30 Jahre Mauerfall : Berliner Recyclinghof lagert historische Mauerteile

330 historische Mauerteile stehen auf einem Recyclinghof. Sie dienen als Stützen für den Abfall. Ist das angemessen?

Auf dem Recyclinghof der Firma Alba in Mahlsdorf dienen historische Mauerteile als Trenn- und Stützelemente für den Abfall.
Auf dem Recyclinghof der Firma Alba in Mahlsdorf dienen historische Mauerteile als Trenn- und Stützelemente für den Abfall.Foto: Stefan Jacobs

Archäologen suchen ganz gezielt auf einstigen Müllkippen und Schutthalden nach historisch wertvollen Artefakten. Denn die Erfahrung lehrt, dass viele Dinge, die Menschen einer Epoche als wertlos entsorgen auf spätere Generationen eine besonders große Faszination ausüben. Nun können wir nicht behaupten, dass Tagesspiegel-Reporter Stefan Jacobs dieser Tage mit ähnlich hohen Erwartungen den Wertstoffhof der Recycling-Firma Alba in Mahlsdorf betreten hätte.

Eigentlich kam er vorbei, um Albas neue High-Tech-Sortieranlage für Plastikteilchen zu inspizieren. Er wollte wissen, was genau aus den rund 380 Tonnen Plastikmüll wird, die sich tagtäglich in Berlin aufhäufen. Dabei machte er eine mindestens so interessante Entdeckung: Überall auf dem Gelände stehen Teile der einstigen Berliner Mauer.

Insgesamt lagern auf Albas Grundstück an der Kreuzung der B1 und dem Hultschiner Damm in Richtung Köpenick mehr als 330 Betonsegmente aus der Grenzbefestigungsanlage, die die Bürger der DDR einst vom Betreten West-Berlins abhalten sollte. Jedes Teil ist fast 2,2 Tonnen schwer und 3,60 Meter hoch.

Heute, fast auf den Monat genau 30 Jahre nach der friedlichen Revolution, kann man an nur noch an sehr wenigen Orten die Art und Bauweise großer Teile der insgesamt fast 170 Kilometer langen Mauer studieren, zum Beispiel an der Gedenkstätte in der Bernauer Straße in Mitte oder der East Side Gallery in Friedrichshain. Andere Mauerteile stehen in Museen und Parks von den USA bis nach Südkorea an rund 140 Orten der Welt.

Die Abfallwirtschaftsunion (AWU), eine damalige Tochtergesellschaft der 1968 in West-Berlin gegründeten Alba hatte – genau wie andere Entsorgungsunternehmen – im Jahr 1991 den Auftrag erhalten, Abschnitte der Mauer abzutragen und zu entsorgen. In der Regel wurden die Teile zu Betonmehl verarbeitet oder landeten in gröberen Stücken auf einer Bauschuttdeponie.

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Einzelne Bröckchen werden heute bei Ebay für zehn bis 20 Euro gehandelt. Ein ganzes Segment wird aktuell auch für 6500 angeboten, Lieferung inklusive. Der US-Schauspieler Orlando Bloom („Herr der Ringe“, „Fluch der Karibik“) hatte im Jahre 2010 sogar 10.000 Euro bezahlt – allerdings für ein besonders hübsch bemaltes Teil und im Rahmen einer Auktion auf einer Benefizgala.

Bei Albas AWU entschied man sich seinerzeit, die Stücke zu erhalten und als das zu nutzen, wofür sie einmal konstruiert worden sind: als Mauer – womöglich auch, weil etwa ein Drittel der Segmente offenbar von dem in aller Welt bekannten Abschnitt zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz stammt. In Mahlsdorf dienen sie als Trenn- und Stützelemente für die Zwischenlagerung zuvor getrennter Wertstoffe wie Plastik oder Eisen, wie Henning Krumrey, Sprecher der Alba-Group, am Montag bestätigte

Möglichen Kritikern, die meinen, diese Nutzung historischer Gegenstände sei unwürdig, sagt er: „Die mutige DDR-Opposition hat mit der friedlichen Revolution die deutsche Teilung auf den Müllhaufen der Geschichte befördert. Alba hat diesen Mauerteile erstmals einen positiven, zukunftsgerichteten Nutzen gegeben.“

Die Berliner Mauer recyceln

Sicherlich könne man darüber streiten, ob es seitens der Politik und der öffentlichen Hand klug war, in der Euphorie des Mauerfalls die Teile auch an jenen Stellen zu entfernen, die sich für Mahnmale besonders eignen würden. Andererseits sei die Freude damals so groß gewesen, dass man das trennende Bauwerk möglichst schnell aus dem Blick haben wollte. „Für uns als Recyclingunternehmen war es damals naheliegend, die Mauerteile – die niemand haben wollte – wenigstens einer neuen, nun sinnvollen Nutzung zuzuführen.“

Unterstützung findet Albas Umfunktionierung der Mauerteile unter Historikern. „Die Mauerstücke sind einerseits ein historisches Dokument und als solche eine wertvolle Erinnerung an den menschenverachtenden Charakter des DDR-Regimes“, sagt Gerhard Sälter, der bei der Stiftung Berliner Mauer die Abteilung Forschung und Dokumentation leitet.

Der Historiker warnt gleichzeitig davor, die Betonblöcke historisch zu verklären: „Es stellt sich anderseits die Frage, ob es sinnvoll ist, die Mauerreste derart zu sakralisieren“, sagt Sälter. Letztendlich handele es sich nur um Beton, der, wenn man ihn außerhalb seines historischen Kontextes ausstelle, seine Bedeutung verliere. „So gesehen sind die Mauerstücke auf der Müllkippe genau an dem richtigen Ort gelandet.“

Die DDR-Regierung verkaufte Mauerstücke noch für 2,2 Mio. Mark

Auch am regen Handel, der mittlerweile mit den Betonüberresten der Mauer betrieben wird, stört sich der Historiker nicht. „Es war die DDR-Regierung selbst, die noch in letzter Minute mit dem Ausverkauf begonnen hat: Bei einer Versteigerung im Oktober 1990 wurden bemalte Mauerstücke verkauft und bis Oktober 1990 erlöste sie mit dem Verkauf etwa 2,2 Millionen Mark“, erinnert sich Sälter.

Der Club- und Restaurantbetreiber Sascha Disselkamp kann sich indes eine noch sinnvollere Nutzung vorstellen, als die auf der Müllkippe. „Noch immer kommen die Touristen aus aller Welt, um die Mauer zu sehen. Und sie finden meist nur Reste“. Disselkamp, der unter anderem den Sage-Club in Mitte betreibt, organisierte im Jahr 2013 eine Initiative für die möglichst komplette Erhaltung der East Side Gallery.

Dafür ließ er unter anderem den Schauspieler und Sänger David Hasselhoff einfliegen, damit er mit seinem Hit „Looking for Freedom“ aus dem Wendejahr ’89 die Moral der Aktivisten steigern hilft. Disselkamp und Hasselhoff waren mit der Aktion nur halb erfolgreich: Einzelne Teile der Gallery wurden für Neubauten am Spreeufer herausgebrochen.

Auf Mauerstücken Kunst oder historische Ereignisse präsentieren

Disselkamp könnte sich vorstellen, dass die Segmente neu aufgestellt im Stadtgebiet auch optimale Flächen wären, um darauf Kunst oder historische Ereignisse zu präsentieren. Der Clubbetreiber hielte es für angemessen, dass die Öffentliche Hand Alba Ersatzmauern für ihr Betriebsgelände finanziert. „Ich hielte es aber nicht für redlich, wenn Alba versuchen würde, damit ein großes Geschäft zu machen“.

Schließlich brauche unsere Gesellschaft Objekte wie diese, um Geschichte zu erklären. „Noch heute gibt es Leute, die nicht verstanden haben, was die Mauer mit dieser Stadt und ihren Menschen gemacht hat“. Er kenne Menschen die tatsächlich denken würden, dass die Leute, die versucht hätten, drüberzuklettern selbst Schuld gewesen seien, wenn man auf sie geschossen habe. „Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende“, meint Disselkamp.

Auch in der Lokalpolitik gibt es Stimmen, die dafür plädieren, die Mauerreste von der Alba-Müllkippe wieder als Denkmäler einzusetzen. „Das Land Berlin sollte mit dem Unternehmen darüber sprechen, wie wir diese historischen Elemente der Mauer retten und in der Stadt aufstellen.

Am jetzigen Ort wäre es mehr als schade drum“, sagt Christian Gräff, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU im Berliner Abgeordnetenhaus. „Nach der Wende hat man solche Gegenstände der Zeitgeschichte sicher anders bewertet, als heute, 30 Jahre danach.“

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