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Tief „Elli“ im Anmarsch: Deutschland droht heftiger Schneesturm – und der Januar könnte noch überraschen
Seit 2010 gab es keinen Wintersturm mit dieser Kraft. Sturmtief Elli könnte im Nordosten massives Schneechaos bringen – mit starkem Schneefall, Sturm und strengem Frost. Eigentlich begünstigt der Klimawandel in Deutschland eher mildere Winter, doch Experten betonen, dass extreme Einzelereignisse wie dieses weiterhin möglich sind.
Stand:
Deutschland steht vor einer außergewöhnlichen Winterwetterlage: Ein Sturmtief mit kräftigen Schneefällen könnte in einigen Regionen Bedingungen bringen, wie man sie hierzulande seit Jahren kaum erlebt hat: Am Freitag zieht Sturmtief Elli über Deutschland hinweg.
An der Ostflanke kann sich ein breiter Schneestreifen ausbilden – von Dresden über Berlin und Hamburg bis in den äußersten Nordwesten Deutschlands sind örtlich 10 bis 40 Zentimeter Neuschnee möglich, wobei vor allem südwestlich dieser Linie mit den stärksten Schneefällen zu rechnen ist.
10 bis 20 Zentimeter Schnee in Berlin
In Berlin sind je nach Zugbahn des Tiefs 10 bis 20 Zentimeter Schnee möglich. Nach aktuellem Stand dürfte der Schneefall dort am Freitag erst ab etwa neun Uhr einsetzen – also erst gegen Ende des Berufsverkehrs.
Besonders im Nordosten des Landes dürfte der Schnee aufgrund anhaltenden Frosts bis mindestens Mitte der folgenden Woche liegen bleiben. Dort sind in diesem Zeitraum sehr kalte Tage zu erwarten. Nachts könnten die Temperaturen auf bis zu minus 15 Grad sinken.
Der Januar 2026 startet damit nicht nur winterlich; vor allem im Nordosten könnte sich die winterliche Witterung länger halten. Modelle des europäischen Wetterdienstes ECMWF simulieren wiederholt eine geschlossene Schneedecke von Osteuropa bis nach Frankreich – und das teils deutlich über die Monatsmitte hinaus.

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Ein Wintersturm wie Elli ist in Deutschland angesichts des Klimawandels selten geworden, doch bereits der vergangene November überraschte Meteorologen. Einen vergleichbaren Schneesturm wie den nun prognostizierten gab es zuletzt 2010.
Die Zahl der Tage mit Schneedecke hat bundesweit ohnehin deutlich abgenommen, wie Klimatologe Andreas Walter vom Deutschen Wetterdienst (DWD) berichtet – im Vergleich zur Referenzperiode 1961–1990 um rund 35 Tage, selbst gegenüber 1991 bis 2020 noch um etwa 19 Tage. Am stärksten fällt der Rückgang in Sachsen-Anhalt (minus 74 Tage), Bayern (minus 73 Tage) und Thüringen (minus 71 Tage) aus.
Spannende Lage ab Donnerstag
„Das sind Karten, wie wir sie seit vielen Jahren nicht gesehen haben“, wiederholt der YouTube-Meteorologe Kai Zorn bereits seit Tagen. Für Meteorolog:innen wird es nun ab Donnerstag spannend. Über dem Atlantik formiert sich das Tief Elli, das rasch ostwärts vorankommt und sich zu einem Sturmtief verstärken dürfte.
Während es am Donnerstagmorgen noch westlich von Irland liegen dürfte, soll es am Freitagfrüh bereits irgendwo zwischen den Niederlanden, dem Ärmelkanal und Südostengland zu finden sein – und im Laufe des Tages weiter in Richtung Deutschland ziehen.

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„Damit verbunden sind zunächst einmal teils kräftige Niederschläge, die im Laufe des Donnerstags auf den Südwesten und Westen übergreifen und zunächst als Schnee fallen“, erklärt Tobias Reinartz, Meteorologe beim DWD.
Im Laufe des Freitags erreichen die Schneefälle den äußersten Osten und Südosten. Reinartz erwartet dort örtlich erst Schnee, dann teils gefrierenden Regen. Eine Ausnahme könnte der Norden bilden, der nach aktuellem Stand nördlich des Tiefkerns und damit auf der kalten Seite sein dürfte. „Dort könnte es zum Teil auch durchweg schneien“, so der Meteorologe.

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Da das Sturmtief zugleich deutlich mildere Atlantikluft aus Südwesten ins Land führt, gehen die Niederschläge vor allem im Westen vielerorts rasch in Regen über. Im Südwesten dürfte der Schnee bei Höchstwerten von bis zu zehn Grad schnell wieder verschwinden, bevor zum Wochenende erneut kältere Luft nachströmt. Im Übergangsbereich beider Luftmassen kann es dabei vorübergehend zu Glatteis kommen.
Wintereinbruch trotz Klimawandel
Trotz des allgemeinen Rückgangs der Schneetage halten Klimatologen den Wintereinbruch jedoch nicht für ungewöhnlich. Auch in Zeiten des Klimawandels fällt der Winter nicht vollständig aus, betont Andreas Walter vom DWD. Die polare Kaltluft, die sich im dunklen Winterhalbjahr über dem Norden ansammelt, kann je nach Wetterlage jederzeit bis nach Mitteleuropa vorstoßen – und dann wird es auch hier eisig.
Zum Januar lasse sich bisher allerdings noch wenig Sicheres sagen. Es sind erst sieben Tage vergangen, und mit allem Vorbehalt liege die Lufttemperatur bislang tatsächlich rund 1,5 Grad unter dem Januarmittel von 1961 bis 1990. „Aber der Monat ist ja noch lange nicht vorbei“, betont Walter.
Dass es ab dem Wochenende wieder verbreitet Dauerfrost in Deutschland geben wird, ist laut Walter im Winter „relativ normal“. Wenn uns das nun ungewöhnlich erscheint, liege das vor allem daran, dass wir in den vergangenen Jahren von sehr milden Wintern verwöhnt wurden.

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Seit dem schneereichen Winter 2010 habe es nichts Vergleichbares mehr gegeben. Und bislang hat nur eine DWD-Station eine Rekordschneehöhe für den 5. Januar gemeldet – nämlich Kleve mit 14 Zentimetern. „Alle anderen Messstellen hatten in früheren Jahren an diesem Datum mehr Schnee als derzeit.“
Den Schneesturm „Elli“ würde Walter nicht – wie manche seiner Kolleg:innen – als „Blizzard-ähnlich“ bezeichnen. Zwar werde es an der Nordflanke zu Schneeverwehungen kommen, doch an der Südseite ströme zuerst deutlich mildere Luft ein, begleitet von orkanartigen Böen. Das Tief sei zudem räumlich relativ begrenzt. Winterstürme habe es immer gegeben, in den vergangenen Jahren nur seltener. „Aber ich würde das Ereignis nicht als besonders ungewöhnlich für die Jahreszeit einordnen.“
Auch in Zeiten des Klimawandels bewegten sich solche Lagen im Bereich der natürlichen Klimavarianz. Die Trends zeigten nicht stetig nach oben, sondern seien von Schwankungen überlagert. Selbst ein relativ kalter Januar stünde nicht im Widerspruch zum Klimawandel. Auch in einer wärmer werdenden Welt könne es weiterhin kalte Phasen geben – „sie werden nur seltener“.
Veränderte Wetterdynamik
Der Klimaforscher Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) sieht das ähnlich. Auch in einem um zwei Grad wärmeren Klima bleiben die Temperaturgegensätze zwischen Polargebieten und Subtropen groß. Normalerweise hält Westwindwetter die Kälte im Norden und die Wärme im Süden. Bei Störungen können sich blockierende Hochs bilden, die einen Kaltluftvorstoß nach Süden auslösen – und sich nur langsam wieder auflösen.
Bei frostigen Temperaturen können sich imposante Wetterlagen entwickeln, bei denen sich Schneemengen eindrucksvoll aufstauen.
„Die Wetterküche über dem Nordatlantik gerät in den letzten Jahrzehnten häufiger durch derartige Phänomene ins Stocken und beschert uns des Öfteren über Tage bis Wochen entweder anhaltend zu milde, zu trockene oder auch mal zu kalte Witterungsbedingungen“, erklärt Hoffmann. „Das sind Phänomene, die auf eine veränderte Wetterdynamik hindeuten.“
Die Rolle des Klimawandels bei der Veränderung solcher Wetterphänomene sei komplex. Durch starke Luftmassenkontraste auf engem Raum könnten Wetterumschwünge mitunter heftiger ausfallen: „Bei frostigen Temperaturen können sich daraus imposante Wetterlagen entwickeln, bei denen sich Schneemengen eindrucksvoll aufstauen.“ Dennoch bleibe die Erwärmung der entscheidende Trend: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass eher milde Phasen die Wintermonate prägen.
Zwei Sturmfelder am Freitag
Der Wintersturm Elli bringt nun am Freitag gleich zwei Sturmfelder mit sich. Eines liegt auf der Südseite des Tiefs und greift bis in den Westen und Südwesten Deutschlands aus. Dort kann es selbst in tieferen Lagen zu stürmischen Böen kommen, auf den Bergen droht schwerer Sturm.

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Das zweite Sturmfeld liegt an der Nordflanke, wo von der Ostsee bis zur Nordsee teils kräftige Ostböen auftreten. Dazwischen bleibt nur ein schmaler Streifen mit vergleichsweise schwachem Wind.
Wie die Lage sich genau entwickelt, ist noch unsicher. Viel hängt von der Intensivierung und der Zugbahn des Tiefs ab – und damit von der Wind- und Niederschlagsverteilung. „Dass da aber etwas im Busch steckt, steht außer Frage“, schreibt DWD-Meteorologe Tobias Reinartz in einer Analyse. Er erwartet eine „brisante Wetterlage“.
Relativ sicher sei, dass es regional zu einer Kombination aus starkem Wind und Schneefall oder einer lockeren Schneedecke komme. Entsprechend sind teils kräftige Schneeverwehungen möglich.
Die weitere Entwicklung bleibt hochgradig unsicher: Die Spanne reicht derzeit von ungewöhnlich kalten Winterwochen, die Deutschland vor erhebliche Herausforderungen stellen könnten, bis hin zu einer raschen Milderung.
DWD-Klimatologe Walter erwartet keinen Ausnahmewinter. Das Langfristmodell des DWD zeigt bis zum 8. Februar keine ausgesprochen kalten Winterwochen. „Die Signale sind zwar nicht völlig einheitlich, doch am ehesten deutet vieles auf ein Winterwetter hin, das in etwa dem klimatologischen Mittel von 1991 bis 2020 entspricht.“ Einen deutlich kälteren Januar, so Walter, geben die Modelle derzeit nicht her.
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