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Älterer Mann an einer Corona-Abstrichstelle. Der Anteil der Über-70-Jährigen nimmt zu.
© Marijan Murat/dpa
Update

Inzidenz, Alter, Infektionsorte: Zahl der älteren Neuinfizierten verdoppelt sich – der Corona-Überblick

Fast 15.000 Corona-Neuinfektionen sind neuer Rekord in Deutschland. Da diese vorwiegend im privaten Umfeld auftreten, gibt es Kritik am möglichen Lockdown.

Die Zahl der täglichen Corona-Neuinfektionen in Deutschland hat sich innerhalb einer Woche fast verdoppelt. Das Robert Koch-Institut (RKI) meldete am Mittwoch 14.964 neue Fälle – das ist ein Rekord seit Beginn der Pandemie. Am Mittwoch vor einer Woche hatte die Zahl noch bei 7595 gelegen.

Am Samstag erst war mit 14.714 Neuinfektionen der bisherige Höchstwert seit Beginn der Pandemie in Deutschland verzeichnet worden. Die Werte derzeit sind mit denen aus dem Frühjahr allerdings nur bedingt vergleichbar, da inzwischen deutlich mehr getestet wird und dadurch auch mehr Infektionen entdeckt werden.

Aus Zahlen des RKI vom Dienstag geht hervor, dass der bundesweite Anstieg durch Ausbrüche verursacht werden, die insbesondere im Zusammenhang mit privaten Treffen und Feiern sowie Gruppenveranstaltungen stehen. Auch werden wieder vermehrt Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen gemeldet.

Dagegen nehmen Ausbrüche in Restaurants oder Hotels einen unwesentlichen Teil der Infektionsherde ein. Aus diesem Grunde kritisierte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) die von der Bundesregierung angestrebten Einschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie.

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Man könne Beherbergungsbetriebe nicht schließen, wenn es keine Evidenz gebe, dass dort das Infektionsgeschehen intensiviert werde. Menschen in Restaurants und Hotels, die jetzt mit Hygienekonzepten ihre Existenz gesichert hätten, wieder mit einem „Komplett-Lockdown“ zu belegen, sei unverhältnismäßig und habe sicher auch vor den Gerichten nicht Bestand.

Statt des vom Bund angestrebten „nahezu kompletten Lockdowns“ solle bei Infektionsherden angesetzt werden: Kubicki fragte, warum Mitarbeiter weiter ungetestet in Alten- und Pflegeheime dürften und dort keine FFP2-Masken verteilt würden. Außerdem sollten mehr Schulbusse sowie Busse und Bahnen im ÖPNV eingesetzt werden.

Klar ist: Reiserückkehrer spielen beim Anstieg der Corona-Zahlen keine Rolle: 95 Prozent der Menschen in Deutschland, die sich in der vergangenen Woche mit Corona angesteckt haben, infizierten sich hierzulande.

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Gestiegen ist hingegen der Anteil der älteren Menschen unter den an Covid-19 Erkrankten. Da diese häufiger einen schweren Verlauf durch Covid-19 aufweisen, steigt ebenso die Anzahl an schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen. 

Allerdings liegt der Anteil der Covid-19-Toten unter den gemeldeten Fällen seit Ende Juni kontinuierlich unter einem Prozent. Am Mittwoch kamen 85 Todesfälle hinzu, derzeit sind es somit nun 10.183 seit Beginn der Pandemie im März.

Die Zahl der Neuinfizierten, die älter als 70 Jahre sind, verdoppelte sich in der vergangenen Woche im Vergleich zur Vorwoche. Waren es zwischen dem 12. und 18. Oktober noch 1827 Infizierte über 70 Jahren, verzeichneten die Gesundheitsämter zwischen dem 19. und 25. Oktober 3669 Infizierte.

Der Anteil der Neuinfizierten, die älter als 70 Jahre sind, an der Gesamtzahl stieg auch deshalb erstmals seit Anfang Juni wieder auf rund zehn Prozent. Zwischenzeitlich war dieser Anteil auf unter fünf Prozent gesunken im August, in der Hochphase im April war allerdings jeder dritte Infizierte älter als 70 Jahre.

Der Anteil der Infizierten, die jünger sind als 30 Jahre, nimmt hingegen ab. Während diese Gruppe im August mal die Hälfte der Infizierte darstellte, ist mittlerweile nur noch rund jeder Dritte unter 30 Jahre alt.

Mit der Zunahme von älteren Infizierten ist auch die deutliche Zunahme der intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Fälle zu erklären. Die Zahl hat sich seit dem 18. Oktober bis zum Mittwoch auf rund 1570 Patienten mehr als verdoppelt.

Deshalb warnt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor einer Überforderung des deutschen Gesundheitssystems. „Wenn die Intensivstationen voll sind, dann ist es zu spät“, sagte der CDU-Politiker am Mittwoch dem SWR. Noch stiegen die Zahlen auf einem verkraftbaren Niveau, sagte Spahn. Doch es sei besser, jetzt die Welle zu brechen.

Gleiches fordern auch Virologe Christian Drosten und sechs Forschungsgemeinschaften um die Deutsche Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina.  „Wenn die Belastung zu groß wird, dann muss man 'ne Pause einlegen“, sagte Drosten im „Coronavirus-Update“-Podcast von NDR-Info. 

Inzidenz lag in Deutschland zuletzt bei 93,6

„Dieses Virus erzwingt bei einer bestimmten Fallzahl einfach einen Lockdown“, sagte Drosten. „Wenn wir jetzt einmal auf die Bremse treten würden, dann hätte das einen ganz nachhaltigen Effekt. Das würde uns ganz viel Zeit einspielen.“

Die Leopoldina und fünf andere Forschungsgemeinschaften wurden noch konkreter. Notwendig sei angesichts steigender Infektionszahlen eine Verringerung der Kontakte ohne Vorsichtsmaßnahmen auf ein Viertel, nach bundesweit einheitlichen Regeln. 

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So heißt es in der Erklärung von Leopoldina, Deutscher Forschungsgemeinschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Max-Planck-Gesellschaft. Gemeint sind damit Kontakte, die ohne die aktuell geltenden Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen stattfinden.

Nach drei Wochen einer entsprechenden Senkung der Kontakte sei es entscheidend, die dann erreichte niedrige Fallzahl mit bundeseinheitlichen und konsequent verfolgten Schutzmaßnahmen zu halten. Derzeit sei der Anstieg der Infektionszahlen in vielen Orten Deutschlands nicht mehr kontrollierbar. Die Inzidenz pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen lag zuletzt bei 93,6 – ein Wert, bei der die Pandemie nur noch begrenzt kontrollierbar ist. Die Gesamtzahl der Corona-Fälle in Deutschland lag am Mittwochmorgen bei 464.239. (mit dpa)

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