• Ärzte aus Bergamo fordern neue Strategie: „Coronavirus ist das Ebola der Reichen“

Ärzte aus Bergamo fordern neue Strategie : „Coronavirus ist das Ebola der Reichen“

Bergamos Ärzte warnen, die Coronavirus-Katastrophe könne überall passieren. Man müsse von klinikzentrierten Maßnahmen zu einer lokalen Bekämpfung kommen.

"An alle...Danke!" steht auf der Fassade des Papa Giovanni-Krankenhauses in Bergamo.
"An alle...Danke!" steht auf der Fassade des Papa Giovanni-Krankenhauses in Bergamo.Foto: Piero Cruciatti/AFP

Italienische Ärzte des Papa Giovanni XXIII. Krankenhauses in Bergamo, die von der Covid-19-Pandemie am stärksten betroffene Stadt Italiens, appellieren im Fachblatt "NEJM Catalyst" für "mehr gemeindezentrierte Behandlungen" und weniger Fokussierung auf Kliniken - ein Aufruf, den der Virologe Christian Drosten am Sonntag in einem Tweet "allen Entscheidungsträgern" ans Herz legte.

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Mehr als 4000 Covid-19-Fälle habe es in Bergamo bislang gegeben, schreibt das Ärzteteam um Mirco Nacoti, der im Papa Giovanni-Krankenhaus auf der pädiatrischen Intensivstation arbeitet. Dort seien 300 der 900 Betten mit Covid-19-Patienten belegt. Man sei gezwungen "weit unter den üblichen klinischen Standards zu arbeiten."

Die Wartezeiten für Patienten, ein dringend benötigtes Intensivbett zu bekommen, betrügen "Stunden" und ältere Patienten würden nicht mehr wiederbelebt.

In anderen Krankenhäusern sei die Lage "noch schlimmer", die Kliniken seien überfüllt, am "Rande des Kollapses". Arzneimittel, Beatmungsgeräte, Sauerstoff und Schutzkleidung würden ausgehen.

Normale Behandlungen, etwa Geburtshilfe, seien kaum noch zu leisten. In Bergamo sei der Ausbruch "außer Kontrolle" - aber die Welt scheine das nicht realisieren zu wollen.

"Westliche Gesundheitssysteme basieren auf dem Konzept einer patientenzentrierten Behandlung", schreiben die Ärzte, "aber in einer Epidemie braucht es eine Änderung der Perspektive hin zu einem Konzept der gemeindezentrierten Behandlung."

Man brauche Experten für öffentliche Gesundheitsforschung (Public Health) und Epidemiologie, die Entscheidungsträger auf nationaler, regionaler und Krankenhaus-Ebene beraten, welche speziellen Maßnahmen nötig seien, um "epidemiologisch negatives Verhalten" zu reduzieren.

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So seien etwa Kliniken, in denen sich Covid-19-Fälle anhäufen, auch eine Ansteckungsquelle, etwa für nicht-infizierte Patienten. Auch Pfleger und Krankenwagen-Personal würden dazu beitragen, die Viren zu verbreiten. Das könne nur verhindert werden, indem man die ambulante Pflege "massiv" ausbaue. Das beinhalte häusliche Pflege als auch mobile Kliniken, um unnötige Transporte zu verhindern und Druck von den Krankenhäusern zu nehmen.

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So könne etwa die Sauerstofftherapie bei mild Erkrankten auch zuhause erfolgen, wenn es ein funktionierendes Überwachungssystem, etwa mit telemedizinischer Unterstützung, gebe. So würden nur die wirklich schweren Fälle den Kliniken vorbehalten bleiben. "Maßnahmen zum Schutz vor Infektionen müssen überall massiv eingerichtet werden, an allen Orten, inklusive Fahrzeugen." Die Kliniken bräuchten eine klare Trennung von Covid-19- und Covid-19-freien Bereichen.

Dieser Ausbruch sei kein Phänomen der Intensivbetreuung, sondern eine Krise des gesamten Gesundheitssystems. Und eine humanitäre Krise. "Wir brauchen einen Langzeit-Plan für die nächste Pandemie", schreiben die Forscher. "Das Coronavirus ist das Ebolavirus der Reichen und es erfordert eine transnationale Anstrengung." Es sei nicht besonders tödlich, aber sehr ansteckend. "Diese Katastrophe in der wohlhabenden Lombardei kann überall passieren."

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