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Leuchten. Opak schimmert das 2017 eröffnete „Barts“ von Steven Holl im Osten Londons.

© Naaro Photos

Britische Krebszentren: Diese Schutzinseln könnten ein Vorbild für Deutschland sein

Krebskranke finden in den britischen Maggie’s Centres das, was in Kliniken meistens zu kurz kommt: außergewöhnliche Architektur – und Menschen, die zuhören.

Es könnte eine Fata Morgana sein. So wie die Fassade zwischen all dem schweren Gemäuer schimmert, milchig verschwommen, mit bunten Tupfern dazwischen, heiter und elegant. Als wäre der Bau gar nicht wahr.

Ist er aber. Eine Oase am Rande des St. Bartholomew’s, des ältesten Krankenhauses Großbritanniens, im 12. Jahrhundert gegründet im Londoner Osten. Als Sandra das erste Mal hereinkam, dachte sie: „Oh, wow!“ So viel Licht, so elegante Möbel. Handgemachten Schalen, ein einladender Küchentisch. Sie hatte vorher keine Ahnung, was sie im Maggie’s Centre erwartet, ob jetzt ihre medizinischen Daten gecheckt würden. Stattdessen kam eine Frau auf sie zu und fragte, ob sie vielleicht eine Tasse Kaffee wolle.

Sandra, eine jugendliche 61-Jährige in Latzhose, hockt an diesem Dienstagmorgen in einer Sitzecke an der Treppe, die mit Schwung drei Stockwerke hochführt. An ihrer Seite eine Freundin, die beiden haben sich Sandwiches mitgebracht. Letztes Jahr war die Lehrerin in Frühpension gegangen, nachdem ihr Partner Krebs bekommen hatte. Vor fünf Wochen erfuhr sie, dass sie ihrerseits Brustkrebs hat, der schlimmsten Art. Plötzlich stürzte alles auf sie ein, am nächsten Tag schon sollte sie mit der Chemo beginnen, so, wie es aussieht, werden ihr beide Brüste abgenommen. „Ganz schön beängstigend“, sagt sie mit britischem Understatement.

Aber das hält sie nicht ab, vom „Barts“, wie das jüngste Maggie’s Centre heißt, zu schwärmen, von dem ambulanten Krebszentrum im Allgemeinen und dem Klo im Besonderen: „Wie im Fünf-Sterne-Hotel! Man könnte den ganzen Tag darin verbringen,“ sagt die Frau, die das Geld für eine solche Herberge nicht hätte. Hier muss sie nichts zahlen, nicht für den Yoga-Kurs, nicht für die Kunsttherapie, nicht für die geführten Stadtspaziergänge. Bei denen es um mehr als Bewegung und Londoner Stadtgeschichte geht. „Ich merke, ich bin nicht allein.“ Als ihre Augen dauernd tränten, konnte eine Frau sie beruhigen, das sei eine Nebenwirkung der Chemo.

Manchmal kommt Sandra auch nur, um sich in eine Ecke zu setzen und zu stricken. Wegen der freundlichen Atmosphäre, die sie nicht allein auf die Architektur zurückführt, sondern das ganze Team. „Du hast das Gefühl, gehalten zu werden.“

Die Idee stammt von Maggie Keswick Jencks

Das „Barts“ wurde im Dezember 2017 eröffnet, 21 Jahre nach dem allerersten Maggie’s Centre in Edinburgh, einem umgebauten Stall auf dem Klinikgelände. Die Idee stammt von Maggie Keswick Jencks, einer Landschaftsarchitektin, die selber Brustkrebs hatte, überstanden, wie sie dachte. Bis er fünf Jahre später mit voller Wucht und jeder Menge Metastasen zurückkehrte. Sie fragte den Arzt, wie lange sie noch hätte. Ob sie das wirklich wissen wolle? – Ja. – Zwei bis drei Monate. Danach komplimentierte die Schwester sie und ihren Mann freundlich nach draußen. Es warteten noch so viele Patienten draußen auf dem Flur.

In diesem trostlosen, düsteren Krankenhauskorridor ohne Aussicht, auf hässlichen Stühlen mit dem Rücken zur Wand mussten die Eheleute zusehen, wie sie mit dem Todesurteil fertig wurden.

„We can do better than that“, erklärte die 51-Jährige ihrem Mann, dem amerikanischen Architekturtheoretiker Charles Jencks. Maggie, von deren Lebensfreude und Energie heute noch alle schwärmen, die sie kannten, war schönere Umgebungen gewohnt. Ihr Kampfgeist setzte wieder ein, und zusammen mit ihrem Mann und ihrer jungen Krebskrankenschwester Laura Lee begann sie Ideen zu entwickeln. Noch am Tag bevor sie 1995 starb, lagen Zettel und Architekturzeichnungen auf ihrem Bett verstreut.

Komm einfach rein steht auf dem Flyer

Inzwischen gibt es 22 Maggie’s Centres, in Schottland, England, Wales sowie Hongkong und Tokio, in diesem Jahr werden vier weitere eröffnet: Anlaufstellen für Krebskranke, aber auch deren Angehörige und Freunde, die dort Informationen bekommen, Kurse belegen, Mut schöpfen, Ruhe finden, in den Garten schauen, Menschen treffen. „Just come in“, komm einfach rein, steht auf dem knalligen rot-orangefarbenen Flyer, der auch in den angrenzenden Krankenhäusern ausliegt. Man muss sich in den Tagesstätten nicht anmelden, keine Überweisung vorlegen, nichts zahlen. Das tun andere: Abgesehen von gelegentlichen staatlichen Zuschüssen finanziert sich die Organisation ausschließlich aus Spenden.

Termine muss man nur vereinzelt vereinbaren, etwa wenn man sich in finanziellen Fragen beraten lassen will, die viele bedrücken. Wie soll ich meine Hypothek bezahlen, wenn ich monatelang nicht arbeiten kann? Welche Hilfe steht mir zu, und wie und wo kann ich sie beantragen? Auch wer zur Psychologin will, muss einen Termin ausmachen. Aber nicht, wie im staatlichen Gesundheitssystem, Monate darauf warten. Und dann auch nicht gleich einen festen Satz von Sitzungen absolvieren. Manchen reichen ein, zwei Gespräche.

Medizinische Behandlung findet hier keine statt, Beratung schon. Oft haben die Mitarbeiter vorher in der Onkologie gearbeitet, können die verschiedenen Methoden erklären und jene Fragen beantworten, die Patienten sich nicht trauen oder vergessen, dem Arzt zu stellen, etwa zu Nebenwirkungen oder Folgen für die Sexualität. Die Mitarbeiter nehmen sich Zeit. Die sie gar nicht immer haben – die Teams, die von Ehrenamtlichen unterstützt werden, sind knapp besetzt.

Frank Gehry musste sich zügeln

Nicht nur Profis aus dem Gesundheitsbereich, auch Architekten kommen aus aller Welt, um die preisgekrönten Bauten von Stars wie Richard Rogers, Zaha Hadid, Snohetta oder Norman Foster (der selber Krebs hatte) zu besichtigen. Das Ehepaar Jencks war außerordentlich gut vernetzt, viele der Baumeister sind ihre Freunde.

Richtig bekannt wurde die Organisation 2003 mit dem dritten Maggie’s Centre, dem ersten Neubau, im schottischen Dundee, entworfen von Frank Gehry, auch er ein guter Freund der Jencks. Es ist eins seiner kleinsten und dabei schönsten Projekte. Bei dem sich der Star, bekannt für so spektakuläre Entwürfe wie das Guggenheim Bilbao, erstaunlich zurückgenommen hat. Das Haus auf einem Hügel über dem River Tay sieht aus wie ein Cottage am Meer, mit seinem weißen Leuchtturm und dem gefalteten Dach. Der später angelegte Garten mit dem langen Steg und den Gräsern, die im Wind wogen, verstärkt diesen Eindruck noch.

20 Modelle hat Gehry gebraucht, bis er bei seiner simplen Lösung ankam. Einmal sei ihm Maggie im Traum erschienen: „Zu viel Architektur, Frank!“ habe sie ihm zugerufen, so erzählt er in der BBC-Dokumentation „Building Hope“. Also zügelte er sich. Denn, das machen die Auftraggeber allen Architekten klar: Es geht nicht um ihr Ego, sondern den Dienst am Nutzer. So bekommen die Designer auch nicht gesagt, wie genau die Häuser aussehen, sondern wie die Besucher sich fühlen sollen: „warm and welcome“. Die ungewöhnliche Architektur soll das Interesse, die Neugier und damit die Lebensgeister wecken.

Keine Korridore, keine Plastikbecher, kein Neonlicht

Ersthelferin. Maggie Keswick Jencks (1941 – 1995), Gartendesignerin und Initiatorin der Maggie’s Centres.
Ersthelferin. Maggie Keswick Jencks (1941 – 1995), Gartendesignerin und Initiatorin der Maggie’s Centres.

© Maggie’s Centres

So eigenwillig und einzigartig jedes Projekt ist, gibt es doch Gemeinsamkeiten, Details, an denen man ein Maggie’s sofort erkennen kann. Das Licht, die Offenheit, die großen Fenster, der Garten, die modernen Möbel, viele Farben, viel Holz, und von allem nur das Beste. Es gibt keine Korridore. Keine Plastikbecher. Kein Neonlicht. Keine Stuhlreihen mit dem Rücken zur Wand. Keine Rezeption. Keine Wartezimmer. Keine weißen Kittel. Keine Schilder. Nicht mal an der Klotür. Was zu Verwirrungen führt, aber die Kommunikation fördert.

Stattdessen lockere Sitzgruppen, jede Menge bunte Kissen auf Designersofas, Kunst an der Wand, auch sie häufig von Freunden der Jencks. Man hat das Gefühl, in ein besonders geschmackvolles Wohnhaus zu kommen, in dem im Winter ein Feuer brennt und deren Herz die Wohnküche mit ihrem langen Esstisch ist. „Everyone’s home of cancer care“ heißt das Maggie’s-Motto. Am liebsten würde man alles einpacken und mit nach Hause nehmen. Wobei es durchaus Besucher gibt, denen das Ganze zu kühl und kahl ist. Sie hätten’s gern altmodischer.

Gerade in Großbritannien wirken Krankenhausgebäude oft brutal und düster, mehr Fabrik als Heilstätte. Doch auch wenn die Zentren in ihrer Ausstattung und Atmosphäre einen bewussten Kontrapunkt setzen, verstehen sie sich keineswegs als Gegner oder Alternative zur Schulmedizin, sondern als Ergänzung zu den staatlichen Kliniken, auf deren Gelände sie sich befinden.

„Sie hören dir erst mal zu“

Im Maggie’s steht die emotionale, soziale und praktische Unterstützung im Mittelpunkt. In dem Kurs „Look Good – Feel Better“ etwa lernen Frauen, deren Haut durch die Behandlungen stark angegriffen ist oder die keine Augenbrauen mehr haben, sich zu schminken. Und Perücken so aufzusetzen, dass sie gut aussehen. Auch wie man ein Testament verfasst, kann man erfahren.

„Hier sagen sie dir nicht, was du tun sollst“, erzählt Terry im Maggie’s Glasgow, das Rem Koolhaas als hellen, gläsernen Pavillon entwarf, mit einem grünen Innenhof, den Maggies Tochter Lily, eine Gartendesignerin, gestaltet hat. „Sie hören dir erst mal zu.“

Der Schotte hat sich entschlossen, seinen Prostata-Krebs nicht operieren zu lassen. Stattdessen nutzt er alles, was das Zentrum zu bieten hat, von Tai Chi bis zum Automatischen Schreiben. Er erzählt, gespickt mit Heidegger-Zitaten, von seinen Erfahrungen wie von einem Erweckungserlebnis, von seinem neu erworbenen Verhältnis zum eigenen Körper, zur Natur. Im Maggie’s hat er enge Beziehungen geknüpft. Freundschaften will er sie nicht nennen, weil sie sich nicht außerhalb treffen. „Im Bewusstsein der Sterblichkeit sind die Gespräche sehr intensiv.“

Das Einzige, was Terry nicht macht: sich zum Schwatzen an den Küchentisch zu setzen. „Ich will nicht, dass das wie ein Pub ohne Alkohol ist.“

Immer fehlte was, hier war es anders

Shelagh dagegen gefällt der Tisch, an dem sich wie von selbst Gespräche, auch über den Alltag, entwickeln, wie man sie in einem Wartezimmer nie hören würde. Ihr Mann, „ein typischer Schotte“, wollte partout nicht über seine Krankheit reden. Sie hielt den emotionalen Stress nicht aus, kam 2012 das erste Mal in das „kleine Krebsklubhaus“, wie Frank Gehry sein Maggie’s Dundee nannte. Sicher hatte sie Freunde, mit denen sie sprechen konnte, auch nach dem Tod ihres Mannes, aber wenn sie so etwas selbst nicht erlebt hatten, fehlte da immer was. Hier war es anders.

Und sie wurde anders. Als berufstätige Mutter habe sie nie Zeit gehabt, nachzudenken, erzählt die Buchhalterin. Im Maggie’s, wo sie verschiedene Workshops besuchte, über Achtsamkeit und Trauer etwa, lernte sie, sich bestimmter Dinge bewusst zu werden: „Das Singen der Vögel, das Krachen der Wellen.“ Sie habe sich mit Frauen angefreundet, die sie draußen nie getroffen hätte.

In ihrem neuen Job hat Shelagh sich die Woche so eingeteilt, dass sie nun jeden Mittwochmorgen als Ehrenamtliche hierherkommen kann. Freundlich, unaufdringlich empfängt sie Neulinge, macht ihnen Tee oder Kaffee – was diese spätestens beim zweiten Besuch selber tun –, führt sie die Treppe nach oben, um ihnen den schönsten Platz zu zeigen, wo man durchs Panoramafenster die Aussicht über den River Tay genießen kann. Oder in den Büchern der kleinen Bibliothek blättern, in John Greens Bestseller „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, Ratgebern wie „Brustkrebs for Dummies“ oder in Broschüren, die Anregungen geben, wie man mit anderen über seine Krankheit reden kann. Und sie zum Schweigen bringt, wenn sie einem ihre gesammelten Krebs-Horrorgeschichten erzählen. Wie man Beziehungen managt, mit Partner, Kindern, Freunden und Kollegen, ist auch Thema von Workshops.

In Dundee gibt es wohl kein Kind, das das Maggie’s nicht kennt: Im letzten Sommer wurden 80 Riesenpinguine in der ganzen 150 000-Einwohner-Stadt und ihrer Umgebung aufgestellt, jeder von einem anderen Künstler bemalt und jemand anderem gesponsort. Mit Hilfe einer Schatzkarte konnte man alle aufspüren und sich fotografieren lassen. Die abschließende Auktion der Figuren hat 540 000 Pfund eingebracht. Damit sind die Unterhaltskosten des Zentrums für ein Jahr gedeckt.

Die Hierarchien in den Zentren sind flach

Strahlen. Viel Tageslicht, offene Räume und Gärten, wie hier im „Barts“, gehören zu allen 22 Zentren.
Strahlen. Viel Tageslicht, offene Räume und Gärten, wie hier im „Barts“, gehören zu allen 22 Zentren.

© Naaro Photos

Die Identifikation mit dem Zentrum scheint in Dundee besonders groß zu sein, geradezu liebevoll sprechen die Bewohner von ihrem Maggie’s. Auch im neuen Victoria and Albert Museum bekommt es viel Platz eingeräumt. Das ist in London natürlich anders. Das dortige „Barts“ ist auch größer, weniger intim als das Maggie’s in Dundee. Doch die Bedürftigkeit, die Sehnsucht nach Ruhe ist in der Metropole eher noch stärker.

Das „Barts“ wird von einem Mann geleitet. Eine der Herausforderungen, denen sich das Zentrum stellen muss, ist, dass gerade die Kurse von sehr viel mehr Frauen besucht werden als von Männern. In East London gibt es für diese etwa einen eigenen Workshop „Look Good – Feel Better“. Direktor Michael Harrison – 30 Jahre Erfahrung als Krankenpfleger, zuletzt in der Onkologie, grüne Brille, lila Hemd und für alle nur „Michael“ – wuselt durch den großen, offenen Raum, räumt die Spülmaschine ein, besorgt einem sichtlich angeschlagenen Mann einen Hocker, damit er die Beine ausstrecken kann, macht hier einen Scherz und weist dort jemanden zur Beratung. Die Hierarchien in den Zentren sind flach, das Ganze hat etwas sehr Bodenständiges.

Es brauchte einige Verhandlungen und Kompromisse, bis das „Barts“ gebaut werden konnte. Auch Ärzte protestierten heftig, hatten Angst, sich einen Kuckuck aus dem 21. Jahrhundert ins historische Nest zu setzen. Moderne Architektur hat es in Großbritannien noch immer schwer. Ihr prominentester Gegner, Prinz Charles, lässt keine Gelegenheit aus, über sie zu schimpfen. Umso ironischer, dass ausgerechnet seine Frau Camilla Präsidentin des Maggie’s ist. Und das ist offenbar kein Pro-forma-Job. Laura Lee, Maggies Krankenschwester, Co-Gründerin und heute Direktorin der Zentren, begrüßt die Duchess of Cornwall statt mit einem Knicks mit Küsschen.

Das Fundraising war von Anfang an wichtig

Her Royal Highness ist nicht die einzige prominente Förderin. Als Gordon Browns Frau Sarah noch First Lady war, gab sie einen Empfang für die Organisation in der Downing Street, führte Michelle Obama durch das West-Londoner Maggie’s von Richard Rogers (bekannt geworden durchs Centre Pompidou) und war als Schirmherrin des Zentrums maßgeblich beteiligt an einer Mammut-Spendenaktion, 15 Millionen Pfund. Die Prominenz, auch der Architekten, färbt ab. Die Idee dahinter: Je bekannter das Zentrum, desto leichter finden Menschen den Weg dorthin, wenn sie es brauchen. Und desto bereitwilliger spenden sie. Das Fundraising war von Anfang an zentraler Anteil der Arbeit. Ein stetiger Kampf, um der Unabhängigkeit willen. Das Geld kann von Stiftungen kommen, von Firmen, Banken, Einzelpersonen oder Vereinen wie dem Farringdon Young Farmers Club, auch von Lottogeldern hat Maggie’s immer wieder profitiert. Die Familie Keswick Jencks hat Hunderttausende gegeben.

Eine wichtige Rolle spielen die Lokalzeitungen, die, wie die „Glasgow Evening Times“ schon mal eine halbe Million Pfund sammeln und die regionale Verwurzelung fördern. Wobei die Spendenbereitschaft generell sicher damit zu tun hat, dass das Thema so existenziell und universell ist, es jeden berührt. Es gibt wohl niemanden, der nicht schon von Krebs betroffen war, sei es, dass es einen selbst erwischt hat, oder jemanden in der Familie, Freunde, Kollegen. Wer weiß nicht um den Schock der Diagnose, die abgrundtiefe Angst, das Schwanken zwischen Hoffen und Verzweifeln.

Man hört mehr Lachen als Weinen

Fast jeder zweite Deutsche bekommt im Laufe seines immer länger werdenden Lebens Krebs. Doch so etwas wie das Maggie’s gibt es hierzulande nicht. Dazu müsste jemand die Initiative ergreifen, ein Grundstück und Architekten finden, die Finanzierung für den Bau sowie den Erhalt für die ersten zwei Jahre zusammenkriegen, obwohl Großspenden hier nicht die Tradition wie in Großbritannien haben. Und, trotz Pflegenotstands, Mitarbeiter kriegen, die herzlich, professionell und kommunikativ sind – sowie Humor haben.

In Schottland hat bereits jedes große Krebskrankenhaus ein Maggie’s. Das Ziel ist, dies auch für den Rest Großbritanniens zu schaffen. Dass die Organisation sich trotz der Expansion ihren persönlichen Charakter bewahrt hat, liegt an den Menschen. Laura Lee, die erste Festangestellte und heute Chief Executive, ist zusammen mit Maggies bester Freundin Marcia Blakenham bis ins Detail bei der Entwicklung der Architektur und der Einrichtung involviert. Maggies Mann und Co-Gründer Charles Jencks sitzt im Aufsichtsrat, und wenn er nicht kann, springt Tochter Lily ein. In dem Gremium sitzen auch die Architektenfreunde Frank Gehry und Richard Rogers.

Was für den Besucher, der zum ersten Mal ein paar Stunden im Maggie’s verbringt, vielleicht das Verblüffendste ist: Ob in Glasgow, Dundee oder London, man hört mehr Lachen als Weinen. In allen Ecken, auf allen Tischen steht eine Schachtel Kleenex bereit. Die Tränen können jederzeit kommen. Niemand muss sich dafür genieren, sie gar unterdrücken. Aber sie können auch wieder abgewischt werden. „Was mehr als alles andere zählt“, schrieb Maggie Keswick Jencks, „ist, nicht die Freude am Leben zu verlieren angesichts der Angst vor dem Sterben.“

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