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Hochgefühl. Im März 2016 gelingt Köhler gegen Eintracht Braunschweig ein strahlendes Comeback als Schlüsselspieler.

© imago/Matthias Koch

1. FC Union Berlin: Wie Benjamin Köhler den Krebs besiegte

Anfang 2015 wird bei Benjamin Köhler Krebs diagnostiziert. Der Fußballprofi des 1. FC Union Berlin will unbedingt zurück auf den Platz – das hat vor ihm noch keiner geschafft. Es kommt anders, als alle denken. Besser!

An einem Montag im April hat Benjamin Köhler so ein Gefühl. Er zieht sein Telefon aus der Tasche und ruft Marina an, seine Frau. „Die haben mich ins Büro bestellt. Ich glaube, sie wollen, dass ich unterschreibe.“ Dann legt er auf – nur um sich kurz darauf wieder zu melden. „Okay, ist unterschrieben“, sagt er. Ohne Betonung in der Stimme, emotionslos. Eine andere Frau würde ihren Mann jetzt fragen, ob alles in Ordnung mit ihm ist. Marina tut das nicht. Sie kennt ja ihren Benny. Sie weiß, dass alles bestens ist, wenn er so redet, wie er immer redet. Und sie weiß, worum es geht. Um ein neues Arbeitspapier für ihn, den Fußballprofi vom 1. FC Union Berlin. „Okay, ist unterschrieben“, ist einer dieser kurzen Sätze, die bei ihrem Mann bedeuten können: super, großartig. Was für ein Gefühl. Der tollste Tag meines Lebens.

Benjamin Köhler, den alle, die ihn kennen, Benny nennen, tickt so. Wozu viel reden? Er ist einer, der nicht gern spricht, schon gar nicht über seine Gefühle. Er kann einen Ball tausend Mal mit dem Fuß jonglieren, ohne dass dieser auf den Boden fällt. Kein Problem. Reden schon. Marina weiß das. Marina versteht das.

Marina ist anders. Marina redet gern und viel. Sie, schwarze Haare, braune Augen, Tochter italienischer Einwanderer, ist der Gegenpol zu ihrem Mann, dem Okay-ist-unterschrieben-Typ. Über Benny sagt Marina: „Er ist der entspannteste Mensch der Welt.“ Nichts bringt Benny aus der Ruhe, auch nicht die Unterschrift des neuen Vertrags. Dabei zählt dieser Moment im April 2016 zu den bedeutendsten seiner Karriere.

Benny hat für Hertha BSC, den MSV Duisburg, Rot-Weiss Essen, Eintracht Frankfurt und den 1. FC Kaiserslautern gespielt, ehe er vor drei Jahren zu Union kam. Siebzehn Jahre Profifußball, über 400 Spiele, keine Titel, keine Pokale.

Ein Siegertyp ist er trotzdem. Er hat mit dem neuen Vertrag endgültig geschafft, was noch keinem deutschen Berufskollegen und nur ganz wenigen Sportlern auf der Welt vor ihm gelungen ist: sich nach einer überstandenen Krebserkrankung samt Chemotherapie wieder zurückzukämpfen. Im Alter von 35 Jahren, als Rentner, gemessen an den Maßstäben der Branche.

Abgeschuftet hat er sich dafür im Training, auch wenn er das so nicht sagt. „Gehört halt dazu.“ Wieder so ein typischer Benny-Satz. Gehört halt dazu, sich zu schinden, an Gewichten, bei Ausdauerläufen, die er so hasst – nur, um die verschwundenen Muskeln wieder aufzubauen. Auch wenn einige Mitspieler behaupten, er habe nie welche gehabt.

Benny ist kein Modellathlet. Nur 1,70 Meter klein, 68 Kilo leicht. Größe und Kraft hat er nie gebraucht, um sich auf dem Platz durchzusetzen. Ihm gehorcht der Ball wie nur wenigen Spielern, technisch macht ihm keiner was vor. Zu seinen besten Zeiten hat er die Gegner schwindlig gespielt mit seinen Übersteigern, Finten und flinken Haken. Zack, zack, zack – weg war er. Heute, im gehobenen Sportleralter, spielt er mit Auge, wie man so sagt. Wer schon vorher ahnt, was gleich passiert, muss nicht mehr so viel laufen.

Fit sein will Benny trotzdem. Dafür isst er inzwischen sogar Rote Bete, eklige Rote Bete, weil die angeblich gut für seinen Körper ist. Verdammt, Marina, muss das wirklich sein? Alles nur für den Augenblick, in dem sich die Zuschauer von ihren Sitzen erheben, in die Hände klatschen und mit Inbrunst seinen Namen brüllen: „Benjamin Kööööööööhler, Fußballgott!“ Fußballgott, so rufen sie in der Alten Försterei, der Spielstätte des 1. FC Union Berlin, alle ihre Spieler. Benny findet das ziemlich cool.

Um zu verstehen, warum jemand, der lange in der Bundesliga gespielt und genug Geld für ein sorgenfreies Leben verdient hat, es nach Krebserkrankung und Chemotherapie nicht einfach gut sein lässt und sich ein Häuschen im Süden kauft, muss man über ein Jahr zurückgehen.

Zeichen eines Kampfes. Als der Krebs besiegt ist, lässt sich Benjamin Köhler eine neue Tätowierung stechen.
Zeichen eines Kampfes. Als der Krebs besiegt ist, lässt sich Benjamin Köhler eine neue Tätowierung stechen. Sie liest sich wie ein Fazit des Leidenswegs: In harten Zeiten werden sich wahre Freunde zeigen. Köhler hat viele wahre Freunde.

© Matthias Koch

Im Februar 2015 sitzen die Köhlers im Stadion auf der Tribüne, Union tritt an einem Samstag gegen den VfL Bochum an. Alle Welt weiß seit drei Tagen von Bennys Krankheit, Verein und Spieler haben sie öffentlich gemacht. Menschen haben sich gemeldet, um ihm Mut zu machen. Freunde, Kollegen, Bekannte und Leute, mit denen er noch nie ein Wort geredet hat. Toni Kroos zum Beispiel, der Nationalspieler von Real Madrid. Kroos schickte eine SMS, und Köhler fühlte sich noch mehr als ohnehin schon als Teil einer großen Gemeinschaft. Das ist es, was er am Fußball so liebt. Die Gemeinschaft. Ellenbogen ausfahren, Konkurrenzkampf, jeder für sich – Benny hat seinen Sport nie so gesehen. Auch nicht als Profi, von denen es heißt, jeder achtet an erster Stelle und an zweiter Stelle und an dritter Stelle auf sich. „Alleine geht gar nichts“, sagt Benny.

Gegen Bochum sind sieben Minuten gespielt, als ein Gongschlag ertönt. Wie auf Kommando stellen sich alle Berliner Spieler in Bennys Blickrichtung auf. Sie tragen weiße Shirts mit einer roten Sieben, seiner Nummer. Darauf steht „Gemeinsam kämpfen“, in der Kurve halten die Fans ein Banner hoch: „7 – eine Zahl für Zuversicht und Glück. Kämpfe, Benny, und komm zurück.“ Tränen laufen über sein Gesicht, tiefe Dankbarkeit erfüllt den sonst so Coolen, das sagt er später immer wieder. Er war ja schon überwältigt vom neuen Vertrag, den Union ihm gab, als der Verein vom Krebs erfuhr. Und nun das. Fans und Mitspieler feiern ihn, sprechen ihm Mut zu. Köhler will all denen, die an ihn glauben, etwas zurückgeben. Er schwört sich, tatsächlich zurückzukommen.

„Wie sich der Verein verhalten hat, wie die Fans reagiert haben, das alles hat Benny wahnsinnig bewegt. Daraus hat er viel Kraft gezogen“, sagt Horst Köhler. Bennys Vater, 67 Jahre alt, sitzt in der Küche seiner Wohnung. Drei Zimmer, Erdgeschoss, eine moderne Wohnanlage im Berliner Norden. Vor ihm auf dem kleinen Tisch stapeln sich die Ordner. Sieben an der Zahl, „am achten bin ich gerade dran“. Horst Köhler hat die Karriere seines Sohnes nicht nur genau verfolgt, er hat sie gesammelt. Jeden Artikel, von den Anfängen bis zum heutigen Tag. Ein Fußballerleben auf über 500 Seiten. In den Siebzigern ist er selbst Fußballer gewesen, ein passabler, Stürmer, Zweite Liga bei Wacker 04. Klein und wuselig wie sein Sohn, nur kräftiger vom Wuchs.

Aufgewachsen ist Köhler im Märkischen Viertel - die Gegend ist mit den Jahren in Verruf geraten

Nach der Karriere wurde er Trainer, Jugendbereich, bis zu seinem 16. Lebensjahr hatte Benny kaum einen anderen. Manchmal murrten andere Eltern, weil ihre Kinder nicht spielten und Benny immer. „Insgesamt war das aber nie ein Problem, weil Benny so gut war. Jeder konnte sehen, dass er ins Team gehörte.“ Zahlen belegen das. In einer Saison schießt der Sohn für Lübars 63 Tore. Der zweitbeste Schütze kommt auf zwölf. Horst Köhler erinnert sich gern an diese Zeit zurück. An die unbeschwerten Nachmittage auf dem Platz. Sie, die beiden Köhler-Männer, rund um die Uhr mit Fußball beschäftigt.

Aufgewachsen ist Benny im Märkischen Viertel, Treuenbrietzener Straße, in einem der Hochhäuser. Die Gegend ist mit den Jahren in Verruf geraten, Dealer, Drogen, der Rapper Sido hat mal ein Lied geschrieben. Darin heißt es:

Steig ein!
Steig ein!
Ich will dir was zeigen.
Der Platz, an dem sich meine Leute rumtreiben:
Hohe Häuser, dicke Luft, ein paar Bäume,
Menschen auf Drogen.
Hier platzen Träume.

Für Benny ist das MV immer Heimat geblieben, auch wenn er inzwischen in Lichtenberg lebt. Den Kleidungsstil hat er mitgenommen. Weite Hosen, weite Shirts, Baseballkappe und Turnschuhe. Kleidung, lässig wie sein Wesen. Bennys Träume und die seiner Kumpels haben sich erfüllt, sie haben es aus dem Viertel geschafft. Nichts mit Drogen und Dealen. Fußballer sind sie geworden. Karim, Änis, Olli und Benny. Einmal im Jahr, um die Weihnachtszeit, kehren sie alle zurück. Dann mieten sie eine Halle und schließen die Türen, um den ganzen Tag zu zocken. Nicht Playstation, Fußball. Früher war das leichter, brauchten sie keine abgeschlossene Halle, aber mit den Jahren kamen immer mehr Leute zum Zuschauen. Sind einfach zu bekannt geworden, die Jungs aus dem MV. Änis Ben-Hatira spielt heute für Eintracht Frankfurt, Bennys Klub von 2004 bis 2013. Karim Benyamina war viele Jahre bei Union, noch immer ist er Rekordtorschütze des Vereins. Oliver Schröder hat in der Bundesliga verteidigt, beim 1. FC Köln.

„Die Jungs von hier haben einen starken Willen“, sagt Horst Köhler und atmet tief ein. Er muss nicht sagen, dass er gerade nicht an Fußball denkt. Bennys Krankheit hat seine Sicht verändert. „Ich bin ganz bestimmt kein religiöser Mann, aber als Benny Krebs hatte, bin ich jedes Wochenende rüber in die Kirche gegangen.“ Horst Köhler betete. „Das eigene Kind vor einem gehen zu sehen, bringt dich um den Verstand.“

Familienmenschen sind sie, die Köhlers. Horst und Benny, Mutter Gabi und Schwester Sarah. Die Frauen sind temperamentvoll, die Männer ruhig. Benny noch mehr als Horst. Sie verstehen sich. Auch ohne Worte. Seine Liebsten muss Benny um sich haben. Sonst geht nichts. Sie haben ihm gefehlt auf all den Stationen, in Duisburg, in Essen, Frankfurt und Kaiserslautern. Als er mit 20 das erste Mal in die Fremde geht, nach Duisburg, kauft sich Benny ein Kartentelefon. Manchmal muss er es zwei Mal am Tag aufladen, das Heimweh frisst ihn auf. Die Krebsbehandlung viele Jahre später in einer anderen Stadt als Berlin durchführen? Benny schüttelt den Kopf. „Wäre nicht gegangen.“

Warum wir, denkt Marina. Wann kann ich wieder Fußball spielen, denkt Benny

1,70 Meter, 68 Kilo. Benjamin Köhler im Juli 2014 beim offiziellen Fototermin des 1. FC Union Berlin.
1,70 Meter, 68 Kilo. Benjamin Köhler im Juli 2014 beim offiziellen Fototermin des 1. FC Union Berlin.

© Kai-Uwe Heinrich

Die Schlacht Köhler gegen den Krebs beginnt für Benny gleich nach dem Bochum-Spiel, in seinem Kopf flirren noch die Bilder: seine Mitspieler, wie sie dastehen, Schulter an Schulter, alle in T-Shirts mit seiner Nummer drauf. Die Jungs haben ihn motiviert, nun will er kämpfen. Mit einer Schermaschine bewaffnet verzieht er sich ins Badezimmer. Marina macht Tochter Milli gerade für die Tagesmutter fertig. Anziehen, Haare kämmen. Das Summen der Maschine bemerkt sie kaum. Erst als ihr Mann aus dem Bad kommt, nimmt sie Notiz von ihm. Kahl rasiert steht er da, kein Haar mehr auf dem Kopf, ein Lachen im Gesicht. Bevor sie ein Wort rausbringt, sagt er: „Wir wissen doch beide, dass ich bald so aussehe. Also warum warten?“ Bennys Botschaft an den Krebs ist unmissverständlich: Bilde dir ja nicht ein, dass du meine Frisur bestimmst. Ich entscheide, wann ich Glatze trage! 1:0 für Köhler.

Bei Benny ist alles immer keine große Sache. Nicht, sich eine Glatze zu rasieren. Und erst recht nicht der Krebs. „Ich hab nie daran gedacht, dass ich sterben könnte“, sagt er. Die Krankheit habe er immer als große Verletzung gesehen. Fußballer sind nun mal hin und wieder verletzt. Berufsrisiko. „Mir war immer klar, ich werde wieder trainieren, mir meine Kraft zurückholen und gut is.“

Und gut is. Darin ist Benny begabt: den Dingen mit Worten die Wucht zu nehmen, sogar seinem Comeback. „Viele haben immer gesagt, boah, nach so einer Krankheit wieder auf dem Platz zu stehen! Ich habe das nicht als so schwer empfunden. Was soll so schwer daran sein?“

Dabei ist es ziemlich einzigartig. Kein Fußballer in der Bundesliga oder Zweiten Liga, der eine Chemotherapie über sich ergehen lassen musste, dessen Immunsystem auf null gesetzt wurde, ist je auf den Platz zurückgekehrt. Ein Eishockeyspieler aus Kanada hat nach überstandenem Lymphdrüsenkrebs seine Karriere fortgesetzt: Mario Lemieux, zu Beginn des Jahrtausends (siehe Kasten). Benny hat nie von ihm gehört. Er ist keiner, der in seiner Freizeit pausenlos Sport schaut. Lieber geht er mit den Kindern raus oder spielt Playstation. Er hat mal im Internet nach Sportlern gesucht, die den Krebs besiegt haben. Aber nur ganz kurz. War nicht so ergiebig und auch nicht so wichtig. Für ihn war eh klar, dass er zurückkommt. Ist doch nur eine Verletzung, der Krebs. Wie ein Kreuzbandriss. Nichts, was man nicht reparieren könnte.

Die Dinge etwas lockerer angehen. Herr über sein Schicksal bleiben, zumindest gefühlt. „Ich will selbst bestimmen, wann ich meine Karriere beende. Anders wollte ich nie aufhören.“ Schluss soll nun erst im kommenden Sommer sein, wenn sein neuer Vertrag endet. Was danach kommt? Keine Ahnung. Trainer? Benny ist gern mit Kindern zusammen. Nachwuchstrainer? Vielleicht. Aber das hat noch Zeit. Eines hat Benny mitgenommen aus dem letzten Jahr: Plane nie zu weit voraus, das Leben macht eh, was es will.

So wie eben Anfang 2015. Da will Bennys Leben auf einmal etwas anderes als er. Immer diese Bauchschmerzen! Das geht nun schon eine ganze Weile so. Union ist im Januar ins Trainingslager nach Spanien gereist, aber Benny kann kaum trainieren. Zuerst glaubt er, etwas Falsches gegessen zu haben, aber das kann es nicht mehr sein. Dafür halten sich die Schmerzen zu hartnäckig.

Immer diese Kopfschmerzen! 2000 Kilometer entfernt in Berlin spürt Marina, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ihr tut der Kopf weh, mit jedem Tag mehr, an dem Benny am Telefon von seinen Bauchschmerzen klagt. Benny rät Marina, zum Arzt zu gehen. Marina rät Benny, zum Arzt zu gehen. Das macht er dann auch. Erst in Spanien, dann in Berlin. Bei ihr verschwinden die Symptome, bei ihm ist die Diagnose ein Schock: Lymphdrüsenkrebs. Hodgkin-Lymphom, wie der Arzt im Virchow-Klinikum sagt. Er macht ihnen Mut, sagt, die Heilungschancen stünden gut. Trotzdem, Krebs bleibt Krebs.

Warum ausgerechnet wir, denkt Marina. Wann kann ich wieder Fußball spielen, denkt Benny.

Seine erste Chemotherapie, wenige Tage nach dem Bochum-Spiel, tritt er emotionslos, aber siegessicher an. Sechs Behandlungen in sechs Monaten, drei Tage muss er jeweils im Krankenhaus bleiben. Die Ärzte haben ihm alles erklärt. Im Lauf der Therapie wird er sich mit Appetitlosigkeit, Brechreiz, Haarausfall, Hautirritationen, Problemen beim Stuhlgang, Mattheit und völliger Erschöpfung herumschlagen müssen. Das Einzige, wovor Benny sich wirklich fürchtet, ist die Langeweile. Dagegen hilft nur sein Notfallkoffer mit der geliebten Playstation samt Zubehör. Headset, Controller, was man so braucht zum Zocken. Bevor Milli, heute drei Jahre alt, geboren wurde, hat er manchmal die Nächte durchgedaddelt. Strategiespiele, online mit Kumpels und Unbekannten. Irgendwann wurde es Marina zu bunt. Die Playstation flog aus dem Schlafzimmer. Seitdem darf nur noch im Wohnzimmer gespielt werden. Wenn er könnte, er würde die Behandlung auf seiner Couch durchführen lassen.

Kämpfen und siegen. Im Februar 2015, nach Bekanntwerden seiner Krebserkrankung, sprechen 1.-FC-Union-Fans Benjamin Köhler Mut zu.
Kämpfen und siegen. Im Februar 2015, nach Bekanntwerden seiner Krebserkrankung, sprechen 1.-FC-Union-Fans Benjamin Köhler Mut zu.

© imago/Contrast

Geht aber nicht. Und so stellt sich Benny auf eine einsame Zeit ein – ohne zu ahnen, dass er vielleicht nie wieder in seinem Leben so viel Gesellschaft haben wird. Marina hatte kurz nach der Diagnose Ende Januar alle Freunde und Verwandten angerufen und angeschrieben, über Facebook, Whatsapp oder Instagram. Ihr Ziel: Rund um die Uhr, wann immer Benny will, soll jemand bei ihm sein. Akribisch werkelt sie an einem Zeitgerüst mit genauen Besucherzeiten. Jeder muss angeben, wann er ins Krankenhaus kommen kann. Marina teilt dann die Schichten ein. Den Hauptteil übernimmt selbstverständlich sie. Vormittags, wenn ihre Tochter bei der Tagesmutter spielt, sitzt Marina bei Benny. Dann lachen sie gemeinsam den Krebs weg. Etwa, wenn Benny mal wieder aufgedunsen aussieht nach einer Chemo. Manchmal schweigen sie. Nachmittags kommen die Jungs. Auch Fußballer vom 1. FC Union. Mo Amsif, Chrissi Quiring oder Bajram Nebihi, genannt „Bakki“. Die „Gang“, mit der Benny bei Auswärtsfahrten immer Karten spielt. Toni Leistner kommt auch und Fabian Schönheim, Sebastian Polter, der Torjäger. Niemand lässt ihn hängen, jeder weiß, wie sehr ihr Freund jeden Einzelnen jetzt braucht. Benny muss dafür nichts sagen. Später lässt er seine Haut reden. Sie ist übersät von Tattoos, wie viele es tatsächlich sind, weiß er nicht auf Anhieb. Eines der neueren befindet sich im Nacken, als Dankeschön für die Unterstützung steht dort: „Hard times will always reveal true friends.“ In harten Zeiten werden sich wahre Freunde zeigen.

Je weiter sein Körper gereinigt, je weiter der Krebs vertrieben wird, desto kränker sieht Benny aus. Nach drei Monaten, im Mai 2015, hat er alle Haare verloren, sein Gesicht wirkt fahl, die Wangen sind eingefallen und wo früher Muskeln waren, treffen jetzt Haut und Knochen direkt aufeinander. Benny sieht aus wie jemand, der nicht mehr lange zu leben hat, und so fühlt er sich auch. Einmal will er von der Tiefgarage hoch in die Wohnung laufen. Er keucht und pustet, jede Treppenstufe eine Qual. Oben angekommen, muss er sich setzen. Die Köhlers wohnen im ersten Stock. Nach den Behandlungen liegt er tagelang auf dem Sofa und will immer das Gleiche: Fernsehen, Playstation, schlechtes Essen. Döner, Pizza, Hamburger. Bloß kein Sportlerzeug.

Auf einmal ist sein großes Ziel ganz weit weg. Profifußball? Wo Spieler heute im Durchschnitt zwischen neun und zwölf Kilometer pro Spiel laufen? Im Frühjahr 2015 sind zehn Treppenstufen schon zu viel für Benny. Seine Ärzte sind von den Comebackplänen wenig angetan. Werden Sie erst einmal richtig gesund, sagen sie. Lassen Sie es doch gut sein, denken sie. Benny hört dann nicht so genau hin. Er spricht lieber von seiner Genesung. Mit allen, die davon hören wollen. Er fährt zu Markus Lanz in die Sendung oder empfängt Reporter von verschiedenen Magazinen. Gibt ja auch nichts zu verstecken.

Drei Wochen nach der letzten Chemotherapie im Juni reist er mit dem 1. FC Union ins Sommer-Trainingslager nach Österreich. Nicht, um mitzumachen. Daran ist noch nicht zu denken. Einfach, „um bei der Mannschaft zu sein“.

Je weiter der Krebs vertrieben wird, desto kränker sieht Köhler aus

Zurück in Berlin stehen ihm unangenehme Untersuchungen bevor. Die Ärzte wollen sichergehen, dass die Therapie erfolgreich war. Einmal wird er in eine Röhre gesteckt. Die Maschine soll 300 Aufnahmen von seinem Körper machen. Ihm wird gesagt: Piept es einmal, ist etwas nicht in Ordnung. Die Maschine piept zwei Mal. Benny fühlt sich, als würde er sterben. Sollte er tatsächlich verloren haben? Ist der Krebs immer noch da? Als er rausgeholt wird, sagen die Mitarbeiter ihm, sie hätten vergessen, ihm das zu sagen, zwei Mal piepen sei normal. Kein Grund zur Sorge.

Ende Juli liegen die Ergebnisse der Untersuchung vor, aber Benny kann den vereinbarten Termin nicht abwarten. Er ruft einen Tag früher an – und erreicht tatsächlich den behandelnden Arzt. Das Gespräch ist keines, es redet nur der Doktor, Benny gibt nur Laute von sich. „Hm“, „ja“, „okay“. Er liegt wieder auf der Couch, während Marina vor ihm steht und versucht, in den Gesichtszügen ihres Mannes zu lesen. Vergebens. Als er auflegt, ist sie nervös. Und? Und? Köhler verzieht keine Miene. „Ich bin gesund.“ Den Rest des Tages verbringen beide getrennt voneinander an ihren Telefonen. Am Abend, als Milli schläft, köpfen sie eine Flasche Sekt.

Unsicherheit bleibt. Was, wenn die Ärzte etwas übersehen haben? Auch Maschinen, die 300 Bilder machen, können sich irren. Im Familienurlaub mit Bennys Eltern wird einen Moment lang aus Unsicherheit Entsetzen. Eines Nachts klingelt um halb drei das Telefon Horst Köhlers. Marina ist dran, ihre Stimme erstickt in Tränen. „Benny hat wieder solche Bauchschmerzen. Er hält es kaum noch aus.“ Dann wird es still. Bauchschmerzen. Der Krebs ist zurück.

Ein Notarzt nimmt Benny mit ins Krankenhaus, der Grund für die Schmerzen ist schnell gefunden. Ein Nierenstein hat sich gebildet, nicht ungewöhnlich nach einer Chemotherapie. Verdammter, wunderbarer Nierenstein.

Bevor Benny Anfang August wieder mit dem Training beginnen kann, muss er nach Heidelberg. Dort praktiziert ein anerkannter Sportmediziner, mit ihm wird das Pensum für die ersten Wochen abgestimmt. Er untersucht ihn noch einmal ganz genau, ehe er das Okay fürs Comeback gibt. Dann kann es losgehen. Zuerst mit leichten Laufübungen, im November steigt Benny ins Mannschaftstraining ein.

Im Mai 2015 ist Köhler mal wieder zu Besuch im Stadion – gezeichnet von der Chemotherapie.
Im Mai 2015 ist Köhler mal wieder zu Besuch im Stadion – gezeichnet von der Chemotherapie.

© picture alliance / dpa

Zwei Monate später sitzt er in seiner offenen Küche, im Wohnzimmer spielen Dian, Bennys Sohn aus einer früheren Beziehung, und Milli. Alle tragen kurze Sachen. Draußen ist es kalt, Winter in Berlin an der Frankfurter Allee, wo Benny wohnt. Drinnen ist es heiß, Sommer bei den Köhlers. Benny und Marina mögen die Wärme, im Urlaub reisen sie gern nach Dubai oder ans Mittelmeer. Dian kommt manchmal an den Tisch, um zu sehen, ob er auch nichts verpasst. Der Achtjährige spielt in der F-Jugend beim FC Internationale, gestern ist er Torschützenkönig bei einem Hallenturnier geworden. Dian sieht ganz anders aus als Benny, blond und schlaksiger, aber das Talent scheint er vom Vater zu haben. Benny holt ihn zu sich auf den Schoß. „Erzähl vom Hallenturnier!“ Aber Dian will nicht. Dann stimmt Benny ein Lied an, das Dian so mag und das zu einer Art Lebensmotto für Benny geworden ist: „Immer weiter, ganz nach vorn, immer weiter, mit Eisern Union.“ Die Vereinshymne. Dian summt mit, dann verschwindet er wieder ins Wohnzimmer.

Dort läuft der Disney-Kanal. „Ich fühle mich oft nicht wie ein Erwachsener“, sagt Benny. Die Frotzeleien mit den Jungs, die Blödeleien in der Kabine, das hält auf eine kindliche Art jung. „Man ist als Fußballer in einer großen Truppe, da wird viel Quatsch gemacht.“ Benny muss lachen. Zu seinem Junggesellenabschied musste er sich vor dem Stadion im Weihnachtsmannkostüm mit Torten und anderem Gebäck bewerfen lassen. Später zwangen ihn die Mitspieler, im Biene-Maja-Kostüm über den Potsdamer Platz zu laufen.

Der Gedanke an all den Blödsinn unter Männern lässt ihn vergessen, dass es in diesem Moment nicht so gut läuft. Am Training nimmt er inzwischen täglich teil, aber gerade kann er nicht mitmachen, die Adduktoren. Das ist so ziemlich das Letzte, was er zurzeit gebrauchen kann. Ein paar Tage zuvor durfte er zuerst im Trainingslager und später gegen Borussia Dortmund in einem Vorbereitungsspiel spielen. Ein paar Minuten bloß, aber immerhin. Sogar die Dortmunder Fans riefen seinen Namen, alle im Stadion feierten ihn. Das tat gut, obwohl Benny wusste, dass er nur der Hauptdarsteller einer großen Inszenierung war. Die Einwechselung war eine Art Gnadenbrot gewesen, Trainer Sascha Lewandowski hatte ihm längst mitgeteilt, dass er nicht mehr mit ihm plane. Vielleicht würde er noch einmal im letzten Saisonspiel gegen Freiburg randürfen, wenn es um nichts mehr geht. Um sich zu verabschieden.

Zu dieser Zeit, Anfang 2016, kommen Gedanken an ein mögliches Karriereende auf. Im Sportmagazin „Kicker“ spricht Benny erstmals darüber. Sollte es bei Union nicht weitergehen, würde er Schluss machen. Noch einmal woanders hingehen, in eine andere Stadt, kommt für ihn nicht infrage. Berlin oder nix.

Doch so leicht will Benny nicht aufgeben. Er versucht, die Aussagen des Trainers, so gut es geht, beiseitezuschieben. So, als würde sich die Sache irgendwann in Luft auflösen. Tut sie dann auch, in gewisser Weise. Sascha Lewandowski erkrankt selbst, Burn-out, und André Hofschneider, bis dahin Ko-Trainer, wird bis zum Sommer neuer Cheftrainer des 1. FC Union. Er und Benny kennen sich schon lange, aber das ist keine Garantie für einen neuen Vertrag. Auch unter Hofschneider spielt er zuerst nicht.

Doch dann verletzen sich immer mehr Spieler und es kommt der 18. März. Union empfängt Eintracht Braunschweig. Eigentlich soll Benny in der Schlussphase nur helfen, die 2:1-Führung ins Ziel zu retten. Am Ende gewinnt Union sogar 3:1. Und das hat auch mit ihm zu tun. Mit seinen klugen, zentimetergenauen Pässen und seiner Fähigkeit, den Gegner nicht an den Ball kommen zu lassen. Köhler hat heute etwas von Andrea Pirlo an sich. Der emotionslose Gesichtsausdruck, die Coolness. Wie der große italienische Stratege, der, gepriesen als ein Spielmacher aus einer anderen Zeit, im Sommer 2015 seine Karriere beendete, kann Benny mit einer einzigen Bewegung die Statik eines Spiels ändern. Das kann in der Zweiten Liga niemand. Außerdem redet Pirlo auch nicht viel. Pirlo und Köhler, zwei Schweiger, die sich mit ihren Füßen ausdrücken.

Nach Spielschluss werfen ihn die Mitspieler in die Luft, genau vor der Fankurve, die ausflippt, und Benny fühlt sich, als könnte er den Himmel berühren. Trainer André Hofschneider lobt ihn später, Kapitän Benjamin Kessel spricht in die Mikrofone der Journalisten: „Benny hat einen gewaltigen Anteil an unserem Sieg.“ Benny selbst sagt: „Ich hab mir gewünscht, das Spiel würde noch ein bisschen länger dauern.“

Später ziehen sie um die Häuser. Benny und Marina, seine Schwester Sarah und ein befreundetes Paar. In einer Bar rauchen sie Shisha und treffen Karim, Bennys besten Kumpel seit Kindertagen. Ihm gehört der Laden. Weit nach Mitternacht nimmt Benny einen tiefen Zug aus der Wasserpfeife und fläzt sich entspannt ins Sofa. In der Hand hält er ein Glas Jacky-Cola, seinen Lieblingsdrink. Jack-Daniels-Whiskey mit Cola ist das einzige Mixgetränk, das er überhaupt runterbekommt. Normalerweise trinkt er keinen Alkohol, aber dieser Abend ist besonders.

Braunschweig ist der Wendepunkt. Seitdem wird er wieder regelmäßig aufgestellt. Nicht aus Mitleid, weil er eine schwere Zeit hinter sich hat, so weit würde im rauen Profigeschäft nicht einmal beim fußballromantisch veranlagten 1. FC Union die Liebe zu einem genesenen Krebskranken gehen. Benny Köhler spielt, weil er seiner Mannschaft immer noch helfen kann. In Schlachten auf dem Feld, die ganz klein und nichtig wirken, im Vergleich zum Kampf, den er gewonnen hat.

Dieser Beitrag ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. 

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