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Eis! Übers Wasser laufen können manche Menschen auch bei Plusgraden. Aber nur sehr wenige.

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Gegen die Tristesse: Berlin, dein Winter ist ein Spaß

Zum Mythos der Stadt gehört die Gewissheit, dass die kalte Jahreszeit in Berlin schrecklich ist, trist, grau und öde. Aber stimmt das auch? Hier kommen die Gegenargumente.

Nehmen wir zum Beispiel Freiburg. Wobei, nein, das ist unfair: Berlin mit dieser sattwarmen Super-Sonnen-Metropole im äußersten Südwesten des Landes zu vergleichen, das wäre ja, als würde man Hertha ernsthafte Chancen gegen den FC Bayern ausrechnen und sich hinterher wundern, dass doch wieder alles so ist, wie es immer ist.

Wie wäre es stattdessen mit Köln? Das passt doch viel besser als Vergleich – um erst einmal zu erklären, wie Berlin in den Ruf geraten ist, im Winter ein besonders trostloser Ort zu sein. Schließlich ist Köln auch eine Millionenstadt, eine noch gräulicher verbaute als Berlin zumal, die ebenfalls zur heillosen Selbstüberschätzung neigt. Aber die Stimmung in der dunklen Jahreszeit ist eindeutig besser. Warum?

Kommen Sie mir jetzt nicht mit Karneval! Wir wollen Ursachen finden, keine Symptome. Viel interessanter als die 200 Jahre alte Neigung schnauzbärtiger Männer, drei Monate im Jahr in napoleonisch angehauchten Fantasieuniformen rumzurennen, ist doch die jahrmillionenalte Neigung der Sonne, im Westen später unterzugehen als im Osten.

Sogar Moskau hat länger Sonne als Berlin

Gut, in der Zeit vor einheitlich gültigen Uhrzeiten hat man das nicht so gemerkt, heute aber macht es den Unterschied. Ein Beispiel: Geht die Sonne in Köln am 21. Dezember, dem kürzesten Tag des Jahres, erst um 16.28 Uhr unter, ist sie in Berlin schon seit 15.54 Uhr verschwunden. Damit sind die Verhältnisse hier fast so schlimm wie in Warschau (15.25 Uhr) oder Helsinki (15.13 Uhr) – Moskau ist sogar besser dran (15.58 Uhr), der anderen Zeitzone sei Dank. Dass man dafür in Berlin morgens ab 8.15 Uhr 18 Minuten mehr Sonne hat als die Kölner – wen interessiert’s auf dem Weg ins Büro!

Weihnachtsmärkte! Gebrannte Mandeln, Zuckerstangen, Lebkuchenherzen – wer schreibt eigentlich vor, dass das nur im Winter schmeckt? Keiner. Stimmt aber.
Weihnachtsmärkte! Gebrannte Mandeln, Zuckerstangen, Lebkuchenherzen – wer schreibt eigentlich vor, dass das nur im Winter schmeckt? Keiner. Stimmt aber.

© Getty Images/iStockphoto

Wie daraus ein Mentalitätsunterschied werden kann, illustriert das folgende Beispiel: Während der Kölner Verwaltungsbeamte am Ende eines langen Arbeitstags Punkt 16 Uhr mit einem munteren „Wenn de Sonn schön schingk...“ vor das Bürgeramt tritt, herrscht im Leben des Berliner Kollegen eine Lichtstimmung wie in den entlegeneren Ecken des Berghains. Nur dass es draußen nicht so gemütlich warm ist, sondern immer eher frostig.

Noch einmal der Vergleich: 8,9 Grad Temperaturmittel am Flughafen Köln-Bonn im Dezember 2015 stehen 7,5 Grad in Tegel gegenüber. Beides nicht wirklich kalt, aber entscheidend ist: In Berlin ist es, der kontinentalen Ostlage wegen, immer ein bisschen schlimmer als anderswo in Deutschland.

Das spürt auch unser Verwaltungsmann. Der begegnet am Morgen nach düster-kaltem Feierabend mit akutem Melatoninüberschuss und ergo schlecht gelaunt den Kunden des Bürgeramts. Die gehen entsprechend grantig ihrer Wege und verbreiten ihrerseits miese Stimmung. Ein Teufelskreis? Eher ein Schneeballeffekt!

Die Tristesse wird auch noch herbei gesungen

Die Folge der allgemeinen schlechten Laune ist nicht zuletzt die Verselbständigung der Berliner Wintertristesse als popkultureller Mythos: „Berlin, dein Winter ist kein Spaß“, liedermachte vor Urzeiten das Duo Pannach & Kunert. Ein Zitat: „Ich sitz allein hier und frier. / Von meiner Bude kennt der Wind / die Ritzen in jeder Tür“ – womit eine weitere Ursache für das Empfinden des Berliner Winters als besonders grausam genannt wäre: Großstadtsingledasein in schlechter Bausubstanz. „Im Sommer tust du gut und im Winter tut’s weh“ – dass Seeeds „Dickes B“ seit nunmehr 15 Jahren bei jeder Dorfdisco der deutschen Landjugend eine negative Haltung zum Stadtwinter vermittelt, macht sie gewiss nicht offener für die Reize des Berliner Winters. Der dann, sobald man zum Studieren nach Berlin zieht, prompt benörgelt wird.

Stricken! Funktioniert auch am Strand. Sieht man aber selten. Wird seinen Grund haben.
Stricken! Funktioniert auch am Strand. Sieht man aber selten. Wird seinen Grund haben.

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Zum Pop kommt die Folklore: Als Klaus Wowereit anno 2010 seine über Eisplatten schlingernde Bevölkerung nicht mit einem Sondertopf für Schneefräsen beglückte, sondern mit der Einschätzung, Berlin sei immerhin nicht Haiti, schaffte er ganz nebenbei auch folgendes: Deutschlandweit wusste man nun, dass diese Stadt zu extremeren Formen des Winterchaos neigt – auf der Straße und in den Köpfen ihrer Verantwortungsträger.

Eventuell auch eine Folge davon: Gäste bleiben im Winter fern, zumindest ferner als zu anderen Jahreszeiten. Laut IHK-Tourismusreport kamen im Dezember, Januar und Februar des vergangenen Winters nur jeweils knapp 940.000, 766.000 beziehungsweise 851.000 Besucher in die Stadt. Alle anderen Monate waren zuletzt immer siebenstellig. Gegen den Berliner Winter helfen also weder Silvesterbums am Brandenburger Tor noch Berlinale.

Schmerz lass nach

Hier allerdings zeigt sich schon ein Ansatz, die Dinge ganz anders zu sehen, die Umdeutung zu wagen, die der großartige Berliner Winter so dringend braucht! Denn wie schön ist die Stadt doch, wenn sie – vorübergehend – nur denen gehört, die in ihr leben! Wie schön ist ein Radweg ohne schlingernde Horden auf Mietfahrrädern, wie würdevoll ein Museum ohne rempelnde Bauchbeutelträger, die „heimlich“ Selfies machen!

Das stört Sie alles nicht? Nun, die Menschen sind verschieden. Auf den folgenden Seiten würdigen daher unterschiedlichste Menschen die unterschiedlichsten Reize des Berliner Winters - am Ende gibt es auch noch ein paar hilfreiche Tipps gegen den Winterblues. Und sollte da für Sie trotz allem nichts dabei sein, dann hilft vielleicht dieser Gedanke: Es ist so schön, wenn der Schmerz nachlässt. In circa fünf Monaten ist es wieder soweit.

Endlich ist der Sommer-Stress vorbei

Basteln! Steckmännchen lassen sich theoretisch auch aus Erdbeeren konstruieren. Theoretisch. Seeehr theoretisch.
Basteln! Steckmännchen lassen sich theoretisch auch aus Erdbeeren konstruieren. Theoretisch. Seeehr theoretisch.

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Endlich wieder Nichtstun

Sommer in Berlin, das ist Grillen auf dem Tempelhofer Feld und den Sonnenuntergang auf einer Dachterrasse beobachten. Das sind Open-Air-Kinos, Open-Air-Konzerte, Open-Air-Raves, bei denen es egal ist, ob die Schlange vor dem Eingang viel zu lang ist. Hauptsache das Wegbier ist kalt. Die Menschen sind freundlicher, lachen mehr. Und immer ist irgendwo etwas, das lockt.

Wenn die Tage kürzer werden, kann man endlich wieder zu Hause bleiben. Der Berliner Freizeitstress hat ein Ende. Statt essen zu gehen wird mit Freunden gekocht. Im Warmen. Die Gespräche werden länger. Man erinnert sich an das Jahr, zieht erste Bilanzen, formuliert neue Vorsätze.

Oder verbringt das Wochenende nur damit, den Paten I bis III zu schauen. Und die Uhr dreht sich ein bisschen langsamer dabei. Es ist die Zeit der Langeweile und der Langweiligkeit. Und wenn diese Stadt eins braucht, dann die. Marie Rövekamp

Die Stille vor dem Fenster

Es gibt eine Sache, über die ich mich im Winter in Berlin freue. Ich kann nachts mit offenem Fenster schlafen. Dazu muss man wissen, dass ich in Neukölln lebe. In den Sommernächten werden hier in aller Öffentlichkeit die Dramen des Lebens aufgeführt.

Randalierende Jugendliche, sich liebende und sich streitende Paare, Schaukel- und Gröleinlagen auf dem gegenüberliegenden Spielplatz, trunkene Spanier auf dem Weg zum Club, zechende Suffköppe in der Eckkneipe, die „Marmor, Stein und Eisen bricht“ singen. Im Winter ist es so herrlich ruhig, dass ich abends am offenen Fenster sitze, die Kälte mein Gesicht bestreichen lasse und mich darüber freue, dass niemand die Luft mit seinem Lärm verpestet.

Und während ein nie ganz heller Tag um 15 Uhr zu enden beginnt, schaltet mein Körper automatisch in den Abend- und Freizeitmodus. Dann freue ich mich, wie viel Zeit noch bleibt bis zum Zubettgehen, und denke: Auf das Grau schimpfen kann jeder. Wer den Berliner Winter schon länger kennt, schätzt die Details. Karl Grünberg

Aus der Sauna in den Schnee

Ich lasse mich treiben, die Ohren unter Wasser, eine bunte Schwimmrolle unter dem Nacken und eine unter den Knien. Nichts ist zu hören außer leiser, beruhigender Musik. Die steinerne Kuppel über mir wird von roten und blauen Lichtern angestrahlt, eine kleine Luke lässt den Blick frei auf den Himmel.

So ist es immer in der Kuppelhalle des Liquidroms am Anhalter Bahnhof. Sie ist der Grund dafür, dass ich, wenn ich mich wie eine gestresste Großstädterin fühle, gerne in diesen Wellnesstempel komme – obwohl er natürlich, jaja, etwas zu teuer ist. Aber noch, so kurz nach Sommerende, ist Geduld gefragt, denn Spaß macht das Liquidrom natürlich nur, wenn es draußen richtig kalt ist.

Noch hätte man ein schlechtes Gewissen, Geld fürs Drinsein im Warmen zu verschwenden. Wenn es aber im Winter früh dunkel, matschig und kalt ist, dann ist ein Ausflug hierher genau das Richtige. Dann kann man nicht nur das Dümpeln in der warmen Salzbrühe der Klanggrotte genießen, sondern auch verschiedene Saunen ausprobieren – und nachher raus in die Kälte rennen. Mit etwas Glück liegt dann sogar Schnee. Maria Fiedler

Gönn dir: Von Suppe bis Rückkehr in die Kindheit

Sauna! Hat auch im Sommer geöffnet. Aber wer will bitteschön drinnen schwitzen, wenn's genauso gut draußen geht?
Sauna! Hat auch im Sommer geöffnet. Aber wer will bitteschön drinnen schwitzen, wenn's genauso gut draußen geht?

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Die neuen Pullis

Wenn eine Bekannte sagt, dass sie umzieht und darum ihren Kleiderschrank ausmistet und alles Nichtmehrnötige zu verschenken gedenkt, dann frag ich nicht zu viel nach. Und so kam es, dass ich mir nichts dir nichts mit drei großen Ikea-Tüten voller Kleidung beladen bei mir zu Hause die Tür aufschloss – und mich umgehend an die Durchsicht machte.

Einiges passte nicht, einiges gefiel nicht, einiges übernahm ich in Geschenkter-Gaul-Haltung. Aber dann waren da auch drei Winterpullover, die mir wirklich sehr gut gefielen. Ich probierte sie an und war entzückt, ich wusch sie und freute mich auf frische Abende. Stattdessen ging der Sommer noch einmal so richtig los. Die Pullover hatten keine Chance.

Sie hingen an der Stange und warteten auf ihre Einsätze. Ab und zu befingerte ich ihre Ärmel und sagte: Nur Geduld, ihr kommt noch dran! Dabei erinnerte ich mich an früher, als es noch richtige Schlussverkäufe gab. Da war es doch noch üblich, dass man antizyklisch einkaufte: Sommersachen im Frühherbst, Winterklamotten Anfang März. Heute wird fürs Jetztsofort geshoppt – und alles danach ist alles danach. So sind die drei Pullover mehr als nur Klamotten im Wartestand, sie sind auch rührende Erinnerungen an alte Zeiten. (Darauf, sie endlich anzuziehen, freue ich mich natürlich trotzdem.) Ariane Bemmer

Schneemänner! Gut, kann man auch aus Pappmaché bauen. Macht aber keiner. Warum wohl?
Schneemänner! Gut, kann man auch aus Pappmaché bauen. Macht aber keiner. Warum wohl?

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Eine Schüssel Glück

Die Brühe voll exotischer Aromen, darin Nudeln, die zum ungenierten Schlürfen einladen. Dazu frische Kräuter, scharfe Chili, ein Hauch Limette und fettglänzende Scheiben gebackenen Schweinebauchs: Die vietnamesische Nudelsuppe Pho ist ein Trostspender, ein Aufrüttler, ein Rundum-Versorger.

Und für mich die Brücke zu einem Sehnsuchtsort. Eine Pho im Winter – im Sommer bevorzuge ich die klassische Einlage aus Rindfleisch – entführt mich dorthin, wo all meine Asienreisen begannen und endeten: in die Straßenküchen Bangkoks.

Am liebsten esse ich meine Pho in Berlin bei Si An Truong. Er betreibt das „Si An“ in Prenzlauer Berg, das „District Mot“ in Mitte und gleich gegenüber das Teehaus Chen Che. Für ihn ist die Pho eine Brücke zu seiner Kindheit in den Straßen Hanois. Wenn das Draußen des nahenden Berliner Winters immer feindlicher wird, flüchte ich mich in Si Ans Gegenwart. Wir schlürfen und kleckern wie Kinder, spüren Wärme und Schärfe, Kraft und Versöhnung. Si An rennt in Gedanken mit einer Schüssel Pho durch enge Gassen, um sie sich zu Hause mit seinen Brüdern zu teilen. Ich sitze auf einem kleinen Plastikstuhl, mein Rucksack steht neben mir, und ich schwitze. Die Zeit der Nudelsuppenträume beginnt. Kai Röger

Leben im Strampler

Endlich kein Schwitzen mehr. Endlich muss man den Biomüll nicht mehr alle zwei Tage rausbringen, um nicht zur Herrin der Fliegen zu werden. Jetzt kommt die Zeit der mit Waldbeertee getränkten Lebkuchen. Dicke Wollstrumpfhosen werden zu angebrachten Beinkleidern in der Wohnung erklärt, und man hat das Gefühl, man trüge wieder einen Strampler.

Dann fühlt man sich wie damals, als es nur Spielzeug und Freunde gab und keine Steuererklärung. Und wenn man morgens früh auf dem Weg zur Arbeit sein Gesicht in einen Schal kuscheln kann, fühlt es sich an, als hätte man einen Teil der Bettdecke einfach mitgenommen, als hätte man den Wecker noch mal kurz auf Schlummer-Modus gestellt, bis man die Bürotür erreicht. Melanie Berger

Jetzt Mal ehrlich: Wer findet denn Schnee nicht wenigstens ein bisschen geil. Also so zumindest am Anfang.
Jetzt Mal ehrlich: Wer findet denn Schnee nicht wenigstens ein bisschen geil. Also so zumindest am Anfang.

© Kai-Uwe Heinrich

Weihnachtsmarkt ist schön

Gerade erst war ich in Berlin angekommen, auf der Suche nach einem WG-Zimmer. Ich trabte durch einen vernieselten Dezembernachmittag, die Karl-Marx-Straße hinunter. Wo zum Teufel war nun dieser Richardplatz? Ich bog ab – und landete in einem Weihnachts-Wunderland. Funkelnd geschmückte Bäume! Der Duft nach köstlichem Punsch! Holzschnitzereien, feilgeboten von rotwangigen älteren Damen. Fröhlich plaudernde Menschengrüppchen.

In meiner Erinnerung steht ein altmodisches Ponykarussell mitten auf dem Richardplatz, auch wenn ich zugeben muss, dass das wohl übertrieben ist. Von diesem Adventsschock habe ich mich nie wieder erholt. Seitdem fiebere ich jedes Jahr der Berliner Weihnachtsmarkt-Saison entgegen. Heute weiß ich: Auf dem Richardplatz wird am zweiten Adventswochenende ein Wohltätigkeits-Weihnachtsmarkt gefeiert.

In Neukölln wird es dann so richtig heimelig. Aber wie viel mehr wunderbare Märkte es zu entdecken gibt! Nordisch-magisch in der Kulturbrauerei, vor pompöser Kulisse (und mit Tagesspiegel-Zelt!) am Schloss Charlottenburg, rund um den vielleicht nicht höchsten, aber bestimmt schönsten Weihnachtsbaum der Stadt auf dem Gendarmenmarkt, mittelalterlich am Gutshof Britz ... Und es gibt noch viel, viel mehr. Zum Glück ist Weihnachten jedes Jahr. Und zum Glück ist es dieses Jahr gar nicht mehr so lange hin. Karin Christmann

Zeit zur Einkehr

Wenn das nasse Laub die Gehwege in gefährliche Rutschbahnen verwandelt und man die Jacke enger um den Körper schlingt, dann leuchten sie wie sonst nie im Jahr an den grauen Häuserwänden: Kneipenschilder. Sie sind die Lichtblicke im Straßendunkel der Eiseszeit und weisen verheißungsvoll den Weg in die winterlichen Refugien der Großstadt, diese Zwischenräume privaten und öffentlichen Lebens, aus denen oft nur Schummerlicht durch beschlagene Scheiben nach außen dringt.

Meine Stammkneipe in Neukölln lockt mit einem leuchtend grünen Jever-Schild zur Einkehr. Und obwohl mir „friesisch herb“ so gar nicht mundet, fällt es auf dem Weg zwischen Arbeits- und Heimstätte schwer, daran vorbeizulaufen. Zur fröhlichen Einkehr nach einem harten Arbeitstag gehört die knarrende Holztür, rauchgeschwängerte Luft, Menschen, die mehr oder weniger erwartungsvoll auf Barhockern hocken und den Tag in Bier versenken oder den Abend mit Cuba Libre feiern, ein eigener sozialer Kosmos.

Einfach mal im Kollektiv die Klappe halten. Oder sich dann doch mal zum tiefgründigen Tresengespräch aufraffen. Goethe meinte den Frühling mit seinem „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ Hätte er Berliner Kneipen im November gekannt, er hätte das Bonmot ihnen gewidmet. Stefanie Golla

Ruhe vor den Nachbarn

Backen! Die Nummer mit der Teigrolle und den Förmchen würde vielleicht auch ganz gut zu Ostern passen. Aber da muss man ja schon wieder Rasen mähen.
Backen! Die Nummer mit der Teigrolle und den Förmchen würde vielleicht auch ganz gut zu Ostern passen. Aber da muss man ja schon wieder Rasen mähen.

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Ruhe vor den Nachbarn

Als wir in die Neubausiedlung am Innenstadtrand zogen, hatte ich schlimmste Befürchtungen bezüglich unserer neuen Nachbarn. Ich albträumte von Geltypen in Khaki-Hosen mit Leder-Flechtgürteln, die unablässig nur über ihre SUVs und Weber-Grills reden würden. Wie naiv ich war!

Natürlich landen im bunten Berlin selbst in Reihenhäusern heutzutage halbwegs bunte Menschen, verdrängt – „Wir wären ja gern in der Weserstraße wohnen geblieben, aber ...“ – von hohen Altbaumieten und grölendem Easyjetset. Wir verzichteten auf Hecken und Zäune. Die Kinder lärmen von Haus zu Haus, was der versammelten Elternschaft den Vorteil verschafft, die Brut in Raum- statt in Manndeckung nehmen zu können.

Am Ende eines langen Sommers allerdings kommt bei mir der Punkt, an dem ich nicht mehr täglich Teil einer Kommune sein möchte. Herbst und Winter sind die Zeit, in der sich die Menschen voneinander erholen können – und so halten es auch wir Nachbarn.

Natürlich ist da kein Kontaktabbruch. Schon jetzt freue ich mich auf gemeinschaftliche Stunden bei Federweisser und Zwiebelkuchen, Waffeln und Weihnachtsplätzchen. Auch freue ich mich auf das ganz große Halligalli ab April. Die Pause davor aber ist heilsam und schön. Johannes Schneider

Ski Heil auf der Landebahn

Früher, in den 1980ern, da bin ich mit meinen Skiern auf den Teufelsberg. Hochlaufen, warmmachen und ein paar Schwünge genießen – wenigstens eine Ahnung von diesem befreienden Gefühl bekommen, das sich einstellt, wenn ich auf der Bergstation im Skigebiet den Blick übers Alpenpanorama schweifen lasse. Die Teufelsberg-Piste ist leider Geschichte.

Heutzutage schnappe ich mir mein Snowboard und laufe bei Schnee den Kreuzberg hoch. Da, wo das Weiß auf den Wegen festgetrampelt ist, kommt man sogar ein bisschen ins Gleiten! Aber es gibt etwas noch Besseres: Bin ich glücklich, das Tempelhofer Feld als Großstadtloipe entdeckt zu haben! Ist der Schnee woanders schon längst weggetaut und weggetrampelt – hier liegt immer noch welcher.

Und selbst nach der Arbeit war da vergangenen Winter – dem weiten Himmel über der Leere sei Dank – noch genügend Helligkeit zum Langlaufen. Also die Nordic Skier aus dem Auto geholt, in die Bindung geschlüpft, nicht zu dicke Sachen an, man kommt ja ins Schwitzen. Flirrend glitzern die Schneekristalle. Gleichmäßig schiebt sich Fuß um Fuß nach vorn, in den schon von anderen vorgestanzten Spuren.

Besonders schnell geht es voran, wenn der Schnee schon leicht sulzig, aber von einer dünnen Eisschicht überzogen ist. Letzten Winter war ich oft weit und breit der einzige Mensch – herrlich. Nur ein Pärchen baute einen Schneehasen. Und weit hinten beleuchtete Flutlicht fast romantisch die Hangars. Trifft man auf den Runden dann doch einmal andere Langläufer, nickt man sich übrigens wie auf dem Dorf noch freundlich zu. Einmal fragte mich einer, ob ich seinen Hausschlüssel gesehen hätte. Oh je. Der arme Kerl musste warten, bis es wieder taute. Annette Kögel

Am Kamin

Nichts gegen den Sommer, fand ihn sehr schön. Nur auf meinem Balkon konnte ich ihn nicht wirklich genießen. Kein Platz: zu viel Holz. Seit ein paar Jahren bin ich nämlich Besitzerin eines Kaminofens. Eine geniale Idee, habe ich meinem Nachbarn abgeguckt. Wer wie wir in einem Altbau Hochparterre wohnt, ist außerordentlich wärmebedürftig. Der kleine Heizkörper kriegt das Berliner Zimmer einfach nicht kuschelig. Mein runder Ofen schon. Wenn er denn mal brennt.

Schon in meiner Kindheit habe ich mit großer Leidenschaft gezündelt, meiner Mutter immer die Zigaretten mit dem Streichholz angemacht. Das, musste ich allerdings feststellen, war entschieden einfacher als einen Ofen zum Brennen zu kriegen.

Die Scheite aus dem Baumarkt, teuer bezahlt, wollten nicht richtig Feuer fangen. Dann hat mich mein Schwager mit handgefällter, schön trocken abgehangener Buche versorgt, mundgerecht in Scheite und Späne gehackt, die er mir persönlich in mehreren Fuhren von Dortmund nach Berlin gebracht und auf dem Balkon gestapelt hat.

Und da liegen sie nun und schmelzen nicht, die Haufen, die letzten beiden Winter waren einfach zum Feuern zu warm. Deswegen setze ich jetzt auf einen kalten Winter. Bitterkalt bitteschön. Pronto. Susanne Kippenberger

Letzte Tipps: So treiben Sie den Winter aus

Ab in die Sonne. Lichttherapie kann gegen Winterdepressionen helfen.

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Auf dem Schreibtisch steht ein altes Mittel gegen schlechte Laune im Winter. Es kommt aus Norwegen, und die Norweger müssen es ja wissen – mit Dunkelheit, Kälte und schlechtem Wetter kennen die sich aus. Es ist eine Flüssigkeit, golden, ölig, sie riecht nach Fisch. Im Mund breitet sich sofort ein bitterer Geschmack aus. Die Älteren werden es noch kennen und hassen. Es ist der berühmte Fisch-Lebertran. Den gibt es heute in der Apotheke für 12,50 Euro. Würgt man pro Tag einen Esslöffel davon runter, reicht das angeblich, um glücklich und gesund über den Winter zu kommen. Das Vitamin D, das neben Omega-3-Fettsäuren darin zuhauf schwimmt, ist wichtig unter anderem für Hirn, Muskeln, Konzentrations- und Gedächtnisleistung. Es wird vom Körper selbst gebildet, wenn die Haut direktem Kontakt mit der Sonne ausgesetzt ist. Gibt es davon zu wenig, helfen nicht nur Vitaminpräparate aus dem Internet (vor der Anwendung vom Arzt den Vitaminspiegel testen lassen!), sondern – völlig unbedenklich – auch ein großer Esslöffel Lebertran. Prost.

Aber was genau ist das überhaupt, Winterblues und Winterdepression? Und sind wir hier in Berlin davon besonders betroffen? Nachweise, dass die Hauptstädter wintertrauriger als anderen Großstadtbewohner in Deutschland sind, findet Dirk Schmoll beim besten Willen nicht. Dennoch kennt der leitende Oberarzt der Psychiatrischen Abteilung der Schloss-Park-Klinik die allgemeinen Winterleiden: „Schlechte Laune, Müdigkeit, weniger Schwung, Schwierigkeiten, aus dem Bett zu kommen, Antriebslosigkeit, Hunger auf Kohlenhydrate und Süßes – das ist der Winterblues“, sagt er. „Wenn dieser Zustand über zwei Wochen anhält, die Arbeitsfähigkeit eingeschränkt ist, man sich nicht mehr gut konzentrieren kann, Selbstwertzweifel dazukommen und die Lebensfreude abnimmt, dann ist an eine ausgewachsene Winterdepression zu denken.“ Um den Unterschied zwischen einem Blues, einer Winter- und einer normalen Depression zu erkennen, „sollte man seinen Arzt aufsuchen“. Winterblues und -depression seien meist gut behandelbar.

Zum Beispiel mit Licht! Denn fehlendes Licht ist ein wesentlicher Faktor für die mentale Schwere in dieser Jahreszeit. Wird es dunkel, produziert der Körper mehr vom Schlafhormon Melatonin, wir werden müde. Sonnenlichtstrahlung hingegen unterstützt den Glücksboten Serotonin, der den Melatoninspiegel senkt und so den Körper wach macht. Gibt es quasi gar kein Tageslicht mehr – etwa, weil die wenigen hellen Stunden im Büro verbracht werden –, kommt es zu einer Überproduktion an Melatonin. Zirka eine Stunde Spazierengehen, auch an einem bewölkten Wintertag, hilft ungemein gegen schlechte Stimmung. Am besten ist ein Ort, an dem möglichst viel direktes Licht an unser Auge kommt: das Tempelhofer Feld zum Beispiel.

Wer keine Zeit für den einstündigen täglichen Spaziergang hat, kann auch eine Lichttherapie machen. Eine nachgewiesen hilfreiche Methode, die in Norwegen als Event zelebriert wird: Liegestühle, Sand auf dem Boden, exotische Früchte – und dann geht die elektrische Sonne an. In Berlin bieten zahlreiche Ärzte und Krankenhäuser mit eigenen Lichttherapieräumen diese Behandlung an, etwa die Schlossparkklinik oder das Sankt-Joseph-Krankenhaus. Ob diese Behandlung übernommen wird, ist von der jeweiligen Krankenkasse abhängig. Wer es lieber privater hat, kauft sich eine Tageslichtlampe (Einsteigermodelle mit mindestens 10 000 Lux gibt es schon ab 60 Euro) und setzt sich morgens eine halbe Stunde davor. Wem es gelingt, die Kollegen davon zu überzeugen, kann auch Tageslichtlampen im Büro aufstellen und so Arbeit und Lichtdusche kombinieren.

Aber nicht nur Licht hilft, sondern auch Yoga, was natürlich sehr gelegen kommt in einer Stadt wie Berlin mit seinen unzähligen Yogastudios. „Der Körper schwitzt, die Herzfrequenz steigt, man atmet tiefer. Dazu ist man mit seiner Aufmerksamkeit bei sich, da bleibt keine Zeit, Wintergedanken nachzuhängen“, sagt Micha Erbe vom Berliner Studio Spirit Yoga. Krankenkassen bezuschussen bis zu zweimal im Jahr mit 75 Euro solche Kurse. Wer lieber zu Hause Übungen macht, findet auf Youtube passende Beispielvideos.

Ach, übrigens, es heißt zwar Winterblues, aber der kann auch schon im Herbst einsetzen. Also jetzt. Nur so als Warnung.

Die Textsammlung erschien zunächst als Doppelseite bei Mehr Berlin im gedruckten Tagesspiegel.

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