In Begleitung des Imams aus Christchurch : Ein Mann auf fragwürdiger Mission in Berlin

Wurde der Imam aus Christchurch in Berlin benutzt, um einem islamistischen Verein die Türen zu öffnen? Sicherheitskreise vermuten eine Nähe zur Muslimbruderschaft.

Abdul-Wached Nijasow (rechts) zusammen mit Gamal Fouda, dem Imam aus Christchurch, Anfang April im Abgeordnetenhaus.
Abdul-Wached Nijasow (rechts) zusammen mit Gamal Fouda, dem Imam aus Christchurch, Anfang April im Abgeordnetenhaus.Foto: Georg Ismar

Abdul-Wached Nijasow hat eine wichtige Botschaft mit nach Berlin gebracht: „Wir sind hier auf einer Solidaritätsmission.“ In dem Manifest habe sich der Attentäter von Christchurch sehr stark auf Europa bezogen, daher habe man den Imam der Moschee eingeladen, sagt der Vorsitzende des European Muslim Forums am 5. April im Berliner Abgeordnetenhaus. Gemeint ist der Terroranschlag eines rechtsextremen Fanatikers in Neuseeland. Neben Nijasow sitzt Gamal Fouda, er ist der Imam der Al-Noor-Moschee, eines der beiden Ziele des Anschlags vom 15. März mit 50 Toten. Fouda predigte gerade, als das Massaker begann. Er ist nun mit der Spitze des European Muslim Forum (EMF) hier, um als Botschafter gegen den Terror aufzutreten.

Nun stellt sich die Frage: Ist der Imam instrumentalisiert worden, um einen zweifelhaften Verein bekannt zu machen? Der russische Staatsbürger und Vereinsgründer Nijasow, Fouda, und weitere Begleiter diskutieren in Berlin eine Stunde mit SPD-Fraktionschef Raed Saleh. Auch der Religionsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Grübel, trifft den Imam und Nijasow in Berlin. Ebenso der frühere SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.

Nijasow nutzt die Begegnung mit Schulz bei einer Veranstaltung in Berlin-Spandau, um ein Selfie mit Schulz zu machen, das er auf Facebook postet. Er nennt Schulz dort einen „Veteranen“ und „Führer der deutschen Politik“. Schulz weiß nicht, um wen es sich da handelt, wie er auf Anfrage bestätigt.

Was verbirgt sich hinter dem neuen European Muslim Forum?

Auf Nijasows Facebookseite findet sich aber auch anderes. Etwa ein Bild des Herrschers von Brunei. Dazu auf Russisch der Kommentar: „In Brunei traten Gesetze wegen Homosexualität und Verrat in Kraft.“ Zuletzt trat in Brunei ein Gesetz in Kraft, das gleichgeschlechtlichen Sex von Muslimen unter Todesstrafe durch Steinigung stellt. Dazu der Kommentar des Vorsitzenden des European Muslim Forum: „So ist es.“ Der Religionsbeauftragte der Regierung, Markus Grübel, lässt mitteilen, dass Nijasows Haltung ihm nicht bekannt gewesen sei. Grübel distanziere „sich ausdrücklich von der Diskriminierung und Kriminalisierung Homosexueller“. Muss man nicht wissen, wen man da empfängt in Begleitung des Imams?

Was verbirgt sich hinter dem neuen European Muslim Forum? Der Verein hat sich am 8. Oktober 2018 gegründet und betont stolz, dass man in der Anfangsphase unter anderem den (international geächteten) tschetschenischen Präsidenten Ramzan Kadyrov getroffen habe. Als Ziele werden unter anderem der Aufbau einer Sportorganisation gegen Islamophobie und eines europäischen Muslim Clubs von Parlamentariern genannt.

Das EMF war vor dem Berlin-Aufenthalt mit einer Veranstaltung in Hamburg, einer „Dringlichkeitssitzung“ wegen Christchurch, erstmals in Erscheinung getreten. Andere muslimische Organisationen fragen sich, warum Hamburg, wo der Verein in Paris sitzt. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, sagt über das EMF: „Mir ist diese Organisation nicht bekannt.“ Sicherheitskreise vermuten eine Nähe zur islamistischen Muslimbruderschaft.

Das EMF kündigte große Pläne für die Zukunft an

Der Grünen-Politiker Volker Beck, Lehrbeauftragter für Religionsstudien an der Ruhr-Universität Bochum, hat ein eigenes Dossier zum EMF angelegt: „Man hat den Eindruck, dass das European Muslim Forum die Friedens- und Versöhnungsbotschaft des Imam von Christchurch für eine Türöffnerkampagne zugunsten der jungen Organisation instrumentalisiert.“ Die Agenda sei sehr fragwürdig. Beck fordert umfassende Aufklärung, was sich dahinter verberge. Eine Tagesspiegel-Anfrage an das EMF blieb unbeantwortet.

Nijasow hat in der muslimischen Szene Russlands Karriere gemacht, saß schon in der Staatsduma und seine Partei unterstützte Wladimir Putin. Er ist heute unter anderem Präsident des Islamischen Kulturzentrums Russlands (IKZR). Bei einer Pressekonferenz nach den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 sagte Nijasow mit Blick auf Israel: „Wir wissen, welches Land ein breites Netz an Geheimdiensten hat. Das sind zionistische Geheimdienste. Das ist nicht von Arabern und Muslimen verübt worden, sondern von denen, die die Mittel dazu haben und davon profitieren.“ So steht es in einem Buch des Politikwissenschaftlers Vyacheslaw Likhachev über Antisemitismus in Russland.

In Berlin gab er nun den Versöhner: Man müsse Mauern des Hasses in den Köpfen einreißen, dafür sei gerade Berlin der richtige Ort. Und das EMF kündigte große Pläne an. Ein Konzert, das die Brücke zwischen den Religionen schlagen soll, in der St. Pauls Cathedral in London, in der Hagia Sophia in Istanbul und in der Synagoge in Berlin. Dort dürfte man sich diesen Verein künftig genauer anschauen.

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