75 Jahre Befreiung und Neuanfang in Italien : Zorn auf die Deutschen

Stimmen und Stimmungen aus einem gebeutelten Land: Italiens Befreiungstag ist von der Erbitterung über Deutschland bestimmt.

Eine Kunstfliegerstaffel malt über dem Altare della Patria (Altar des Vaterlands) die Tricolore in den Himmel über Rom. 
Eine Kunstfliegerstaffel malt über dem Altare della Patria (Altar des Vaterlands) die Tricolore in den Himmel über Rom. Foto: AFP

Dieser Samstag wird in Italien auch ein „Tag des Zorns“ sein. Der sonst eher aus muslimischen Ländern bekannte Begriff trifft nun auch im Herzen Europas zu.

Eigentlich geht es um einen italienischen Feiertag, den „Tag der Befreiung“ vor jetzt 75 Jahren. Am 25. April wird der von amerikanischen und britischen Truppen zusammen mit den eigenen Partisanenverbänden erkämpften Überwindung der deutschen Besatzung gedacht – sowie des letzten Schlags gegen die jahrzehntelange Herrschaft Benito Mussolinis. 

Der faschistische „Duce“ war am 25. April 1945 aus seinem seit 1943 noch von deutschen Gnaden in Oberitalien etablierten Reststaat in Richtung des Schweizer Tessins geflohen. Zwei Tage später wurde er am Comer See von Partisanen aufgespürt und am 28. April zusammen mit seiner Geliebten Clara Petacci und mehreren Begleitern erschossen.

Während in Rom der Staatspräsident am Tag der „liberazione“ einen Kranz niederlegt, gibt es an Kriegerdenkmälern in Tausenden italienischen Gemeinden kleine Militärkonzerte und Ansprachen der womöglich letzten überlebenden Veteranen. Solche Feiern müssen wegen der Corona-Pandemie beim 75. Jubiläum ausfallen. Dafür mischt sich in das stillere Gedenken diesmal der Zorn.

Argwohn gegenüber Brüssel und Berlin

Der Zorn auf die Deutschen. Nicht wegen der Kriegstoten oder der übrigen Opfer faschistischer Gewalt. Sie sind nur die Geister der Vergangenheit. Und bis 1943, bis zum Bruch der von Hitler und Mussolini gebildeten Achse Berlin–Rom, hatte Italien ja selbst Krieg an der Seite der Deutschen geführt. 

Doch vor Kurzem, als man in Bergamo oder Brescia für die Kranken kaum noch Atem, für die Sterbenden keine Betten und für die Toten kaum mehr Särge hatte, als es statt ein, zwei Flugzeugen mit Hilfsgütern aus Russland und China über Wochen hin kein entschieden solidarisches Hoffnungszeichen vonseiten der reichen europäischen Nachbarn im Norden gab, da „war Italien allein“. 

So knapp hat es Anfang der Woche Ministerpräsident Giuseppe Conte im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt. So fühlen es 60 Millionen seiner Landsleute.

Spätestens seit der Weltfinanzkrise 2008 und verstärkt durch die harte Art, wie die EU unter deutscher Führung mit den Nöten Griechenlands umgegangen ist, wächst in Italien der Argwohn gegenüber Brüssel – das insoweit zu einem Synonym für Berlin geworden ist.

Bisher konnte man als deutscher Reisender in Italien zwar oft Bemerkungen hören: „Ja, wenn uns la Merkel nicht ganz den Geldhahn zudreht, dann kommen wir schon über die Runden.“ 

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Darin lag eine Mischung aus Fatalismus, Selbstironie und zugleich Respekt: vor den Deutschen, die mit ihrer teuflischen Sparpolitik und ihrem teutonischen Fleiß so erfolgreich sind. Außerdem haben sie 2014 tollen Fußball gezeigt, und ihre Spieler hießen in der italienischen Sportpresse „la Mannschaft“ und nicht mehr „i panzer“.

Inzwischen aber sind nicht nur die „Panzer“ wieder zurück. Es geht auch nicht mehr nur um sprachliche Folklore und den wechselseitigen, nie vollends ernst gemeinten Gebrauch von Klischees im Wettstreit zwischen verschwenderischem Nudelparadies und haushaltendem Kartoffelreich. 

Längst werden die Ressentiments gegenüber Brüssel und Berlin nicht allein von der nationalistischen Lega sowie ihrem Mussolini-Verehrer und populistischen Anführer Matteo Salvini oder von dem 5-Sterne-Gründer Beppe Grillo geäußert. Sie sind im Netz virulent wie jüngst eine tief antideutsche Tirade („Herrenrasse“) des Schauspielers Tullio Solenghi.

Auch die Kommentatoren der maßgeblichen Zeitungen „la Repubblica“ und „Corriere della Sera“ oder des öffentlichen Fernsehens sind empört über die „Arroganz der Deutschen“, die nach 1945 einst von der Solidarität der von ihnen eben noch besetzten und bekriegten europäischen Partner profitiert hätten. Und es dank ihres immensen Handelsbilanzüberschusses noch immer tun, auf Kosten auch Italiens.

In zwei großen Reden zur Coronakrise hat Angela Merkel Europa und die Zehntausenden Toten in Italien, Frankreich oder Spanien mit keinem Wort erwähnt. Auch in ihrer Regierungserklärung am Donnerstag fiel der Satz „Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft“ erst ganz am Ende, fast schon beiläufig. 

Selbst ohne die von Südeuropa und vielen klugen Köpfen geforderten Euro-Bonds kann die von Merkel und Brüssel erwähnte „solidarische Finanzierung“ nur eine europäische Gesamthaftung bedeuten: für die unverschuldete Gesamtkatastrophe. Dennoch kommt aus Berlin kein in Rom, Paris, Madrid längst erwarteter Ton des freundschaftlichen oder gar herzlichen Mitgefühls.

Dieser Mangel an Empathie und Diplomatie wirkt verheerend. „Man merkt in Deutschland offenbar nicht, was in Italien vor sich geht. Im Internet wird flächendeckend auf Europa und vor allem auf Deutschland geflucht. 

Das ergreift auch Leute, die vorher nichts gegen Deutschland hatten, die auch zu Hunderttausenden deutsche Autos fahren. Sie begreifen die deutsche Kälte nicht“, sagt Luigi Reitani.

Der geborene Süditaliener war bis zum vergangenen Herbst Direktor des Italienischen Kulturinstituts in Berlin. Vor zwei Jahren erst hat er mit einer Ausstellung an die 650.000 ab 1943 nach Deutschland als Zwangsarbeiter deportierten Kriegsgefangenen aus Italien erinnert. Etwa 60 000 von ihnen sind bis 1945 an Hunger, Entkräftung, Misshandlung gestorben.

Reitani lebt als Übersetzer von Hölderlin bis Jelinek, als Germanist und Gelehrter von europäischem Rang mit seiner Familie noch immer in Berlin. Seine Vorlesungen als Professor der Universität Udine hält er derzeit per Video aus dem Charlottenburger Arbeitszimmer. 

Ihn treibt jetzt die Sorge um: „Überall in Italien gibt es schon Aufrufe, keine deutschen Waren mehr zu kaufen. Die Menschen, die anders als in Deutschland seit Monaten in ihren Wohnungen wirklich gefangen sind und nur eine Stunde am Tag einzeln Lebensmittel oder Arzneien einkaufen durften, sind verzweifelt. 

Keiner darf auf einer Wiese liegen, spazieren gehen oder draußen mit seinen Kindern Fahrrad fahren oder Ball spielen. Dazu wird jeder Fünfte arbeitslos. Dieser angestaute Frust braucht ein Ventil, er entlädt sich im ursprünglich wohl europafreundlichsten Land heute gegen Europa. Gegen die Führungsmacht Deutschland.“

Wenig Verständnis für Italien in Deutschland

Tatsächlich ist auch in Deutschland das Verständnis für Italien im vergangenen Vierteljahrhundert, auf dem noch der Schatten des Trump-Vorahnen Silvio Berlusconi liegt, nicht gewachsen. „Wie kann man ein Land lieben, das einen zur Verzweiflung treibt?“, fragten 2018 Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo in ihrem Buch „Erklär mir Italien!“. 

Jetzt hat der lange in Venedig ansässige Kulturjournalist Thomas Steinfeld seinen lesenswerten Band „Italien“ vorgelegt, mit dem Untertitel „Porträt eines fremden Landes“ (Rowohlt Berlin, 448 Seiten, 25 Euro). Fremd, obwohl von Millionen Deutschen in normalen Zeiten wie eine vermeintlich zweite Heimat bereist.

Unbegreiflich ist vieles. Auch am antifaschistischen Nationalfeiertag. Denn Benito Mussolini, dem trotz 700.000 mit Giftgas ermordeter Menschen bei seinem Äthiopien-Feldzug wenig vom nazideutschen Holocaust anhängt, geht in Italien noch immer als Untoter um. Schon Berlusconi berief sich bisweilen auf M. als gewaltigen Modernisierer des vormaligen Agrarlandes. 

Bei Umberto Ecos kleinem posthumen Bestseller „Der ewige Faschismus“ (Hanser Verlag, 80 Seiten, 10 Euro) geht es allerdings überraschend wenig um Mussolini. In seinen 1995 zuerst in New York für einen Vortrag verfassten Gedanken warnt Eco zwar vor Völkischem und Irrationalem, doch das urfaschistische Führerprinzip hat ihn kaum interessiert. 

Als Führerfiguren gerieren sich freilich Nationalisten wie Orban oder Salvini. Italiens ziviler Regierungschef Conte, der in der Coronakrise so souverän auftritt, ist nun der letzte Damm gegen Salvini, der ungehemmt gegen Deutschland und Europa hetzt.

Darum sorgt sich auch der italienische Regisseur und Schriftsteller Cesare Lievi, der an diesem Wochenende mit einer Cherubini-Oper die Maifestspiele in Florenz hätte eröffnen sollen. Stattdessen sitzt der mit Inszenierungen an der Met, an der Scala wie auch in Berlin (Schaubühne, Deutsche Oper) oder Wien erfolgreiche Künstler in seinem Geburts- und Lebenshaus an einem kleinen Hafen am Gardasee fest. 

„Es ist leider schwer, in Italien augenblicklich Deutschland zu verteidigen“, meint Lievi am Telefon. Laut Umfragen sind inzwischen zwei Drittel seiner Landsleute gegen Brüssel und Berlin.

„Langsam werden hier viele verrückt.“

Lievi lebt kaum drei Kilometer von Mussolinis letzter, am 25. April 1945 verlassener Residenz. Etwas weiter entfernt liegt die lombardische Provinzhauptstadt Brescia, wo es neben Bergamo die meisten Corona-Toten gab. In Brescia leitete Lievi etliche Jahre ein ambitioniertes Stadttheater. Eine wohlhabende Förderin war dort eine befreundete Brescianerin, die Lievi jetzt von einem festlichen Abendessen kurz vor der Ausgangssperre berichtet hat. 

„Es waren sechzig Gäste in einem Palazzo in Brescia versammelt, und sie haben in zwei mit einem Durchgang verbundenen Räumen gegessen. Von den dreißig Anwesenden in dem einen Raum war später über die Hälfte mit dem Virus infiziert und die meisten sind gestorben. Aus dem anderen Raum ist keiner erkrankt, und meine Freundin saß zufällig auf der richtigen Seite.“

„Das klingt wie erfunden“, sagt Cesare Lievi, „aber mit solchen Geschichten leben wir gerade oder sterben. Kein Wunder, langsam werden hier viele verrückt.“

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