• „Geht um die Rettung Europas“: Mehrheit der EU-Staaten will Corona-Bonds, Deutschland will anders helfen

„Geht um die Rettung Europas“ : Mehrheit der EU-Staaten will Corona-Bonds, Deutschland will anders helfen

Sollen die EU-Staaten in der Krise gemeinsam Schulden aufnehmen? Die Frage entfacht einen alten Grundsatzstreit. Deutschland bleibt hart.

Italiens Premier Giuseppe Conte bei einer Videokonferenz.
Italiens Premier Giuseppe Conte bei einer Videokonferenz.Foto: Palazzo Chigi press office / AFP

Deutschland stemmt sich gegen den wachsenden Druck zur gemeinsamen Schuldenaufnahme in Europa. Corona-Bonds seien der falsche Weg, erklärten Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und CSU-Chef Markus Söder am Dienstag gemeinsam in München.

Norbert Walter-Borjans sagte am Mittwochmorgen im "Deutschlandfunk" dagegen: "Ich bin sehr für Corona-Bonds. Das gebietet nicht nur die europäische Solidarität, sondern um den Eigennutz. Wenn die einzelnen Staaten nicht auf die Beine kommen, kommt Europa auch nicht auf die Beine. Es geht also um die Rettung Europas."

Weiter schloss sich Borjans den Äußerungen von Scholz vom Vortag teilweise an. Scholz und Söder hatten gesagt, dass Hilfen an die in der Krise besonders betroffenen Länder richtig seien, aber aus dem Eurorettungsschirm ESM oder über die Europäische Investitionsbank EIB kommen sollten. Borjans sagte, das sei der schnellste Weg für Hilfen und deshalb der richtige. Der Weg für Corona-Bonds solle aber offen bleiben.

Europa streitet in der Corona-Krise, mal wieder

Der Streit über Corona-Bonds - also gemeinsame europäische Anleihen - entzweit derzeit die EU-Staaten. Italien, Spanien, Frankreich und andere fordern sie vehement, unter anderem Deutschland, die Niederlande und Finnland sind dagegen.

Der italienische Ministerpräsident, Giuseppe Conte, warb für die Anleihen, um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie finanziell abzufedern. Davon könnten alle Mitgliedsstaaten profitieren. Da sich die Staats- und Regierungschefs vorige Woche nicht einigen konnten, soll nun die Eurogruppe neue Vorschläge erarbeiten. Der Vorsitzende Mario Centeno hat dies für den 7. April angekündigt.

Italiens Ministerpräsident Conte sagte in einem ARD-Interview: „Dieser Mechanismus bedeutet nicht, dass die Deutschen beim Wiederaufbau, vor dem Italien steht, auch nur einen Euro für die italienischen Schulden bezahlen müssen“. Es bedeute lediglich „die Schaffung einer gemeinsamen Reaktion, so dass vorteilhaftere Marktbedingungen geschaffen werden können“.

Ab Minute 14:40 sehen Sie hier das Interview mit Conte:

In einem Brief an die EU-Finanzminister erwähnte Centeno die Corona-Bonds zwar nicht direkt, ließ aber seine Haltung durchblicken: Die EU-Staaten sollten vorhandene Instrumente prüfen, aber auch offen für neue sein, heißt es in dem Schreiben. Verschiedene Vorschläge sollten in Kombination betrachtet werden

Dagegen wollen sich Scholz und Söder auf die vorhandenen Instrumente ESM und EIB beschränken. Auch der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ralph Brinkhaus, sagte Focus-Online: „Wir haben ein Instrument für solche Notlagen, und das ist der Rettungsschirm ESM.“

500 Milliarden Euro zur Kreditvergabe

Der ESM (European Stability Mechanism) war 2012 auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise etabliert worden, um taumelnden Euro-Staaten wie Griechenland mit günstigen Krediten zu helfen. Das Kapital des ESM wurde anteilig von den einzelnen Euromitgliedern bereitgestellt, sie haften nur für ihren Kapitalbeitrag.

Eine gemeinsame Schuldenaufnahme von EU-Mitgliedern gibt es bislang nicht. Sie könnte auch auf hohe rechtliche Hürden stoßen, zumal die Finanzierung einzelner EU-Mitglieder durch andere nach den EU-Verträgen nicht gestattet ist.

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Scholz und Söder bekannten sich zu europäischer Solidarität, um die hohen Kosten für die Gesundheitsversorgung und zur Stabilisierung der Wirtschaft in der Pandemie zu tragen. Corona-Bonds seien aber der falsche Weg. Scholz verwies auf das Volumen des ESM von insgesamt 500 Milliarden Euro zur Kreditvergabe - davon sind nach Angaben des ESM derzeit 410 Milliarden verfügbar.

Scholz sagte, in den Rettungsfonds sei sehr viel Eigenkapital eingezahlt worden, insgesamt 80 Milliarden Euro. Damit könne sehr stabil und auch mit einem erstklassigen Rating geholfen werden.

EU-Wirtschaftskommissar sieht Kompromisschancen

Mit Hilfe der Investitionsbank EIB könnten zudem auf europäischer Ebene die gleichen Investitionsmechanismen greifen wie in Deutschland. „Meine Zielsetzung ist, dass wir dort ein Programm möglich machen, das bis zu 50 Milliarden Euro Kreditvolumen umfasst“, sagte Scholz.

Söder pflichtete bei: „Also Bonds nein, ESM ja, und Investitionsbank. Ich glaube, das ist der faire Weg, Europa zu helfen und gleichzeitig auch die Stabilität des Euro auf Dauer zu halten.“

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Trotz der teils sehr aufgeheizten Stimmung zwischen beiden Lagern sieht EU-Wirtschaftskommissar Polo Gentiloni Kompromisschancen in der Eurogruppe kommende Woche. „Auf dem Tisch liegt nicht nur die Möglichkeit, den ESM zu nutzen oder die Möglichkeit, Bonds herauszugeben“, sagte Gentiloni dem Sender Euronews.

„Es gibt auch noch den EU-Haushalt, es gibt die Möglichkeit, die Europäische Investitionsbank zu stärken. Ich glaube, die Finanzminister werden einen Werkzeugkasten auf dem Tisch haben, um einen Konsens für die Maßnahmen zu finden, die sofort nötig sind.“

Anzeige in der "FAZ" wirbt für Corona-Bonds

In einer ganzseitigen Zeitungsanzeige in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ wandten sich italienische Politiker direkt an die Deutschen und warben um Zustimmung für Corona-Bonds. Es gehe nicht um die Vergemeinschaftung der öffentlichen Altschulden, sondern um ausreichende Mittel für einen großen europäischen Rettungsplan, schrieben sie.

Die italienischen Abgeordneten und Bürgermeister aus verschiedenen Parteien erinnerten an das Londoner Schuldenabkommen von 1953, als 21 Länder Deutschlands Schulden halbiert und den Rest gestundet hätten. Italien sei noch heute überzeugt von der Richtigkeit dieser Entscheidung. Deutschland habe damals die Staatspleite vermeiden können und Solidarität erfahren. (mit dpa)

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