Vor dem Grünen-Parteitag : Robert Habeck ist bereit zum Ablegen

Er gehe dahin, wo es wehtut, loben die einen. Er schiebe die totale Egonummer, ärgern sich andere. Robert Habeck verlangt seinen Grünen einiges ab - und könnte deshalb der ideale Chef sein.

Ambitionen für die Bundespolitik: Robert Habeck
Ambitionen für die Bundespolitik: Robert HabeckFoto: dpa/Carsten Rehder

Küstennebel, ausgerechnet. Robert Habeck hat den Anislikör aus dem Norden noch nie ausstehen können, erst recht nicht mittags um zwei. Aber nun schauen sie ihn alle erwartungsvoll an in Schleswig-Holsteins Landeshalle auf der Grünen Woche – also runter damit. Habeck verzieht kurz das Gesicht. Der Friesengeist drei Stände weiter schmeckt ihm sichtlich besser, die Rapsblütenkönigin reicht ihm Käsehäppchen. Bei der Kanalkönigin aber ist Schluss. Salami? Habeck ist Vegetarier, er winkt ab.

Die Landwirte in der Berliner Messehalle nehmen das dem grünen Minister aus Schleswig-Holstein nicht übel. Bei ihnen kommt seine kumpelige Art gut an, hier auf der Grünen Woche, beim Erntedankfest daheim mit Spielmannszug oder auf dem Traktor mit der Landfrauenpräsidentin. Die Bauern haben in den vergangenen Jahren auch zu spüren bekommen, dass Robert Habeck kein grüner Besserwisser ist, sondern ihre Probleme ernst nimmt. „Der kann gut zuhören“, sagt der Generalsekretär des Bauernverbands, der den Messerundgang begleitet. „Habeck betreibt auch nicht so ein Bauernbashing wie andere in seiner Partei.“

Ein Selbstläufer wird seine Wahl nicht

Er wird diese Auftritte vermissen. Wenn der Parteitag Robert Habeck am Samstag zum neuen Parteichef wählen sollte und er sein Regierungsamt in Kiel und damit sein Traumministerium aufgeben müsste: Umwelt, Landwirtschaft und Energiewende, sämtliche urgrünen Themen vom Atomausstieg bis zum Meeresschutz unter einem Dach. Habeck hat lange gezögert, bis er überzeugt war, dass ihn die Bundespartei jetzt braucht.

Ein Selbstläufer wird seine Wahl zum Grünen-Chef nicht. Denn Habeck hat seine Bewerbung mit der Forderung verknüpft, auch als Parteichef noch eine Zeit lang sein Ministeramt in Kiel behalten zu dürfen. Um die Übergabe vernünftig hinbekommen zu können, brauche er „pi mal Daumen“ ein Jahr, hatte Habeck gesagt. Weil die Satzung der Grünen so etwas bisher nicht erlaubt, müssten zwei Drittel der Parteitagsdelegierten einer Änderung zustimmen. „Das kann schiefgehen“, sagt er. Tatsächlich weiß keiner, wie es ausgeht.

Doch die Sehnsucht nach einem Wechsel an der Parteispitze und neuem Schwung bei den Grünen ist groß – die Partei geht in Oppositionsjahre als kleinste Kraft im Bundestag. Nicht unterzugehen, wird schwer, das ahnen viele.

Er spricht nicht nur Grünen-Wähler an

Es ist ein Freitagabend im Januar, gerade noch saß Habeck im Kieler Landeshaus, Schleswig-Holsteins Parlamentssitz, mit Schweinebauern, Jägern und Tierschützern zusammen, um zu beraten, wie sich der Ausbruch der afrikanischen Schweinepest in Schleswig-Holstein verhindern lassen könnte. Die erste Arbeitswoche im neuen Jahr neigt sich dem Ende zu, Habeck wirkt ein wenig müde.

Wenn er seinen Wunsch nach einer Übergangszeit erklären soll, fällt immer wieder das Wort Verantwortung. Die Jamaika-Regierung in Kiel sei frisch im Amt, für die Grünen wichtige Projekte müssten noch auf den Weg gebracht werden. Und vor allem wolle er auch auf die Lebens- und Familienplanung potenzieller Nachfolger Rücksicht nehmen. Er will noch keine Namen nennen, nicht unnötig den Druck auf die Kandidaten erhöhen. Aber wenn man sich bei den Grünen umhört, ist oft von einem die Rede: Konstantin von Notz, Bundestagsabgeordneter aus Schleswig-Holstein, gerade zum stellvertretenden Fraktionschef und ins Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags gewählt. Vor wenigen Tagen ist er zum zweiten Mal Vater geworden. „Ich spüre an allen Ecken und Kanten, dass das eigentlich nicht passt“, sagt Habeck.

Wie nur wenige in seiner Partei schafft Habeck es, Menschen über das grüne Milieu hinaus anzusprechen. Er gilt als klug, unabhängig, eine charmante Mischung aus bodenständig und visionär. Auch viele Grüne setzen große Hoffnungen in ihn. Trotzdem ist längst nicht sicher, dass er am Wochenende zum Parteichef gewählt wird. Warum eigentlich nicht?

52 tote Schafe: Habeck ging hin

Die vergangenen sechs Jahre als Minister haben Robert Habeck geprägt. Es gibt da die Anekdote, die er immer wieder erzählt: von der Nacht, in der ein Wolf 52 Schafe aus einer Herde riss. Habeck beließ es nicht dabei, mit dem zornigen Schäfer zu telefonieren und Helfer mit Elektrozäunen zu schicken, er fuhr selbst auf den Hof. „Diese krasse Konkretion, wenn du den Leuten in die Augen guckst, die Kinder heulen siehst, und du denen trotzdem erklären musst, warum es Wölfe geben muss.“ Es ist dieser permanente Widerstreit der Interessen und Notwendigkeiten, die Suche nach Lösungen, mit denen alle leben können, der für Habeck den Reiz des Regierens ausmacht.

Genau diese Regierungserfahrung will Habeck nun auch zu einem Teil der Parteistrategie machen, wie er in seinem Bewerbungsschreiben an die Delegierten ankündigt. „Es reicht nicht, nur im eigenen Milieu Applaus zu bekommen“, schreibt er. Aus seiner Zeit als Minister wisse er, welche enormen Veränderungen Atomausstieg, Energiewende, Agrarwende für die Menschen bedeuten. Die Abstimmung über die Satzungsänderung ist für ihn auch ein Seismograf dafür, ob die Partei sich voll und ganz auf ihn und seinen Politikstil einlassen will. Und ob er die Autorität hat, etwas zu verändern.

Die Vorstellung, dass es schiefgehen könnte, sorgt in der Grünen-Führungsriege für Unruhe. Vor zwei Wochen traf sich eine vertrauliche Runde in der Bibliothek des Berliner Kaiserin-Friedrich-Hauses, nahe der Bundesgeschäftsstelle der Partei. Die Gruppe, die auch die Jamaika- Sondierungsgespräche geführt hatte, setzte sich in dem eichengetäfelten Raum mit Habeck zusammen, um ihn von einem Kompromiss in der Satzungsfrage zu überzeugen. Dieser sieht eine „angemessene Übergangszeit“ vor, die auf „maximal ein Drittel der Amtszeit“ als Parteichef begrenzt werden soll. Acht Monate wären das im Fall von Habeck, seine Nachfolge könnte er dann bis zum Herbst regeln.

Andere Männer wollten nicht gegen ihn antreten

Habeck willigte ein. Claudia Roth, Jürgen Trittin, Cem Özdemir – sie alle wären bereit, einen solchen Kompromiss auf dem Parteitag durchzufechten. Aber sie wissen auch: Es reicht ein Drittel der Delegierten, um das zu verhindern.

Doch natürlich würden die Grünen nicht ohne neue Führung aus dem Parteitag herausgehen. Habeck ist der einzige männliche Kandidat, andere Männer wollten nicht gegen ihn antreten – denkbar wäre aber auch eine Doppelspitze aus den beiden Bewerberinnen Annalena Baerbock und Anja Piel. Auch der Europaabgeordnete Sven Giegold hält sich eine Kandidatur offen für den Fall, dass Habeck zurückzieht. Aber das Signal nach außen wäre verheerend: Die Grünen, die sich durch ihre Ernsthaftigkeit in den Jamaika-Sondierungen Ansehen erworben haben, wären wieder die Partei, die sich lieber mit sich selbst beschäftigt.

Im Kern sind die Grünen immer noch eine antiautoritäre Partei. Zu viel Charisma ist suspekt. Habeck weiß, dass jeder Joschka-Fischer-Vergleich vor dem Parteitag ihn Stimmen kosten kann. Und er hat sich in den letzten Jahren ja auch nicht nur Freunde gemacht. Wenn er sich in Kiel mal wieder gegen die Bundes-Grünen profilierte, nahmen ihm das einige übel. Selbst Parteifreunde, die ihm wohlgesonnen sind, lästern, der Robert brauche halt immer noch ein Extra. „Er liebt das Drama“, sagt einer.

Die Flügellogik? "So Achtziger"

Vielleicht ist es Habecks größte Schwäche, dass er manchmal mit dem Kopf durch die Wand will. Schon dass er seine Kandidatur mit der Satzungsfrage verband, ist für etliche eine Zumutung. Und was macht Habeck? Legt nach. Erklärt auch die Flügellogik, die in der Partei bei der Besetzung von Spitzenämtern immer eine wichtige Rolle gespielt hat – ein Posten für die Realos und einer für den linken Flügel – kurzerhand für ein überkommenes Relikt. „So Achtziger“, lästerte er in einem Interview.

Habeck weiß, dass er ankommt, vielleicht weiß er es sogar zu gut. Für seine Fähigkeit zur Selbstinszenierung lieben ihn einige in der Partei, anderen ist zu viel Eitelkeit im Spiel. Etwa dann, wenn Habeck sich mit ausgebreiteten Armen und strahlendem Lächeln ablichten lässt, wie er den Strand entlangläuft. Nur weil jemand „’ne Egonummer“ schiebe, dürften die Grünen ihre Grundsätze nicht über Bord werfen, schimpft eine Abgeordnete aus dem Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg.

Aber es ist auch genau dieses Pfeifen auf Dogmen, das Habeck so stark gemacht hat. Er diskutierte früh über linken Patriotismus; als er 2009 Chef der Kieler Landtagsfraktion wurde, widmete sich die erste Klausur dem Thema Heimat. Er gestand, dass er auch mal Dosenbier trinke, als nach der Bundestagswahl 2013 grüne Bevormundung angeprangert wurde. Er vertrat unbequeme Thesen, etwa dass Umweltpolitik auch unsozial sein könne. Und als nach dem Jamaika-Aus FDP-Beschimpfungen angesagt waren, sagte er in einer Talkshow, er sei „voller Scham, dass wir das nicht hinbekommen haben“. Wir.

Früher schrieb er Romane

In anderen Parteien verschafft er sich damit Respekt. Ende März 2011 tritt Habeck im Kieler Landtag ans Rednerpult, damals noch als Oppositionspolitiker. Es ist nur wenige Tage her, dass die Reaktorkatastrophe im Atomkraftwerk Fukushima die deutsche Politik erschüttert hat. Für einen Grünen eigentlich ein Moment des Triumphs, schließlich hatte man schon immer vor den Risiken gewarnt. Doch Habeck schlägt einen ruhigen Ton an. Man müsse Fehler auch eingestehen dürfen, sagt er an die Adresse des damaligen CDU-Ministerpräsidenten. Er werde dessen Eingeständnis, dass diese Technik nicht beherrschbar sei, deshalb auch „nicht mit Häme und Hohn quittieren“. Applaus von allen Seiten.

Aufgewachsen ist Habeck in Heikendorf, einem kleinen Ort an der Ostseeküste. Seine Eltern waren Apotheker. In Freiburg studierte er Germanistik und Philosophie, dort lernte er auch seine Frau kennen, mit der er später nach Flensburg zog. Gemeinsam bekamen sie vier Söhne, schrieben zusammen Jugendbücher und Romane, etwa über eine Jahrhundertsturmflut an der friesischen Nordseeküste, basierend auf Theodor Storms „Schimmelreiter“. Sie teilten sich Arbeit und Kümmern, kamen mit Stipendien, Honoraren und Kindergeld über die Runden. In die Politik kam Habeck 2002 als Quereinsteiger, aus dem Wunsch heraus, sich einzumischen, und auf der Suche nach einem „Resonanzraum, der größer war als eine Bibliothek oder ein Buch“.

Gummistiefel, Ferkel, Schweinswale

Mit 35 Jahren wurde er Landesvorsitzender der Grünen in Schleswig-Holstein, dann Spitzenkandidat, Fraktionschef, Minister. Schon vor zehn Jahren war er mal als Parteichef auf Bundesebene im Gespräch. Doch für ihn kam das nicht in Frage, seine Kinder waren noch zu klein, der Jüngste fünf Jahre alt, die Zwillinge sieben und der älteste Sohn elf.

Als stellvertretender Ministerpräsident ist Habeck laut Umfragen zum beliebtesten Politiker in Schleswig-Holstein aufgestiegen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass er hier im Norden fast täglich im Fernsehen zu sehen ist. Meistens draußen in schöner Kulisse, mit Gummistiefeln und Schweinswalen, Strommasten oder niedlichen Ferkeln. Ein Teil seines Erfolgs liegt aber wohl auch darin, dass er der Typ von nebenan geblieben ist. Als er sich vor anderthalb Jahren um die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl bewarb, lieh er sich von einem seiner Söhne den großen Wanderrucksack. Kreuz und quer reiste Habeck mit dem Zug durch die Republik, um sich in den Kreisverbänden vorzustellen. Wie früher, als er im Studium per Interrail Europa erkundete.

Aus der Spitzenkandidatur wurde damals nichts, mit einem Vorsprung von nur 75 Stimmen schlug ihn Cem Özdemir in der Urwahl. Habeck hatte alles auf diese Kandidatur gesetzt, auf die Absicherung über ein erneutes Landtagsmandat verzichtet. Er hatte damit gerechnet, entweder zu gewinnen oder abgeschlagen als Außenseiter zu enden. Doch als Bundesgeschäftsführer Michael Kellner ihn an dem Morgen anrief, um das Ergebnis der Auszählung mitzuteilen, wusste er nicht, wie er dieses bewerten sollte: Sensationserfolg oder knapp vorbei? „Enttäuschung, Stolz und Erleichterung“ – er habe alles auf einmal gefühlt, erzählt Habeck im Rückblick. „Ein knappes Scheitern, das sich so merkwürdig anfühlte“, schreibt er im Nachwort zu seiner politischen Autobiografie.

Manchmal entschied er sich drei Mal am Tag um

In dem Buch erklärt Habeck auch, mit viel Pathos, warum er jetzt als Parteichef antreten will. „Deutschland und die Grünen stehen an einem Scheideweg.“ Es könne sein, dass das grüne Projekt in den nächsten Jahren zu Ende gehe. „Es kann aber auch sein, dass wir die gesellschaftliche Hoffnung nach Aufbruch und Idealismus politisch einlösen und zu einer wirklichen Bewegung machen können.“ Als Bundesvorsitzender wolle er dazu beitragen, dass seine Partei „Kraft schöpft und wir unser Profil schärfen“. Die Grünen will er „zur führenden linksliberalen Kraft“ machen.

Es ist ein großer Anspruch, den Habeck formuliert. Manchmal klingen Zweifel durch, ob er ihm gerecht werden kann. Parteichef zu sein bedeute, dafür zu sorgen, dass die Grünen gesellschaftliche Relevanz hätten. „Das ist ’ne Riesennummer“, sagt er.

Er hat lange gehadert, bevor er kurz vor Weihnachten seine Kandidatur bekannt gab. Cem Özdemir hatte ihn schon vergangenen Sommer als möglichen Nachfolger ins Gespräch gebracht, aber Habeck wollte nicht recht. In der Nacht, als die Jamaika-Verhandlungen platzten, fing er wieder von Neuem an zu überlegen. Manchmal entschied er sich dreimal am Tag um, seine engsten Mitarbeiter mussten jede Wendung mitmachen. „Wer nicht bei drei auf den Bäumen war, musste sich das anhören“, sagt er. Habeck muss lachen. Selbst mit seiner Mutter, die er in Karrierefragen schon lange nicht mehr um Rat frage, habe er über seine Zweifel gesprochen. Allmählich reifte sein Entschluss.

Was aber wird er machen, wenn er auf dem Parteitag nicht die gewünschte Übergangszeit bekommen sollte? Tritt er dann wirklich nicht als Parteichef an?

Das Landeshaus an der Kieler Förde ist inzwischen verwaist, nur der Pförtner sitzt noch am Eingang, draußen ist es längst dunkel. Habeck muss einen Moment nachdenken. Er wisse ja, dass die Partei keine konditionierten Angebote möge, sagt er. „Irgendwie ist das ja auch cool.“ Es sei aber das einzige Angebot, das er machen könne. „Sonst verliere ich zu viel von dem, was mich ausmacht.“ Er klingt eigentümlich gelassen. „Ich habe die Segel gesetzt. Aber wohin das Schiff fährt, entscheidet die Crew.“

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