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Europäischer Trauerakt: Helmut Kohls Sarg, aufgebahrt im EU-Parlament in Straßburg.

© dpa/Michael Kappeler

Helmut Kohl: Europa ist im Abschied vereint

So hat er sich das gewünscht. Unter der blauen Fahne mit goldenen Sternen liegt Helmut Kohl. Und alle seine Weggefährten sind gekommen. Ein Tag wie eine Lehrstunde für das krisengeschüttelte Europa.

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Vielleicht muss man in der Neuen Welt geboren sein, auf halbem Weg zwischen Dallas und Memphis, um so selbstverständlich vom Banalen aufs Erhabene zu kommen. „Ich liebe diesen Kerl“, sagt Bill Clinton und weist auf den Sarg, der rechts von ihm aufgebahrt ist, „weil sein Appetit weit über das Essen hinausging.“ Der Genießer im Bundeskanzler muss seinerzeit großen Eindruck gemacht haben auf den amerikanischen Präsidenten, so oft wie er auf seine Lust am Essen zu sprechen kommt.

Man darf aber getrost vermuten, dass der Mann, der von einem riesigen Foto über den eigenen Sarg hinweg mit einem verschmitzten Lächeln die Versammlung zu seinen Ehren zu mustern scheint – dass also dieser Helmut Kohl keinerlei Einwände dagegen erhoben hätte, dass man auch dieser Seite seines Lebens gedenkt. Denn er war sich auch des anderen, des schweren, des zweiten Satzes bewusst, den sein transatlantischer Weggefährte den Nachfolgern zu bedenken gibt: „Wir alle werden früher oder später in solch einem Sarg liegen.“

Unter der blauen Europafahne mit den goldenen Sternen liegt er. Acht Soldaten des deutschen Wachbataillons haben ihn hereingetragen ins Europaparlament, sieben Soldaten der Grande Nation salutieren ihm, hinter dem Orchester der Universität auf der Tribüne hängen die 28 Fahnen Europas auf Halbmast. So hat er sich das gewünscht. Jean-Claude Juncker betont es. Juncker will heute nicht als Präsident der EU-Kommission sprechen, sondern als „ein Freund, der Kommissionspräsident wurde“. Genau hier im Europaparlament in Straßburg wollte sein Freund Abschied nehmen.

Jeder Große hat seine kleinlichen Seiten

Dass das der Luxemburger erwähnen muss – ach, es ist oft schwierig, einem Großen die letzte Ehre zu erweisen. Jeder Große hat ja seine kleinen, kleinlichen Seiten; die Vorgeschichte dieses Samstagvormittags liefert dazu allerlei Beiträge. Kein deutscher Staatsakt, keine Rede des Bundespräsidenten, keine Feier am Brandenburger Tor. Es gab unschöne Bilder von versperrten Türen in der Marbacher Straße in Oggersheim und seitenweise Zeitungsspalten voll mit Geschichten darüber, wer wem das Wort erteilen oder verbieten hat wollen und aus welchen nickeligen Gründen.

Die Witwe Maike Kohl-Richter
Die Witwe Maike Kohl-Richter

© dpa

Aber wichtig ist doch am Ende nur, was hinten rauskommt. Und so sitzen sie jetzt alle hier im weiten Rund des Europaparlaments, in der Hauptstadt des Elsass, in Sichtweite des Rheins, also an der Nahtstelle des furchtbaren Urkonflikts des 20. Jahrhunderts. Er war der letzte von den Alten, die den Krieg noch erlebt haben, Parlamentspräsident Antonio Tajani wird es erwähnen. Sein Europa hat die Folgen überwunden. Er wollte die deutsche Einheit, aber er wollte „ein europäisches Deutschland, nicht ein deutsches Europa“ – die Formel von den zwei Seiten der gleichen Medaille wird an diesem Tag oft wiederholt. Was also könnte passender sein als ein europäischer Trauerakt für den Ehrenbürger Europas?

Sie sind alle gekommen

Sie sind alle gekommen, Clinton über den großen Teich und der Ministerpräsident Dmitri Medwedjew aus Moskau, die Europäer, auch die Unwilligen wie die Britin Theresa May, der frühere spanische König Juan Carlos I., die Deutschen natürlich – der Bundespräsident, der Bundestagspräsident, Martin Schulz an seiner alten Wirkungsstätte in der Reihe der Ex-Parlamentspräsidenten. Benjamin Netanjahu nimmt Angela Merkel fest an beiden Händen; ein Beileid aus Israel an die Repräsentantin der deutschen Verantwortung für das Land der Überlebenden. Die Kanzlerin wird in ihrer Rede daran erinnern, wie Kohl gegen zähen Widerstand das Mahnmal für die sechs Millionen ermordeten Juden mitten in der deutschen Hauptstadt durchsetzte: „Nicht die nächste Generation, unsere muss es bauen. Hier! Jetzt!“

Es ist dieser Helmut Kohl, der im Bewusstsein der Geschichte Geschichte machte, den die Weggefährten noch einmal aufleben lassen. „Wir alten Kerle“, mit dem 70-jährigen Clinton zu sprechen. Oder mit Felipe Gonzales, dem früheren spanischen Regierungschef. „Man regiert mit Millionen Stimmen und man lebt mit der Freundschaft von wenigen“, sagt Gonzales. „Aber leben ist wichtiger als regieren.“ Wie Kohl für manche Entscheidung seine Kanzlerschaft aufs Spiel gesetzt hat, sagt der Spanier, habe ihm imponiert.

Die Einigkeit - sie hätte den Geehrten gefreut

Dass aus den zwei Stunden im Parlament nebenbei eine Selbstvergewisserung und eine Selbstermutigung für das vereinte Europa in schwerem Wasser wird, hätte den Geehrten gefreut. „Er war ein deutscher und ein europäischer Patriot, weil es für ihn keinen Widerspruch gab zwischen dem, was deutsch ist, und dem, was europäisch werden muss“, sagt Juncker. Der französische Präsident Emmanuel Macron hält ein Plädoyer für den Mut. Er ist der jüngste der Redner. Für seine Generation, sagt Macron, sei Helmut Kohl ein Mann aus dem Geschichtsbuch. Aber seine Entschlossenheit bleibe Vorbild. „Wir haben heute überhaupt keinen Anlass zur Resignation“, zitiert der Franzose den Deutschen auf Deutsch: „Wir haben vielmehr Anlass zu Optimismus.“ Als er auf seinen Platz zurückgeht, steht Merkel auf. Die beiden nehmen sich kurz in den Arm.

Die Witwe trägt Sonnenbrille, Hut und durchbrochenen Schleier

Der frühere US-Präsident Bill Clinton, die Witwe Maike Kohl-Richter und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bei der Totenmesse.
Abschied. Der frühere US-Präsident Bill Clinton, die Witwe Maike Kohl-Richter und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bei der Totenmesse.

© Marijan Murat/dpa-Pool

Aber es gibt auch sehr ernste Ermahnungen. Clinton bringt seine an den Nachfolger in Washington leicht versteckt an. In aller Welt feiere eine identitäre Politik wieder Urstände, sagt der Mann von Donald Trumps Gegenkandidatin. Kohl sei gerne Deutscher gewesen, aber nie Nationalist: „Er wollte eine Welt schaffen, in der niemand niemanden dominiert.“ Der Pole Donald Tusk hat mehr die eigene Nachbarschaft im Blick: „Sie müssen ihr Gewissen prüfen, in Berlin und Warschau, in Wien und Budapest“, wie sie es künftig halten wollten mit diesem Erbe. Für den Ratspräsidenten, in dessen Heimatstadt Gdank der Altkanzler Ehrenbürger war, ist die Antwort klar: Sie „muss ein lautes Ja sein!“ Der Ungar Victor Orban verzieht keine Miene, jedenfalls ist nichts zu erkennen. Aber das kann auch daran liegen, dass die fetten schwarzen Ohrhörer für die Übersetzung feinere Gesichtsregungen sowieso schwer erfassen lassen.

Letzter Gruß. Bill Clinton salutiert vor Kohls Sarg.
Letzter Gruß. Bill Clinton salutiert vor Kohls Sarg.

© Kappeler/dpa

Was andererseits von Vorteil ist, weil auch Petro Poroschenko sonst vielleicht gezuckt hätte, als der Russe Medwedjew von einem „gemeinsamen Haus in Frieden und Freiheit“ schwärmt und das zum Ziel seiner Regierung erklärt. Der ukrainische Präsident kennt da einige Gegenbeispiele. Trotzdem gehört schon auch der Vertreter Moskaus hierher, stellvertretend gewissermaßen für den Mann, der am Ende den Weg freigab für die deutsche Einheit.

Dem kranken Michail Gorbatschow wäre die Reise zu mühsam geworden. So sagt jetzt Medwedjew, was Gorbatschow hätte bezeugen können: „Er hat auch Russland als Partner gesehen. In Russland gedenken wir seiner als eines großen Freundes.“

Der größte Freund im Saal aber ist immer und bis zuletzt Juncker gewesen. „Junior“ hat ihn sein Förderer genannt. Juncker erzählt von dem Mann, der die Balance gesucht hat zwischen den Großen und den Kleinen in Europa, dem überzeugten Transatlantiker, dem „Nachkriegsgiganten“, der in den Tagen der Einheit „den Mantel Gottes“ vorbeigleiten spürte und zugriff. „Andere wären an dieser Aufgabe gescheitert“, sagt Juncker.

Der Weg vom Erhabenen zum Banalen fällt in Straßburg kurz aus

Der Sarg von Kohl auf der Fahrt auf dem Rhein.
Auf Rheinfahrt. In Speyer wird der Sarg an Land gebracht.

© AFP

Und er erzählt von dem Tag, an dem die EU die Osterweiterung beschloss. Am 13. Dezember 1997 beim Mittagessen habe Kohl ums Wort gebeten – „ausnahmsweise hat er um das Wort gebeten, normalerweise hat er das Wort genommen“. Dass er diesen Augenblick des Zusammenwachsens erleben dürfe, diesen Tag nach all dem Unheil, das Deutschland über Europa gebracht habe, diesen historischen Moment… „Dann war er still“, sagt Juncker, „und hat minutenlang geweint. Er war nicht der Einzige. Niemand hat sich seiner Tränen geschämt.“

Blinkt da in den Augen des Redners nicht auch etwas? „Lieber Helmut“, sagt Juncker, als er zum Schluss kommt, „du bist, so denke ich, im Himmel. Wir hätten dich lieber hier. Versprich mir, dass du nicht im Himmel gleich einen CDU-Ortsverband gründest.“ Und dann sagt er ihm „Auf Wiedersehen“ in allen Sprachen Europas, die er beherrscht, und das sind viele. Auf dem Weg zurück drückt er Maike Kohl-Richter die Hand. Man kann die Witwe mit ihrem großen schwarzen Hut, dem durchbrochenen Schleier und der riesigen Sonnenbrille danach eine Zeitlang nicht mehr sehen, weil sich ein Saaldiener ein bisschen um sie kümmern muss.

Die Frau, die Kohl spät heiratete, sitzt die ganze Zeit über aufrecht und stumm in der Mitte. „Ihnen gilt mein Mitgefühl“, sagt Merkel. Sie habe den Altkanzler auch nach seinem schweren Sturz „voller Liebe und Hingabe begleitet“. Jeder spricht ihr sein Beileid aus, alle kondolieren der übrigen Familie, Clinton redet die beiden Söhne namentlich an, obwohl sie nicht hier sind: „Danke, Peter, danke, Walter.“ Merkel schließt Kohls erste Frau Hannelore in die Erinnerung ein: „Wir gedenken auch ihrer in Dankbarkeit.“

Selfies mit Macron in Straßburg
Abschluss. Nach der Zeremonie war Macron als Fotomotiv begehrt.

© AFP

Ganz kurz blitzt da das Familiendrama auf. Dienstagfrüh hat die Unionsfraktion ihrem einstigen Mitglied in der Berliner St. Hedwigskathedrale eine Totenmesse ausgerichtet. Der Prälat Karl Jüsten hat dort in seiner Predigt der Familie des Altkanzlers gewünscht, sie möge Frieden finden. Weil sich Jüsten sozusagen als Cheflobbyist der katholischen Kirche in Berlin auskennt mit den Verheerungen, die Politik im Leben von Familien anrichten kann, war das doppelt ernst gemeint.

Im Dom zu Speyer wird Bischof Karl-Heinz Wiesemann predigen: „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die nur Gott lösen, erlösen kann.“ Neben dem Sarg, jetzt unter der Bundesflagge, liegt auch dort ein einziger Kranz. Rote Rosen, eine Schleife: „In Liebe, Deine Maike“

Merkel spricht in Straßburg als Letzte

Merkel spricht in Straßburg als Letzte. „Helmut Kohl verkörpert eine Epoche“, sagt die Deutsche. „Vieles, was für uns selbstverständlich ist, geht auf ihn zurück.“ Eine ganze Generation hat er geprägt, „viele haben sich an ihm gerieben, auch ich.“ De mortuis nihil nisi bene, das alte römische Motto, meint nicht Lobhudelei – der Historiker in Kohl hätte das gewusst. Aber der Kanzler war eben auch ihr Förderer, der seiner Ministerin half, das Amt weiterzuführen, als sie 1982 lange an einem schweren Beinbruch zu laborieren hatte.

„Lieber Bundeskanzler Kohl“, schließt Merkel ihre Würdigung, „dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chance, die Sie mir gegeben haben, danke für die Chance , die Sie vielen anderen gegeben haben. Sie haben unendlich viel erreicht. Jetzt ist es an uns, Ihr Erbe weiter zu führen. Ich verneige mich vor Ihrem Angedenken in Dankbarkeit und Demut.“

Merkel hält kurz inne neben dem Sarg, geht zurück auf ihren Sitz, steht aber sofort wieder auf – ein Händedruck mit der Witwe. Und dann erheben sich alle und singen das Lied der Deutschen von Einigkeit und Recht und Freiheit und danach summen sie die Hymne Europas mit: „Alle Menschen werden Brüder.“

Die "Mainz" fährt mit dem Sarg den Rhein hinab

Leise stimmt das Orchester Beethovens Siebte an, taa-tata-taa-ta. Die Soldaten heben den Sarg behutsam an. Schritt für Schritt tragen sie den Ehrenbürger Europas auf den letzten Weg auf Erden. Wie hat Clinton vorhin erzählt? „Homegoing“ nennen sie solch eine Zeremonie bei ihm daheim in Alabama, wo die tiefe Religiosität der ehemaligen Sklaven das Lebensgefühl prägt: „Nach Hause gehen.“ Auf das Schiff „Mainz“, das ihn den Rhein hinabfährt in die Pfalz, nach Speyer, zur Totenmesse in den Dom.

1500 Gäste feierten Abschied von Helmut Kohl im Dom.
Totenmesse. 1500 Gäste feierten Abschied von Helmut Kohl im Dom.

© Arne Dedert/dpa

Auch das wollte er so. Der Kanzler hat die romanische Kaiserkirche praktisch allen Staatsgästen persönlich gezeigt. Der kleine Helmut hat dort in Bombennächten Unterschlupf gefunden. Damals bot ihm die Kirche den einzig sicheren Ort, so wie es einmal ihre ursprüngliche Bestimmung gewesen war in der Welt des Mittelalters, in der sie die bösen Geister verbannte.

Jetzt bietet sie dem gläubigen Christen Helmut Kohl die letzte Hoffnung. „Unsere Heimat ist im Himmel“, sagt der Priester, bevor die Soldaten den Sarg hinaustragen in den prasselnden Regen, zum militärischen Ehrengeleit, zur letzten Hymne, zur letzten Fahrt. Er wird neben der Friedenskirche Sankt Bernhard ruhen. Deutsche und Franzosen hatten sie kurz nach dem Krieg gemeinsam errichtet.

Im Straßburger Parlament hat sich die Versammlung langsam aufgelöst. Merkel bleibt noch ein bisschen an der Seite Medwedjews; sie kann ja recht gut Russisch, und der Mann aus Moskau kennt hier nicht so viele. Vor dem Podium drängen sich drei junge Damen um den Franzosen Macron, damit die vierte ein Foto mit dem Handy machen kann.

Noch begehrter als Selfie-Motiv ist nur Clinton. Der Weg vom Erhabenen zum Banalen kann halt auch recht kurz ausfallen. Aber am Ende ist es richtig so. Das Leben geht weiter. Oder eben wie Merkel sagte: „Jetzt ist es an uns.“

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