Finanzstaatssekretär Jörg Kukies : "Nicht jede Entscheidung dient dazu, das Einkommen zu maximieren"

Jörg Kukies war Chef von Goldman Sachs und ist jetzt im Bundesfinanzministerium. Ein Interview über Seitenwechsel und Finanzrisiken.

Europas Banken brauchen mehr Sicherheitspuffer, meint Jörg Kukies, Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen.
Europas Banken brauchen mehr Sicherheitspuffer, meint Jörg Kukies, Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen.Foto: Thilo Rückeis

Wenn wir uns umschauen, braut sich einiges zusammen. Ein ungeordneter Brexit, Populismus in den USA mit einem Präsidenten, der Handelskonflikte mit der halben Welt anzettelt, eine Regierung in Italien, die auf Konfliktkurs zu den EU-Partnern geht. Und an den Börsen rumpelt es wieder. Steuern wir auf eine neue Finanzkrise zu?

Das glaube ich nicht. Deutschland erlebt einen ungewöhnlich langen Aufschwung. Daher würde ich aus den aktuellen Marktkorrekturen keine allzu düsteren Schlussfolgerungen ziehen. Die wirtschaftliche Entwicklung verläuft in Zyklen. Wir beobachten jetzt eine gesamtwirtschaftliche Normalisierung, bei der wir allerdings die Risiken im Blick behalten müssen.

Nobelpreisträger Robert Shiller warnt vor dem großen Crash und vergleicht die Situation mit den späten 1920er-Jahren.

Wenn jede Vorhersage eines Nobelpreisträgers einträte, hätten wir alle zwei Jahre eine Krise. Ich will aber nicht verhehlen, dass gerade die aktuellen Handelskonflikte ein Risiko für die Weltwirtschaft sind. Die Sorge wächst,das spüre auch ich bei meinen Gesprächen auf internationaler Ebene.

Eine der Ursachen der Finanzkrise 2008 war die private und staatliche Überschuldung, ausgelöst wurde die Krise durch undurchsichtige Finanzprodukte. Sehen Sie heute ähnliche Anzeichen?

Die Lage heute ist nicht vergleichbar mit 2008. Wir schauen aber schon sehr genau auf die Indikatoren, die darüber Aufschluss geben. Nicht alle Entwicklungen sind zufriedenstellend.

Welche nicht?

Es gibt Zweifel, ob in den zurückliegenden Jahren überall genügend getan worden ist, um Sicherheitspuffer aufzubauen – sowohl in der Privatwirtschaft als auch bei einigen Staaten. Mit Puffer meine ich: Finanzielle Vorsorge zu treffen, damit die nächste Krise weniger durchschlägt und man in der Lage ist gegenzusteuern. Da sehe ich noch Handlungsbedarf.

Wo sehen Sie konkret Defizite?

Viele europäische Banken müssen noch mehr Risikoabbau betreiben. Die Neuausrichtung von Geschäftsmodellen, die nun stattfindet, ist gut und richtig. Sie hätte früher beginnen können.

Wie steht Deutschland da?

Sehr gut, was den Abbau von leistungsgestörten Krediten aus den Zeiten der Finanzmarktkrise angeht. Hier haben die deutschen Banken das günstige Umfeld der vergangenen Jahre gut genutzt, um Risiken zu verringern.

Da dürften sich aber viele wundern, wenn man die aktuelle Situation von Deutscher Bank und Commerzbank anschaut. Wo hat die deutsche Finanzbranche denn nicht so gut gearbeitet?

Zu einzelnen Instituten äußere ich mich nicht. Grundsätzlich herrscht nach meiner Wahrnehmung in der deutschen Finanzindustrie, und da beziehe ich die Versicherer mit, die Einsicht vor, dass die Digitalisierung ein entscheidender Geschäftsfaktor ist, in den man schon vor fünf Jahren hätte mehr investieren müssen.

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