• Risiken und Nebenwirkungen der Coronakrise: Welche gesundheitlichen Schäden der Lockdown verursacht

Risiken und Nebenwirkungen der Coronakrise : Welche gesundheitlichen Schäden der Lockdown verursacht

Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens sollen die Ausbreitung des Virus verhindern. Was aber sind die Folgen? Ein Faktencheck.

Berlin im Lockdown-Modus. Was sind die Folgen?
Berlin im Lockdown-Modus. Was sind die Folgen?Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Je länger die einschneidenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens andauern, desto lauter werden die Forderungen nach einer weiteren Lockerung der staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie.

Die Befürworter einer schnelleren Normalisierung und einer Rückkehr in den Alltag vor dem Ausbruch des Virus argumentieren dabei häufig damit, dass der Lockdown ebenfalls erhebliche physische und psychische Schäden in der Bevölkerung verursacht. Ein Faktencheck.

Welche indirekten Gesundheitsfolgen kann die Covid-19-Pandemie haben?

Schon jetzt fällt Ärzten auf, dass Praxisbesuche zurückgehen. Auch Krankenhäuser sind weniger ausgelastet als normalerweise. Das ist teilweise so gewollt, weil so mögliche infektiöse Kontakte minimiert werden. Mediziner und Psychologen gehen aber davon aus, dass Patienten auch Beschwerden, die möglicherweise auf eine ernsthafte Erkrankung hinweisen, häufiger ignorieren – aus Angst, sich beim Arztbesuch mit Corona anzustecken.

In Kliniken ist beispielsweise die Rate der diagnostizierten Herzinfarkte derzeit messbar niedriger als im langjährigen Mittel. Das berichten im Grunde alle kardiologischen Gesellschaften, sagt Karl Stangl, Leiter der Kardiologie und Angiologie an der Charité: „Die Patienten gehen aus Angst nicht in die Klinik oder aus Verkennen der Situation, indem sie Husten, Brustschmerz oder Luftnot nicht auch als Zeichen eines Infarktes erwägen.“

Leer. Schon jetzt fällt Ärzten auf, dass Praxisbesuche zurückgehen.
Leer. Schon jetzt fällt Ärzten auf, dass Praxisbesuche zurückgehen.Foto: dpa/Daniel Karmann

Es sei davon auszugehen, dass die in der Statistik jetzt „fehlenden“ leichten Infarkte aber trotzdem stattfinden. Das bedeutet, dass Betroffene völlig ohne Therapie bleiben, ihr Herzmuskel also meist stärker geschädigt wird, als wenn der Infarkt rechtzeitig entdeckt worden wäre. Diese Personen erleiden gesundheitliche Folgen, etwa durch ein geschwächtes Herz. „Wir befürchten, dass wenn die Patienten dann wieder kommen, dass die Infarkte dann schwerer sind, weil sich der Schaden größer ausgebildet hat, als wir das in Zeiten vor Corona hatten.“

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Zudem gibt es das bekannte Phänomen der so genannten „transiente ischämische Attacken“. Das sind Beschwerden, die spürbar sind, aber oft keine massiven Schmerzen verursachen und wieder vergehen – und derzeit möglicherweise Betroffene seltener als normalerweise einen Arzt aufsuchen lassen. Sie sind häufig Vorboten eines echten, massiven Infarkts, wenn nicht umgehend eine Therapie eingeleitet wird. Ähnlich könnte es bei milderen Schlaganfällen sein, die ebenfalls einem schweren vorausgehen können.

Offizielle Zahlen oder gar Prognosen, ob und wenn ja wie viele Menschen womöglich im Verlauf der Coronakrise zusätzlich an Herzinfarkten sterben werden oder später wegen versäumter Behandlungen, gibt es allerdings noch nicht.

Gilt das auch für Krebserkrankungen?

Krebspatienten stehen vor dem Dilemma, dass mit der Behandlung ihrer Erkrankungen oft auch eine Beeinträchtigung des Immunssystems einhergeht, und so mit einem erhöhten Sterberisiko bei einer Sars-CoV-2-Infektion zu rechnen ist, schreiben Deborah Schrag vom Dana Farber Cancer Institute der Harvard Universität in Boston und Kollegen in der Fachzeitschrift „Jama“. „Das Ausmaß des Risikos ist nicht bekannt, aber erste Berichte legen nahe, dass das Sterberisiko substantiell erhöht ist bei Patienten mit Krebs, vermutlich am höchsten unter den Über-60-Jährigen und jenen mit Vorerkrankungen der Lunge.“

Kliniken und Praxen zu meiden ist also nicht falsch, andererseits müssen Krebspatienten ihre Therapiepläne einhalten und Verzögerungen könnten zum Verlust von Lebenszeit führen. Bezüglich der Verschiebung von Eingriffen oder Therapiemaßnahmen gilt generell: Je länger etwa mit einer Tumoroperation gewartet wird, desto schlechter ist oft auch die Prognose für die Patienten. Ob Behandlungen im Einzelfall ohne erhöhtes Risiko verschoben werden, hängt aber auch von der Art des Tumors ab. So sei das Verschieben des Beginns oder eine Verkürzung der Zyklen einer Chemotherapie bei behandelbaren Krebstypen „angemessen“, schreibt Schrag, etwa bei bestimmten Brustkrebs-Typen um acht Wochen oder eine Reduzierung von 12 auf 6 Zyklen.

Ein an Leukämie erkrankter Junge bekommt in einer Münchener Klinik eine Infusion. (Symbolbild)
Ein an Leukämie erkrankter Junge bekommt in einer Münchener Klinik eine Infusion. (Symbolbild)Foto: Matthias Balk/dpa

Allerdings gebe es eben auch Fälle, in denen schon eine kurze Therapiepause Folgen hat. So soll drei Jahre nach einer Behandlung von Lymphdrüsenkrebs das Arzneimittel Rituximab gegeben werden, um Rückfälle zu verhindern.

Entscheidend für alle Therapieempfehlungen sei aber die zum gegebenen Zeitpunkt vorhandene Kapazität des Gesundheitssystems, die dann bestimmte Behandlungen möglich oder unmöglich mache. „Den Wert von Krebsbehandlungen mit konkurrierenden Risiken auszubalancieren in einer Zeit schwindender Ressourcen wird eine zunehmende ethische und logistische Herausforderung an klinische Standards und die Humanität“, so Schrag und Kollegen.

Ist die Gesundheit von Kindern durch die Schutzmaßnahmen gefährdet?

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) warnt Eltern davor, wegen der Corona-Pandemie notwendige Vorsorgetermine und Impfungen bei Kindern und Jugendlichen zu vernachlässigen. „Verschleppte Behandlungen und fehlende Impfungen können lebensgefährlich werden“, hieß es am Montag in einer Stellungnahme des Verbandes. Auch Berichte von Ärzten über Kinder, die trotz sichtbarer Krankheitszeichen deutlich zu spät zum Arzt gebracht würden, häuften sich derzeit.

Für ärmere Länder mit weniger gut entwickeltem Gesundheitssystem geht die Weltgesundheitsorganisation davon aus, dass – teilweise aus Angst vor Corona, vor allem aber aufgrund der nun noch knapper werdenden Ressourcen – massive Folgen für die öffentliche Gesundheit drohen. Sowohl Vorsorgeuntersuchungen für Kinder, vor allem aber auch Schutzimpfungen und die regulären Behandlungen anderer Erkrankungen seien unter Distanzierungsgebot nun noch schwieriger zu garantieren als ohnehin schon.

Wie wirkt sich der Lockdown auf die Psyche aus?

Die Menschen müssen derzeit mit etlichen Ängsten und Unsicherheiten zurecht kommen. In Deutschland untersucht das Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz die psychologischen Folgen der Pandemie. Das Meinungsforschungsinstitut Ifop befragt dazu im Abstand von mehreren Wochen eine Gruppe von tausend Menschen. „37 Prozent der Befragten zeigten Anzeichen psychischer Nöte“, sagte das Forscherteam schon Anfang April. Der Vergleich mit früheren Zeiten lasse „auf eine Verschlechterung der mentalen Gesundheit während der Ausgangsbeschränkungen schließen“, heißt es. Sollte der Lockdown noch mehrere Wochen anhalten, sei mit schweren psychischen Erkrankungen zu rechnen.

Studien im Ausland kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Britische Psychiater veröffentlichten kürzlich den Appell, sich stärker um die mentalen Folgen der Krise zu kümmern. „Zunehmende soziale Isolation, Einsamkeit, gesundheitliche Sorgen, Stress und wirtschaftliche Probleme – das sind die Bedingungen, die die psychische Gesundheit beeinträchtigen“, heißt es. Linda Bauld, Professorin für Öffentliches Gesundheitswesen an der Universität Edinburgh, warnt: „Jüngste Studien zeigen eine Besorgnis erregende Zunahme von Angstzuständen und Depressionen in der Bevölkerung.“

Chinesische Forscher haben die psychischen Folgen der kompletten Abschottung der Millionenstadt Wuhan genauer analysieren können, nachdem sich dort das neuartige Coronavirus im Januar dramatisch ausgebreitet hatte. Eine Umfrage unter 5000 Bewohnern ergab: Fast neun von zehn Befragten machten sich Sorgen, dass sich ein Familienmitglied mit dem Virus infiziert hat. 28 Prozent brauchten mindestens zwei Stunden länger, um einzuschlafen. Ein Zehntel hatte Albträume, ebenso viele litten unter Panikattacken.


Eine Metastudie des Fachmagazins „Lancet“ fasst die Folgen von Quarantänemaßnahmen aus etlichen Studien zusammen, die im Kontext von Sars, Ebola und Schweinegrippe durchgeführt wurden. Währenddessen nahmen Wut und Stresssymptome deutlich zu. Außerdem belasteten Langeweile, Frustration und ein Gefühl von Isolation die Menschen. Unmittelbar nach der Quarantäne überwogen finanzielle Sorgen und Stigmatisierung.

Führen Rezession und Existenzängste zu schweren Erkrankungen?

Die Angst, den Job zu verlieren und zu wenig Geld zum leben zu haben, stresst Menschen enorm. Stehen sie tatsächlich ohne Arbeit und Gehalt da, hat das laut der Forschungsliteratur weitreichende Folgen: Betroffene sprechen von Niedergeschlagenheit und psychosomatischen Beschwerden in Form von Kopf- oder Rückenschmerzen. Weil zu viele Stresshormone das Immunsystem schwächen, sind sie anfälliger für Infektionen. Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rauchen 66 Prozent der arbeitslosen Männer, aber nur 32 Prozent der erwerbstätigen. Zugleich sind sie öfter übergewichtig und gehen häufiger zum Arzt.

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Wer eine schlecht bezahlte oder gar keine Arbeitsstelle hat, hat eine kürzere Lebenserwartung. Forscher des Max- Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) haben im vergangenen Jahr die Rentenversicherungsdaten von 27 Millionen deutschen Arbeitnehmern ausgewertet. Für Männer zwischen 30 und 59 Jahren stellten sie fest: Die Sterblichkeit des am schlechtesten verdienenden Fünftel lag um 150 Prozent über der des am besten verdienenden Fünftels. Arbeitslosigkeit verdopple in dieser Altersgruppe das Sterberisiko, schrieben die Wissenschaftler. Bei Frauen seien die Unterschiede nicht ganz so stark ausgeprägt.

Dass eine Wirtschaftskrise zu einer höheren Zahle von Depressionen führt, weiß man aus der Vergangenheit: So ist die Zahl der Suizide nach der Finanzkrise 2008 in 54 Ländern der Welt um 3,3 Prozent gestiegen. Das errechneten Wissenschaftler aus Hongkong und England. Auf jeden Selbstmord kämen zudem 30 bis 40 Suizidversuche, ergänzten sie.


Gibt es auch positive Nebenwirkungen der Corona-Schutzmaßnahmen?

Mit der sozialen Distanzierung, die das Übertragen von Sars-CoV-2 verhindern soll, werden logischerweise auch andere über Husten oder Atemluft übertragene Infektionskrankheiten verhindert. So ist bereits jetzt ein Rückgang der Influenza-Fälle festzustellen. In Japan, so zeigt eine Studie, seien die Zahlen in der Saison 2019/2020 „signifikant“ zurückgegangen im Vergleich zu den Influenza-Saisons 2014-2019.

Angesichts geschlossener Bordelle und weitgehender Kontaktbeschränkungen wird auch mit einem Rückgang von sexuell übertragbaren Erkrankungen – von HIV bis Syphilis – gerechnet. Aber anders als im Fall der Influenza ist hier die Frage, ob sich die Maßnahmen im Jahresmittel erkennbar auswirken werden - oder ein gewisser „Nachholbedarf“ sich womöglich sogar negativ auswirken könnte.

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