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UN-Vermittler Kofi Annan: Die diplomatische Wunderwaffe

Wer mit Kofi Annan spricht, ihm gegenübersitzt, möchte nicht länger zum anderen Lager gehören. Das macht ihn zu einem erfolgreichen Vermittler. Vielleicht jetzt auch in Syrien.

Sein Leben war beschaulich geworden, warum auch nicht? Er war seit 2006 Pensionär, Mitte 70 inzwischen auch, lebte mit seiner Frau in der Schweiz. In einer gediegenen Wohnung gleich am Genfer See. Warum auch nicht!

Neun Jahre lang war Kofi Annan davor Generalsekretär der Vereinten Nationen gewesen, hin und her um die Welt gereist, meist in normalen Linienflugzeugen, eine erschöpfende Arbeit – und nun also der verdiente Ruhestand. Und doch sagte er im Februar ja, als die Weltgemeinschaft ihm den brisantesten Job anbot, den sie da zu vergeben hatte: Annan sollte als internationaler Sondergesandter das Blutvergießen in Syrien stoppen. Seine Auftraggeber: der UN-Sicherheitsrat und die Arabische Liga.

Für beide galt Annan als die letzte Chance, denn sein Nachfolger als UN-Generalsekretär, der freundliche Koreaner Ban Ki Moon, traute sich den Job selbst offenkundig so wenig zu wie die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats. Der deutsche Botschafter bei der UN in Genf, Hanns Schumacher, fasste die Erwartungen so zusammen: „Kofi Annan ist die ultimative diplomatische Waffe der Vereinten Nationen.“ Der Ende 2010 verstorbene Spitzendiplomat Richard Holbrooke nannte Annan einmal den „internationalen Rockstar der Diplomatie“. Als „Präsidenten der Welt“ bezeichnete ihn einmal der afghanische Präsident Hamid Karsai. Was ist an Annan, dass er hier wie da gut ankommt?

Kofi Annan hat, was oft fehlt, gerade den Obersten in der UN, was auch sein Vorgänger, der Ägypter Boutros Boutros-Ghali nicht hatte, was aber die Arbeit als Diplomat enorm erleichtert: natürliche Autorität und magnetisches Charisma. Zudem lernte der Spross eines Adelsgeschlechts aus Ghana in seiner langen Karriere alle Tricks, jede Taktik, jede Strategie des Verhandelns.

Annan und seine Zwillingsschwester Efua Atta, die 1991 verstarb, wuchsen mit drei weiteren Geschwistern in Kumani, Ghana, auf. Kofi Annan ging mit einem Stipendium in die USA. 1962 begann er seine Karriere bei den UN, als er bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf antrat. Damals war er noch mit der Nigerianerin Titi Alakija verheiratet, mit der er eine Tochter und einen Sohn hat. Ende der 70er Jahre trennten sich die beiden. Annan übernahm einen neuen UN-Job in Genf und lernte dort die schwedische Rechtsanwältin und Malerin Nane Lagergren kennen. Die beiden haben weitere drei gemeinsame Kinder. Nane Annan nennt ihre über alle Erdteile verstreute Familie scherzhaft eine „Mini-UN“. Kofi Annan musste sich also mutmaßlich nicht langweilen als Pensionär in der Schweiz.

Seit er den Vermittlerjob in der Syrien-Krise angetreten hat, geht es ihm nun wieder so wie zu Zeiten als UN-Generalsekretär. „Manchmal“, sagte er 2001 in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, „wache ich beim Reisen nachts auf und frage mich: Wo bin ich eigentlich?“ Er war seit dem 23. Februar 2012 fast überall: in Syrien, Russland, China, der Türkei und dem Iran. Und das ist nur eine Auswahl seiner Stationen, auf denen er für seinen Plan zum Frieden in Syrien warb. Annan hört zu und dann redet er so lange auf alle Beteiligten ein, bis sie zumindest argumentativ keinen Ausweg mehr finden.

Es scheint auch in Syrien einigermaßen gefruchtet zu haben. Zumindest am Donnerstags sah es so aus, als sei seine Strategie in Syrien aufgegangen, als könnte sein Sechs-Punkte-Plan erfolgreich sein, denn der Waffenstillstand hielt – vorerst. Am Morgen um fünf Uhr haben die Schüsse, die Raketeneinschläge und Luftangriffe in Syrien zunächst einmal verabredungsgemäß aufgehört. Am Donnerstagnachmittag äußerte Annan sich vor dem UN-Sicherheitsrat vorsichtig in New York optimistisch. „Die Einstellung der Feindseligkeiten scheint zu halten“, sagte er.

Annans Überzeugungskraft hat 2008 auch das Morden nach der vollständig missglückten Wahl in Kenia beendet. Und vielleicht lässt sich an diesem Beispiel die Methode Annan anschaulich beschreiben: Es war Mitte Januar 2008, als Annan in Nairobi eintraf. Da hatten sich schon drei Vermittlungsmissionen die Zähne an den hartleibigen politischen Kontrahenten ausgebissen: Auf der einen Seite stand Mwai Kibaki, Präsident seit 2002 und mithilfe von Wahlmanipulation Ende 2007 wieder gewählter Präsident. Auf der anderen Seite stand sein Gegenkandidat Raila Odinga, inzwischen Premierminister und aussichtsreichster Bewerber für die nächste Präsidentenwahl.

Annan trat seine Mission mit dem Satz an: „Wir erwarten von allen, hart zu arbeiten, um eine Lösung zu finden.“ Klingt hölzern, war es aber nicht. Er sagte den Satz in der Prominentenlounge des Jomo-Kenyatta-Flughafens. Er stand vor riesigen braunen Ledersesseln vor Ölbildern mit Löwen und Zebras darauf, aufrecht wie immer, den Blick über die Fotografen hinweg in die Ferne gerichtet. Seine Stimme klang sanft und freundlich, aber er ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht ohne ein Ergebnis wieder gehen würde. Dabei hatten Kibakis Leute, noch bevor er gelandet war, klargestellt: „Wir haben Kofi Annan nicht eingeladen.“

Annans Auftreten, seine nie versiegende Höflichkeit, sein Respekt vor Menschen, seine Aura haben ihre Wirkung auch in Nairobi nicht verfehlt. Wer Kofi Annan gegenübersitzt, will nicht zum anderen Lager gehören. Mit Annans Erscheinen auf der Bildfläche stellte die Opposition ihre Massendemonstrationen ein, und die Polizei schoss nicht mehr auf Demonstranten. Die Verantwortlichen für die Exzesse gegen verschiedene ethnische Gruppen, die sich nun wohl vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag werden verantworten müssen, riefen ihre Kämpfer zurück. Das Blutvergießen war zunächst einmal beendet.

Die Methode Annan

Dann begann Stufe zwei der diplomatischen Kunst Kofi Annans. Er selbst hat sie in einem Gespräch mit dem „Spiegel“ 2004 einmal so beschrieben: „Ich habe durch Erfahrung und Beobachtung gelernt. Es gibt zwei Schulen. Es gibt die Schule der Ingenieure: Sie gehen hart vor, nehmen das Eisen, erhitzen, biegen, formen es, und wenn es nicht passt, werfen sie es weg. Das funktioniert kurzfristig.“ Und die zweite Herangehensweise? „Es gibt die Schule der Farmer, die einen Baum pflanzen und wissen, dass der Baum Luft, Wasser und das Sonnenlicht braucht. Sie beschneiden den Baum, pflegen ihn, bringen ihn zum Wachsen und erschaffen eine Umgebung, die das Wachstum fördert. Das funktioniert langfristig.“ Annan pflanzte also einen Baum, so wie er das in Syrien nun wieder tun will. In Kenia war es eine große Koalition. Kibaki durfte Präsident bleiben, Odinga wurde Premierminister mit weitgehenden Befugnissen. Wochenlang verhandelten die beiden Lager unter Annans Aufsicht. Immer wieder lud er Gäste ein, um die Kontrahenten weichzukochen.

Auch Gernot Erler (SPD), damals Staatssekretär im Auswärtigen Amt, flog in Nairobi ein und berichtete aus der Praxis der großen Koalition in Deutschland. Das Ergebnis war die damals größte Regierung Afrikas mit rund 50 Ministern und Vizeministern. Jeder Minister hat seither einen Gegenminister der anderen Partei am Hals. Es gibt einen Minister für Gesundheit und einen für Volksgesundheit, einen für Landwirtschaft und einen für Viehwirtschaft. Aber die Kenianer waren gern bereit, eine tendenziell dysfunktionale und wie sich später zeigen sollte ziemlich korrupte Regierung in Kauf zu nehmen, wenn nur das Kämpfen nicht wieder losgehen würde.

Annan hat es dabei nicht belassen. Seit 2008 hat er Kenia immer wieder besucht, zuletzt im vergangenen September. Er beharrt auf der Einhaltung der Versprechen von damals, fordert die Bestrafung der Täter und dringt darauf, dass die nächste Wahl nicht wieder in einer Katastrophe endet. In Kenia ist Annan ein unumstrittener Friedensheld.

Annans Bilanz als Topfunktionär der UN dagegen fällt gemischt aus. Auf der Habenseite kann er den systematischen Kampf gegen die Armut verbuchen: Annan gilt als der Vater der Millenniums-Entwicklungsziele von 2000. Bis zum Jahr 2015 wollen die UN-Mitglieder die Ziele erreichen und damit das Elend auf der Welt entscheidend zurückdrängen. Annan war es auch, der bis zuletzt eine US-geführte Invasion des Iraks 2003 bekämpfte. Annan, ein früherer Schützling der Vereinigten Staaten, brandmarkte den Waffengang als „illegal“ – und zog sich den Zorn des damaligen US-Präsident George W. Bush zu. Die Regierung Bush machte Annan daraufhin persönlich für einen Korruptionsskandal verantwortlich. Was ihr dadurch erleichtert wurde, dass Kojo Annan, sein Sohn aus erster Ehe, darin eine bis heute eher undurchsichtige Rolle spielte. Doch letztlich überstand Annan das Gewitter unbeschadet.

Doch ein langer Schatten lag bereits auf Annan bevor er das Amt des UN-Generalsekretärs auch nur angetreten hatte. Als hochrangiger UN-Beamter leitete er Anfang bis Mitte der 90er Jahre die Blauhelmtruppe der Weltorganisation: Doch die UN-Soldaten verhinderten weder den Völkermord in Ruanda 1994 noch das Massaker im bosnischen Srebrenica 1995. Ehemalige UN-Mitarbeiter wie Kenneth L. Cain gaben Annan eine Mitschuld: Annans „tödliche Feigheit“ hätte die Gemetzel erst ermöglicht. Als UN-Chef gab Annan seine Versäumnisse zu und bat um Vergebung. Zum Ruanda-Genozid sagte der sichtlich bewegte Annan 1999: „Wir alle müssen bitterlich bedauern, dass wir nicht mehr getan haben, um ihn zu verhindern.“

Annans Antwort darauf war die „Responsibility to protect“, die Erlaubnis, militärisch zum Schutz der Zivilbevölkerung einzugreifen, wenn der UN-Sicherheitsrat das erlaubt. In seiner Rede zum Friedensnobelpreis 2001, den er unter anderem für seine Reform der Blauhelmtruppen bekommen hatte, sagte Annan: „Die Souveränität des Staates darf nicht länger als Schutzschild für schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen benutzt werden.“ Im Fall Libyen haben sich die UN genau darauf berufen. Im Fall Syrien versucht Kofi Annan als Vermittler zu verhindern, dass es wieder so weit kommt.

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