Krieg im Jemen : Gibt es jetzt Hoffnung für das arabische Land?

Millionen Jemeniten leiden seit Jahren unter Krieg und Hunger. Die USA fordern nun ein Ende der Kämpfe – und bringen damit Saudi-Arabien in Bedrängnis.

Vom Leben schwer gezeichnet. Save the Children zufolge sind fast zwei Millionen jemenitische Kinder mangelernährt.
Vom Leben schwer gezeichnet. Save the Children zufolge sind fast zwei Millionen jemenitische Kinder mangelernährt.Foto: E. Ahmed/AFP

Krieg, Hunger, Seuchen – das ist die dreifache Bedrohung, der Millionen Jemeniten ausgesetzt sind. Seit Jahren gleicht ihr Alltag einem dramatischen Überlebenskampf. Doch als im Frühjahr 2015 ein Militärbündnis unter Saudi-Arabiens Führung in den Konflikt eingriff, wurde alles noch viel schlimmer.

Millionen Menschen wissen heute nicht, woher sie und ihre Familien die nächste Mahlzeit bekommen. Zigtausende Kinder sind chronisch mangelernährt und vom Hungertod bedroht. Viele Jemeniten haben kein Zuhause mehr. Und sie müssen jederzeit damit rechnen, dass sie Opfer einer der täglichen Bombenangriffe werden. Für die UN und Hilfsorganisationen steht fest: Der Jemen ist weltweit wohl die verheerendste humanitäre Katastrophe.

Amerikas Vorstoß

Nun aber gibt es ein wenig Hoffnung für das Armenhaus der arabischen Welt. Die USA fordern eine Waffenruhe. Es sei Zeit für ein Ende der Kampfhandlungen, betont Außenminister Mike Pompeo. Sein Kollege im Verteidigungsministerium, James Mattis, wird noch deutlicher. Es seien sofort Friedensbemühungen nötig und nicht irgendwann in der Zukunft. „Wir wollen alle auf Grundlage einer Feuerpause am Verhandlungstisch sehen.“

Diese Aufforderung zielt nicht nur auf die aufständischen Huthi-Milizen, sondern vor allem auf Saudi-Arabien. Die Rebellen sollen ihre Raketenattacken auf saudische Städte einstellen – und die Militärkoalition unter Riads Oberbefehl die Tötung „unschuldiger Menschen“. Im Klartext heißt das: Die fatalen Bombardements der Zivilbevölkerung müssen ein Ende haben.

Kronprinz Mohammed bin Salman ist Oberbefehlshaber der arabischen Militärkoalition.
Kronprinz Mohammed bin Salman ist Oberbefehlshaber der arabischen Militärkoalition.Foto: Giuseppe Cacace/AFP

Dass Amerika nach jahrelangem Abnicken nun die Golfmonarchie öffentlich unter Druck setzt, kommt nicht von ungefähr. Beobachter sind sich einig, dass sich der Vorstoß gegen Kronprinz Mohammed bin Salman richtet. Der 33Jährige setzt auf eine harte Linie im Jemen-Krieg – und der Thronfolger steht im Verdacht, in den Mord am Regimekritiker Jamal Khashoggi verwickelt zu sein.

Offenbar wollen die USA signalisieren, dass der Machthaber zu weit gegangen ist. Zumindest im Konflikt mit dem Nachbarland soll er offenbar zu einer gemäßigteren Gangart gedrängt werden.

Die Kriegsgegner

Das dürfte ein schwieriges Unterfangen werden. Für Mohammed bin Salman ist der Krieg aus mehreren Gründen geradezu eine patriotische Pflicht. Als auf sein Betreiben Saudi-Arabien massiv militärisch in den Konflikt eingriff, ging es vordergründig darum, der sunnitischen Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi zu Hilfe zu eilen.

Der wurde von den Huthis 2014 vertrieben, deren Milizionäre brachten weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle. Als die Saudis mit den Luftschlägen begannen, gingen die Herrscher – allen voran Prinz Salman – von einem kurzen, siegreichen Feldzug aus.

Doch das entpuppte sich als Wunschdenken. Das Militärbündnis kommt nicht recht voran, die Huthis verfügen immer noch über einige Schlagkraft. Die permanenten Bombardierungen haben sie nicht in die Knie gezwungen, aber unfassbares Leid über die Jemeniten gebracht – auch mit deutschen Waffen.

Die Bundesregierung schwenkt jedoch jetzt um. Sie hat nach Khashoggis Tod angekündigt, vorerst keine Exporte von Militärgerät mehr zu genehmigen. Andere Länder wie die USA und Frankreich wollen dagegen an dieser Praxis festhalten.

Die Kämpfer der Huthi-Miliz leisten der saudischen Koalition erbitterten Widerstand.
Die Kämpfer der Huthi-Miliz leisten der saudischen Koalition erbitterten Widerstand.Foto: Khaled Abdullah/Reuters

Dass sich Saudi-Arabien in den Jemen-Krieg verbissen hat, ist vermutlich einem anderen Umstand geschuldet: dem Kalten Krieg mit dem Erzfeind Iran. Denn die Huthis werden Beobachtern zufolge in ihrem Kampf um die Macht von Teheran unterstützt. Ausbilder, Waffen und Geld – der Iran lässt es sich einiges kosten, den Saudis im Kampf um die regionale Vorherrschaft zu schaden.

Ohne sonderlich in Erscheinung zu treten, können die Mullahs die militärischen Ressourcen des Königreichs binden. Die Huthis sind ohnehin fest entschlossen, die Herrschaft im Jemen zu übernehmen. Sie gehören zur Minderheit der schiitischen Zaiditen, deren Imame mehr als 1000 Jahre des Land lenkten. Sie fühlen sich seit Langem von den regierenden Sunniten entrechtet und drangsaliert.

Das Elend

Der anhaltende Krieg hat für die Jemeniten dramatische Folgen. Das machen allein die Zahlen deutlich. 22 Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen, 14Millionen akut von Hunger bedroht. Seit April 2017 wurden 1,1 Millionen Cholerafälle gemeldet. 28.000 sind dem Konflikt zum Opfer gefallen, 10.000 waren Zivilisten.

Viele andere Faktoren vergrößern die Not. Eines der größten Probleme des Jemen ist nach Einschätzung von Karl-Otto Zentel der rasante Verfall der Landeswährung und nicht gezahlte Gehälter. „Das wirkt sich besonders fatal aus, weil die Preise für Lebensnotwendiges gerade in den vergangenen Monaten extrem nach oben geschnellt sind“, sagt der Generalsekretär von Care Deutschland.

Damit wachse auch die Not der Menschen. „Armut und Hunger werden immer mehr zur existenziellen Gefahr.“ Millionen Jemeniten drohe nicht nur der Hungertod – „es sterben bereits viele, weil sie nichts zum Essen haben.“

Und dann ist da noch die Infrastruktur, die weiten Teilen des Landes zerstört ist. „Der Müll wird nicht mehr entsorgt, Abwasseranlagen sind kaputt, Trinkwasser ist Mangelware, nur ein Drittel der Gesundheitszentren arbeiten noch. Es herrschen katastrophale hygienische Bedingungen“, berichtet Zentel, der vor Kurzem im Jemen war. 

Die Nöte der Helfer

Doch zu helfen, sei für Organisationen wie Care sehr schwierig. Da ist zum einen die Sicherheitslage. Überall gebe es Kontrollposten, keine Nacht vergehe ohne Bombenangriffe. „Und es braucht oft Monate, bis ein Transport oder eine Lebensmittelverteilung genehmigt und somit Schutz garantiert wird.“ Immer häufiger werde ohnehin eine Erlaubnis verweigert. „Die Zivilbevölkerung wird von den Kriegsparteien in Geiselhaft genommen.“

Sawsan al Refaei sieht das ähnlich. Sie ist Ärztin sowie Mitglied des jemenitischen Bündnisses "Frauen für Frieden und Sicherheit" und sagt: "Der Zugang zu den Bedürftigen und damit die Hilfe für die Notleidenden wird politisiert." Wenn die Huthis die arabische Koalition in Bedrängnis bringen wollen, dann würden sie die Versorgung verhindern. Umgekehrt agiere das Militärbündnis ebenso. Sawsan al Refaei empört das. "Hier wird Hilfe als Waffe missbraucht."

Dabei ist die Unterstützung überlebenswichtig. Vor allem für die Kinder, aber auch für die Frauen. "Sie leiden besonders unter dem Konflikt, sagt die Aktivistin. "Die Männer ziehen zumeist in den Krieg, die Frauen bleiben zurück mit ihren großen Familien und müssen sich darum kümmern, dass Söhne und Töchter versorgt werden." Unter den gegenwärtigen Bedingungen sei das eine enorme Last.

Hinzu kommt, dass Frauen Sawsan al Refaei zufolge unter sexueller Gewalt leiden. "Es kommt immer wieder zu Vergewaltigungen, Mädchen werden entführt, die Zahl der Kinderheiraten ist in die Höhe geschnellt." Und es gebe keine Justiz, die sich um diese Verbrechen kümmere.

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