Michael Müller und Cedrik Neike im Interview : "Berlin steht für Erfindergeist"

Der Regierende Bürgermeister und der verantwortliche Siemens-Vorstand über die 600-Millionen-Euro-Investition, die Vorzüge Berlins und verheilte Wunden.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (l.) und Siemens-Vorstand Cedrik Neike
Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (l.) und Siemens-Vorstand Cedrik NeikeFoto: TSP/Mike Wolff

Berlin freut sich über die Ankündigung des Siemens-Konzerns, einen Zukunftscampus für 600 Millionen Euro in Siemensstadt aufbauen zu wollen. Im Doppelinterview mit dem Tagesspiegel berichten der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Cedrik Neike, seit 2017 im Siemens-Vorstand, wie es zu der Vereinbarung kam - und warum das Projekt für die beiden gebürtigen Berliner eine Herzensangelegenheit ist.

Herr Müller, Herr Neike, was bedeutet Ihnen die 600-Millionen-Euro-Investition von Siemens in Berlin persönlich?

Müller: Für die Stadt ist das großartig, weil es in den kommenden zehn, 15 Jahren einen riesigen Investitionsschub bringen wird. Es ist aber nicht nur die spektakuläre Summe – die größte Einzelinvestition in Berlin seit Jahrzehnten –, sondern auch der Anspruch, den wir gemeinsam damit verbinden. Wir werden in Berlin neue Antworten in vielen Feldern geben: Gesundheit, Energie, Mobilität, Produktion. Natürlich freue ich mich auch persönlich. Die Berliner Politik hat bei der Stärkung des Standorts eine gute, aktive Rolle gespielt.

Neike: Für mich persönlich ist es eine Herzensangelegenheit. Bei meinem ersten Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister über unsere Pläne habe ich ihm gesagt: In meinem Herzen bin ich Berliner, in meinem Kopf bin ich Siemens-Vorstand und natürlich der Firma, allen Mitarbeitern und unseren Eigentümern verpflichtet – ich möchte beides zusammenbringen.

Was kann Berlin besser als Singapur oder das Silicon Valley? Auch dort hätten Sie ja das Projekt realisieren können.

Neike: Es gab viele Wettbewerber und wir haben uns verschiedene Städte angeschaut. Vier Gründe waren ausschlaggebend. Erstens: Berlin ist dynamisch, Berlin steht für Erfindergeist. Jedes dritte Start-up in Deutschland hat seinen Sitz in der Stadt. Wir wollen diese Innovationskraft stärken. Ein weiterer Grund, hier zu investieren, sind die Universitäten und Forschungseinrichtungen. Drittens: Die schnelle Politik. Der Senat, Herr Müller, Wirtschaftssenatorin Pop und Kultursenator Lederer, haben uns davon überzeugt, dass sie das Projekt wirklich wollen. Viele Themen, die wir für kompliziert gehalten haben – Denkmalschutz, Baurecht und anderes – sind mit starkem Willen und in hohem Tempo angegangen worden. Und schließlich: Wir haben eine tolerante und offene Stadt gesucht, weil wir einen offenen Campus schaffen wollen.

Dennoch werden Asien oder das Silicon Valley immer noch als die internationalen Hotspots der Digitalisierung gesehen.

Die vierte industrielle Revolution, Industrie 4.0 oder auch die Energiewende werden und sollten in Europa stattfinden. Das hat uns nach Berlin gebracht. Wir wollen Forschung und Produktion an einem Standort kombinieren. In Berlin haben wir sechs Werke und damit große Produktionsflächen zur Verfügung. Dort werden Forschungsergebnisse unmittelbar zur Anwendung kommen können.

Was Sie vorhaben, erinnert an die berühmte „Berliner Mischung“ von Wohnen, Arbeiten, Forschen. Kehren Sie zurück zu diesen Wurzeln?

Müller: Sie reden mit zwei Berlinern, deshalb kommen Sie nicht ganz zufällig darauf. Auch wir hatten diese Mischung im Kopf, weil sie immer noch ein gutes Modell für das Zusammenleben in einer Metropole ist. Das Arbeiten und Wohnen, die Mobilität und das Freizeitverhalten haben sich zwar verändert. Aber die Zusammenführung an einem Standort, ist immer noch hochmodern. In Siemensstadt können wir es durchspielen.

Neike: Wir können fast von einer Renaissance sprechen. Mit dieser Idee wurde Siemensstadt vor mehr als 100 Jahren auf den Nonnenwiesen gegründet. Die Berliner Mischung passt hervorragend in die neue Welt.

Cedrik Neike: "In gewisser Weise wollen wir Siemens neu erfinden."
Cedrik Neike: "In gewisser Weise wollen wir Siemens neu erfinden."Foto: Mike Wolff

Unweit von Siemensstadt, auf dem Noch- Flughafen Tegel, soll die „Urban Tech Republic“ entstehen. Die Konzepte sehen sich ähnlich, konkurrieren sie miteinander?

Müller: Da entsteht keine Konkurrenz, es kann vielmehr eine sehr gute Ergänzung sein. Auch in Tegel werden eine Hochschule, Start-ups und Produktion angesiedelt. Die beiden Standorte bereichern sich gegenseitig.

Neike: Wir wollen ein offenes und integratives Ökosystem schaffen und es ist jeder willkommen, der mit uns Zukunft und Innovation gestalten will. Im Übrigen kooperieren wir in der dualen Ausbildung schon heute mit der Beuth-Hochschule.

Wird der BER jetzt schneller fertig, weil Siemens die Infrastruktur braucht?

Müller: Ich glaube nicht, dass der Flugbetrieb in Schönefeld schneller startet. Das Projekt BER steht für sich und muss fertig werden. Die Siemens-Investition wird an der Stelle nicht für mehr Schub sorgen.

Siemens versteht die Investition in Berlin auch als Signal für den Standort Deutschland. Was versprechen Sie sich davon?

Neike: Wir wollen den Standort Deutschland stärken, an dem mehr als jeder dritte unserer weltweit mehr als 370000 Mitarbeiter beschäftigt ist. Am Beispiel des Gasturbinengeschäfts haben wir erlebt, was passieren kann, wenn man sich nicht schnell genug bewegen kann. Das wollen wir ändern. In gewisser Weise wollen wir Siemens neu erfinden. Dabei sollen drei von sechs Geschäftsbereichen, die für die Transformation von Siemens stehen, in Berlin vertreten sein: Gas and Power, Smart Infrastructure und Mobilitätslösungen. Wir planen zum Beispiel, Teile der Bereiche Elektromobilität und dezentrale Energiesysteme in Berlin anzusiedeln. Deutschland und Berlin waren schon immer Standorte für Innovation – das gilt heute und in Zukunft, aber nur in offenen Ökosystemen und dafür braucht es Flächen, wo wir das Konzept für die Zukunft der Arbeit erproben und umsetzen können.

Eine Wiederbelebung von „Made in Germany“ oder „Made in Berlin“?

Neike: Unsere deutschen Wurzeln sind international wichtig. Wenn ich in Asien unterwegs bin, ist der Bezug zu „Made in Germany“ sehr stark zu spüren. Wenn ich in China mit Kunden spreche, werde ich gefragt: Was hat Deutschland gemacht? Das wollen wir erhalten, stärken und auf einer neuen Plattform weiterentwickeln.

Wie nehmen Sie den Stadtbewohnern die Sorge, dass nun ein weiteres, unbezahlbares Stadtviertel entstehen soll?

Neike: Dieser Aspekt ist für uns zentral. Häufig führt der Aufbau eines Campus dazu, dass die Mieten ringsum steigen und Anwohner vertrieben werden. Das wollen wir umgehen. Auf unserem Campus werden nicht nur Ingenieure arbeiten, sondern auch Facharbeiter, Auszubildende oder Studenten. Denen müssen wir ein Umfeld bieten. Siemensstadt soll ein Campus für alle werden, darum planen wir 200000 Quadratmeter Wohnfläche und 60000 Quadratmeter sozialen und bezahlbaren Wohnungsbau.

Vetragsunterschreibung für den neuen Siemenscampus in Berlin-Siemensstadt. Regierender Bürgermeister Michael Müller und Siemens Vorstand Cedrik Neike in Beisein von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop und Siemens CEO Joe Kaeser. Danach Doppelinterview für den Tagesspiegel im Büro des Regierenden Bürgermeisters mit Müller und Neike. Foto: Mike Wolff
Vetragsunterschreibung für den neuen Siemenscampus in Berlin-Siemensstadt. Regierender Bürgermeister Michael Müller und Siemens...

Herr Müller, wie lange haben Sie sich die Augen gerieben, als Sie im Sommer von den Siemens-Plänen erstmals erfuhren? Schließlich ging es zuletzt um Stellenabbau. Sie selbst sind dagegen auf die Straße gegangen.

Müller: Ich habe am ersten Sommerurlaubstag davon erfahren und es war anfangs nicht zu erkennen, um welche Größenordnung es gehen würde. Nach ersten Gesprächen mit Herrn Neike wurde deutlich, dass es um ein großes, langfristiges Engagement in Berlin gehen sollte. Von da an war es mir persönlich wichtig, den Kontakt zu halten zu zeigen, dass wir das Projekt nach Berlin holen wollen.

Gab es eine wechselseitige Hol- und Bringschuld nach den Turbulenzen wegen des geplanten Stellenabbaus?

Müller: Wir sind beide professionell mit diesem Thema umgegangen. Der Konzern muss akzeptieren, dass Berliner Siemens-Beschäftigte und die Berliner Politik für Arbeitsplätze kämpfen. Umgekehrt müssen die Politik und die Mitarbeiter verstehen, dass sich Siemens neue Geschäftsfelder erschließen muss und im internationalen Wettbewerb steht.

Ging es Siemens mit der Investition auch um Wiedergutmachung?
Neike: Nein, und wir tun gut daran, die Dinge voneinander zu trennen. In der Energieerzeugung kämpfen wir gegen eine strukturelle Marktveränderung. Das Geschäft kommt in der alten Größe nicht zurück. Daher müssen wir uns als verantwortungsvolles Unternehmen die Frage stellen, wie können wir die Chancen der Digitalisierung noch besser nutzen. Siemens ist heute unangefochtener Weltmarktführer in der industriellen Digitalisierung und wir sind führend beispielsweise beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz im industriellen Bereich, aber wir dürfen uns darauf nicht ausruhen. Uns ging es vor allem darum, in Berlin einen Campus für die Zukunft der Arbeit zu schaffen. Und uns war klar, dass das in Berlin extrem schwierig sein würde, weil in Siemensstadt vieles noch „brown field“ ist, also vorhandene, 100 Jahre alte Infrastruktur, die nicht nach Zukunft der Arbeit aussieht. Dann haben wir mit Berlin diskutiert und vorgeschlagen, das komplett anders zu machen. Das haben wir erreicht. Siemensstadt kann zu einem Vorbild für die Entwicklung ähnlicher Standorte werden.

Die Berliner Verwaltung ist nicht bekannt für schnelles Arbeiten. Das nervt Sie, Herr Müller, oft selbst. Nun hat es funktioniert. Kann Siemens ein Modell für künftige Ansiedlungs- und Gründungsprojekte sein?

Müller (lacht): Wir überraschen Sie immer wieder gerne. Für Siemens waren zwei Dinge zentral: Schnelligkeit und Infrastruktur. Die Berliner Verwaltung hat gezeigt, welche Potenziale sie hat. Das Problem ist ja nicht die einzelne Abteilung oder der einzelne Mitarbeiter, sondern das übergreifende Arbeiten. Im Fall Siemens haben wir an einer zentralen Stelle – in der Senatskanzlei – Kompetenzen gebündelt, klare Ansprechpartner und Verantwortlichkeiten benannt und das Ziel ressortübergreifend verfolgt. Das kann eine Blaupause sein. Wir haben gesehen, was man in kurzer Zeit erreichen kann. Ich glaube, das hat auch den Mitarbeitern Spaß gemacht.

Neike: Geschwindigkeit, Flexibilität und Planungssicherheit waren für uns extrem wichtig. Hier hat Berlin geliefert – vor allem beim Denkmalschutz. Wir reden nun von einer Realisierung in fünf bis zehn Jahren. Wenn es schneller geht, würden wir gerne schneller reagieren. Ich freue mich sehr auf den städtebaulichen Wettbewerb, den wir rasch starten wollen.

Wann?
Neike: Anfang kommenden Jahres.

Hat der vom Senat seinerzeit aus Denkmalschutzgründen gestoppte Ausbau der Siemens-Hauptstadt-Repräsentanz die Verhandlungen belastet?

Neike: Sagen wir mal so: Es hat es den Berlin-Fans in unserem Unternehmen nicht leichter gemacht. Aber jetzt schauen wir nach vorne. Was die Denkmalschutzbehörde und der zuständige Senator Klaus Lederer im Siemensstadt-Projekt geleistet haben, war gut.

Müller: Wir sind mit dem Thema Magnus-Haus sachlich umgegangen. Siemens war nicht glücklich mit der damaligen Entscheidung, aber sie hat das weitaus größere Thema Siemensstadt nicht belastet.

Nicht alles liegt nun in der Hand von Berlin und Siemens. Bei der Infrastruktur brauchen Sie die Telekommunikationsprovider, die Bahn oder den Bund.

Neike: Der Campus braucht die beste Internetanbindung, die es gibt. Wir werden sehen, ob Partner 5G-Mobilfunk und Breitband liefern können. Andernfalls machen wir es selbst. Zweitens brauchen wir eine schnelle Anbindung an den künftigen Flughafen BER, am besten in 40 Minuten. Hier kann Berlin helfen, aber die Verantwortung liegt beim Bund und den Betreibern. Für uns ist beides extrem wichtig. Deutschland liegt beim Breitbandausbau international weit hinten – das soll uns in Siemensstadt nicht passieren.

Mehrere 1000 Unternehmen in Berlin haben dringenden Bedarf an schnellem Internet angemeldet. Bremst Sie bei der Breitbandausstattung die schlechte Infrastruktur?
Müller: Das ist ein zentrales Thema für die Bundesregierung. Sie will den Standort Deutschland für das schnelle Netz im Breitband und Mobilfunk ertüchtigen. Jetzt kommt es darauf an, dem Bund auch zu vermitteln, dass Berlin hier mit höchster Priorität zu behandeln ist. Das habe ich auch beim Bundeswirtschaftsminister angesprochen. Die Botschaft ist angekommen. Es geht um eine Investition in den Standort Deutschland, die in Berlin sichtbar wird. Das sollte auch der Bundesregierung für den internationalen Wettbewerb wichtig sein.
Neike: Und wenn nicht, dann nehmen wir es in die eigene Hand und bauen ein eigenes Mobilfunknetz.
Und wie weit gehen die Zusagen der Deutschen Bahn?
Neike: Wir würden gerne zwei S-Bahn-Stationen reaktivieren und brauchen eine schnelle Schienenverbindung zum Flughafen. Anders geht es bei der erwarteten Zahl von Menschen, die auf dem Campus leben und arbeiten werden, nicht.
Müller: Das ist ja schon länger ein Thema in Berlin. Wenn nun Siemensstadt auch als neues Wohnquartier entstehen soll, brauchen wir neue Anschlüsse. In der Prioritätenliste der nächsten Schienenausbaupläne der Deutschen Bahn sollte Berlin deshalb ganz oben stehen.
Herr Müller, wird der Siemens-Campus Kapazitäten binden, die anderswo fehlen - etwa bei der Start-up-Förderung?
Müller: Nein. Wir wollen beides forcieren und Kapazitäten auf allen wirtschaftlichen Feldern aufbauen. In der Industrie, im Bereich Healthcare oder bei den Start-ups. Die große Chance besteht darin, eine neue Industrie in Berlin anzusiedeln, die wesentlichen Akteure miteinander zu vernetzen und ganz neue Arbeitsplätze zu schaffen. Das Alte kommt nicht wieder.

Und die Berlinerinnen und Berliner dürfen nun einen Namen für den Siemens-Campus vorschlagen?

Müller (schmunzelt): Da ist ganz schön mutig von Siemens. Die Berliner sind kreativ, es kann Erstaunliches dabei herauskommen.

Neike: Im Ernst. Wir sind offen dafür. Wir wollen keinen Kunstnamen, sondern sind für Ideen aufgeschlossen.

Das Gespräch führten Gerd Appenzeller und Henrik Mortsiefer.

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