Ausgehen nach Corona : Leiden, bangen, hoffen – Berlins Nachtleben und seine Zukunft

Bald wieder feiern, aber mit Abstand und Maske? – „Das ist für mich schwer vorstellbar“, sagt eine Clubchefin. Und wie soll es sonst gehen?

Vor unsichtbarem Publikum. DJ Sis im leeren Klunkerkranich in Berlin-Neukölln.
Vor unsichtbarem Publikum. DJ Sis im leeren Klunkerkranich in Berlin-Neukölln.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

DJ Sis steht hinter den Decks, nur noch ein Knopfdruck, dann beginnt sein Set. Er lächelt in die Kamera und fragt den Techniker: „Wo kann ich lauter gehen?“ Die beiden stehen im Holzbau des Clubs Klunkerkranich oben auf dem Parkhaus an der Karl-Marx-Straße, kurz vorm Rathaus Neukölln. Schwere Wolken ziehen hinter Sis über den Himmel. Die Kugel des Fernsehturms schimmert, ein Donnerstag Ende April, am frühen Abend. „Sagst du mir Bescheid, wenn du online bist?“, ruft Sis.

„Jetzt!“, ruft der Techniker. Ein sanfter Loop setzt ein. Der Livestream läuft.

Berlin lebt von und mit dem Ruf als Ort der Freiheit, als Ausgehmetropole. Die Clubszene ist legendär – aber im Moment steht sie still. Darum wird nun gestreamt, werden Livevideos fürs Internet gemacht. Betreiber und Musiker wollen schließlich mit dem Publikum in Kontakt bleiben. Die Leute können nicht zu uns kommen, sagen sie, also kommen wir zu ihnen.

„Das ist ein Ökosystem“

Die Coronapandemie bedroht die Existenz aller in der Clubszene. Keine Gäste zu haben bedeutet: keine Einnahmen – und es gibt keine Aussicht auf Besserung. 9000 Beschäftigte, 280 Clubs und Veranstalter, sagt Lutz Leichsenring, dazu zahllose Selbstständige und 2000 Künstler – „das ist ein Ökosystem“.

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Leichsenring ist geschäftsführender Vorstand der Berliner Clubcommission, der mit 140 Mitgliedern wichtigsten Interessenvertretung der Branche gegenüber der Politik. Er warnt, es werde „unterschätzt, wie fragil so ein Ökosystem ist“.

Zumal es Stätten elektronischer Tanzmusik in Berlin längst nicht mehr so leicht haben wie vor 20 Jahren. Leichsenring weiß von Monatsmieten zwischen 5000 und 15000 Euro. Der Geschäftsführer des Watergate, eines weit über Berlin hinaus bekannten Clubs auf der Kreuzberger Seite der Oberbaumbrücke, bezifferte die monatlichen Festkosten seines Betriebs zu Beginn der Krise mit 130000 Euro. Inzwischen hörte man längst häufiger von Clubs, die schließen müssen, als von solchen, die aufmachen.

Fünf Millionen Zuschauer, 300000 Euro Spenden

Die Clubbetreibenden haben rechnen lernen müssen: Geld verdient man eher im Winter, vorzugsweise in den ersten Monaten des Jahres, wenn die Leute wieder ausgehen wollen, bis zum Sommer. Dann ist Festivalsaison, es wird wieder leerer. Das Virus und die von der Politik angeordneten Kontaktbeschränkungen haben Betreibern, DJs, Video- und Lichtkünstlern, Thekenpersonal, Garderoben- und Türleuten die Planung zerstört.

Abgeschlossene Gesellschaft. Corona hat die einst kreative Arbeit der Clubbetreiber in eine destruktive verwandelt.
Abgeschlossene Gesellschaft. Corona hat die einst kreative Arbeit der Clubbetreiber in eine destruktive verwandelt.Foto: Imago Images/Christian Ditsch

Darum also die Online-Übertragungen. „United we stream“, der von der Clubcommission und Arte organisierte Kanal, bietet seit Mitte März fast jeden Abend fünf Stunden elektronische Tanzmusik. Knapp zwei Wochen später teilte die Clubcommission in einer Zwischenbilanz mit, dass die Übertragungen fünf Millionen Menschen überall auf der Welt erreicht haben. 300000 Euro Spenden waren eingegangen. Vorstand Leichsenring sagt, durchschnittlich würden je 30 Euro überwiesen. Die Einnahmen sollen Clubs helfen, die Mieten zu bezahlen.

„Be a hope dealer“

Längst sind es nicht mehr allein die bekannten Berliner Institutionen wie das Watergate in Kreuzberg oder das Sisyphos in Lichtenberg. Auch aus Hamburg, Wien, Amsterdam und Manchester wurde gestreamt. Und aus dem Klunkerkranich. Doch wollten die Neuköllner Clubmacher zusätzlich einen eigenen Kanal für ihr Programm – und ein eigenes Spendensammelsystem. Dafür legt DJ Sis an diesem wolkigen Aprilabend auf.

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„Be a hope dealer“, steht auf seinem schwarzen T-Shirt. Sis ist 40 Jahre alt, trägt eine weite Hose, streicht sich die schulterlangen schwarzen Haare zurück und tanzt entspannt vor sich hin. Auf dem Parkdeck verstärkt er jetzt die Beats für ein Publikum, das er nicht sieht, der Track kommt auf Tempo. Sis trinkt einen Schluck Bier, dreht sich eine Zigarette, schenkt der Kamera ein Lächeln und tanzt immer weiter.

Ein Ort im Ausnahmezustand

Er scheint nicht wahrzunehmen, dass bloß ein Kameramann, ein Techniker und ein paar Leute vom Klunkerkranich seine Show direkt miterleben. Keine wogende Menge, die die Arme hochwirft und diese wundersame Gesamtkörperlichkeit bildet, die ein DJ braucht, um zu spüren, was er spielen muss.

Das ist die Resonanz, die Sis vermisst, da oben an seinen Decks. „Ich bin halt Vollblutmusiker“, sagt er später. „Das Feedback vom Publikum beeinflusst das Set.“

Wie viele Clubs ist der Klunkerkranich nun ein Ort im Ausnahmezustand. Robin Schellenberg, einer der beiden Geschäftsführer, 35 Jahre alt und seit zwölf Jahren als Unternehmer in der Branche, rechnet vor: 65 Angestellte hatte er vor Corona, jetzt sind es 45, einige sind mit Bauarbeiten am Club beschäftigt. Kurzarbeitergeld sei versprochen, doch könne das dauern. Vor der Zwangsschließung spielten bei ihm 1000 DJs und 150 Bands im Jahr, dazu gab es Lesungen und Kino.

Die Nachbarn kommen auf die Gästeliste

Der Klunkerkranich will eine Kulturfabrik sein, nicht zuletzt für die Nachbarschaft. Schellenberg sagt: Wer in 500 Metern Umkreis wohne, komme auf immer kostenfrei auf die Gästeliste.

An der Kulturfabrik wird gerade gearbeitet. Draußen, auf der Terrasse, warten meterweise Latten auf die Montage zu einer Plattform. Drinnen, wo sonst das Publikum tanzen würde, liegen Wasserwaage und Schraubenpackungen, Werkzeugkästen und demontierte Diskokugeln in einer Werkstatthaftigkeit, die so etwas wie Hoffnung ausstrahlt: Es wird, es soll, es muss weitergehen, möglichst so wie vor Corona. Nach zwei Monaten ohne Einnahmen sei man „jetzt an der Grenze“, sagt Schellenberg.

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Zu den Eigenarten der Berliner Clubszene gehört, dass hier manche so etwas wie subkulturelle Erfolgsunternehmen geworden sind, vom Tourismus angekurbelte, weltbekannte Läden wie das Berghain. Andere sind Liebhaberprojekte geblieben, bei denen es eher um deren Erhaltung als um einen Gewinnbetrieb geht.

„Ein Club ist ja ein Gesamtkunstwerk“

Zu letzterer Sorte gehört das Gretchen an der Kreuzberger Obentrautstraße. Die Betreiberin Pamela Schobeß gehört wie Lutz Leichsenring zum Vorstand der Clubcommission. Mit einem Kaffee in der Hand und den Augen auf der Suche nach einem Laden, in dem sie Zigaretten kaufen kann, läuft Schobeß am Paul-Lincke-Ufer entlang, drüben, auf der anderen Landwehrkanalseite ist Wochenmarkt. Die wenigsten dort kümmern sich um Sicherheitsabstände – eine Stunde später wird die Polizei den Markt schließen.

Da ist die Tür. Eingang des Berghain im Jahr 2020.
Da ist die Tür. Eingang des Berghain im Jahr 2020.Foto: Imago Images/Stefan Zeitz

Als die Schließungsverfügung kam, erzählt die Clubchefin, habe sie kurz die Fantasie gehabt, jetzt ein richtig gesundes Leben führen zu können, mit Sport und genügend Schlaf. Es kam anders.

Für Schobeß ist das Gretchen eine Lebensaufgabe, und nicht die erste. Mit ihrem Partner betrieb sie 15 Jahre lang das Icon in Prenzlauer Berg. „So ein Club ist ja ein Gesamtkunstwerk“, sagt sie, „von der Musik bis zu Personal und Ausstattung.“ Sie habe die Sorge, dass viele Clubbetreibende die Schließung nicht überstehen.

90 abgesagte Veranstaltungen

„Wenn wir unsere Räume verlieren, werden die meisten von uns es finanziell nicht schaffen, noch mal von vorn anzufangen. Erstens gibt es ohnehin keine Räume mehr. Und zweitens sind wir ja im Zweifel alle pleite.“

Das Kurzarbeitergeld für das Personal wurde, wie beim Klunkerkranich, bisher nicht ausgezahlt. „Wir gehen jetzt seit zwei Monaten komplett in Vorleistung – ohne Einnahmen. Die Lohnsteuer muss ich zahlen.“ Dazu kämen Abgaben wie die Extrasteuer für Künstler, die für einen Auftritt aus dem Ausland anreisten – „die konnte ich nicht stunden.“

Die Pandemie und ihre Folgen haben die kreative in eine gewissermaßen destruktive Tätigkeit verwandelt. „Wir mussten bislang über 90 Konzerte und Veranstaltungen absagen, unfassbar viel telefonieren“, sagt Schobeß. Für Flüge, die sie stornieren musste, gab es Gutschriften – für eine Zukunft, von der niemand weiß, ob und wann sie beginnt. „Inzwischen stellt sich ja die Frage, ob alle Fluggesellschaften überleben.“

„Viele kommen psychisch nicht zurecht“

Ebenso bitter ist die Situation für Schobeß‘ Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Viele verdienen gerade so viel, dass sie davon leben können.“ Jetzt bekommen sie deutlich weniger als zuvor, aber Miete und andere Lebenshaltungskosten bleiben gleich hoch. In der Clubszene gebe es „viele Leute, die keine Nine-to- five-Jobs machen – weil sie es nicht können oder wollen“. Pamela Schobeß sorgt sich: „Viele kommen psychisch nicht damit zurecht, dass sie eingesperrt sind.“

Ein großes Problem sei die zeitliche Unsicherheit. Die Schließung bis Ende Juli stehe für sie fest – „mindestens, sagen alle Politiker“. Wie soll man da an einem Programm für den Herbst arbeiten? Und: „Was, wenn gesagt wird, die Clubs dürften nur mit einer Auslastung von 30 Prozent öffnen? Das würde für das Gretchen den finanziellen Ruin bedeuten.“

Er tanzt allein vor der Kamera

Also werde man weiter Zuschüsse brauchen, „weil wir bei konstant so geringer Auslastung nicht kostendeckend arbeiten können“. Und dann die mögliche Abstandsregelung! Das Miteinander an so einem Abend – „mit anderthalb Metern Abstand und Maske ist das für mich schwer vorstellbar“, sagt Schobeß.

Im Klunkerkranich hat DJ Namito den Platz an den Decks bezogen, der letzte für den Stream an diesem Tag. Noch einer, der die Sanftheit der Stimmung, die Leere auf dem Parkdeck unter dem Berliner Wolkenhimmel aufnimmt und in leichte, vibrierende Musik umsetzt. Namito ist Ende vierzig, schwarze Jacke, Stoppelglatze, er gehört sichtbar nicht zu denen, die auf großen Showmaster machen. Ein Klangkünstler, der niemanden aufpeitschen will – aber es ist ja ohnehin niemand da.

Die Loops werden schneller, er tanzt sich hinein, allein vor der Kamera. Ein dunkler Synthesizersound erhebt sich, das Publikum könnte sich in eine Klunkerkranich-Nacht hineinträumen, in der alles wieder normal ist und Corona bloß eine Episode.

„Ich fühle mich komplett beobachtet“

Und das Gefühl, da an den Decks, vor der Kamera? „Nicht so angenehm“, sagt er später, „ich fühle mich komplett beobachtet.“ Die Live-Auftritte fehlten ihm, „die Interaktion“. Immerhin, seine Lage bringt ihn nicht zur Verzweiflung. „Ich bin nicht am Paniken“, sagt er – es gebe ja noch die Gema-Gebühren.

Namito kennt die Branche seit vielen Jahren, gerade jüngere Kolleginnen und Kollegen haben es noch viel schwerer. Zum Beispiel Alex Hilz, Betreiber von Staygold Music, einer Agentur, die ihn selbst und andere Musiker vertritt. Bei einem Bier auf dem Rasen am Weißen See erzählt der 33-Jährige mit dem rasierten Schädel, er habe schon im März, als die Schließungen gerade verfügt waren, ein Minus von 5000 Euro wegen abgesagter Veranstaltungen gehabt. Weitere Absagen folgten.

Hilz gehört zu den Menschen, die Berlin so machen, wie es sich an den besten Stellen anfühlen mag: bewegt, bewegend, begeistert. Er organisiert Partynächte, er ist DJ – seine Auftritte sagen: eher ein froher, fröhlicher. Seine Möglichkeiten sagen: Das war es, bis auf Weiteres.

Die Krise als Chance?

Dieser Mann, der allen Grund hätte, die Zeiten zu verfluchen, jetzt, da er mitten im Lauf ausgebremst wurde, will sie nutzen, um weitere Veranstaltungen zu planen, sagt er. Stay gold, bleib bei dir, bleib, wie du bist. Der Senat hat ihm geholfen, mit 5000 Euro. Und nun? Hilz sagt: „Jede Situation kommt zu dir als Lehrer.“ Die Krise als Chance.

Pamela Schobeß vom Kreuzberger Gretchen fühlt weniger Zuversicht. Die jetzige Krise ist verbunden mit der Erinnerung an das Icon, ihren ersten Laden. Den musste sie vor neun Jahren schließen. „Wir haben schon mal einen Club verloren“, sagt sie. „Ich weiß immer noch, wie krass weh das tut.“