer spielen. Ihre Plätze wählte sie nach Möglichkeit außen, weil man von da ein Stück hinter den Bühnenvorhang schauen konnte, und manchmal kleine Pannen, Geheimnisse mitbekam.

Sie reisten gerne lang und weit. China, Australien, Südsee. Gebucht waren stets nur Hin- und Rückflug, der Rest fand sich schon. In Südamerika, Peru, wollte ihr einer die Handtasche entreißen. „Dem hat sie es aber gezeigt“, sagt Klaus Rasch.

Lachen über Selbstdarsteller

Die weniger strapaziösen Reisen machen wir, wenn wir nicht mehr so fit sind, einigten sie sich. Cinque Terre, Rom, Florenz! So viel Lust, so viel Vorfreude auf alles, was vor ihnen lag. So viele Pläne. Mit einer Freundin wollte Susanne eine Obstwiese pachten. In Hamburg mit Klaus die Elbphilharmonie bestaunen.

Als ihr Mann in Rente ging, schlug er vor: du könntest doch auch...? Aber eng aufeinanderhocken, das mochte sie nie. Überhaupt: Mittags wollte sie, anders als er, Warmes essen, aber nie kochen. Da fing doch die Schwierigkeit schon an. Nein, sagte sie, du musst noch warten.

Schließlich gab es auch beruflich so viele Projekte. Oft ging sie mit der Zentralverwaltung der Stiftung, bei der sie angestellt war und die häufig andere Prioritäten hatte, ins Gefecht. Dann kam sie nach Hause und sagte zu ihrem Mann: Frag mich nicht, gib mir was zu trinken!

Am meisten lachen konnte sie über Selbstdarsteller und Protzer, die ihre eigene Lächerlichkeit nicht mitbekamen.

Wenn der US-Präsident kam und seine Sicherheitsleute drehten vorher jedes Sofa um, wurde sie sauer. Geparkt wird nicht vorm Schloss, diese Mistkarren verschandeln das Bild! Ein Gräuel war ihr der jährliche Drittelmarathon, während dessen sich die Läufer an ihrem historischen Zaun erleichterten. Einmal lief ein Freund mit, Susa mahnte ihn: Wage es ja nicht!

Da konnte ein noch so prominenter Mensch kommen und ihr was von Hochzeit im Casino erzählen, Sie wissen schon, das Ambiente, der schöne Blick... Sie fragte: Wie viele? Und egal, ob er dann 120, 80 oder 50 sagte, antwortete sie: auf keinen Fall. Der Spitzenkoch Franz Raneburger versuchte einmal, sie mit einem Menü umzustimmen, sie genoss es und blieb bei ihrem Nein. Susanne war niemals herrisch, aber immer konsequent.

Gut möglich, dass sie sich gewehrt hat

Sie liebte die Kunst und hütete die ihr anvertrauten Dinge, aber Materielles bedeutete ihr ansonsten nicht viel. Sie war nicht der Typ Frau, der sich mit Schmuck behängt. Verzichtete gelegentlich auch auf die Handtasche, steckte Schlüssel, Geld und Fahrkarte für den Bus in die Jacke oder Hose. Sie hätte ihre Umhängetasche an jenem Septembertag beim Treffen mit ihren Freundinnen ebenso zu Hause lassen können. Das Handy darin hatte ohnehin kaum noch Akku, ständig vergaß sie ihn aufzuladen. Wer will schon seinen Tagesrhythmus einem Gerät unterwerfen? Im Grunde lag ihr nichts daran, immer und überall erreichbar zu rein. Auch sonst war nicht viel in der Tasche, die Opernkarten, die sie einer Freundin abgekauft hatte, ein Glas selbstgemachte Marmelade. Zwei Euro.

Gut möglich, sagen ihre Freundinnen, dass sie sich gewehrt hat, so wie damals in Peru.

Warum haben wir sie nicht mitgenommen?, fragen sie sich. Warum habe ich sie nicht abgeholt?, fragt ihr Mann. Weil keiner auf die Idee gekommen wäre, dass es nötig sein könnte. Und Susa ohnehin gesagt hätte: Ach, lass mal.

Warum? Auf diese Frage hat sich ihr Mann Klaus von dem Prozess Antworten erhofft. Bis heute hat er sie nicht bekommen. Im Gericht schweigt der Angeklagte, zu Hause ist es unerträglich still. Aber Ruhe hat Klaus Rasch nicht gefunden. Vielleicht, sagt er, wenn der Täter verurteilt wird, lebenslang, wie die Staatsanwaltschaft fordert. Am besten mit Sicherungsverwahrung, sagt Klaus Rasch. Eine traurige Ahnung: Dass das, was danach kommt, weniger Ruhe als Leere zu nennen ist.

Die Freunde hoffen, dass sie Klaus helfen können, mit dem Unbegreiflichen zu leben. Und dass Susa nach dem Urteil in ihren Gesprächen und Gedanken endlich wieder nur Susa sein kann. Und nicht mehr das Mordopfer vom Tiergarten ist.

Der Mörder Susanne Fontaines ist am Dienstag, den 25. Juni, zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

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