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Minister in der Kritik. Die Opposition wirft Karl Lauterbach vor, mit seinen Aussagen Unsicherheit zu verbreiten.
© IMAGO/Political-Moments

Mr. Vorsicht in Nöten: Lauterbachs Impf-Empfehlung stößt auf Widerstand

Karl Lauterbach empfiehlt die vierte Impfung auch Jüngeren – prompt gibt es Gegenwind. Und dem Gesundheitsminister steht schon der nächste Ärger ins Haus.

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Karl Lauterbach will offenbar mal wieder Klartext reden. Der Gesundheitsminister sitzt mit dem „Spiegel“-Journalisten Markus Feldenkirchen im Fernsehstudio. Er stichelt gegen den FDP-Kollegen Wolfgang Kubicki – dem wirft er vor, virologisch „abwegige“ Positionen zu vertreten. Er zeigt sich unzufrieden mit der Knausrigkeit von Finanzminister Christian Lindner bei der Finanzierung von Schnelltests. Lauterbach wünscht sich auch „mehr Dynamik“ in der Arbeit der Ständigen Impfkommission – will heißen: Das Gremium ist ihm zu langsam.

Und dann spricht Lauterbach eine Empfehlung aus, die im politischen Berlin für Aufsehen sorgt: „Wenn jemand den Sommer genießen und kein Risiko eingehen“ wolle, würde er auch Jüngeren die vierte Impfung empfehlen, sofern der Hausarzt keine Einwände habe, sagt der Gesundheitsminister. Mit der Viertimpfung habe man eine ganz andere Sicherheit.

Stiko-Chef weist Lauterbachs Empfehlung zurück

Der Haken an der Aussage: Bislang empfiehlt die Ständige Impfkommission, kurz Stiko, die vierte Impfung erst ab 70 Jahren oder bei Vorerkrankung. Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC und die EU-Arzneimittelbehörde EMA setzte die Altersgrenze in dieser Woche zumindest auf 60 Jahre fest. Aber was den aktuellen Nutzen der vierten Impfung für junge Menschen betrifft, gibt es bislang unter Experten keine eindeutige Meinung.

Der von Lauterbach angezählte Stiko-Chef Thomas Mertens schießt jedenfalls gleich zurück. Er kenne keine Daten, die einen solchen Ratschlag rechtfertigten, sagte Mertens der „Welt am Sonntag“. Studien zeigen, dass Menschen ab 60, die eine vierte Impfung bekommen haben, eine geringere Sterblichkeit aufweisen als ältere Menschen mit nur drei Impfungen. Doch viele Experten sagen, dass jüngere Menschen mit drei Impfungen bereits sehr gut vor schweren Verläufen geschützt sind. Wie groß der Nutzen einer vierten Impfung für sie wäre, ist unklar.

Der Virologe Martin Stürmer sagt, eine frische vierte Impfung könne zwar erstmal etwas besser vor den Omikron-Subvarianten BA.4 und BA.5 schützen. Aber das reiche als alleinige Absicherung nicht aus und würde den Menschen vermutlich eine falsche Sicherheit suggerieren. „Im Alltag und vor allem im Urlaub ist es wichtig, mit Tragen der Maske in Innenräumen und durch Vermeidung überflüssiger und risikoreicher Kontakte das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten“, sagte Stürmer dem Tagesspiegel. Risikopatienten einschließlich der über 60-Jährigen sollten sich aus Sicht des Virologen jedoch „zeitnah“ impfen lassen.

Lauterbachs Zustimmungswerte sind alles andere als rosig

Lauterbachs Aussagen passen dennoch ins Bild. Er ist bekennender Anhänger von „Team Vorsicht“ in der Pandemie – bezeichnet sich sogar als dessen Minister. Vom Koalitionspartner FDP wird er aber häufiger ausgebremst, was etwa das Infektionsschutzgesetz betrifft – die Liberalen wollen stets so wenige Einschränkungen wie möglich. Und so bleibt Lauterbach eben oft nur, deutliche Warnungen und Empfehlungen auszusprechen, was aber in der Bevölkerung nicht überall gut ankommt. Lauterbachs persönliche Zustimmungswerte sind in Umfragen alles andere als rosig. Gründete sich seine Beliebtheit vor seiner Ernennung zum Gesundheitsminister vor allem auf seinen deutlichen Ansagen, zahlt sich für ihn jetzt die Rolle als Mahner politisch nicht mehr aus.

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Nach seinem neuesten Vorstoß gibt es prompt Widerstand – auch vom Koalitionspartner FDP. Ob und wann man sich ein viertes Mal impfen lasse, solle im persönlichen Arzt-Patienten-Gespräch geklärt werden, meint Andrew Ullmann, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP: „Eine konkrete Impfempfehlung, die sich über die Evidenz-basierten Empfehlungen aus medizinischen Fachgremien hinwegsetzt oder vorgreift, kann und darf nicht Aufgabe der Politik sein.“

Die FDP-Gesundheitsexpertin Christine Aschenberg-Dugnus, erklärte zwar, sie gehe wie Lauterbach davon aus, dass die Stiko bald den zweiten Booster auch für Menschen unter 60 empfehlen werde. Wichtig sei, dass die unabhängige Stiko „politisch nicht unter Druck gesetzt werde“, sagte Aschenberg-Dugnus dem Tagesspiegel. „Die Menschen haben großes Vertrauen in die Arbeit und daraus resultierenden Empfehlungen der StiKo.“

Die Opposition nutzt die Gelegenheit für scharfe Kritik an Lauterbach. „Erneut prescht Lauterbach mit privaten Einschätzungen vor, ohne die Wissenschaft gefragt zu haben und ohne die Koalitionspartner einbezogen zu haben“, sagt CSU-Gesundheitsexperte Stephan Pilsinger dem Tagesspiegel. Das sei eine Ohrfeige für die Stiko, deren fachliche Einschätzung maßgeblich sein sollte. „Lauterbach verunsichert die Bevölkerung und schürt unnötig Angst. Das ist für einen Bundesminister unverantwortlich.“

Das Gesundheitsministerium versucht nun, die Äußerung Lauterbachs einzufangen: Es könne keine grundsätzliche Empfehlungen für eine Viertimpfung geben, sagte ein Sprecher. Dies solle jeweils im Einzelfall mit dem Arzt besprochen werden. Der Minister habe deutlich gemacht, dass im Herbst ausreichend Impfstoff zur Verfügung gestellt wird.

In der Ampel steht Streit um die Maskenpflicht an

Wie geht es jetzt weiter? Die Stiko wird voraussichtlich demnächst ihre Empfehlung anpassen und die Altersgrenze für die vierte Impfung so wie auf EU-Ebene auf 60 Jahre absenken. Im Herbst dürfte es dann noch einmal eine Neubewertung der Lage geben – zumal dann auch an Omikron angepasste Impfstoffe auf den Markt kommen sollen.

Bis dahin wird Lauterbach einige Kämpfe auszufechten haben, denn die Ampel arbeitet derzeit auch an einem neuen Infektionsschutzgesetz. Lauterbach verhandelt darüber mit Justizminister Marco Buschmann von der FDP. Es geht um die Frage, welche Maßnahmen den Ländern im Herbst zur Bekämpfung der Pandemie zur Verfügung stehen. Umstritten ist etwa die Zukunft der Maskenpflicht in Innenräumen: Soll sie wieder ausgeweitet werden? FDP-Gesundheitsexperte Ullmann fordert im „Spiegel“ im Gegenteil weitere Lockerungen: Er persönlich könne sich vorstellen, die Maskenpflicht in eine Maskenempfehlung umzuwandeln. Karl Lauterbach dürfte diese Vorstellung ein Graus sein.

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