zum Hauptinhalt
Im Garten trägt Horst Titius immer Ohrenschutz - aber dann entzünden sich seine Ohren.
© Sven Darmer

Wohnen in der Einflugschneise von Tegel: "Ich gehe an diesem Flughafen kaputt"

Bleibt Tegel doch länger offen? Berlin diskutiert heftig darüber. Doch Horst Titius hat seine Hoffnung auf Schließung aufgegeben. Ein Besuch bei einem Paar, das seit 1968 fast auf der Landebahn wohnt - an der Schmerzgrenze.

Am Ende dieses Gesprächs, als alles gesagt ist über Wut und Ohnmacht und eine Hoffnung, die sich in ihr Gegenteil verkehrt hat, sagt Charlotte Titius: „Der Flughafen bleibt offen, weil man eben im Leben kein Glück hat.“ Sie macht eine kurze Pause. „Muss man hinnehmen.“

Dabei schaut sie, an einem kleinen Tisch in der dunklen Küche sitzend, die ausgestattet ist mit doppelten Schallschutzfenstern, zögernd rüber zu ihrem Ehemann Horst. Der ballt unbewusst die Faust, und sein Gesicht trägt in diesem Moment die traurigen Züge jener Menschen, die er jahrelang gemalt hat. Einige Porträts dieses Zeitvertreibs hängen an der Wand im Wohnzimmer, fast immer sind es Gesichter von Frauen, die nicht glücklich aussehen. Dazwischen wunderbare Strichzeichnungen in Schwarz-Weiß. Herr Titius hat Talent. Charlotte sagt: „Aber er malt schon lange nicht mehr.“

Horst Titius und seine Frau haben mehr aufgegeben als ein Hobby oder eine Hoffnung, ihnen ist ein ganzer Plan verloren gegangen. An dessen Umsetzung wollten sie sich machen an jenem großen Tag im Frühjahr 2012, wenn Horst Titius erst den Konvoi gefilmt hätte, der in der Nacht vom 2. auf den 3. Juni vom Flughafen Tegel in Richtung Schönefeld aufbrechen sollte, zum BER. Als er dann ein Grillfest geben und mit Freunden feiern wollte. Am Abend wäre ein Feuerwerk gezündet worden. Und ihm, diesem kleinen, von Kopf bis Fuß irgendwie rundlichen Mann, der so schelmisch lächeln kann wie ein Schuljunge beim Klingelstreich, wäre es vollkommen egal gewesen, wenn die Polizei gekommen wäre. Lärmbelästigung? Nächtliche Ruhestörung? Darüber hätte er doch nur gelacht.

Nach diesem Plan hätte er endlich Ruhe gehabt.

Fünf Jahre ist es her, dass es mit der BER-Eröffnung nichts wurde, und wenn die Umstände, unter denen Horst und Charlotte Titius leben, schon davor schlimm waren, so wurden sie danach umso schlimmer. Gerade erst wurde bekannt, dass der neue Eröffnungstermin wohl erst im Jahr 2019 liegen wird. Tegel wird weiter offen bleiben. Die unerwartete Absage am 8. Mai 2012 wirkt in Horst Titius wie ein Trauma nach. Neurologen und Psychotherapeuten würden vielleicht von einer posttraumatischen Verbitterungsstörung sprechen, die entstehen kann, wenn Belastungen im Leben als ungerecht, kränkend oder herabwürdigend erlebt werden. Die Reaktion: Wut. Und Titius sagt: „Ich gehe an diesem Flughafen kaputt.“

Zehn Schritte entfernt vom Beginn der Start- und Landebahn

Fluglärm macht Menschen krank und ist in Berlin längst auch Ursache für Gerichtsverfahren. Dass eine enttäuschte Hoffnung, wie vielleicht sonst nur eine verlorene Liebe es zu tun vermag, einen Menschen rasend unglücklich machen kann, lernt man in Reinickendorf, versteckt hinter dem Kurt-Schumacher-Platz, Meteorstraße, in einem kleinen Haus zehn Schritte entfernt vom Beginn der Start- und Landebahn des Flughafens Tegel. Genau hier, am lautesten Punkt der Einflugschneise, leben und wohnen Charlotte und Horst Titius, und hier wollen sie auch sterben; wo unzählige Leuchtfeuer der Start- und Landebahn wie bedrohliche Blitze durch die Luft zucken; tagein, tagaus; taucht ein Flugzeug knapp über den Dächern auf, krümmt der Körper sich automatisch zusammen, brechen Gespräche ab.

Herr Titius verzieht im Lärm der Triebwerke das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. Gleichzeitig krallt er die linke Hand in den rechten Arm. Er merkt es nicht. Irgendwann ist etwas Unangenehmes, Unbeschreibliches in ihn hineingekrochen.

Er liest alles über den BER und Tegel, obwohl es ihm nicht gut tut. Als er erfuhr, dass es Politiker gibt, die den Flughafen vor seiner Haustür jetzt auch noch offen halten wollen, als er verfolgen konnte, dass dieses Thema beispielsweise der FDP in Berlin ein gutes Ergebnis bei der letzten Wahl zum Abgeordnetenhaus einbrachte, machte sich schließlich Resignation breit, die manchmal depressive Züge trägt.

Sie halten es kaum aus, kommen aber nicht weg

Seine Geschichte und die seiner Frau erzählt davon, wie man unschuldig in ein Leben gerät, das man eigentlich gar nicht so führen wollte. Manche brechen aus solchen Situationen aus, manche fügen sich, und wieder andere, wie Horst und Charlotte Titius, leben im ständigen Konflikt mit beiden Möglichkeiten – sie wandeln zwischen ihnen wie zwischen verschiedenen Welten. Ein Leben, eingerichtet in einem Paradox, sie halten es kaum aus, kommen aber nicht weg.

Natürlich wäre es möglich gewesen abzuhauen. Aber manchmal pflastert einem das Schicksal einen Weg, der unausweichlich ist. Charlotte und Horst empfinden das so, sie leben an diesem Ort, weil Charlotte hier geboren wurde und aufwuchs in diesem Steinhaus mit Spitzdach. Allerdings gab es am Anfang nur einen Keller, Außenmauern und Dachpappe. Ursprünglich stand ein größeres Haus hier, aber das wurde im Krieg weggebombt. Was blieb war ein Keller, ein Krater, „ein Loch, in dem wir erst gewohnt haben“, wie sie sagt.

Der Flughafen Tegel in Berlin-Tegel.
Der Flughafen Tegel in Berlin-Tegel.
© Soeren Stache/dpa

Ihr Vater war Maurer, als er aus dem Krieg heimkam, hat er monatelang Steine herangeschleppt, woher auch immer er sie hatte, und dann wurde mit der Mutter gemeinsam gearbeitet. Tag und Nacht. Der Vater war schon 60, er wollte kein großes Haus mehr bauen. Es wurden keine Fragen gestellt in dieser Familie wie in so vielen Nachkriegsfamilien, es wurde nicht gejammert, über Abgründe schaute man hinweg. Draußen um sie herum waren damals noch Sand und Wald und keine Häuser oder Autobahnzubringer, und natürlich auch kein Flughafen. Aber Lärm, den gab es hier irgendwie schon immer.

Vor dem Ort, an dem das neue Häuschen erbaut wurde, hatte die Artillerie des Deutschen Reiches ihren Schießplatz gehabt. Als sich die Firma Borsig niederließ, war das Gelände zum Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie geworden, an dem an Raketen experimentiert wurde. Auch die Luftschifffahrt hatte hier gebaut. Dann hatte die Landespolizeigruppe des NS-Führers Hermann Göring hier ihr Zuhause gefunden. Die damals gebaute Kaserne, in die später die französischen Alliierten zogen, ist heute die Julius-Leber-Kaserne, der größte Bundeswehr-Standort der Hauptstadt.

Als Charlotte 1947 geboren wurde, da war das Schicksal dieses Ortes schon fast besiegelt. Bald darauf wurde für die alliierte Luftbrücke ein zusätzlicher Flugplatz zum Flughafen Tempelhof aus dem Boden gestampft und die damals längste Start- und Landebahn der Welt gebaut. Vor Charlottes Zuhause sprengten französische Pioniere dafür zwei Sendemasten des von den Sowjets im Ostteil kontrollierten Berliner Rundfunks, die den Anflug behindert hätten. Am 5. November 1948 landeten hier die ersten Flugzeuge, um das eingeschlossene West-Berlin zu versorgen.

"Der Horst darf laut sein, wenn er will"

Das kleine Haus jedenfalls ist ihr Erbe, ist Erinnerung, ist Lebensinhalt; es ist auch Trutzburg und Gefängnis zugleich. Es lässt sie nicht los. Horst wäre gern gegangen, wäre am liebsten weggezogen, Charlotte weiß das. Aber sie wollte nicht. Und weil es Charlotte gibt, noch immer eine hübsche Frau mit mädchenhaften Zügen, und Horst sie liebt, bleibt er. So einfach ist das.

Sie leben gemeinsam hier seit 1968, dem Jahr ihrer Hochzeit, und weil keine Wohnung zu finden war, hat ihre Mutter gesagt: Dann kommt ihr erst mal zu mir. Das Haus wurde ausgebaut, und schließlich sind sie geblieben.

In der Küche sagt Charlotte Titius, dass sie sehr mit ihrem Mann mitleide, weil er diesen Flughafen viel weniger aushalten könne als sie. Sie hat sich für ihn ein Gegenmittel ausgedacht: „Der Horst darf laut sein, wenn er will. Er darf seine Wut rauslassen. Ich lasse ihn dann.“

Horst wiederum sagt: „Lotti beruhigt mich. Ich hör’ ja auf sie.“

So, wie sich Charlotte um Horst sorgt, ist es auch umgekehrt. Es gibt da etwas, das sie gefangen hält. Aber darüber darf nicht geredet werden. Sie spricht ihre Worte immer mit Bedacht und leise, sie kennt ihren Mann, sie weiß, wie plötzlich es aus ihm herausbrechen kann. 1968 konnten sie nicht ahnen, was noch auf sie zukommen würde.

Seit acht Jahren war der ursprünglich alliierte Flughafen damals für den zivilen Luftverkehr geöffnet, den ersten Linienflug absolvierte 1960 die Air France. Es durften nur Maschinen der Alliierten den Flughafen ansteuern. Flugzeuge oder Fluglärm spielten keine Rolle. Man wusste nichts über Billigflieger und steil ansteigende Passagieraufkommen, und natürlich war auch nicht daran zu denken, dass vielleicht einmal die Mauer fallen und noch viel mehr Menschen nach Berlin reisen würden. Mit dem Flugzeug.

Doch im April 1968 zogen schließlich alle Charterfluggesellschaften von Tempelhof nach Tegel um. 1970 folgte dann die Grundsteinlegung für den heutigen Flughafen Tegel, der nach nur vier Jahren eröffnet wurde. Undenkbar schnell für heutige Verhältnisse.

Die Katze ist vom Lärm verrückt geworden

Die Belästigung durch den Flughafen wurde langsam, aber stetig größer – und lauter. Charlotte arbeitete erst als Friseurin und später bei der BfA, Horst landete irgendwann als Sterilisator für Operationsgeräte im Zehlendorfer Behring-Krankenhaus, zuvor hatte er Rolltreppen repariert. Die Chefin in der Klinik fragte: „Können Sie Blut sehen.“ Er nickte und bekam den Job.

22 Jahre hat er im Behring-Krankenhaus gearbeitet, irgendwann haben die Kollegen zu ihm gesagt: „Mensch Horst, beim kleinsten Krach zuckst du zusammen. Warum bist du denn nur so nervös?“ Da wusste Titius, dass er krank ist. Er ging in Frührente. Die Katze, die sie mal hatten, sagen sie, ist vom Fluglärm verrückt geworden und musste eingeschläfert werden. Hündin Daisy hat es besser ausgehalten, aber jetzt geht sie auch nicht mehr gern aus dem Haus, sie ist alt, die Bandscheibe, Daisy muss getragen werden.

So summieren sich im Alter die Dinge oft zu großen Lasten, die zuvor im Leben noch irgendwie geregelt werden konnten.

Sie bekamen Schallschutzfenster, dick wie Oberschenkel

Horst und Charlotte Titius
Horst und Charlotte Titius
© Sven Darmer

Das Dasein an einer Start- und Landebahn übersteht man vielleicht nur, indem man wie Horst Titius möglichst nicht aus dem Haus geht und sich nicht im Garten aufhält, was natürlich absurd ist, wenn man ein Haus und einen schönen Garten hat. Im Wohnzimmer hängen mehrere Geigen an der Wand, Horst Titius kann sie zwar nicht spielen, aber er findet es beruhigend, sie anzuschauen. Er hat sie auf dem Flohmarkt gekauft.

Natürlich gab es Bürgerinitiativen gegen den Fluglärm, die Politik und die Flughafengesellschaft wollten sie umsiedeln nach Heiligensee. Und viele sind auch gegangen, die wenigsten geblieben. Es hat sich Gewerbe an der Straße angesiedelt, Kfz-Werkstätten, Dachdecker, Schornsteinreiniger und Parkplatzbetreiber, die ihren Gästen einen exklusiven Shuttle-Service zum Flughafen bieten. Und neben ihrem Haus hat die bosniakische islamische Gemeinde aus einem hässlichen Funktionsgebäude, das Titius seitlich die Sicht versperrt, eine Moschee gemacht.

Durch die Höhe des Nachbarhauses sieht Titius die Flugzeuge nicht mehr wie früher langsam näherkommen, sondern erst, wenn sie schon direkt über ihm sind. Es gibt also keine Vorwarnung, es scheppert gleich. Es reißt einem das Nervenkostüm auseinander.

Charlotte und Horst Titius wollten nie umgesiedelt werden. Sie bekamen Schallschutzfenster, die so dick sind wie Oberschenkel. In den 80er und 90er Jahren waren die Flugzeuggeräusche noch sehr viel lauter, weil die Technik noch nicht so weit war. Die von den Airlines ausgelösten Luftwirbel lockerten überall in der Einflugschneise Dachziegel, auch bei Horst Titius. Da ging er noch auf die Barrikaden und wandte sich an die örtliche Presse, die titelte: „Herrn Titius reicht’s.“

Dreimal hat Titius sein Dach selbst repariert und bezahlt. Sein Bruder hielt das Seil, das notdürftig um den Schornstein geschlungen war, und Titius drapierte die neuen Dachziegel. Damals haben sie noch die Polizei gerufen, aber die konnten auch nichts tun. Also haben sie beim Flughafen angerufen, die haben nur nach der Fluggesellschaft gefragt und behauptet, man habe selbst keine rechtliche Handhabe.

Beim vierten Mal hat der Flughafen ihnen einen Dachdecker geschickt. Der sagte, das Dach sei „nicht geklammert“, das mit den abfallenden Dachziegeln könne deshalb jederzeit wieder passieren. Nur sogenannte Dachklammern würden bei hohen Windlasten das Abrutschen der Dachziegel verhindern.

Titius rief sofort wieder beim Flughafenchef an, der kannte ihn schon, damals war das noch möglich im alten West-Berlin. Und dann hat Titius dem Dachdecker das Telefon gegeben, der hat es dem Flughafenchef erklärt, und der entschied: Wir bezahlen das! Seitdem ist Ruhe – zumindest was die Dachziegel betrifft.

Der Rest ist eine Lärmkatastrophe.

Denn seit Tegel auffangen muss, was der BER im Süden hätte bewältigen sollen, starten oder landen alle zwei bis drei Minuten die Flugzeuge vor Titius Haus. An normalen Vormittagen. Ostwind heißt starten, Westwind landen. „Starten ist lauter“, sagt Titius. 486 Starts und Landungen pro Tag sind üblich. In der Meteorstraße steht ein Lärmmessgerät: Im April 2017 ist der Lärmpegel mehr als 4000 Mal über 90 Dezibel gestiegen, das entspricht dem Geräusch eines Presslufthammers. Durchschnittlich wurden, nicht nur in diesem Monat, knapp 70 Dezibel erreicht, das heißt in der Lärmdefinition: laut bis sehr laut. In diesem April wurden 13.896 Flugbewegungen gemessen, allein 1031 nachts. Das Nachtflugverbot, das eigentlich zwischen 23 Uhr und sechs Uhr morgens gilt, wurde durch viele Ausnahmeregelungen längst aufgeweicht.

Draußen herrscht ein permanenter Ausnahmezustand

Drinnen im abgedichteten Haus ist immer nur ein kurzes, abruptes Kreischen zu hören, draußen dagegen herrscht permanenter Ausnahmezustand für Körper und Geist.

Aber eines Tages, im April 2010, war plötzlich alles anders, Charlotte und Horst schauten sich an und haben gegrübelt. Irgendetwas stimmte nicht. Jemand hatte die Flugzeuge aus ihrem niedrigen Himmel entfernt. Sie bekamen eine Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn eines gar nicht mehr so fernen Tages Stille draußen herrschen würde. Und es gab auch einen Verantwortlichen für diesen merkwürdigen Umstand, der trug einen eigenartigen Namen, wie sie später erfuhren, nämlich Eyjafjallajökull und war ein Vulkan auf Island. Die riesige Aschewolke, die er ausspie, hatte den nordeuropäischen Flugverkehr lahmgelegt. Auch von Tegel flog kein Flugzeug ab. Titius schwärmt noch heute: „Es war wie im Paradies. Ich dachte, ich schwebe.“

Horst Titius spricht nicht gern über seine tief verborgenen Ängste. Aber sie sind da, sie haben sich ausgebreitet wie ein Krebsgeschwür. Erst waren es nur die Freunde, die nicht mehr zu Besuch kamen, weil man es vor Lärm einfach nicht ausgehalten hat beim Grillen. Dann tauchte im Kopf von Horst Titius ein Gedanke so plötzlich auf wie die Flugzeuge über seinem Dach – aber der Gedanke verschwand nicht mehr: Was ist, wenn so ein Ding mal beim Starten abstürzt?

Airberlin will lieber gleich in Tegel bleiben, falls der Flughafen offen bleiben sollte, und nicht zum BER umziehen.
Airberlin will lieber gleich in Tegel bleiben, falls der Flughafen offen bleiben sollte, und nicht zum BER umziehen.
© Paul Zinken/dpa

Manchmal hat man das Gefühl, dass man die Flugzeuge berühren könnte, wenn man ganz hoch springt. Eine Illusion. Dafür kann man Triebwerk, Motoren und Namen der Fluggesellschaft genau studieren, und wird sehr gut darin, die einzelnen Flugzeugtypen zu unterscheiden. Ein Trost ist das nicht. Draußen im Angesicht der „fliegenden Ungetüme“ verändert sich der Körper automatisch.

Horst Titius trägt vor dem Haus immer einen dicken Ohrenschutz wie ein Bauarbeiter. Normale Ohrstöpsel helfen nichts. Aber seine Ohren entzünden sich trotzdem andauernd, weil sie schwitzen und sich offenkundig Flüssigkeit bildet, die zu Entzündungen führt. Der Ohrenarzt fragte ihn einmal, wo er denn wohne. Als Titius antwortete, verstand der Arzt und schüttelte nur mitleidig mit dem Kopf. Alle Ärzte, die Titius aufsucht, tun das.

Die Ohren sind das eine, die Nerven das eigentliche Problem. Wenn man beispielsweise nachts nicht schlafen kann wie Titius oft, weil die Postmaschine über einen hinwegdonnert oder die Furcht einen überkommt, dass man es einfach nicht mehr schafft, mit dieser Lage umzugehen, dann verändert sich das Gemüt. Horst Titius wurde wütender, immer wütender.

"Allein gelassen, belogen und betrogen"

Ungläubig fragt Titius, ob es wirklich so sei, dass bei der kommenden Bundestagswahl gleichzeitig der Volksentscheid über den Weiterbetrieb des Flughafens Tegel stattfinde. Er kann es nicht fassen, aber er hat ja gelesen, dass ausgerechnet zwei Drittel der Reinickendorfer für die Offenhaltung des Flughafens sind, obwohl sie betroffen seien. Seine Erklärung: „Die wollen es alle nur bequem haben.“

Charlotte schaut jetzt ein wenig besorgt zu ihm herüber, sie merkt, dass die Wut schon wieder in ihm aufsteigt. Und Titius, der gerade noch sanft lächeln konnte, weil er es „so schön findet, wie Lotti die Dinge erklärt“, sagt mit zerknittertem Gesicht: „Ich bin so enttäuscht, ich fühle mich so allein gelassen, belogen und betrogen.“

Weil sie nicht wissen, ob sie wirklich noch erleben werden, dass der Flughafen schließt, haben die Titius’ über ihr Erbe bereits beraten, haben beschlossen, wie es mit dem Haus weitergehen soll. Weil sie keine Kinder haben, es sollte nicht sein, soll mit dem Eigentum anderen Menschen geholfen werden. Auch darüber wollen sie nicht reden.

Man fragt sich, wer wollte ein solches Haus in dieser Horrorlage auch nur geschenkt haben?

Aber die Lage kann sich noch wenden, und dann wiederum hätte sich das Verharrungsvermögen der Titius ausgezahlt, selbst wenn sie selbst nicht mehr wären.

Damals, als er seine Frau kennengelernt hat, ist er mit seinem Auto auf dem Sandweg hier in der Planetensiedlung immer mit laut aufheulendem Motor auf und abgefahren. Hat angegeben vor ihr, und Charlotte fühlte sich gut dabei. Jetzt sitzen sie stumm in der Küche, 49 Jahre verheiratet, und wissen, dass sie eines geschafft haben.

Dieser Flughafen konnte ihre Beziehung belasten, er wird sie aber niemals zerstören.

Der Tagesspiegel kooperiert mit dem Umfrageinstitut Civey. Wenn Sie sich registrieren, tragen Sie zu besseren Ergebnissen bei. Mehr Informationen hier.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.

Zur Startseite