Jürgen Trittin zu Nord Stream 2 : "Trump will Russland ökonomisch totrüsten"

Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin über russisches Erdgas, amerikanisches Fracking-Gas – und die Möglichkeit, auf beides zu verzichten. Ein Interview.

Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin.
Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin.Foto: picture alliance / Bernd von Jutrczenka

Herr Trittin, warum sind die Grünen gegen das Pipeline-Projekt Nord Stream 2?

Diese Pipeline ist überflüssig, wenn wir die europäischen Klimaschutzziele ernst nehmen – was wir Grüne tun. Das unterscheidet uns allerdings von der EU-Kommission, die weiterhin plant, dass wir künftig mehr fossiles Gas importieren. Deshalb würde ich mich persönlich in dieser Frage nie mit der EU-Kommission gemein machen - ebenso wenig wie mit den Gasverkäufern Trump und Putin.

Paris hatte sich überraschend bei Nord Stream 2 gegen die Bundesregierung positioniert. Warum?

Darüber kann man lange philosophieren. Im US-Senat wurde vor über einem Jahr eine Sanktions-Resolution parteiübergreifend angenommen, die die Position der USA gegenüber Russland auf den Punkt brachte: Russische Exportmöglichkeiten, was fossile Brennstoffe angeht, sollen gebremst, und eigene Exporte, in diesem Fall von Frackinggas, befördert werden. Im Rahmen dieser Strategie schreibt der US-Botschafter in Deutschland erpresserische Briefe an Unternehmen, veröffentlicht Zeitungskommentare, und es werden Unternehmen in Europa durch die USA massiv bedroht, auch durch die Androhung von Sanktionen.

Frankreich hat da seine eigenen leidigen Erfahrungen. Wer sich mal die Geschichte anschaut, wie mit Hilfe von staatlichem Druck die Übernahme von Alstom durch General Electric stattgefunden hat, der wird Drohungen gegen das französische Unternehmen Total, das ja durchaus im Russland-Geschäft tätig ist, nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber ob das so war, darüber wird Herr Macron wohl als letzter Auskunft geben. Offenbar haben sie sich ja doch anders entschieden und nun den Schulterschluss mit Deutschland für wichtiger gehalten.

Ist der Druck, der von der Trump-Regierung ausgeht, in erster Linie geostrategisch motiviert oder wirtschaftlich?

Zu allererst einmal ist er für Europa in dieser Form inakzeptabel. Und er ist sehr stark ökonomisch geprägt. Geostrategisch sind die USA heute in der Lage, ohne größere Energie-Importe auszukommen. Aber sie wollen eben exportieren und bauen massiv Kapazitäten auf. Nur müssen sie das Gas, das sie erst mit hoher Energie fracken, dann erneut mit hoher Energie verflüssigen, wodurch das Endprodukt in der Regel sehr teuer wird - und schlechter in der Klimabilanz.

Pipeline-Gas ist im Schnitt deutlich günstiger. Daher verstehe ich das Interesse der USA, einen Konkurrenten, der billiger ist, aus einem im Prinzip offenen Markt fernzuhalten. Darum geht es. Politisch steckt bei Trump dahinter die Vorstellung, Russland ökonomisch totrüsten zu wollen.

Kann Deutschland auf russisches Gas verzichten?

Erstmal werden die Deutschen, falls die Pipeline nicht kommt, vermutlich für ihr Gas mehr bezahlen müssen. Ansonsten kann Deutschland durchaus auf russisches Gas verzichten. Wir Grüne haben schon vor Jahren eine Studie in Auftrag gegeben, die zeigt, dass durch eine energieeffiziente Gebäudesanierung, die bei der Wärmedämmung auf dem Stand der Technik ist, bis 2030 so viel Gas eingespart werden könnte, wie wir heute aus Russland importieren. Genau das aber tut die Bundesregierung und auch die EU-Kommission nicht, und deshalb steht man jetzt vor der Entscheidung Putin oder Trump.

Das Gespräch führte Malte Lehming.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

41 Kommentare

Neuester Kommentar