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Vorerst keine Impfungen mit Astrazeneca in Deutschland.
© Boris Roessler/dpa

Weitere Untersuchungen geplant: Impfung mit Astrazeneca in Deutschland ausgesetzt

Nach Meldungen über Hirnthrombosen verzichtet auch Deutschland vorerst auf Impfungen mit Astrazeneca. Die EMA soll nun entscheiden, wie es weitergeht.

Die Corona-Impfungen mit dem Impfstoff Astrazeneca sind in Deutschland vorsorglich ausgesetzt. Die Bundesregierung folgt damit einer aktuellen Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag mitteile. Auch Frankreich und Italien setzen die Impfungen mit Astrazeneca vorerst aus.

Nach neuen Meldungen von Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung in Deutschland und Europa hält das Paul-Ehrlich-Institut weitere Untersuchungen für notwendig.

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Spahn sprach von sieben berichteten Fällen bei bislang 1,6 Millionen Erstimpfungen mit Astrazeneca in Deutschland. „Es ist sehr selten aufgetreten“, sagte Spahn. „Es geht um ein sehr geringeres Risiko - aber falls es tatsächlich im Zusammenhang mit der Impfung stehen sollte, um ein überdurchschnittliches Risiko.“ Weiter sagte er: "Uns allen ist die Tragweite dieser Entscheidung sehr bewusst."

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA werde entscheiden, ob und wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Zulassung des Impfstoffes auswirken, sagte der Minister weiter. Die EMA kündigte am Montagabend an, auf einer Sondersitzung am Donnerstag den Impfstopp bewerten zu wollen. Zurzeit sei man weiter der Überzeugung, dass die Vorteile von Astrazeneca bei der Verhinderung einer Corona-Infektion mit der Gefahr eines tödlichen Verlaufs größer seien als das Risiko durch Nebenwirkungen. Der Beratungsausschuss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) trifft sich am Dienstag, um über den Astrazeneca-Impfstoff zu diskutieren.

Der vorläufige Stopp betreffe sowohl die Erst- als auch Zweitimpfungen, sagte Minister Spahn. Es handele sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Bei Beschwerden zum Arzt

Er empfahl den mit Astrazeneca Geimpften, bei deutlichen Beschwerden unverzüglich einen Arzt aufzusuchen. Dies gelte insbesondere für Menschen, die sich mehr als vier Tage nach der Impfung zunehmend unwohl fühlen, die unter starken Kopfschmerzen beziehungsweise "punktförmigen Hautblutungen" litten.

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Nach der Ankündigung des Bundesgesundheitsministeriums teilten auch die Bundesländer mit, dass die Impfungen ausgesetzt werden. "In Berlin betrifft die Aussetzung die Corona-Impfzentren Tegel und Tempelhof, die vorübergehend geschlossen werden, das Impfen der Mitarbeitenden in den Krankenhäusern sowie das Pilotprojekt für Impfungen durch niedergelassene Ärzte", teilt die Landesregierung mit.

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Laut Robert-Koch-Institut wurden in Deutschland bis einschließlich Sonntag 1.647.510 Dosen Astrazeneca als Erstimpfung verabreicht. Die vorgeschriebene Zweitimpfung hatten erst 217 Menschen erhalten. Bis Sonntag wurden nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums insgesamt 3.062.400 Dosen Impfstoff von Astrazeneca in Deutschland ausgeliefert.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält es für falsch, dass nun auch in Deutschland die Impfungen mit Astrazenca-Impfdosen ausgesetzt werden. "Auf der Grundlage der vorliegenden Daten halte ich das für einen Fehler", twitterte Lauterbach. "Die Prüfung ohne Aussetzung der Impfung wäre wegen der Seltenheit der Komplikation besser gewesen. In der jetzt Fahrt aufnehmenden 3. Welle wären die Erstimpfungen mit dem Astrazeneca Impfstoff Lebensretter."

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Astrazeneca sieht kein erhöhtes Risiko für schwere Nebenwirkungen

Der britisch-schwedische Pharmakonzern Astrazeneca hat nach einer Analyse von Impfdaten erneut Sorgen über die Sicherheit seines Corona-Impfstoffes zurückgewiesen. Eine sorgfältige Analyse der Sicherheitsdaten von mehr als 17 Millionen Geimpften in der EU und Großbritannien habe keine Belege für ein höheres Risiko für Lungenembolien, tiefen Venenthrombosen und Thrombozytopenie geliefert, wie der Konzern am Sonntag in London mitteilte. Damit bezieht sich das Unternehmen nun auf noch mehr Datensätze.

Am Freitag hatte Astrazeneca sich bereits ebenso geäußert und dabei auf 10 Millionen Datensätze verwiesen. Der Grund: Dänemark und andere Länder hatten Impfungen mit dem Stoff ausgesetzt. Als Grund wurden Berichte über einen Todesfall und schwere Erkrankungen durch Blutgerinnsel nach der Impfung genannt. Dabei war aber auch betont worden, dass man ein Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und den Blutgerinnseln noch nicht feststellen könne.

Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur hatte erklärt, es gebe keinen Hinweis darauf, dass die Ereignisse durch die Impfung verursacht worden seien. Dieser Ansicht ist auch die Weltgesundheitsorganisation.

[Lesen Sie auch: Wieso Astrazeneca in den USA noch nicht verimpft wird]

Trotzdem haben nun nach anderen Ländern auch die Niederlande Impfungen mit dem Impfstoff für zwei Wochen ausgesetzt. Dies geschehe auf der Grundlage „neuer Informationen“, teilte Gesundheitsminister Hugo de Jonge am späten Sonntagabend mit. Dabei bezog er sich auf die Fälle möglicher Nebenwirkungen in Dänemark und Norwegen.

Auch Deutschland setzt Impfungen mit Astrazeneca vorerst aus.
Auch Deutschland setzt Impfungen mit Astrazeneca vorerst aus.
© dpa/Matthias Bein

Nach Angaben des Ministeriums wurden in den Niederlanden bisher keine Fälle von schweren Nebenwirkungen bekannt. „Wir müssen immer auf Nummer sicher gehen“, sagte der Minister. „Daher ist es klug, nun auf die Pausetaste zu drücken.“

Am Sonntag hatte sich die Impfkommission in Irland für ein Aussetzen der Impfungen mit dem Präparat ausgesprochen, bis Berichte aus Norwegen über vier Fälle schwerer Blutgerinnsel nach Verabreichung des Mittels geprüft seien.

Die EMA erklärte allerdings, dass es keine auffällige Häufung von Thrombosen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung gebe und dass der Nutzen der Verabreichung des Astrazeneca-Mittels größer sei als die Risiken.

Zweifel an der Wirksamkeit

Als leicht lagerbares und günstiges Präparat könnte der Corona-Impfstoff von Astrazeneca äußerst populär sein. Doch das in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford entwickelte Vakzin stößt seit Monaten immer wieder auf Kritik und Vorbehalte hinsichtlich Wirksamkeit, Lieferpraxis und und möglicher Nebenwirkungen.

Im November sorgte Astrazeneca mit der Darstellung für Aufsehen, sein Corona-Impfstoff könne mit der mehr als 90-prozentigen Wirksamkeit der deutlich schwerer lagerbaren und teureren Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna mithalten. Diese Erfolgsquote sei in klinischen Tests allerdings nur festgestellt worden, wenn die erste Injektion nur mit einer halben Dosis erfolgt sei und die zweite Impfung mit der vollen Dosis, räumte der Hersteller ein.

Die Entwickler des Astrazeneca-Impfstoffs stellten dies nur durch Zufall fest, weil bei einem Teil der Probanden versehentlich zuerst nur eine halbe Dosis verabreicht wurde. Dieses Missgeschick ließ Zweifel an der Zuverlässigkeit der Tests insgesamt aufkommen. Mittlerweile gibt Astrazeneca die Wirksamkeit seines Corona-Impfstoffs insgesamt mit rund 70 Prozent an. (dpa, AFP, Reuters)

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