Kunst und Abgeschiedenheit : Vier Wände und neue Wege

Isolation erhöht die Konzentration. Das ist gut für die Kreativität und setzt Ideen frei. Zwei Beispiele aus der Kunstwelt zwischen Weißensee und Peking.

Die chinesische Konzeptkünstlerin Silin Liu lebt seit zwei Monaten im abgeriegelten Peking. Am Montag erzählt sie in der Videoserie „Fun in Quarantine“ was die Zwangspause für ihre Kunst bedeutet.
Die chinesische Konzeptkünstlerin Silin Liu lebt seit zwei Monaten im abgeriegelten Peking. Am Montag erzählt sie in der...Foto: Silin Liu, aka. Céline Liu / Migrant Bird Space

Jetzt sitzt er am Tisch. Jetzt nimmt er den Pinsel. Jetzt pirscht er sich an die Leinwand heran. Und jetzt? Mist, verpasst! Die Kamera ist so eingestellt, dass man das an die Wand gelehnte Gemälde gerade nicht mehr sieht.

Alexander Iskin lebt seit dem 7. Februar in der Galerie Sexauer in Weißensee. Zwölf Stunden am Tag kann man ihm dort per Webcam beim Malen, Arbeiten, Schlafen und Essen zusehen.

Acht Wochen dauert die Performance, in der der 30-Jährige, abgeschottet vom Außen und beobachtet von jedem, der will, seine erste Einzelausstellung für das Goslarer Mönchehaus Museum vorbereitet.

Für ihn gibt es seit Wochen nur die Malerei, sein Handy und das, was Menschen von außen zu ihm hineintragen. Da hat er den Berlinern, die eben erst mit der Isolation anfangen was voraus.

„Bringt mir Essen und Getränke“, steht groß auf seiner Website. Dass zumindest einige, die ihn am Bildschirm beobachten, irgendwann real vor ihm stehen, ist ein wichtiger Teil seiner Mission.

Alexander Iskin stieg aus den sozialen Netzwerken aus

Seit Jahren arbeitet Alexander Iskin, der als Kind mit seinen Eltern von Russland nach Deutschland kam, daran, die digitale Welt zu transformieren, er will Analoges und Digitales verschmelzen. „Interrealismus“ nennt er das. Jonathan Meese findet ihn gut. Der Berliner Porträtmaler Herbert Volkmann war sein Fan.

Vor zwei Jahren hat Iskin vor Publikum sein Smartphone zertrümmert. Seine Instagram-Posts malt er jetzt analog. Von der Selbstinszenierung auf Youtube und Co. sei sein Projekt weit entfernt. Es gibt keine Action, keine Jagd auf Klicks. Vier Bilder malt er nur in all der Zeit. Statt einer fertigen Ausstellung gibt es den Herstellungsprozess zu sehen.

Seit zwei Tagen haben die Zuschauerzahlen deutlich zugenommen. Dafür ist es vor Ort jetzt ruhiger geworden. Berlin ist dicht und viele bleiben zu Hause. Eine Band, die am Freitag bei Iskin spielen wollte, hat abgesagt. Einer der Musiker steht unter Covid-19-Verdacht.

Alexander Iskin liest, er schaut aufs Handy, sitzt einfach da. Am Nachmittag macht er alles dunkel, legt sich hin. „Das Ganze ist anstrengend, es ist kalt da drin. Kann sein, dass er langsam erschöpft ist“, so sein Galerist

Der Berliner Künstler Alexander Iskin während seiner Dauerperformance. Er lebt und arbeitet in der Galerie Sexauer. Per Live-Cam kann man zuschauen.
Der Berliner Künstler Alexander Iskin während seiner Dauerperformance. Er lebt und arbeitet in der Galerie Sexauer. Per Live-Cam...Foto: courtesy SEXAUER

Balance zwischen Panik und Konzentration

Isolation zwingt nach Innen und zur zur Konzentration, sagte der Berliner Kulturtheoretiker Bazon Brock kürzlich in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. „Diese Balance zwischen Panikgefühl durch Eingeschlossensein, Behindertsein und andererseits, sich dadurch zu konzentrieren, ist etwas Fantastisches“, so Bazon Brock.

Er verweist auf Thomas Mann, der die Isolation geradezu als Voraussetzung für kreatives Schaffen ansah. Er spricht von Sartre, vom Leben in Bunkern und der Psychoanalyse, die der Isolation durchaus Positives abgewinnen kann. Brock, der gern auch mal polemisiert, spricht in diesen Zeiten so tröstend und sanft, wie man es sonst gar nicht von ihm kennt.

Alexander Iskin sagt am Telefon, er habe manchmal Krisen. Seine Ernährung sei nicht ausgewogen, Besucher brächten ihm vor allem Süßes und Äpfel mit. In der ersten Woche lastet der Druck des Beobachtetwerdens auf ihm.Er will besonders produktiv sein. Weil er nicht erträgt, was dabei herauskommt, spannt er die Leinwände wieder ab und arbeitet mit den Rückseiten weiter.

Je schlimmer die Nachrichten, desto heller die Bilder

Eigentlich wollte er seinen analogen Instagram-Account malen, aber durch die Abgeschiedenheit tauchten Ideen und Gedanken auf, die er längst vergessen geglaubt hatte. Sie werden Teil der Bilder. Genauso, wie das, was Besucher erzählen oder tun.

Und je schlimmer die Nachrichten von draußen werden, desto heller und freundlicher werden seine Bilder. Die zwei größten Gemälde sehen mittlerweile aus wie bunte, leuchtende Prismen.

Während manche Galeristen in Berlin zögerlich darauf verweisen, dass doch bitte auch in diesen Zeiten nicht alles online und auf Instagram stattfinden soll – wer kommt sonst noch in die Galerie? – sind Lu Mei und Eva Morawietz von der auf junge chinesische Kunst spezialisierten Galerie Migrant Bird Space schon einen Schritt weiter.

Am heutigen Montag starten sie auf Instagram die Video-Serie „Fun in Quarantine“. Künstlerinnen und Künstler der Galerie sollen in kurzen Videosequenzen erzählen, wie sie den Shutdown in China erleben und wie er sich auf ihre künstlerische Arbeit auswirkt.

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Silin Liu berichtet aus China über die Quarantäne

Den Anfang macht die 1990 in Shenyang geborene Konzeptkünstlerin Silin Liu, a.k.a Céline Liu. In Europa kennt man von der 29-Jährigen vor allem ihre Photoshop-Bilderserie „I’m Everywhere“.

Aufnahmen, in denen die Künstlerin scheinbar privat mit internationalen Stars zu sehen ist: mit Andy Warhol in New York, mit Lady Di auf einer Cocktailparty, mit Churchill im Auto und mit Mao Zedong auf dem Balkon. Diese Fake-Bilder verbreitet Liu im Netz.

Liu sitzt im 11. Stock eines Hochhauses im Pekinger Distrikt Chaoyang. Sie lebt allein. Im rosa Jogginganzug und mit Mundschutz posiert sie auf dem heimischen Sofa. Im Video erzählt sie dann von Filmen und Fernsehserien, die sie während der Quarantäne schaut und kocht vor laufender Kamera jeweils ein Gericht, das ihr dazu einfällt.

Zur Serie „Chernobyl“ etwa macht sie „Tiger Dish“, einen Salat, der, so die Künstlerin, mit Tigern nichts zu tun und dennoch so heißt, seit Jahrzehnten.

Diese „Es-ist-wie -es-ist-Haltung“ bringt sie mit der chinesischen Regierung in Verbindung und wahrscheinlich auch mit Unfällen wie in Tschernobyl. Der Salat mit Wasabi sorgt jedenfalls für „explosive Gefühle im Mund“.

Eine Zeit der persönlichen Entwicklung

Liu bezeichnet die Zwangspause während des Shutdowns als Zeit der persönlichen Entwicklung. Sie habe seit dem College nicht mehr so viel frei gehabt. Sie habe eine neue Software gelernt. Und viel über Politik nachgedacht, was sie zuvor oft vermieden habe.

„Wir sollten die kommenden Wochen positiv nutzen, in China und in Europa – es ist Zeit sich nach Innen zu wenden und nachzudenken“, sagt Galeristin Lu Mei in ihren Berliner Ausstellungsräumen. Dass potenzielle Kundinnen und Interessent weit verstreut sind und man sich nur selten trifft, ist für sie normal.

„Wir machen Atelierbesuche bei Künstlern in Berlin und besuchen Sammler zu Hause“, sagt Lu Mei. All das senden wir online und live per Wechat, dem chinesischen Whatsapp. „Wir sind wahrscheinlich die ersten, die 300 kunstinteressierte Girls aus China durch das Haus eines Berliner Sammlers führen“, lacht Lu Mei.

Der große Unterschied zu Deutschland sei, dass man in China auf alles sehr schnell reagiere. Wir haben dort seit zwei Monaten Quarantäne und inzwischen haben alle Museen virtuelle Ausstellungen. Sie warten nicht lange. Sie tun es einfach. Jetzt.

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