Smartphone-Sucht : Spielautomaten in der Hosentasche

Selbst im Silicon Valley wachsen die Warnungen vor Smartphones und Social Media. Auch die Technologiekonzerne reagieren.

"Nur Gott weiß, was es dem Gehirn unserer Kinder antut", warnt Ex-Facebook-Manager Sean Parker vor den psychologischen Mechanismen populärer Apps.
"Nur Gott weiß, was es dem Gehirn unserer Kinder antut", warnt Ex-Facebook-Manager Sean Parker vor den psychologischen Mechanismen...Foto: Getty Images/iStockphoto

Tim Cook und Tim Höttges wissen, wie gefährlich ihre Produkte sind. „Ich verbringe mehr Zeit mit dem iPhone, als ich sollte“, räumte Apple-Chef Cook bei CNN ein. Auch Telekom-Chef Höttges sagte im Interview mit der „Berliner Morgenpost“: „Ich gehöre zu den Menschen, die fast süchtig sind und alle paar Minuten auf ihr Handy schauen.“

Damit geht es den Chefs der großen Kommunikationskonzerne wie ihren Kunden. Zwischen 50 und 150 Mal gucken wir laut Studien am Tag auf das Smartphone. Nie war es so einfach, zu kommunizieren und sich zu informieren, wie mit dem Computer in der Hosentasche. Doch was das mit der Konzentration macht, weiß jeder, bei dem das Handy auch die klassische Uhr ersetzt: Man guckt auf das Display nach der Zeit und fragt sich einige Minuten danach, wie spät es denn nun eigentlich war – denn wieder einmal haben Whatsapp, ein Instagram-Post oder die Push-Nachricht einer Medienseite die Aufmerksamkeit abgelenkt.

Deutsche wünschen Handyverbot an Schulen

Die Debatte um die negativen Folgen der Smartphone-Nutzung hat in diesem Jahr eine neue Qualität und Lautstärke erreicht. Kritiker warnen gar vor der Gefahr der Handysucht, und Frankreich führte im Sommer ein gesetzliches Verbot von Mobiltelefonen an Schulen für alle unter 16-Jährigen ein. Auch die meisten Deutschen würden das begrüßen: In einer Umfrage wünschten sich 86 Prozent ebenfalls ein Verbot, knapp drei Viertel glauben, dass Smartphones Jugendlichen in ihrer Entwicklung schaden. Mehr noch als die Geräte selbst stehen dabei die populären Anwendungen am Pranger. Einer ihrer größten Kritiker ist der amerikanische Informatiker, Künstler und Autor Jaron Lanier. Er ist einer der Begründer des Begriffs „Virtuelle Realität“ und hat schon in den achtziger Jahren damit experimentiert. Doch vom Technologie-Optimisten hat er sich zum Mahner entwickelt. „Die dunkle Seite der Technologie hat sich durchgesetzt“, sagt Lanier, der mit seinen langen Rastazöpfen und der massigen Gestalt aussieht wie ein Hippie-Prediger. Seine Kritik gilt vor allem sozialen Netzwerken, die er als „Maschinen zur Gedankenkontrolle“ bezeichnet. In seinem aktuellen Buch formuliert Lanier daher auch „zehn Gründe, warum du deine Social-Media-Accounts sofort löschen musst“.

Warnungen von früheren Facebook-Managern

Manchen gilt Lanier als Scharlatan, doch er ist längst nicht der einzige Mahner. Und die Kritik kommt zunehmend auch mitten aus der Branche. Beispielsweise von Sean Parker, der einst Mark Zuckerberg half, Facebook von einer populären Studentenseite zum globalen Netzwerk zu formen. Doch inzwischen sagt Parker über den Dienst, er störe die Produktivität und „nur Gott weiß, was es dem Gehirn unserer Kinder antut“.

Denn Facebook, aber auch andere Dienste nutzen eine Schwachstelle in der menschlichen Psychology aus, erklärt Parker. Um die Aufmerksamkeit zu fesseln, setzen sie auf ein raffiniertes Belohnungssystem. Zentrales Symbol dafür ist der „Gefällt mir“-Knopf, den Facebook einst einführte. Inzwischen haben von Twitter bis Instagram fast alle Anbieter ähnliche Mechanismen integriert.

Justin Rosenstein, der den Like-Knopf einst erfunden hat, vergleicht ihn inzwischen gar mit Heroin. Er selbst hat daher einige Social-Media-Anwendungen auf seinem Smartphone gesperrt.

"Glücksspielautomat für Informationen"

Andere Größen aus dem Silicon Valley warnen auch vor den Gefahren von Internetdiensten. „Das ist einer Sucht sehr ähnlich“, sagte die Chefin des Browserentwicklers Mozilla, Mitchell Baker, auf einer Konferenz. „Es fühlt sich wie das Spielen an einem Spielautomaten an.“ So sieht es auch der frühere Google-Mitarbeiter James Williams. Das bekannte Prinzip bei Smartphone-Apps, einmal den Bildschirminhalt nach unten zu ziehen, um die neuesten Inhalte zu laden, ist seiner Ansicht nach nichts anderes, als den Hebel am einarmigen Banditen zu betätigen. Für das Hirn funktioniere dieser App-Mechanismus wie „ein Glücksspielautomat für Informationen“. Gemeinsam mit dem Ex-Google-Kollegen Tristan Harris hat er die Initiative „Time Well Spent“ gegründet und engagiert sich für einen bewussteren Umgang mit dem Smartphone.

Ein Bedarf dafür scheint da: Digital-Detox-Kurse, Facebook- und Twitter-Auszeiten und Apps, um die Smartphone-Nutzung zu messen und zu kontrollieren, werden immer populärer. Selbst die großen Anbieter haben nun darauf reagiert. Apple und Google führten in diesem Jahr Funktionen in ihre Smartphone-Betriebssysteme ein, mit denen die Nutzer ihre „Bildschirm-Zeit“ nachvollziehen können. Auch Mark Zuckerberg hat inzwischen die Funktion „Deine Zeit auf Facebook“ eingeführt – allerdings ziemlich versteckt in den Einstellungen.

Parallelen zur Tabakindustrie

Vielleicht werden Apple-Chef Tim Cook und andere nun nicht nur deswegen aktiv, weil sie merken, dass ihr eigenes Verhalten kritisch sein könnte, sondern auch, weil es irgendwann zu Klagen kommen könnte. Noch ist unter Forschern umstritten, ob es Handysucht als Krankheit wirklich gibt. Doch Kritiker wie Harris vergleichen die Technologiekonzerne bereits mit der Tabaklobby und der Zeit, bevor der Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs feststand. Und auch zwei Apple-Großaktionäre, die Hedgefonds Jana Partners und der kalifornische Lehrer-Pensionsfonds CalSTRS, haben den iPhone-Hersteller aufgefordert, etwas gegen Handysucht bei Jugendlichen zu tun.

Christian Stöcker, Kognitionspsychologe und Professor für Digitale Kommunikation an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), hat ebenfalls eine – wenn auch außergewöhnliche – Idee: Er fordert zur Zähmung der Ablenkungsmaschinen eine Aufmerksamkeitssteuer.

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