• Überraschendes Studienergebnis: Europäer sind offener für Migration als vor der Flüchtlingskrise

Überraschendes Studienergebnis : Europäer sind offener für Migration als vor der Flüchtlingskrise

Nur ein Zehntel der EU-Bevölkerung lehnt Einwanderung strikt ab. Das sind weniger Menschen als vor der sogenannten Flüchtlingskrise.

Was denkt das Volk? Anscheinend weniger negativ über Migration.
Was denkt das Volk? Anscheinend weniger negativ über Migration.Foto: Rüdiger Wölk/imago

Die Haltung der Europäerinnen und Europäer zu Migration ist eher neutral als negativ. Nur ein Zehntel der EU-Bevölkerung lehnt Einwanderung strikt ab – und dieser Wert ist nach den Jahren massiver Ankunft von Flüchtlingen, anders als zu erwarten, sogar noch gesunken. Vor 2015 waren 15 Prozent der Europäer massiv negativ eingestellt. Am stärksten reduzierte sich die Ablehnung in Portugal, Irland und Großbritannien. Dies ergibt sich aus den Datensätzen des European Social Survey (ESS), den die ungarischen Sozialwissenschaftler Vera Messing und Bence Ságvári im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgewertet haben.

Der ESS fragt seit 2002 in Zwei-Jahres-Abständen die Einstellungen, Überzeugungen und Verhaltensmuster der Europäer über nationale Grenzen hinweg ab. Die Auswertung von Messing und Ságvári ergibt auch, dass die Einstellungen über die Jahre hinweg weitgehend stabil sind und in den Zeiten der sogenannten Flüchtlingskrise lediglich kurze Ausschläge verzeichneten.

Entscheidend, so das Ergebnis der Auswertung, scheinen die allgemeineren Wertesysteme zu sein. In Ländern mit relativ hoher Akzeptanz, Skandinavien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden zum Beispiel, sind humanitäre Werte stärker verankert, in anderen ist den Bürgerinnen und Bürgern "Sicherheit" wichtiger.

Im Gespräch erläutern Vera Messing und Bence Ságvári ihre Ergebnisse. Beide arbeiten am sozialwissenschaftlichen Zentrum der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und betreuen den ESS für Ungarn, Messing als leitende Forscherin, Ságvári als Koordinator des ESS für Ungarn.

Frau Messing, Herr Ságvári, die Hauptergebnisse Ihrer Untersuchung sind: Es gibt gar keine großen Verschiebungen, wenn man die Haltungen von Europäerinnen und Europäern über einige Jahre hinweg beobachtet. Und erstaunlicherweise ist die Haltung sogar etwas offener geworden – mit nationalen Ausnahmen. Richtig so?

Ja, das stimmt so, und wir sollten hinzufügen, dass wir uns diese Haltung auf mehreren Ebenen angesehen haben: Wie wird Migration gesehen und welche Folgen hat das jeweils für Ablehnung oder Zustimmung, für eine Politik. Die Konsequenzen sind stark von den sozialen Normen und Wertvorstellungen bestimmt, die im politischen oder sonst öffentlichen Diskurs hergestellt werden. Das ist ein Ergebnis unserer Untersuchung, die es vorher nicht gab. Auch da, wo Menschen Migration ähnlich sehen, können Ablehnung oder Akzeptanz sehr unterschiedlich sein. Das ist ein Schlüssel zum Verständnis der Lage in Ungarn, das das weitaus ablehnendste Land ist. Hier wurde Ablehnung von Migration zur sozialen Norm, die die Regierungskommunikation, die Mainstream-Politik etablierte. 

Vera Messing
Vera MessingFoto: R/D

 

Gilt das auch für andere Länder?

Bis zu einem gewissen Grad gilt das auch für Italien, wo es ebenfalls diese starke Verbindung zwischen Populismus und Migration gibt. Wir können übrigens nicht von „Europa“ oder der EU sprechen. Wir haben die Daten von 20 Ländern ausgewertet. Wir wissen zum Beispiel nichts über Griechenland, Rumänien und Bulgarien. Insofern hat unsere Untersuchung ein paar Lücken, einige schwarze Löcher.  

Es gibt einen Indikator Ihrer Untersuchung, der „Kontrolle“ heißt. Wer meint, sein Leben zu kontrollieren, sei offener für Migration. Was meinen Sie?

Kontrolle findet auf drei Ebenen statt. Auf der individuellen geht es darum, ausreichend Geld zum Leben zu haben, Vertrauen in die eigene Zukunft. Eine weitere sind die Institutionen, dass man Behörden und politisch-gesellschaftlichen Akteuren zutraut, die Dinge schon unter Kontrolle zu haben. Eine drittes Ebene ist: Man muss auch Migrantinnen und Migranten zutrauen, dass sie ihr Leben in der Aufnahmegesellschaft selbst gestalten können und im Griff haben, dass sie sich einfinden werden.

Bence Ságvári
Bence SágváriFoto: R/D

Wieso ist „Kontrolle“ bedeutsam? Haben Sie Belege dafür, dass das die Haltung zu Migration mitbestimmt?

Ja. Wir haben aus den Daten, die wir hatten, die Personen genauer angesehen, die extrem negative Haltungen zu Migration hatten und dies in den Ländern, wo diese extreme Haltung von mehr als fünf Prozent der Bevölkerung vertreten wurde, in Österreich, Italien, Ungarn und Slowenien. Die haben wir dann auf Unterschiede zu den positiver eingestellten untersucht. Und fanden heraus, dass der stärkste Unterschied der in der Kategorie Kontrolle war: Die extrem Negativen hatten alle Angst vor der Zukunft, fühlten sich unsicher, hatten keine Erwartungen mehr an die Politik und sehr wenig Vertrauen zu Institutionen insgesamt. Sie waren ziemlich unglücklich und ihr Wertesystem war sehr auf Sicherheit orientiert. Umgekehrt konnten wir feststellen, dass sich die Haltungen zur Migration öffneten in dem Maße, wie nationale Politik Menschen wieder mehr Kontrolle und Lebenszufriedenheit ermöglichte. Das haben wir zum Beispiel in Spanien und Portugal gesehen. 

In Großbritannien gilt diese Korrelation aber nicht. Dort hat sich der Wert für Kontrolle nicht gebessert, man ist aber dennoch weniger feindselig gegen Migranten. Wie ist das zu erklären?

Unsere Vermutung ist, dass der Brexit eine Rolle spielt. Die stärkste Abnahme von Feindseligkeit sehen wir nämlich unter der ländlichen, nicht mehr jungen Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter mit mittlerer Bildung, deren Alltag von wirtschaftlichen Problemen bestimmt wird. Das war der Teil der britischen Bevölkerung, der am klarsten für den Brexit gestimmt hat. Der wurde ja klar vom Thema Migration befeuert und dominiert. Jetzt, da das Land seit drei Jahren im Brexit-Prozess steckt, wird vielen klar, dass Migration womöglich nicht ihr Hauptproblem ist. Aber das ist im Augenblick nur eine Hypothese. 

Und Ostdeutschland? Da mag der soziale Zusammenhalt geschwächt sein, zum Beispiel durch die jahrelange Abwanderung Richtung Westen, durch den Bruch 1989/90. Aber die deutschen Institutionen arbeiten doch recht verlässlich?

Ja, und deswegen halten wir es nach unserer Arbeit für ziemlich unwahrscheinlich, dass Extremismus und Ablehnung beherrschend werden. Die starken deutschen Institutionen dürften das verhindern. In Deutschland gibt es einen offenen und starken Diskurs über Vielfalt, über Multikulturalismus und die deutsche Geschichte. Das ist ein wichtiger Schutz. Es gibt bei Ihnen tatsächlich ein Ost-West-Gefälle. In Sachsen ist die Frustration hoch und der Grad an Vertrauen ziemlich niedrig. Andere Teile Deutschlands sind sehr offen, Hamburg zum Beispiel.

Ist Ihnen an Deutschland etwas Weiteres aufgefallen?

Ja, die Ablehnung gegen Migranten verdoppelte sich zwischen 2000 und 2004. Wir schauten nach, auch mit Hilfe von deutschen Kollegen, und entdeckten, dass das in die Zeit der EU-Osterweiterung war, der massivsten Erweiterung. Die Deutschen hatten Angst vor möglicher Masseneinwanderung und deren Folgen für ihr Leben. Dann gab es für die alten EU-Mitglieder die Möglichkeit, sieben Jahre lang die Arbeitnehmerfreizügigkeit für die Neuen auszusetzen – was die Bundesregierung nutzte. Und die Haltung in Deutschland änderte sich wieder.  

Sie sprechen oft von Mainstream-Politik, die Normen setze. Das scheint ja sogar stärker zu wirken als der soziale Zusammenhalt oder der Mangel daran, also die Kategorie Kontrolle. Wer macht diese Mainstream-Politik: Die Regierungen, wir in den traditionellen Medien oder die sozialen Medien?

Normen werden von sehr unterschiedlichen Institutionen gesetzt, und die Medien reflektieren ja immer die Politik. Wir haben allerdings Mediendiskurse in dieser Untersuchung nicht eigens unter die Lupe genommen. Ungarn ist da ein eigener Fall, hier waren es nicht die Medien, sondern die Regierung, die noch vor der Migrationskrise eine Kampagne gegen Migration begannen. 2014 war das noch gar kein Thema, niemand sprach von einer Krise. Bis Orbán das Thema Anfang 2015 bewusst auf die Agenda setzte. Ungarn ist auch insofern ein spezieller Fall, als die Ungarn kaum Kontakte zu den betroffenen Menschen haben. Das heißt, wir sind sehr anfällig. Alles, was über Migration in den Köpfen ist, hat die Regierung dort hineingepflanzt. Bis zu diesem Zeitpunkt war „Migranten“ ein technischer Begriff, der keine emotionale Bedeutung hatte. Dann luden ihn regierungsnahe Medien negativ auf oder bildeten Negativ-Wörter damit. Sechs Wochen vor der Parlamentswahl 2018 zum Beispiel waren dies die wichtigsten Stichworte in den drei größten Nachrichten-Portalen. Man hat einen Feind erschaffen. Was nicht nur mit dem Mangel an Kontakten zu Migranten zu tun hat. In Ungarn sind auch Solidarität und Vertrauen insgesamt in der Gesellschaft unterentwickelt.

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