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Zerstörte Autos an einer Landstraße bei Butscha
© dpa/SOPA Images via Zuma Press/Mykhaylo Palinchak
Update

Hunderte Leichen entdeckt: Was über das Massaker in Butscha bekannt ist

In der Region Kiew wurden mehr als 400 Tote gefunden, bestätigt die Staatsanwaltschaft. Manche Leichen waren verbrannt, andere offenbar vermint.

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Auf den Straßen stehen ausgebrannte Autowracks, in den Wohnhäusern klaffen Löcher, auf dem Asphalt immer wieder zu sehen: dutzende leblose Körper. In der Kleinstadt Butscha, etwa 25 Kilometer nordwestlich von Kiew, haben ukrainische Truppen und Beamte Hunderte tote Zivilisten entdeckt. Es sind erschütternde Bilder, die von dort nun um die Welt gehen.

Der ukrainischen Generalstaatsanwältin Irina Wenediktowa zufolge wurden seit vergangenen Freitag in der Region Kiew 410 Leichen toter Zivilisten geborgen. Demnach wurden 140 von ihnen bereits obduziert. Laut Wenediktowa gehe die Suche nach weiteren Toten weiter. Sie erklärte, dass ihre Behörde weiterhin russische Kriegsverbrechen dokumentiere. Hierfür würden Zeugen gesucht.

Moskau dementiert Massenmord an Zivilisten

Das russische Verteidigungsministerium dementiert einem Agenturbericht zufolge einen Massenmord an Zivilisten in Butscha. Jegliches von der Ukraine veröffentlichte Bild- und Filmmaterial in diesem Zusammenhang stelle eine Provokation dar, berichtet RIA unter Berufung auf das Ministerium. Alle russischen Einheiten hätten Butscha am 30. März verlassen, meldete Interfax.

Russland will angesichts des Vorwurfs von Kriegsverbrechen für Montag eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats einberufen, schreibt der Vertreter Russlands bei den UN, Dmitri Polanski, auf Twitter.

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Nach wochenlangen Kämpfen hat die ukrainische Armee die Region um die Hauptstadt seit dem Wochenende wieder unter ihre Kontrolle gebracht. „Irpin, Butscha, Hostomel und die gesamte Region Kiew wurden vom Feind befreit“, schrieb Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maliar am Samstag auf Facebook.

Die Vororte waren bei den wochenlangen Kämpfen zwischen der ukrainischen Armee und den russischen Truppen schwer beschädigt worden. Bilder und Augenzeugenberichte sollen von den schrecklichen Folgen zeugen. Sie können derzeit nicht unabhängig überprüft, werden.

Fast 300 Zivilisten wurden entlang der Straße Butscha, einer Pendlerstadt außerhalb der Hauptstadt, getötet.
Fast 300 Zivilisten wurden entlang der Straße Butscha, einer Pendlerstadt außerhalb der Hauptstadt, getötet.
© Mykhaylo Palinchak/SOPA Images via ZUMA Press Wire/dpa

Doch sie scheinen furchtbares Grauen zu belegen. AFP-Reporter zählten auf einer einzigen Straße mindestens 20 Tote. Eine Leiche wies eine große Kopfwunde auf. Die leblosen Körper der Männer lagen über mehrere Hundert Meter verstreut auf einer Straße. Zwei Leichen wurden neben Fahrrädern, eine andere neben einem verlassenen Auto entdeckt.

„Ganze Familien wurden getötet“

Unter den Opfern vor allem Männer, die Hände auf den Rücken gefesselt. Berichte gab es auch von nackten Frauenleichen. „Alle diese Menschen wurden erschossen“, sagt Anatoli Fedoruk, Bürgermeister von Butscha. Es stünden Autos auf den Straßen, in denen „ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer“.

Mychajlo Podoljak, Berater des ukrainischen Präsidenten, spricht von der „Hölle des 21. Jahrhunderts“. Die Opfer „waren nicht beim Militär, sie hatten keine Waffen, sie stellten keine Bedrohung dar“, schreibt er auf Twitter. „Wie viele derartige Fälle ereignen sich gerade in den besetzten Gebieten?“ Er vergleicht Butscha mit dem Völkermord von Srebrenica im Bosnienkrieg 1995.

Ein Junge steht in den Überresten eines zerstörten Panzers, der auf einer Fahrbahn in Butscha liegt.
Ein Junge steht in den Überresten eines zerstörten Panzers, der auf einer Fahrbahn in Butscha liegt.
© Oleksandr Ratushniak/AP/dpa

Auf einem Foto, das Podoljak in seinem Tweet teilte, waren erschossene Männer zu sehen, bei einem von ihnen waren die Hände auf dem Rücken gefesselt. Die Echtheit des Bildes konnte nicht unabhängig geprüft werden. Laut ukrainischen Angaben sollen einige der Leichen von russischen Truppen vermint worden sein. Wer genau die Gräueltaten begangen hat und wann und wie die Menschen ermordet wurden, ist Stand Sonntagnachmittag unklar.

Präsidentensprecher Sergei Nikiforow sagte gegenüber „BBC Sunday Morning“, die Szenen aus den vormals besetzten Gebieten wie Butscha seien „wirklich schwer zu beschreiben“. Es seien Massengräber entdeckt worden. „Wir haben Leichen mit gefesselten Händen und Beinen gefunden“, sagte Nikiforow.

„Es waren Zivilisten und sie wurden eindeutig hingerichtet“, sagte er weiter. Es seien auch halbverbrannte Leichen entdeckt worden. Es habe den Anschein, dass jemand seine Verbrechen kaschieren wollte, aber nicht genug Zeit dafür gehabt habe. „Ich muss vorsichtig sein mit meinen Worten, aber es sieht nach Kriegsverbrechen aus.“

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko spricht von Völkermord. Anders könne man das, was in Butscha und anderen Vororten passiert sei, nicht bezeichnen, sagt er der „Bild“-Zeitung. „Es sind grausame Kriegsverbrechen, die (Russlands Präsident Wladimir) Putin dort zu verantworten hat.“ Als Reaktion müsse es zwangsläufig klare Abgrenzung geben, so Klitschko: „Für die ganze Welt und insbesondere Deutschland kann es nur eine Konsequenz geben: Kein Cent darf mehr nach Russland gehen, das ist blutiges Geld, mit dem Menschen abgeschlachtet werden. Das Gas- und Ölembargo muss sofort kommen.“

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Massengräber für 280 Zivilisten in Butscha

Bürgermeister Fedoruk berichtete zuvor von 280 Zivilisten, die in Massengräbern beigesetzt werden mussten. Während der russischen Besatzung konnten die Leichen nicht beerdigt werden, erfuhr die „Ukrajinksa Prawda“ von der örtlichen Verwaltung. Denn die drei städtischen Friedhöfe hätten in Reichweite des russischen Militärs gelegen.

Zahlreiche Berichte über von russischen Soldaten ermordeten Zivilisten habe es in den vergangenen Wochen gegeben, berichtet die Zeitung „Kyiv Independent“ am Sonntag. Darunter Beschreibungen, wie Männer ausgewählt und erschossen wurden.

Mitte März gab es die Meldung, dass 57 Menschen in einem Massengrab nahe einer Kirche in Butscha begraben wurden. Es ist zu befürchten, dass die jetzt genannten Zahlen noch nicht die endgültigen Angaben zu den Opfern in der Stadt sind. „Obwohl die russischen Behörden behaupten, dass ihre Streitkräfte keine Zivilisten ins Visier nehmen, gibt es eindeutige Beweise für das Gegenteil“, heißt es im „Kyiv Independent“ dazu.

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Wer überlebt hat, ist offensichtlich traumatisiert. Schon vor einem Monat berichteten Einwohner, ihre Stadt stehe kurz vor einer „humanitären Katastrophe“.

Die Nachrichtenagentur AFP zitierte eine Frau mit den Worten: „Es gibt kein Gas mehr, kein Wasser, keinen Strom und auch die Lebensmittel gehen aus.“ Jetzt berichten Befreite, dass sie wochenlang in ihren Kellern ausharren mussten, ohne Licht und Heizung.

Am Sonntag standen Einwohner bei der Verteilung von Medikamenten und Hygieneartikeln Schlange, die ein Konvoi von Militär- und Hilfsfahrzeugen in die Stadt gebracht hatte. Die Menschen hießen die ukrainischen Truppen freudig willkommen. Bilder zeigten eine ältere Frau, die einen Soldaten umarmte.

Eine Frau umarmt einen ukrainischen Soldaten, nachdem ein Konvoi von Militär- und Hilfsfahrzeugen in Butscha eingetroffen ist.
Eine Frau umarmt einen ukrainischen Soldaten, nachdem ein Konvoi von Militär- und Hilfsfahrzeugen in Butscha eingetroffen ist.
© Vadim Ghirda/AP/dpa

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba ruft den Internationalen Strafgerichtshof auf, vor Ort Beweise für Kriegsverbrechen zu sichern. Er kündigt an, sich dafür einzusetzen, dass die Verantwortlichen für Gräueltaten  zur Verantwortung gezogen werden. „Das Massaker von Butscha war vorsätzlich“, erklärt Kuleba auf Twitter. „Die Russen zielen darauf ab, so viele Ukrainer wie möglich auszulöschen. Wir müssen sie aufhalten und rausschmeißen.“ Der Minister  fordert deswegen  härtere Sanktionen der G7-Staaten gegen Russland.

Dem britischen Sender Times Radio sagt er, es habe sich bei den Getöteten weder um Guerilla-Kämpfer noch um Menschen gehandelt, die den Russen Widerstand geleistet hätten. Sie seien aus Ärger und reiner Mordlust getötet worden. Kuleba spricht zudem von Folter, Vergewaltigungen und Plünderungen. Es sei unmöglich, sich so etwas im 21. Jahrhundert vorzustellen, erklärt er. „Russland ist schlimmer als der IS.“

EU-Ratspräsident Michel spricht von „Massaker“

EU-Ratspräsident Charles Michel versicherte noch am Sonntag, dass die EU die Untersuchung von „Gräueltaten“ der russischen Armee in Vororten von Kiew unterstützen werde. Und bei der Sammlung der notwendigen Beweise für die Verfolgung vor internationalen Gerichten helfe, schrieb er via Twitter und nutzte dabei einen Hashtag mit dem Bestandteil „Massaker“.

Michel kündigte an, angesichts der erschütternden Bilder den wirtschaftlichen Druck auf Russland weiter erhöhen zu wollen. „Weitere EU-Sanktionen und Unterstützung (für die Ukraine) sind auf dem Weg“, schrieb er.

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Melnyk spricht von „Barbarei“

Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, appellierte angesichts der Gewalt gegen Zivilisten an die Bundesregierung, härter gegen Putin vorzugehen. Er teilte auch das Video aus Butscha auf Twitter, das eine Straße mit Leichen zeigt (Achtung: Video zeigt Tote)

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Dazu schrieb er: „Liebe Bundesregierung, werfen Sie mal einen Blick auf diesen schaurigen Schauplatz der Barbarei gegen die Menschen in der Ukraine. Ermordete Zivilisten liegen auf den Straßen. Kommt die einzig richtige Entscheidung über Gas,- & Öl-Embargo wieder zu spät? Schönen Samstag noch.“

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Bestürzt sind auch die Oberhäupter der orthodoxen und der griechisch-katholischen Kirche im Land, sie  verurteilen die mutmaßliche Ermordung von Zivilisten. „Hunderte, vielleicht Tausende Unschuldige wurden in den wenigen Wochen der russischen Besetzung zu Tode gequält“, schreibt  Metropolit Epiphanius von der eigenständigen orthodoxen Kirche der Ukraine auf Twitter. Die Zivilisten hätten für die Besatzer keine Gefahr dargestellt, ihre Tötung sei ohne „militärische Notwendigkeit“ geschehen.

Der griechisch-katholische Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk spricht  in seiner täglichen Videoansprache am Sonntag von „entsetzlichen Kriegsverbrechen“. Europa habe schon einmal nach der Befreiung seiner Städte von den Nazis furchtbare Bilder gesehen. Heute würden sie in der Ukraine betrachtet. Es sei wichtig, dass die ganze Welt hinschaue. (mit Agenturen)

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