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Grünen-Chefin Franziska Brantner wählte in Hannover deutliche Worte.

© dpa/Moritz Frankenberg

Mit derber Sprache: Die Grünen wollen wieder die Partei der Jugend werden

Die Grünen fielen zuletzt kaum auf. Auf dem Parteitag versucht es die Parteispitze nun mit drastischen Worten. Im Streit um Rente und Wehrpflicht stellt sich die Partei an die Seite der Jungen.

Stand:

Bei Franziska Brantner und Katharina Dröge ist die Kritik offensichtlich angekommen. Egal, ob man in den vergangenen Tagen bei den Grünen mit Parteilinken oder Realos sprach: Alle wünschten sich von der Fraktions- und Parteispitze mehr zugespitzte Positionen und öfter mal einen frechen Spruch.

Schließlich sehnen sich die Grünen nach dem Abgang von Robert Habeck und Annalena Baerbock vor allem nach einem: Aufmerksamkeit. Also wählen Parteichefin Brantner und Fraktionschefin Dröge zu Beginn des Parteitags in Hannover auch mal derbe Worte.

Ich frage mich, wie lange will die Regierung den jungen Menschen noch den Mittelfinger zeigen.

Grünen-Chefin Franziska Brantner

Gerade in einer Zeit wie dieser, „wo ziemlich viel Scheiße läuft“, brauche es Menschen, die zeigten, dass es auch anders geht, sagt Dröge bei ihrer Rede. Und Brantner fragt: Warum hätten die Grünen aufgehört, an sich selbst zu glauben. „Weil in der Welt halt auch viel Scheiße passiert“, mutmaßt sie, bevor sie für mehr Zuversicht plädiert.

Mehr bei sich ist Brantner, wenn sie die Rentenpolitik der schwarz-roten Koalition seziert. „Die Rente können wir nicht halten, wenn wir sie nicht grundlegend reformieren“, sagt die Grünen-Vorsitzende. Darüber müsse ehrlich gesprochen werden. Wenn Menschen 100 Jahre alt werden, „dann werden auch Einige ein paar Jahre länger arbeiten müssen.“

Dröge: Kein Geld für marode Schulen

Der schwarz-roten Bundesregierung wirft Brantner vor, eine Politik zu Lasten der jungen Menschen zu machen. Diese müssten bezahlen „für die Wahlgeschenke Söders, für Versäumnisse beim Klimaschutz“. Es könne jedoch nicht sein, dass „wir die Rechnung für unseren Konsum der nächsten Generation ausstellen“.

Dann gipfelt auch dieser Teil ihrer Rede in einem drastischen Bild. „Ich frage mich, wie lange will die Regierung den jungen Menschen noch den Mittelfinger zeigen“, sagt sie.

Kündigt Widerstand an: Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katharina Dröge

© dpa/Moritz Frankenberg

Das haben sich die Grünen in Hannover vorgenommen: Sie wollen den Rentenstreit und die Debatte um die Wehrpflicht nutzen, um die Jugend zurückzugewinnen. Lange galten die Grünen als Partei der Erstwähler. Doch inzwischen stimmen die mehr für AfD und Linkspartei.

Auch Dröge schmeichelt deshalb der Jugend. Sie berichtet von Jugendlichen aus ihrem Wahlkreis. Die säßen in Chorweiler – einem Hochhausviertel von Köln – in kaputten Schulen. Sie hätten das Gefühl, sie seien der Politik egal. „Ein Land, das Jugendlichen dieses Gefühl gibt, macht etwas falsch“, sagt Dröge.

Sie wirft der Regierung vor, die Chance des Sondervermögens zu verspielen, weil es nicht ausreichend in Investitionen fließe. Nichts hinzukriegen, wenn man kein Geld habe, sei das eine, sagt sie. „Aber nichts hinzukriegen, wenn man Geld hat, ist unglaublich.“

Auch der Klimabewegung gibt Dröge ein Signal, dass die Partei wieder an ihrer Seite steht. Sie kündigt an: „Wir werden in den Widerstand gehen, wenn ihr wirklich vorhabt, vor Borkum Gas zu bohren.“ Ein gewagtes Wording.

Danach knüpft sich Dröge Bundeskanzler Friedrich Merz mehrfach vor. „Wenn sie das Kanzleramt nutzen, um zu spalten“, ruft sie Merz zu, werde man sich dagegenstellen.

Parteichef Felix Banaszak nutzt selbst eine Würdigung der ehemaligen Kulturstaatsministerin Claudia Roth, um der Jugend Avancen zu machen. Roths Angebot für Jugendliche sei der von Schwarz-Rot abgeschaffte Kulturpass gewesen, sagt Banaszak. Die jetzige Regierung habe nur eine Wehrpflichtlotterie im Angebot.

Viel Gemurmel im Saal

Wirklich Begeisterung weckt all das bei den Delegierten aber nur bedingt. Immer wieder mahnt die Sitzungsleitung, dass die Geräuschkulisse zu laut sei. Viele nutzen den Parteitag lieber für ein Schwätzchen am Rand, statt zuzuhören.

Stimmung kommt erst auf, als der Parteitag darüber diskutiert, ob Homöopathie weiterhin von den Krankenkassen bezahlt werden soll. Die Grünen, die sich doch als Partei der Wissenschaft verstehen, haben in der Frage seit langem eine offene Flanke.

Auf Antrag des Berliner Kreisverbands Tempelhof-Schöneberg soll diese Frage nun endlich geklärt werden. Die Gesetzliche Krankenversicherung würde zwar nur etwas mehr als 20 Millionen Euro sparen, wenn Homöopathie keine Kassenleistung mehr ist.

Die Bundestagsabgeordnete Paula Piechotta, die auch Ärztin ist, hält die Frage trotzdem für wichtig. „Was steht dahinter?“, fragt sie. „Unser Verhältnis zur Wissenschaft. Unser Verhältnis zu Sozialversicherungen“, sagt Piechotta.

Mit großer Mehrheit wird der Antrag der Basis für die Abschaffung von Homöopathie dann angenommen. Der Kompromiss-Vorschlag des Bundesvorstands kommt nicht zum Zug. Der Jubel in der Halle ist groß. Und der Parteitag der Grünen ist zum ersten Mal voll dabei.

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